Tabu Menopause: „Kämen Männer in die Wechseljahre, wären wir weiter“

Über die Wechseljahre wird kaum geredet – dabei sind Millionen Frauen betroffen. Dr. Katrin Schaudig, Präsidentin der Deutschen Menopause Gesellschaft, will das ändern und spricht offen über unerkannte Symptome, Hormontherapie und Hitzewallungen.

Von Katarina Fischer
Veröffentlicht am 22. Jan. 2024, 11:14 MEZ
Eine Frau sitzt in einem dunklen Zimmer aufrecht und mit verzweifeltem Gesichtsausdruck im Bett.

Hitzewallungen und innere Unruhe rauben Frauen in den Wechseljahren oft den Schlaf. Erste Beschwerden, die die Menopause ankündigen, treten ein bis zehn Jahre vorher auf – bei manchen Betroffenen also schon im Alter von Anfang vierzig.

Foto von stokkete / adobe Stock

Rund 9 Millionen der Frauen in Deutschland waren im Jahr 2023 zwischen 40 und 55 Jahre alt – und damit potenziell in den Wechseljahren. Etwa zwei Drittel von ihnen haben mit Beschwerden zu kämpfen, die ihr Leben mehr oder weniger stark einschränken. Oft wissen sie nicht, dass die beginnende Perimenopause die Ursache ihrer Probleme ist, denn obwohl es so viele Menschen betrifft, wird über das Thema mehr geschwiegen als geredet.

Auch bei der Patientinnenaufklärung gibt es offenbar Luft nach oben. „In der gynäkologischen Ausbildung kommt das Thema viel zu kurz“, sagt Dr. Katrin Schaudig. Die Gynäkologin ist seit 2020 Präsidentin der Deutschen Menopause Gesellschaft (DMG e.V.) und trifft in ihrer Schwerpunktpraxis für Hormonstörungen bei Frauen in Hamburg täglich auf Patientinnen, die sich mit ihren Beschwerden durch den Alltag kämpfen. Um das zu ändern und das Thema sichtbarer zu machen, veranstaltet die DMG Fortbildungen und Kongresse für Ärzt*innen und informiert Patientinnen zum Beispiel mit der Wechseljahre-Wissen macht cool-Kampagne. Schaudig selbst spricht über das Thema unter anderem im Podcast Hormongesteuert – und hier im Interview.

Frau Dr. Schaudig, Menopause und Wechseljahre werden oft synonym verwendet. Dabei beschreiben die Wörter unterschiedliche Dinge…

…daran sieht man, dass es bei der Aufklärung über das Thema noch Nachholbedarf gibt.

Können Sie den Unterschied kurz erklären?

Die Menopause ist die letzte Regelblutung einer Frau, auf die ein Jahr lang keine weitere folgt. Man kann die Menopause also erst nachträglich verorten. Die Wechseljahre umfassen einen Zeitraum, der sich über viele Jahre ziehen kann. Synonym wird auch der Begriff Klimakterium benutzt – oder Perimenopause, die inzwischen in aller Munde ist, als wäre sie etwas ganz Neues. Ist sie aber nicht. Die Vorsilbe peri kommt aus dem Griechischen und bedeutet Drumherum, bezeichnet also alles, was rund um die Menopause geschieht – und das sind die Wechseljahre.

Wie merkt man, dass man in die Wechseljahre kommt?

Das erste Anzeichen sind meist unregelmäßige Blutungen. Bei einer jungen Frau dauert der normale Zyklus 28 Tage. Mit zunehmendem Alter verkürzt er sich im Schnitt auf 26 Tage. Wenn es dann zu Zyklusschwankungen von plus/minus sieben Tagen kommt, kann man schon sagen, jetzt geht es los. Begleitet wird das Ganze dann von weiteren Beschwerden. Zu Beginn sind das vor allem Probleme des zentralen Nervensystems wie Schlafstörungen, Stimmungseinschränkungen, Kopfschmerzen und Konzentrationsschwierigkeiten. Viele Frauen schieben diese Symptome auf Stress. Aber wenn man dann nachfragt, ob es solche Phasen schon früher in ihrem Leben gab, sagen die meisten: ‚Ja, immer mal, aber jetzt komme ich damit irgendwie nicht mehr gut zurecht.‘ Das ist dann schon ein Zeichen.

Welche körperlichen Prozesse lösen diese Beschwerden aus?

Kurz gesagt: Schuld sind die Hormone. Im normalen Zyklus wächst in den ersten 14 Tage das Eibläschen heran und das Östrogenlevel steigt bis zum Eisprung um das Zehnfache an. Nach dem Eisprung kommt in großen Mengen Progesteron dazu – jetzt sind also zwei Hormone im Spiel. Wenn nach 14 Tagen keine Schwangerschaft eingetreten ist, bricht die Hormonproduktion zusammen und das Spiel geht von vorne los. Irgendwann funktioniert das aber nicht mehr so gut.

Warum?

Weil die Menge der Eizellen abnimmt. Dann versucht der Körper verzweifelt, die Möglichkeit, schwanger zu werden, aufrechtzuerhalten. Manchmal reifen deswegen mehrere Eizellen gleichzeitig heran, es kommt zu mehreren Eisprüngen hintereinander, was längere und stärkere Perioden verursacht. Mal gibt es Zyklen ganz ohne Progesteron und dann wieder welche mit ganz viel Progesteron und wenig Östrogen – es ist ehrlich gesagt ein heilloses Durcheinander. Dieser Prozess zieht sich hin, bis irgendwann gar keine Eibläschen mehr da sind. Im Durchschnitt ist dieser Punkt und damit die Menopause im Alter zwischen 51 und 52 Jahren erreicht.

Und wann beginnen im Schnitt die Wechseljahre?

Das ist extrem variabel. Bei manchen Frauen ein Jahr vor der Menopause, bei anderen zehn Jahre vorher. Das ist so die Range. Es kann also durchaus schon mit Anfang vierzig losgehen. Manchmal auch noch früher, aber das ist dann eher die Ausnahme.

Kann man voraussagen, wann eine Frau in die Wechseljahre kommen wird?

Mit dem AMH (Anti-Müller-Hormon)-Spiegel lässt sich die Eizell-Reserve ungefähr einschätzen. Der ist aber ein bisschen ungenau und wird vor allem herangezogen, um zu schauen, wie viel Zeit eine Frau noch mit der Familienplanung hat. Schaut man sich AMH-Spiegel, FSH (Follikelstimulierendes Hormon)-Spiegel und die Anzahl der am Eierstock sichtbaren Eizellen an, kann man grob einschätzen, ob eine Frau noch viel oder eher wenig Zeit hat, sich einen Kinderwunsch zu erfüllen. Aber es gibt keine Methoden, um konkret zu bestimmen, wann bei einer Frau die Wechseljahre beginnen werden.

Gibt es Faktoren, die den Beginn oder die Schwere der Beschwerden beeinflussen?

Eine Weile dachte man, dass die Pillenanwendung das Ganze hinauszögert – das stimmt aber nicht. Auch die Anzahl der Schwangerschaften hat keinen Einfluss. Was man weiß, ist, dass Raucherinnen etwas früher in die Wechseljahre kommen, operative Sterilisationen ziehen sie vor, ebenso die Entfernung der Gebärmutter. Aber da geht es statistisch um ein, zwei Jahre. Es gibt nichts, wodurch sich der Beginn der Wechseljahre verschieben lässt und es gibt auch nichts, was man prophylaktisch tun kann, um die Beschwerden zu dämpfen.

Bei manchen Frauen helfen Yoga und ein gesunder Lebensstil gegen Wechseljahrsbeschwerden, andere entscheiden sich für eine Hormonersatztherapie. 

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Haben denn alle Frauen in den Wechseljahren Probleme?

Man sagt, dass ungefähr ein Drittel der Frauen kaum Beschwerden hat. Ein weiteres Drittel hat deutliche Beschwerden, schafft das Leben aber noch. Und das letzte Drittel kommt kaum zurecht. Die, die gar nichts von den Wechseljahren merken, sind ein sehr kleiner Teil, vielleicht fünf bis zehn Prozent der Frauen. Wie die Wechseljahre wahrgenommen werden, hat auch viel mit der Duldsamkeit der einzelnen Frau zu tun und wer im Alltag nicht unbedingt perfekt funktionieren muss, geht über die Beschwerden vielleicht eher hinweg. In anderen Fällen können sie aber so belastend sein, dass Frauen ihren Beruf nicht mehr ausüben können. Es gibt eine Studie aus England, laut der eine von zehn Frauen für die Arbeitswelt in den Wechseljahren verloren geht. Ich selbst hatte erst vor Kurzem eine Patientin, die in den Vorruhestand gegangen ist, obwohl sie ihren Beruf gern gemacht hat – aber sie hat ihn einfach nicht mehr geschafft.

Bei Schlafstörungen und starken Blutungen hört es ja auch nicht auf…

Leider nicht, da kann im Laufe der Zeit einiges zusammenkommen. Besonders typisch sind Hitzewallungen, deren Ursache man inzwischen ganz gut entschlüsselt hat. Im Mittel treten sie bei den Frauen in unterschiedlicher Stärke sieben Jahre lang auf – es gibt aber auch 70-Jährige, die noch schwitzen. Ein weiterer Punkt ist die Scheidentrockenheit. Die Scheide wird mit zunehmendem Alter durch den Östrogenmangel trockener. Das macht vor allem den Frauen Probleme, die noch sexuell aktiv sind. Aber auch, wenn das nicht der Fall ist, kann es zu Schmerzen und häufigen Harnwegsinfekten kommen. 

Und die Wechseljahre schlagen auch auf die Knochen.

Ja, in dem Moment, wo die Hormonproduktion nachlässt, nimmt die Knochenmasse ab. Das ist ein Problem, das man sehr ernst nehmen muss. Wer schon vorher keine gute Knochendichte hatte und in die Wechseljahre kommt, rutscht nach zehn bis 15 Jahren in einen Bereich, in dem man sich schnell etwas bricht – schon allein darum sollte jede Frau um die 50 schauen, wie es um ihre Knochendichte bestellt ist. Diejenigen, die in ihrem Leben depressive Episoden, Essstörungen oder einen ausgeprägten Babyblues durchgemacht haben, haben zudem ein höheres Risiko, dass sich die Wechseljahre auf die Psyche niederschlagen. Das kann bis zur waschechten Depression gehen. Und das Gewicht ist auch so ein Thema: Leider nehmen Frauen in den Wechseljahren an Gewicht zu, die Körperstruktur verändert sich, vor allem hat man nach der Menopause mehr Fett am Bauch.

Was kann man da tun?

An der Gewichtszunahme kann man nicht viel ändern, außer sich zu kasteien, viel Sport zu treiben und sich gesund zu ernähren. Vaginaltrockenheit lässt sich bis ins hohe Alter gut mit Gleitgelen, Hyaluron-Cremes oder niedrig dosierten Östrogengaben ohne systemischen Effekt behandeln – man muss aber dabei bleiben, denn wenn man mit der Therapie aufhört, ist das Problem wieder da. Mit einer Spirale kann man in der Übergangsphase, in der noch Blutungen auftreten, das Blutungsthema wunderbar regeln und hat nebenbei noch einen verhütenden Effekt. Denn auch wenn die Chance einer Schwangerschaft in den Wechseljahren nicht sehr hoch ist: Wer keine Kinder haben will und Sex hat, muss verhüten, auch wenn die Blutungen nicht mehr regelmäßig sind. Was den Knochenschutz betrifft würde man nach aktueller Leitlinie nur aus diesem Grund keine Hormone geben. Wenn aber jemand sowieso Wechseljahrsbeschwerden hat und dagegen Hormone nimmt, ist das ein positiver Nebeneffekt. Bei Frauen, die nicht sicher sind, ob sie Hormone nehmen sollen, ist das Argument des Knochenschutzes manchmal eine Entscheidungshilfe.

Viele stehen der Hormonersatztherapie aber skeptisch gegenüber. Zurecht?

Da hat sich in den letzten Jahren viel getan. Man muss zwischen den alten synthetischen Hormonen, die früher gegeben wurden, und bioidentischen Hormonen unterscheiden. Diese werden industriell aus der Yamswurzel hergestellt und haben die gleiche Strukturformel wie die Hormone, die der Eierstock ausschüttet. Die Player im Spiel sind Östrogen und Progesteron. In Deutschland wird mittlerweile fast nur noch bioidentisches Östrogen angewendet. Wie es genommen wird, ist dabei wesentlich. Bei der oralen Einnahme gelangt es in die Leber. Diese bildet dann vermehrt Gerinnungsstoffe, was das Thromboserisiko erhöht – ungefähr in der Größenordnung der Antibabypille, also abhängig von der Dosis etwa um das Dreifache. Auch das Schlaganfallrisiko ist etwas erhöht. Bei Östrogen, das über die Haut als Gel, Spray oder Pflaster aufgenommen wird, hat man all diese Probleme nicht.

Stimmt es, dass durch Hormone bestimmte Krebserkrankungen begünstigt werden?

Würden wir nur Östrogen geben, bestünde die Gefahr, dass sich die Gebärmutterschleimhaut zu sehr aufbaut und mit der Zeit ein Krebs entsteht. In den frühen Jahren der Hormontherapie hat man bei Frauen, die nur Östrogen bekommen haben, ein 8- bis 10-fach erhöhtes Risiko für Gebärmutterschleimhautkrebs festgestellt. Inzwischen weiß man, dass die Gebärmutterschleimhaut durch Zugabe von Progesteron vor dem Karzinom geschützt ist. Man muss aber immer sicherstellen, dass es dort in ausreichend großen Mengen ankommt, wichtig ist also die Dosis. Insbesondere, wenn es geschluckt wird – dann kann eine höhere Dosis hilfreich sein. Die Gabe von Progesteron über die Haut funktioniert zum Schutz der Gebärmutterschleimheit  gar nicht. Stattdessen kann man das Hormon vaginal nehmen, ein dem Progesteron nahestehendes Gelbkörperhormon wie zum Beispiel Dydrogesteron verwenden oder eine Gestagenspirale einsetzen, um für lokalen Schutz zu sorgen.

Und damit ist das Krebsrisiko vom Tisch?

Frauen, die über längeren Zeitraum Hormone nehmen, haben ein leicht erhöhtes Brustkrebsrisiko, das man ernst nehmen muss. Bei bioidentischem Progesteron ist das Risiko nicht so hoch wie bei den alten synthetischen Gestagenen und gelegentlich liest man, bioidentische Hormone hätten gar kein Risiko. Das stimmt leider nicht. Wenn sie die sechs, sieben Jahre lang nehmen, ist das Brustkrebsrisiko auch leicht erhöht. Dasselbe ist aber auch der Fall, wenn Sie ihre Menopause spät, also etwa mit 55 Jahren haben, denn auch die körpereigenen Hormone steigern das Risiko – bioidentischer geht es ja nicht. In jedem Fall sollte man Früherkennungsuntersuchungen unbedingt wahrnehmen, vor allem wenn man Hormone nimmt. Das bedeutet: alle zwei Jahre eine Mammographie, jährlich eine Ultraschalluntersuchung der Brust und natürlich sollte man regelmäßig selbst die Brust abtasten.

“Frauengesundheit wird weniger wahrgenommen – tragisch, aber so ist es halt.”

von Dr. Katrin Schaudig
Präsidentin der Deutschen Menopause Gesellschaft

Muss jede Frau in den Wechseljahren mit Hormonen behandelt werden?

Nein, und so lange der Eierstock vor der Menopause noch mitmischt, ist die hormonelle Behandlung ohnehin nicht so einfach, weil häufig die Zyklus- und die Schwankungen der körpereigenen Hormone das Hauptproblem sind. Auch da kann man mit Hormonen etwas machen, allerdings drosseln bioidentische Hormone die Schwankungen nicht und helfen in der Situation darum nicht unbedingt. Die Frage ist ohnehin immer, wie stark der Leidensdruck ist. Wichtig ist vor allem, dass die Patientin versteht, was mit ihr passiert. Zu wissen, warum bestimmte Beschwerden auftreten, hilft oft schon. Dann kann man es zum Beispiel erst einmal mit pflanzlichen Mitteln versuchen, mit Achtsamkeitstraining, frischer Luft, besserer Ernährung, Yoga, Hypnose oder Verhaltenstherapie. Wenn der Leidensdruck zunimmt, sollte man eine Hormontherapie in Betracht ziehen. Auch wenn Stimmungsschwankungen und Schlafstörungen psychisch nur schwer zu ertragen sind, kann professionelle Unterstützung und eine Kombi aus Hormonen und Antidepressiva helfen.

Für viele Frauen ist sicherlich auch das vermeintliche Ende des Frauenseins belastend.

Dass Frauen denken, sie seien plötzlich keine Frauen mehr und unattraktiv, ist sicherlich ein Grund, warum über die Wechseljahre so wenig geredet wird. Natürlich ist man auch dann immer noch eine Vollblutfrau! Für viele ist es trotzdem ein Stigma. Außerdem sind Frauen gesellschaftlich und kulturell so geprägt, dass sie denken ‚Ich muss das aushalten, ich bin kein Weichei, da muss ich jetzt durch‘. Das ist jetzt ziemlich provokativ, aber ich bin mir sicher: Kämen Männer in die Wechseljahre, wären wir in der Sache schon längst viel weiter. Frauengesundheit wird weniger wahrgenommen – tragisch, aber so ist es halt. Und sie dürfen nicht vergessen: Noch vor 150 Jahren haben nur ganz wenige Frauen überhaupt das Alter erreicht, in dem die Wechseljahre beginnen. Viele sind nicht älter als 50 Jahre geworden. All diese Aspekte erklären, warum das Thema so lange nicht angegangen wurde. Aber ich habe den Eindruck, dass das Selbstbewusstsein von Frauen erstarkt und sich das endlich ändert.

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