Idealistisch und knallhart: Katharina die Große

Die in Deutschland geborene Kaiserin verschaffte sich unter ihren Zeitgenossen als gerissene Politikerin Respekt. Sie vergrößerte den Machtbereich Russlands und stieß umfangreiche Reformen der Regierung und des Lehenswesens an. Montag, 4. November 2019

War Katharina die Große eher Despotin oder Philosophin? Eine überlegt handelnde Herrscherin, getrieben durch die Sorge um ihre Untertanen, oder eine gewissenlose Tyrannin, süchtig nach Sex und Macht? Diese Fragen tauchen seit der Regentschaft der russischen Kaiserin im 18. Jahrhundert immer wieder auf.

Katharina II. wurde 1729 als Sophie Friederike Auguste von Anhalt-Zerbst und Tochter eines verarmten, preußischen Prinzen geboren. Ihre Familie besaß zwar nicht viel Vermögen, war jedoch mit zwei der einflussreichsten Familien Deutschlands verwandt: den Anhalts und den Holsteins. Die junge Sophie erhielt ihre Bildung und strenge Erziehung von Tutoren und bezeichnete ihre Kindheit als überaus uninteressant.

Verglichen mit dem Rest ihres Lebens war sie das auch. Mit zehn Jahren wurde die zukünftige Kaiserin dem Ehemann vorgestellt, den ihre Familie für sie ausgesucht hatte – ihrem Cousin zweiten Grades Peter Ulrich von Schleswig-Holstein-Gottorp. Er trug später den Namen Peter III. und war von seiner Tante und Kaiserin von Russland Elisabeth zum Nachfolger und Zaren bestimmt worden. Elisabeth selbst war unverheiratet und kinderlos geblieben und benötigte daher einen Thronerben. Sie wählte Peter dafür aus und Sophie als seine Ehefrau. Diese angebahnte Ehe des russischen Zaren mit der preußischen Prinzessin sollte die Verbundenheit der russischen Monarchie mit Preußen stärken und den österreichischen Einfluss auf die russische Krone verdrängen.

Sophie verachtete ihren zukünftigen Ehemann, war sich jedoch bewusst, was von ihr erwartet wurde. Sie arbeitete hart daran, das Wohlwollen der russischen Kaiserin Elisabeth zu erringen und möglichst viel Wissen anzuhäufen, dass für ihre spätere Rolle nützlich sein würde. Sie erlernte nach ihrer Verlobung die russische Sprache, konvertierte zum orthodoxen Glauben und änderte ihren Namen in Ykaterina oder Katharina. 1745 heiratete sie schließlich mit 16 Jahren. 17 Jahre später wurde Peter III. dann endlich Zar von Russland.

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Doch Peter hatte nur wenige Verbündete in Russland – und seine Ehefrau zählte nicht zu ihnen. Nur sechs Monate nach seiner Thronbesteigung unternahm er eine Reise nach Deutschland. Katharina nutzte seine Abwesenheit dazu, sich 1762 zur Alleinherrscherin Russlands zu erklären. Bald darauf verstarb Peter und bis heute sind sich die Historiker uneinig, ob seine Frau oder einer seiner vielen politischen Gegner dahintersteckte.

Die neue Kaiserin machte sich sofort daran, ihre Herrschaft und ihr Erbe zu festigen. Sie vergrößerte das russische Reich beachtlich während ihrer Regentschaft, indem sie die Krim, Ukraine, Litauen, Polen und andere Territorien annektierte. Die russische Bevölkerung verdoppelte sich während dieser Zeit beinahe. Außerdem versuchte sie die russische Regierung und Rechtsprechung zu modernisieren, doch ihre Ideale als aufgeklärt-absolutistische Herrscherin wurden vom russischen Adel nicht geteilt und viele Gesetze zur Lockerung des Lehenswesens blockiert. Dadurch traten sie nie in Kraft und tatsächlich wuchs die Macht des Adels während ihrer Regentschaft noch zu Ungunsten der leibeigenen Untertanen. Nach 34 Jahren der Herrschaft starb Katharina die Große 1796.

Katharinas lange Regierungszeit und ihre politische Gerissenheit und Weitsicht brachten ihr den Titel „die Große“ ein. Sie war außerdem als Mäzenin von Kunst und Kultur bekannt.

Die Eremitage in Sankt Petersburg wurde von Katharina der Großen gegründet und spielte auch nach ihrem Tod eine große Rolle für die russische Verbundenheit zur Kunst – und der ganzen Welt.

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Sie pflegte außereheliche Beziehungen und einige ihrer Liebhaber wurden zu Mitgliedern ihres Beraterkabinetts. Dies war zu ihrer Zeit in Adelskreisen nichts Ungewöhnliches und es wurde auch durchaus erwartet, dass sie ein weiteres Mal heiratete; dennoch nutzten ihre Feinde ihre Affären, um sie als verkommene Nymphomanin darzustellen. Deutlich wahrscheinlicher ist, dass sie Katharinas politische Macht fürchteten.

„Sie scheint jede nur erdenkliche Ambition in ihrer Person zu vereinen“, schreib Baron de Breteuil, einer ihrer politischen Gegner. Tatschlich war Katharina eine hervorragende Politikerin, die sich trotz ihrer durch die Aufklärung beeinflussten Ideale in einer Welt traditioneller Autorität bewegte. Befeuert durch Misogynie halten sich bis heute hartnäckig Gerüchte über ihre sexuellen Perversionen und ihren überambitionierten Charakter.

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

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