Geschichte und Kultur

Afrikanischer Grabhügel offenbart Schätze und Kulturgeschichte

Das Monument offenbart nicht nur ausgefallene Schmuckstücke, sondern bietet einen Einblick in das Leben früher Hirtengemeinschaften.Dienstag, 21. August 2018

Von Maya Wei-Haas
Die frühen Hirtengemeinschaften Ostafrikas erbauten Lothagam North vor 5.000 bis 4.300 Jahren. Megalithen, Steinkreise und Steinhügel flankieren den Hauptgrabhügel, in dem hunderte Menschen bestattet wurden.

In der wogenden Landschaft aus leuchtend rotem Sandstein im Nordwesten Kenias, in der Nähe des Ufers des Turkana-Sees, liegt zwischen zwei auffälligen Graten aus dunklem Vulkangestein ein mysteriöser Hügel. Große Felsen markieren die Grenze des Hügels, dessen Zentrum von Steinsäulen geziert wird.

Der Hügel – die Lothagam North Pillar Site – ruht dort seit etwa 5.000 Jahren und diente den Hirtennomaden als ein Pfeiler der Stabilität in einer Landschaft, die sich stets veränderte.

Ein internationales Forscherteam hat nun den bisher genausten Blick in die Vergangenheit des Hügels geworfen, um seine rätselhafte Entstehung und seine Inhalte zu ergründen. Die Ergebnisse des Teams wurden in „Proceedings of the National Academy of Sciences“ veröffentlicht und lassen vermuten, dass es sich um einen sorgfältig geplanten Friedhof handelt, der Generationen umherziehender Hirten Jahrhundertelang als Ruhestätte für ihre Toten diente.

Obwohl die Forscher aus Respekt vor dem Monument nur einen Teil des fast 700 Quadratmeter großen Grabhügels ausgegraben haben, fanden sie einen wahren Schatz an Töpferwerk, Schmuck und anderen Reichtümern der Vergangenheit. Es ist der bislang älteste und größte Monumentalfriedhof der Region.

„Diese Arbeit ist absolut wegweisend“, sagt Fiona Marshall, eine Archäologin der Washington University in St. Louis, die an der neuen Studie nicht beteiligt war. Die Stätte wurde von Archäologen in der Vergangenheit lange Zeit übersehen, bietet ihr zufolge aber einen beispiellosen Einblick in das Leben und den Tod der ostafrikanischen Hirten.

Kunstvoll geschnitzte und leuchtend bunte Steinanhänger und Ohrringe schmückten zahlreiche Individuen, die in dem Gemeinschaftsfriedhof Lothagam North in Kenia bestattet wurden.

KOPFSCHMUCK AUS MÄUSEZÄHNEN

Die Forschung wurde teilweise mit Mitteln der National Geographic Society finanziert. Die Wissenschaftler datierten die Stätte mit Hilfe von Holzkohleproben und einem Straußenei. Bodenradarscans ermöglichten einen nicht invasiven Blick in die unterirdische Struktur des Hügels. Im Anschluss wurde ein vier Quadratmeter großer Bereich ausgegraben, um die Funde zu dokumentieren.

Die Ausgrabungen offenbarten, dass die Menschen am Ufer des Turkana-Sees einen Bereich von der Größe eines Volleyballfeldes freiräumten. Dann schlugen sie eine etwa einen Meter tiefe Grube in das weiche Grundgestein. Um die Wände der Grube zu stabilisieren, nutzten sie Steinplatten, die ans Ufer transportiert wurden.

Frauen, Männer, junge Erwachsene und Babys wurden allesamt in solchen Gruben beerdigt, die in das Gestein gehauen wurden. Dabei wurde anscheinend keine Rücksicht auf Alter oder Status innerhalb der Gemeinschaft genommen, wie sich an der gleichmäßigen Verteilung der Grabbeigaben erkennen lässt. Allein in dem kleinen Bereich, den die Forscher ausgruben, identifizierten sie 36 Individuen. Auf Basis dieses Funds vermuten die Wissenschaftler, dass etwa 580 Menschen in und unter dem Hügel begraben wurden.

Diese Steinschale in Form eines Rinds war nur eines der faszinierenden Artefakte, die in dem Grabhügel entdeckt wurden.

Jedes Individuum war mit wertvollen Grabbeigaben geschmückt, die den persönlichen Stil der Person betonten, erklärt Katherine Grillo. Die Professorin für Anthropologie an der University of Florida ist die Autorin der neuen Studie. Eine Person trug eine Halskette mit Perlen aus grünem Amazonit, eine andere hatte Armreifen aus Flusspferdzähnen. Eine weitere Person war mit Ohrringen aus Elfenbein geschmückt.

Eines der bemerkenswertesten Stücke ist allerdings ein Kopfschmuck aus 405 Rennmauszähnen, für dessen Herstellung mehr als 100 Tiere nötig waren. „Soweit wir wissen, wurde so etwas noch nie zuvor gefunden“, sagt Grillo. Damals waren Rennmäuse noch nicht domestiziert, was bedeutet, dass die Hirten eine große Zahl der wilden Nager fangen mussten, wie sie anmerkt.

DER MASTERPLAN

Frühere Studien deuteten schon darauf hin, dass es sich bei der Erhöhung um einen Grabhügel handeln könnte. Erst die aktuelle Forschung offenbarte jedoch, dass Lothagam North ein überraschend großer Friedhof mit einer komplexen Struktur ist. „Alles an dieser Stätte deutet darauf hin, dass es für jedes architektonische Element einen Masterplan gab“, sagt Elisabeth Hildebrandt. Die Co-Autorin der Studie arbeitet an der Stonybrook University als Professorin für Anthropologie. „Und dieser Masterplan wurde sorgsam und erfolgreich umgesetzt.“

Seltsamerweise nutzten die alten Hirten nicht die volle Kapazität der Grube. Vor etwa 4.300 Jahren beschlossen sie, den verbliebenen Platz mit Sand aufzufüllen und schütteten einen großen Hügel auf, dessen Hänge sich weit jenseits der Grenzen der Grabhöhle erstrecken.

Hildebrandt erklärt, dass sich Friedhöfe oft in einer ungeplanten Weise entwickeln. Erst wird eine Person begraben, dann folgen ein paar weitere. Schließlich entwickelt sich daraus ein Friedhof. Aber die Komplexität von Lothagam North macht deutlich, welche Bedeutung der Ort für die alte Gemeinschaft hatte, die ihn über Generationen hinweg nutzen wollte.

„Wenn man da an Monumente in vielen anderen Teilen der Welt denkt, hängen diese mit sozialer Ungleichheit zusammen“, sagt Grillo. Gute Beispiele dafür sind die ägyptischen Pyramiden oder die Stätten der Maya, die mit der Arbeitskraft von Personen mit niedrigem Status für Personen von hohem Status errichtet wurden. Bei Lothagam North scheint das aber nicht der Fall zu sein. Die gleichmäßige Verteilung der fantastischen Grabbeigaben und die gemeinsame Anordnung aller Altersklassen und Geschlechter deutet auf eine nicht-hierarchische Gesellschaft hin.

Diese Schlussfolgerung könnte sich mit Ausgrabungen im größeren Maßstab jedoch noch ändern, sagt Peter Robertshaw. Der Archäologe und emeritierte Professor der California State University in San Bernardino war an der Studie nicht beteiligt. Er lobt die Gründlichkeit der Forscher, verweist aber darauf, dass eine Ausgrabung eines größeren Bereichs Muster offenbaren könnte, die bisher vielleicht übersehen wurden.

KLIMA- UND LEBENSWANDEL

Die Datierung lässt vermuten, dass die Anfänge des Grabhügels etwa 5.000 Jahre in der Vergangenheit liegen. Während dieser Zeit war der Turkana-See etwa doppelt so groß wie heute, es regnete häufig und die Einheimischen ernährten sich von der Jagd, der Fischerei und dem Sammeln von Wildkräutern, Wurzeln und Beeren.

Als diese feuchtere Zeit der afrikanischen Region jedoch endete, sank der Wasserspiegel des Sees und die Fischerei wurde schwieriger. Die Klimaveränderung ließ dafür große Grasebenen entstehen, die neue Möglichkeit für die Haltung von Weidetieren boten. Aus den Gemeinden von Fischern, Jägern und Sammlern wurden nach und nach nomadische Hirten.

„Die Landschaft um sie herum veränderte sich unter ihren Füßen“, sagt Hildebrandt. Der Regen wurde unregelmäßiger, und die Gemeinschaft von Hirten hätte sich Marshall zufolge stets auf der Suche nach grünen Weidefläche befunden.

„Die Menschen mussten alles jedes Jahr aufs Neue überdenken“, fügt Hildebrandt hinzu. „Aber Lothagam North hätte einfach dort [in der Landschaft] gestanden wie ein Leuchtturm. Es war eines der Landschaftsmerkmale, an dem sich die Menschen orientieren konnten.“

Insgesamt stellt die Studie unser Konzept von dem Zusammenhang zwischen Monumentalbauten und sozialer Ungleichheit infrage und verdeutlicht die Komplexität alter Gesellschaften. „Wenn wir uns das gesamte Spektrum der menschlichen Erfahrungen ansehen wollen, dann zeigen uns solche Stätten auch andere Möglichkeiten auf“, so Robertshaw.

„Das ist für uns heutzutage eine sehr treffende Geschichte“, findet Hildebrandt. Im Angesicht zahlreicher wirtschaftlicher und ökologischer Veränderungen kamen diese Menschen zusammen und erschufen etwas Großes. „Das sorgte vermutlich für viel stärkere Gemeinschaften, die auf eine viel strategischere Weise arbeiten konnten“, sagt sie. „Ich denke, dass darin für uns alle eine Botschaft liegt, ob wir nun in Kenia oder Nordamerika leben.“

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

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