Geschichte und Kultur

Sind dies die ältesten Darstellungen von Hunden?

Die in Saudi-Arabien entdeckte Höhlenkunst ist Tausende Jahre alt und zeigt womöglich Jäger, die Hunde an der Leine führen. Donnerstag, 23 November

Von Sarah Gibbens

Im Nordwesten von Saudi-Arabien legt ein Jäger, der von Hunden umgeben ist, einen Pfeil auf und zieht ihn samt der Bogensehne nach hinten, um ein wildes Tier in der Nähe zu töten. Er wird von anderen Jägern flankiert, die ihre Waffen bereitmachen.

Diese und ähnliche Szenen sind in Klippen eingeritzt, die sich über der trockenen, unfruchtbaren Wüste im Norden des heutigen Saudi-Arabiens erheben. Ein Forscherteam glaubt, dass es sich um die ältesten bekannten Darstellungen von Hunden handeln könnte – obgleich andere Experten noch nicht so ganz überzeugt sind.

„Der Unterschied zwischen den Hirten und Jägern war sofort klar“, sagte Maria Guagnin, eine Archäologin vom Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte in Jena. In Zusammenarbeit mit der saudischen Kommission für Tourismus und nationales Erbe dokumentierte sie 1.405 Felsbilder mit insgesamt 6.618 Darstellungen von Tieren.

Die Kunstwerke, die in die Klippen bei archäologischen Stätten in Shuwaymis und Jubbah graviert wurden, zeigen Bilder von Hunden, die menschlichen Jägern helfen. Verglichen mit den danebenliegenden Einritzungen von Menschen sind die Hunde etwa mittelgroß und haben kurze Schnauzen, spitze Ohren und eine aufgerichtete, gebogene Rute. Damit ähneln sie der heutigen Rasse des Kanaan-Hundes.

Die Felsbildkunst zeigt ein interessantes Detail, das auf frühe Bestrebungen hindeutet, Hunde als Jagdgefährten zu nutzen: scheinbare Leinen, über die die Hunde mit ihren menschlichen Partnern verbunden sind. Die seilartigen Linien erstrecken sich über die Hälse der Hunde und laufen von dort zu den Hüften der Menschen. Eine der Szenen zeigt einen Menschen, der bereit ist, mit seinem Bogen einen Pfeil zu verschießen. Er wird von mehreren angeleinten Hunden flankiert. (Lesenswert: Warum sind Hunde so freundlich? Eine neue Studie gibt Aufschluss)

ÄLTESTE BILDER VON HUNDEN?

„Das Problem bei solchen Gravuren ist, dass es keine verlässliche Methode gibt, um sie direkt zu datieren“, erklärte Guagnin. Für eine grobe Schätzung analysierten die Forscher das verwitterte Gestein im Umfeld der Stätte sowie den Inhalt der bildlichen Darstellungen.

Die Szenen zeigen unter anderem Schafe und Vieh, was darauf hindeutet, dass zur Entstehungszeit der Hundegravuren eine Hirtengesellschaft existiert haben muss. Es wird davon ausgegangen, dass der Pastoralismus bzw. die Naturweidewirtschaft in der ersten Hälfte des 6. Jahrtausends v. Chr. auf der arabischen Halbinsel entstand. Laut Guagnin gehen auch ihre konservativsten Schätzungen für das Alter der Petroglyphen an den Klippen auf diese Zeit zurück.

Sie vermutet allerdings stark, dass die Gravuren sogar schon während des neunten oder achten Jahrtausends v. Chr. entstanden. Es sind noch mehr Beweise nötig, um eine eindeutigere Schätzung des Alters der Kunstwerke abzugeben. Aber wenn Guagnin und ihr Team beweisen können, dass ihre Vermutung stimmt und die Bilder wirklich 8.000 oder 9.000 v. Chr. entstanden, handelt es sich womöglich um die ersten Darstellungen von Hunden in der Menschheitsgeschichte. Ihre Erkenntnisse wurden vor Kurzem im „Journal of Anthropological Archaeology“ veröffentlicht.

„Das ist wie eine Graphic Novel“, sagte Melinda Zeder. Die Archäozoologin vom Smithsonian Institute des National Museum of Natural History war nicht in den Forschungsarbeiten involviert. „Diese Bilder bringen etwas Fleisch auf die Knochen.“

Sie spekulierte, dass die Felsbildkunst in der arabischen Wüste etwa 7.000 Jahre alt sein könnte. Damit würden sie aus der frühesten Epoche stammen, für die es Anzeichen einer Naturweidewirtschaft gibt. Ihr zufolge sei es zu spekulativ, die Darstellungen noch früher zu verorten.

Zeder beschrieb andere Belege für Hunde in syrischer Felsbildkunst 2013 in einer Studie. Diese Darstellungen zeigten Hunde, die bei großen Jagden zu Hilfe genommen wurden. Aufgrund von Knochenfunden in der Nähe datierte sie die Bilder auf das 4. Jahrtausend v. Chr.

URALTE HAUSTIERE

Archäologen wissen schon seit Langem, dass Hunde während der Steinzeit domestiziert wurden. Zeder zufolge wurden Hundeknochen, die in der Nähe menschlicher Siedlungen gefunden wurden, auf ein Alter von etwa 10.000 Jahren datiert. Mögliche Hinweise darauf, dass die Tiere bei größeren Jagden geholfen haben, sind weniger offensichtlich.

Robert Losey, ein Professor der Universität von Alberta, ist ein Experte für die uralten Beziehungen zwischen Mensch und Tier, insbesondere Hunden. Er hat etwa 10.000 Jahre alte Überreste von Hunden in Sibirien gefunden, aber ist sich nicht sicher, welche genaue Rolle diese Tiere spielten. Die Überreste waren ihm zufolge absichtlich begraben worden und die Skelette waren vollständig und intakt. Das bedeutet, dass sie sehr wahrscheinlich nicht als Nahrung gedient haben.

„Es gab ethnografische Studien, die gezeigt haben, dass die Hilfe von Hunden die Jagdproduktivität enorm erhöht“, sagte er. Er vermutet, dass die Domestizierung des Hundes damit zusammenhing, dass Menschen bei der Jagd von der Gesellschaft der Caniden profitierten. Er hält es auch für plausibel, dass die Felsbildkunst Hunde zeigt, die an der Leine geführt werden.

„Die emotionale Bindung, die Menschen zu Hunden haben, ist sehr, sehr alt“, sagte er.

Guagnin verwies in ihrer Studie auch darauf, dass die Detailgenauigkeit bei der Darstellung der Hunde darauf hindeutet, dass der oder die Künstler eine enge Bindung zu den Tieren hatte/n.

Obwohl Zeder skeptisch ist, was Guagnins Schätzungen zum Alter der Gravuren angeht, stimmt sie zu, dass die Kunstfertigkeit diese engen Beziehungen verdeutlicht.

„Was ich an diesen Felsbildkunstwerken auffällig finde, ist die Detailgenauigkeit. Die verschiedenen Fellzeichnungen der Hunde, der Streifen an der Schulter, die weißen Flecken. Dieses Maß an künstlerischem Realismus und Detailtreue ist wirklich bemerkenswert“, sagte Zeder.

Guagnin und ihr Team planen, nach Jubbah zurückzukehren, wo sie weitere steinzeitliche Stätten vermuten, die bis zu 10.000 Jahre alt sein könnten. Sie werden nach physischen Beweisen dafür suchen, dass es zur damaligen Zeit Hunde in der Region gab.

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