Hat Bargeld in Deutschland eine Zukunft?

Eine Studie der Bundesbank hat untersucht, wie sich der Zahlungsverkehr in den kommenden Jahrzehnten verändern könnte. Das Ergebnis sind drei sehr unterschiedliche Szenarien.

Von Katarina Fischer
Veröffentlicht am 19. Jan. 2024, 15:12 MEZ
Verschiedene gefaltete Euronoten vor schwarzem Hintergrund.

Immer mehr Menschen bezahlen in Deutschland digital statt mit Scheinen und Münzen. Was diese Entwicklung für die Verfügbarkeit von Bargeld bedeuten könnte, hat eine Studie im Auftrag der Bundesbank untersucht.

Foto von Markus Spiske / Pexels

Egal, ob Scheine oder Münzen: Die Deutschen lieben Bargeld. Bei der Nutzung digitaler Zahlmethoden belegte Deutschland im Vergleich von 17 EU-Ländern laut einer im Jahr 2023 veröffentlichten Erhebung den 12. Platz. Im Jahr 2022 wurden noch 60 Prozent aller Transaktionen hierzulande bar abgewickelt. Das waren zwar weniger als noch fünf Jahre zuvor, doch die Zahlen zeigen: Das Geld zum Anfassen hat einen festen Platz im deutschen Zahlungsverkehr.

Aber wird das auch so bleiben? Dieser Frage geht eine Studie nach, die im Auftrag der Bundesbank vom Dienstleistungsunternehmen VDI/VDE und dem Meinungsforschungsinstitut Sinus erstellt wurde. Darin werden drei mögliche Zukunftsszenarien vorgestellt, die zeigen, wie sich das Bezahlen in den nächsten 15 bis 20 Jahren entwickeln könnte. 

Verfügbarkeit von Bargeld ist gefährdet

In keinem der drei Szenarien verschwindet das Bargeld ganz, in allen geht die Bargeldnutzung jedoch zurück. Die Verfügbarkeit von Bargeld ist nicht in allen hypothetischen Zukunftsbildern gewährleistet – und davor warnt die Bundesbank.

Neben einer umfassenden Literaturrecherche und Interviews mit Wissenschaftler*innen, Bargeldakteuren und Sozialverbänden half den Studienautoren eine repräsentative Online-Umfrage dabei, eine Reihe von Schlüsselfaktoren zu ermitteln, die die zukünftige Entwicklung der Bargeldnutzung beeinflussen werden. Zu diesen Faktoren gehören unter anderem, ob Handel und Dienstleister das Zahlungsmittel akzeptieren, der Zugang zu Bargeld, Anforderungen von Verbraucher*innen und die Konkurrenz durch andere Bezahlmethoden.

Drei mögliche Bezahlwelten von Morgen

In der „hyperaktiven Bezahlwelt“ ist Bargeld aus dem Leben der Menschen fast vollständig verschwunden. Digitalisierung und Künstliche Intelligenz haben die Gesellschaft in allen Lebensbereichen stark verändert – auch in Bezug auf das Bezahlen. Es gibt weniger Bankfilialen und Geldautomaten. 

Wie sicher sind Geldscheine?
US-Geldscheine sind die am häufigsten gefälschte Währung der Welt. Gerade deshalb werden viele Sicherheitsmechanismen eingebaut. Szenen aus „Origins “.

Anders im zweiten Szenario, der „Bezahlwelt in der Bargeld-Renaissance“. In dieser Version der Zukunft hat eine teilweise Rückbesinnung auf das Bargeld und seine Vorzüge stattgefunden – auch als Reaktion auf die Katastrophen- und Krisenfälle der jüngeren Vergangenheit. Globale Lieferkettenprobleme lassen die Menschen Produkte wieder zunehmend lokal und regional einkaufen. In diesem Szenario werden 1- und 2-Cent-Münzen abgeschafft, Rundungsregeln und Bezahlautomaten eingeführt, nach einem Rückgang der Bargeldnutzung stabilisiert sie sich in den 2030er Jahren.

„Die verschwindende hybride Bezahlwelt“ bewegt sich zwischen den beiden Extrem-Szenarien. In ihr hängt es stark von den Lebensumständen und Einstellungen der Menschen ab, ob sie Bargeld nutzen. Der Handel ermuntert Kund*innen jedoch dazu, bargeldlos zu bezahlen, wodurch sich der Zugang zu Bargeld sukzessive verschlechtert. Der abnehmende Bedarf führt dazu, dass die Bargeldnutzung schließlich ausschleicht.

Vorteile des analogen Zahlungsmittels

Das Bezahlen mit Bargeld ist anonym, schließt niemanden aus, funktioniert unabhängig von digitalen Systemen. Dadurch ist es auch unter widrigen Umständen möglich. Zwei Drittel der Personen, die an der Umfrage im Rahmen der Studie teilnahmen, gaben an, Bargeld zukünftig in demselben Umfang nutzen zu wollen wie heute. 93 Prozent der Befragten ist es wichtig, auch in Zukunft die Möglichkeit haben, selbst zu entscheiden, wie sie bezahlen.

Laut Bundesbankvorstand Burkhard Balz zeigt die Studie jedoch, dass diese Wahlfreiheit nicht automatisch gegeben ist, wenn Bargeld als Zahlungsmittel aus dem Alltag verschwindet. Zwar handele es sich bei den in der Studie erstellten Szenarien nicht um Prognosen, sondern um hypothetische Zukunftsbilder. Diese verdeutlichten aber Konsequenzen von möglichen Entwicklungen. „In zwei von drei Bezahlwelten wäre der Zugang zu Bargeld und die Akzeptanz nicht voll gewährleistet“, sagt er. „Damit wäre die Wahlfreiheit praktisch nicht gegeben und die Stabilisierungsfunktion von Bargeld in Krisenzeiten gefährdet.“

Um dem vorzubeugen, müssen Balz zufolge alle Akteure des Bargeldkreislaufs und die Politik handeln. Die Bundesbank selbst will durch weitere Studien und Investitionen in ein effizientes, zukunftssicheres Filialnetz ihr Kerngeschäft sichern – nicht ohne Grund: die Bereitstellung von Bargeld in Deutschland ist ihr gesetzlicher Auftrag.

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