Geschichte und Kultur

Forscher entdecken Stonehenge-Steinbrüche im fernen Wales

Knapp 300 Kilometer von dem berühmten Monument entfernt stießen Archäologen auf das Gestein, aus dem die inneren Monolithen bestehen. Montag, 25 Februar

Von Nick Romeo

Ein Team aus britischen Archäologen präsentierte vor Kurzem im Fachmagazin „Antiquity“ neue Erkenntnisse darüber, wie einige der Monolithen von Stonehenge abgebaut und transportiert wurden.

Die Forscher verkündeten, dass sie umfangreiche Belege für die Präsenz von zwei neolithischen Steinbrüchen in Wales entdeckt haben, aus denen die sogenannten Blausteine stammen – also jene Monolithen, die nicht aus der näheren Umgebung des Bauwerks kommen. Von schätzungsweise 80 Blausteinen stehen heute noch 43, die dort vor etwa 5.000 Jahren aufgestellt wurden. Sie sind im inneren Bereich hufeisenförmig angeordnet und von einem äußeren Kreis deutlich größerer Sandsteinmonolithen umgeben. Durch die Untersuchung und Datierung von Artefakten aus den Steinbrüchen konnten die Archäologen feststellen, wann und wie die Blausteine erstmals abgebaut wurden.

Die walisischen Steinbrüche befinden sich in den Preseli-Bergen nördlich von Pembrokeshire, die auf dem Landweg etwa 290 Kilometer von Stonehenge entfernt liegen. Jeder Blaustein wiegt ein bis zwei Tonnen und ist bis zu zweieinhalb Meter hoch.

Die Proben aus den Steinbrüchen ergaben, dass es sich um Vulkangestein handelt, dessen geologische Signaturen exakt mit jenen der Blausteine von Stonehenge übereinstimmen. Darüber hinaus haben die Geologen gezeigt, dass diese Region in Wales der einzige bekannte Ort auf den britischen Inseln ist, an dem das spezielle Gestein – gesprenkelter Dolerit – zu finden ist, aus dem die Blausteine sind.

Die Archäologen entdeckten Steinwerkzeuge, Rampen und Plattformen, verbrannte Holzkohle und Kastanien sowie eine uralte Straße, die wahrscheinlich den Weg aus dem Steinbruch ebnete.

„Wir kannten zwar den Ort, von dem die Steine kamen, aber das eigentlich Spannende war es, die tatsächlichen Steinbrüche zu finden“, sagt Michael Parker Pearson, der Projektleiter und Professor am University College London. „Hier wurden großflächig Anlagen gebaut: Plattformen, Rampen und Verladerampen. Man sieht noch die Meißelspuren an den Stellen, an denen Holzkeile in die Vertiefungen von Felsnasen getrieben wurden.“

Die Radiokarbondatierung von Holzkohle und gerösteten Nüssen an alten Feuerstellen ergab, dass steinzeitliche Menschen schon vor 5.400 bis 5.200 Jahren an den Steinbrüchen aktiv waren. Forscher vermuten, dass Stonehenge frühestens um 5000 v.Chr. erbaut wurde. Das wirft die Frage auf: Wo waren die Steine in diesen 400 Jahren?

„Das ist faszinierend“, findet Parker Pearson. „Und auch, wenn die neolithischen Steinschlepper fast 500 Jahre gebraucht haben könnten, um sie bis zu Stonehenge zu transportieren, ist das doch ziemlich unwahrscheinlich. Viel wahrscheinlicher ist es, dass die Steine zunächst für ein lokales Bauwerk in der Nähe der Steinbrüche genutzt und später nach Wiltshire geschleppt wurden.“

Prähistorischer Schwertransport

Die natürlich entstandenen Felspfeiler an den Steinbrüchen erleichterten den prähistorischen Arbeitern ihre Aufgabe ein bisschen. „Sie mussten nur hölzerne Keile in die Ritzen zwischen den Pfeilern treiben und den Rest erledigte dann der walisische Regen. Durch ihn quollen die Keile auf und die Pfeiler konnten von der Felswand losgelöst werden“, erklärt Dr. Josh Pollard von der University of Southampton. „Die Arbeiter ließen die Pfeiler dann auf Plattformen aus Erde und Gestein herunter – so eine Art ‚Verladerampe‘, von der aus die gewaltigen Steinpfeiler dann entlang der Pfade, die aus dem Steinbruch führen, weggezogen werden konnten.“

Mutmaßlich wurden 80 solcher Blausteinmonolithen nach Stonehenge gebracht. Der Transport von zwei Tonnen schweren Steinen durch fast 300 Kilometer Landschaft ist eine außergewöhnliche Leistung. Beispiele aus Indien zeigen aber, dass solche Steine schon mit 60 Menschen über hölzerne Gitter transportiert werden können.

Galerie: Das sind die 21 neuesten UNESCO-Welterbestätten

Um die Monolithen überhaupt aus dem Steinbruch zu transportieren, war eine Mischung aus Stärke und Einfallsreichtum nötig. Durch die geringe Breite des Weges – gerade mal 1,80 Meter – war ein Transport auf Baumstammrollen nicht möglich. Die Archäologen vermuten, dass die Arbeiter stattdessen mit einer Kombination aus Seilen, Hebeln und der Nutzung von Drehpunkten arbeiteten, um die Steine auf hölzerne Schlitten zu verladen, die dann hangabwärts getragen oder rutschen gelassen wurden. „Man braucht zwei Teams“, erklärt Parker Pearson, „eines steht oben mit Seilen, hält das Gewicht und lässt es langsam herunter, und ein zweites Team steht ungefähr einen Meter weiter unten und nimmt das Ganze in Empfang.“

Obwohl die Arbeiter vor Ort sich wohl größtenteils von Fleisch ernährten, sind durch den besonders sauren Boden keine Knochen oder Geweihe aus jener Zeit erhalten. Was jedoch zurückgeblieben ist, sind Spuren gerösteter Kastanien – quasi ein steinzeitliches Grundnahrungsmittel. Parker Pearson glaubt, dass eine Gruppe aus mindestens 25 Arbeitern im Steinbruch tätig war. Die Menschen stammten vermutlich aus Siedlungen in der Nähe und liefen jeden Tag zu ihrem „Arbeitsplatz“.

Die Forschungen von Parker Pearson und seinem Team wurden durch ein Stipendium der National Geographic Society gefördert.

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

Wei­ter­le­sen