Geschichte und Kultur

Der Einsiedler von North Pond versteckte sich 27 Jahre lang vor Menschen

Christopher Knight hatte fast dreißig Jahre lang kein Gespräch mit einem anderen Menschen – aber er hat ungefähr Tausend Einbrüche begangen. Montag, 30 Oktober

Von Simon Worrall

1986 verließ der damals 20-jährige Christopher Knight sein Zuhause in Massachusetts, fuhr nach Maine und verschwand in den Wäldern. Er lebte in einem Zelt in den unzugänglichen Wäldern und stahl Essen aus den umliegenden Hütten. Er hatte fast 30 Jahre lang kein Gespräch mit einem anderen Menschen – bis er für den Einbruch in ein leeres Ferienlager für Behinderte verhaftet wurde.

Weshalb kehren Menschen der Welt den Rücken zu und werden zu Einsiedlern? War Chris Knight einfach ein unsozialer Einzelgänger? Oder kann er uns etwas Wichtiges lehren? Das sind einige der Fragen, die der Journalist Michael Finkel, der auch für National Geographic geschrieben hat, in seinem Buch „The Stranger in the Woods: The Extraordinary Story of the Last True Hermit“ stellt (dt. Der Fremde im Wald: Die Außergewöhnliche Geschichte des letzten wahren Einsiedlers).

Bei einem Zwischenstopp auf seiner Buchtour in New Hampshire sprach er mit uns am Telefon darüber, was jemanden zu einem Einsiedler macht, warum Knight schließlich gefasst wurde und wie er eine neue Verwendungsmöglichkeit für die Magazine von National Geographic fand.

Christopher Knight war ein Dieb, der über Tausend Mal in Privatgrundstücke eingebrochen ist und die Besitzer um ihren Seelenfrieden gebracht hat. Warum wollten Sie ein Buch über diesen zutiefst unsozialen Einzelgänger schreiben?

Der Sache mit den Einbrüchen war interessant, aber vom ganzen Rest der Geschichte war ich besessen. Erst lebt er 27 Jahre lang allein in den Wäldern von Maine und hat im Winter nicht mal ein Feuer angezündet. Er hat in der Zeit kein einziges Gespräch mit einer anderen Person geführt. Er hat keine E-Mails geschrieben oder auf sonstige Weise mit der Außenwelt kommuniziert.

Allerdings hat er zusätzlich zu den Nahrungsmitteln, Batterien und Taschenlampen Hunderte, vielleicht Tausende Bücher mitgehen lassen. Mich faszinierte der Gedanke, einen Menschen, der völlig von der Menschheit abgeschnitten war, zu fragen, warum er sich zurückgezogen hat und welche Beobachtungen er vielleicht über den Rest von uns angestellt hat. Seit Jahrtausenden fragen Menschen schon Einsiedler, was der Sinn des Lebens ist. Dieser ursprünglichen Neugier bin ich verfallen.

Die New York Times hat Knight mit Boo Radley verglichen, dem Einsiedler aus „Wer die Nachtigall stört“.  Erzählen Sie uns ein bisschen was von seinem Hintergrund – und warum er beschloss, sich von der Gesellschaft abzuwenden.

Boo Radley ist ein fiktionaler Charakter, Christopher Knight ist real. Er ist in einer sehr interessanten, abgeschiedenen Familie mitten in Maine aufgewachsen. Er hatte vier ältere Brüder und eine jüngere Schwester. Die Kinder der Knights waren in jeder Hinsicht ziemlich klug: Es war die Art von heutzutage seltener Familie, die zur unteren Mittelschicht gehörte, nicht viel Geld hatte, aber abends Shakespeare und Lyrik las. Sie wussten auch, wie man Autos repariert und Klempnerarbeiten verrichtet. Die ganze Familie eignete sich Wissen über Thermodynamik an. Sie haben ein Gewächshaus gebaut, unter dem sie Hunderte Liter Wasser in Kanistern zu jeweils einer Gallone (Anm.: 1 Gallone = 3,78 Liter) vergraben haben. Sie wussten, dass Wasser eine hohe spezifische Wärmekapazität besitzt. Es nimmt Wärme auf und gibt diese während der Nacht ab. Die Familie konnte den ganzen Winter über in Maine Nahrung in ihrem Gewächshaus anbauen, ohne dem Elektrizitätswerk einen Cent zu bezahlen.

Knight war sein ganzes Leben lang extrem schüchtern. Er empfand menschliche Interaktion als erschreckend kompliziert. Mit 20 fuhr er mit seinem Auto ins nördliche Maine, ließ die Autoschlüssel auf der Mittelkonsole liegen und lief in den Wald. Die Familie hat nie die Polizei verständigt oder ihn als vermisst gemeldet. Ich habe bei der örtlichen Polizei nachgefragt, ob sie überrascht waren, dass die Familie sie nicht gebeten hat, nach ihm zu suchen. Sie sagten: „Nein, die Familie blieb sehr unter sich. Wenn da einer der Jungen weggelaufen war, war er eben weggelaufen.“ Ich bin sicher, dass sie besorgt um ihn waren. Aber sie haben nicht die Behörden eingeschaltet. Das entsprach einfach nicht dem Ethos der Familie.

Sie schreiben: „Man kann praktisch alle Einsiedler der Geschichte nehmen und in drei Gruppen aufteilen: Protestler, Pilger und Sucher.“ Schlüsseln Sie diese Kategorien für uns auf – und erklären Sie, zu welcher Gruppe Knight gehörte.

Es gab schon immer Einsiedler – Menschen, die einfach allein sein wollten. Für die gab es viele Namen: Anachoreten, Klausner und Schamanen. Der verbreitetste Grund, aus dem Menschen die Gesellschaft verlassen, ist Religion. Das schließt Jesus, Mohammed und Buddha ein. Heutzutage gehören etwa drei Milliarden Menschen den Religionen an, die diese Personen begründet haben. Chris Knight sagte, er sei nicht religiös. Er hätte als Kind die Bibel gelesen und sehe keine Notwendigkeit, das noch einmal zu tun.

Protestler sind wütend darüber, wie die Welt sich entwickelt hat, und über die gibt es Aufzeichnungen aus der Zeit des alten Chinas bis hin zur Gegenwart. Sie protestieren gegen Krieg, Materialismus und Armut, indem sie der Welt den Rücken kehren. Chris Knight sagte, er hätte keine Meinung zur Welt. Damit hatte es nichts zu tun.

Die Sucher sind heutzutage die beliebteste Art der Einsiedler. Es sind Menschen, die aus künstlerischen, wissenschaftlichen oder persönlichen Gründen die Gesellschaft verlassen – wie Henry David Thoreau, der sagte, er sei in die Wälder gegangen, um die Atlantischen und Pazifischen Ozeane seiner inneren Welt zu erforschen. Von Einstein über Michelangelo bis zu Isaac Newton haben sich Menschen als Einsiedler bezeichnet und der Welt einige der schönsten Kunstwerke oder intellektuelle Durchbrüche beschert.

Christ Knight passt auch nicht in diese Kategorie. Er hat nie einen einzigen Satz niedergeschrieben oder ein Foto geschossen. Seine Einsamkeit, auch wenn er ein Dieb war, war fast unnachgiebiger und verschlossener als bei jeder anderen Person der menschlichen Geschichte, die ich finden konnte. Er hat Thoreau als Dilettanten bezeichnet. Thoreau hat nur zwei Jahre in seiner Hütte am Walden Pond verbracht, und seine Mutter hat seine Wäsche gewaschen. Knight fand, dass Thoreau nur ein Angeber war, der nach da draußen gegangen war, ein Buch geschrieben hat und gesagt hat: „Schaut nur, wie toll ich bin.“

Sein Lager war extrem abgelegen und durch natürliche Merkmale geschützt. Erzählen Sie uns etwas über den „Jarsey“ und die außergewöhnlichen Strategien, mit denen Knight 27 Jahre lang im Wald überlebt hat.

Knight lebte nicht in der abgeschiedenen Wildnis des nördlichen Maine. Er wanderte ein bisschen umher, bis er seinen Lagerplatz gefunden hatte, an dem er dann 25 Jahre lang lebte. Er befindet sich auf Privatgelände in einem Gebiet, in dem mehrere Hundert Hütten verstreut liegen. Es gibt dort auch kleine Städte und Landstraßen. Mit anderen Worten: Er hat mitten in der Zivilisation gelebt. Ich habe mich gefragt, wie es möglich war, dass 25 Jahre lang niemand über sein Lager gestolpert ist.

Dann habe ich mir den Wald angesehen, der sein Lager umgibt. Die Einheimischen nennen ihn „The Jarsey“. Der ist wie ein riesiger Topfreiniger: Er ist unglaublich dicht, verwirrend, hat keinerlei Wege, ist voller Felsbrocken und selbst für Rehe schwer zu durchdringen. Ich bin schon ein respektabler Naturbursche, aber als ich versucht habe, sein Lager zu finden, hat es mir die Hände aufgeschnitten und meine Wanderschuhe zerrissen. Chris Knight konnte durch diese Wälder laufen, selbst nachts, vollkommen geräuschlos.

Ich war fasziniert von den praktischen Grundlagen seines Überlebens. Es ist fast unvorstellbar kalt da oben im zentralen Maine. Aber er hat mir erzählt, dass er im Winter jeden einzelnen Morgen um 2:30 aufgestanden ist, statt sich in seinen Schlafsack zu kauern, wie ich es zur kältesten Tageszeit getan hätte. Er stand auf, lief die Grenze seiner Waldlichtung ab und schmolz mithilfe eines kleinen Campingkochers Schnee für Trinkwasser. Er hat das jede Nacht getan, den ganzen Winter lang, und er hat nie auch nur einen Zeh oder Finger durch Erfrierungen verloren. Das ist einfach der Wahnsinn.

Sein Lagerplatz war – ich habe dafür keine anderen Worte – so ein magischer Raum mitten im Wald, der zwischen Felsen versteckt lag, ähnlich wie bei Stonehenge. Dank Magazinen von National Geographic war der Boden auch komplett eben. [Lacht] Er hat sie zu Stapeln zusammengebunden, die er „Backsteine“ nannte, und sie unter der Erde seines Lagers vergraben, damit der Boden völlig eben ist. Ich freue mich auch, den Lesern von National Geographic mitzuteilen, dass sie bei Regen außerdem das Wasser sehr gut ablaufen lassen. [Lacht]

Wie wurde er schließlich festgenommen? Und hat was die Strafverfolgung mit ihm angefangen?

Er ist für eine Gruppe von Gemeinden im zentralen Maine zu einer Legende geworden. Jemand hat 27 Jahre lang Dinge aus Hütten gestohlen, und niemand wusste, ob es ein Mann, eine Frau, ein Mörder oder einfach jemand war, der Streiche spielte. Sie haben ihm den mythischen Namen „North Pond Hermit“ gegeben (dt. North-Pond-Einsiedler). Ein Wildhüter namens Terry Hughes hat schließlich gesagt, dass er dem Ganzen ein Ende bereiten würde. Er hat Hightech-Überwachungsgeräte vom Heimatschutz benutzt, elektronische Augen auf den Wald gerichtet und den Einsiedler schließlich gefasst.

Es war, als wäre das Monster von Loch Ness plötzlich aus dem See spaziert. Aber die Wahrheit wirkte einfach noch seltsamer als der Mythos. Da hat ein Typ tatsächlich fast drei Jahrzehnte lang im Wald gelebt, Tausende Einbrüche gestanden, aber hat nie eine Waffe getragen oder irgendwen verletzt. Niemand wusste so recht etwas mit ihm anzufangen.

Der Mann, der ihn festgenommen hat, war ein extremer Verfechter von Recht und Ordnung. Terry Hughes sagte mir, er sei „bereit [gewesen], den Typen zu hassen.“ Dann führte Chris Knight ihn zurück zu seinem Lager, um ihm zu zeigen, wo er gelebt hatte. Während sie durch die Wälder gingen, war Officer Hughes einfach verblüfft davon, wie sich dieser Mann durch den Wald bewegte. Er sagte, er hätte sich wie eine Katze bewegt – leise, mit Geschick, Anmut und Schnelligkeit.

Mehrere Polizeiberichte wiesen auf die extreme Ordentlichkeit seiner Verbrechen hin. Chris Knight war ein Einbrecher vom Geschick eines Houdini, der nie ein Fenster eingeschlagen oder eine Tür aufgebrochen hat. Er knackte geschickt Schlösser und nahm dann Bücher, Taschenlampen, Nahrung und gelegentlich ein Kleidungsstück mit. Aber wenn er die Hütte verließ, achtete er darauf, sie wieder zu verriegeln.

Trotzdem sagte der Besitzer einer der Sommerhütten, in die Knight mehrfach eingebrochen ist: „Er hat jedes Stückchen meines Stücks vom Himmel gestohlen.“ Dafür muss er doch verurteilt werden, oder?

Ich hege Sympathien für Knight. Aber man darf nicht vergessen, dass er nicht nur Hamburger und Taschenlampen gestohlen hat. Er hat den Menschen ihr Gefühl von Sicherheit und ihren Frieden gestohlen, und an diese Dinge kann man kein Preisschild heften. Er ist kein engelsgleicher Held. Aber ich denke auch, dass die Grauzone zwischen der romantischen Vorstellung eines Einsiedlers und einem Seriendieb die Geschichte komplexer und komplizierter macht.

Die Reaktionen der Leute auf Knight deckten das ganze Spektrum ab. Einige, deren Hütten er ausgeraubt hatte, fanden, er sollte den Rest seines Lebens eingesperrt werden für die Qualen, die er ihnen bereitet hat. Andere Opfer seiner Diebeszüge haben mir gesagt, dass er letztendlich auch nicht mehr Ärger als eine Hausfliege machte. Ich fing an zu glauben, dass es etwas über Knight aussagt, was man über ihn denkt. Aber es sagt auch etwas über einen selbst aus.

Sie sagen: „Christopher Knight war mit seinen Tausenden über Tausenden von einsamen Tagen ein unfassbarer Sonderfall.“ Haben Sie am Ende verstanden, warum er der Welt den Rücken gekehrt hat? Und was haben Sie aus seiner Geschichte gelernt?

Nach was suchen wir alle im Leben? Zufriedenheit, Freiheit, Glück? Einfach – und vermutlich auch tiefgreifend – ausgedrückt, war Knight in Gesellschaft anderer Menschen nicht glücklich und glaubte, dass er in den Wäldern Zufriedenheit finden würde. Er hatte keine Ahnung, wie lange er dort bleiben würde, aber er hat gefunden, wonach er gesucht hat. Er hat einen Ort gefunden, an dem er nicht nur zufrieden war, sondern wo er trotz seines erheblichen Leidens im Winter ein Gefühl von Freude und Erfüllung fand.

Christopher Knight ging, weil es für ihn in der Welt keinen guten Platz gab. Wenn man nicht hineinpasst und ein Mörder ist, stecken sie einen ins Gefängnis. Wenn man wegen psychischer Probleme nicht hineinpasst, gibt es andere Einrichtungen für einen. Dieser Mann war extrem klug, aber hat auch einfach nicht in die Welt gepasst. Manche haben gefragt, ob man ihm nicht einfach ein Stück Land und ein paar Tüten mit Lebensmitteln geben kann und ihn in Frieden dort leben lassen kann.

Manchmal, wenn ich mit meinen drei streitenden Kindern auf dem Rücksitz Auto fahre, zu spät zu einem Termin komme, im Verkehr feststecke und das Radio schlechte Nachrichten verkündet, durchfährt ein Gedanke mein Herz und meine Seele: Nicht Knight ist verrückt, sondern wir sind es. Vielleicht ist die eigentliche Frage nicht, warum Knight der Gesellschaft den Rücken gekehrt hat, sondern warum wir das nicht tun.

Das Interview wurde zugunsten von Länge und Deutlichkeit bearbeitet.

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