Seltene Löwenmumien in Ägypten gefunden

Bis zum November 2019 war den Ägyptologen nur eine einzige Löwenmumie bekannt. Wurden im alten Ägypten nur wenige Löwen mumifiziert oder sind sie einfach nur noch nicht entdeckt worden?Freitag, 3. Januar 2020

Heutzutage fällt die Vorstellung von Löwenrudeln in Ägypten schwer, doch bis zum Jahr 1000 v.Chr. tummelten sich die Großkatzen durchaus an den Ufern des Nils – und einige führten sogar als königliche Haustiere in den Palästen ein domestiziertes Leben. Der Löwe (Panthera leo) wurde mit der Sonne und dem Pharao assoziiert, die im alten Ägypten die machtvollsten Elemente von Leben und Tod darstellten. Und auch nachdem das Klima in Ägypten zunehmend trockener wurde und die Rudel ihre Reviere in Richtung Süden verlagerten, waren die Löwen weiterhin ein wichtiger Teil der ägyptischen Kultur.

„Der Löwe spielte eine immens wichtige Rolle in der Ikonografie des alten Ägypten“, sagt Conni Lord, Ägyptologin beim Animal Mummy Research Project des Nicholson Museums der Sydney University. „Der Löwe war ein Symbol für königliche Macht, wurde jedoch auch als Schmuck für Objekte des täglichen Lebens wie Stühle und Betten benutzt. Theoretisch könnten die Darstellungen rein dekorativen Zwecken gedient haben, es ist jedoch wahrscheinlicher, dass ihnen auch eine magische Schutzwirkung zugesprochen wurde.“

Da Abbildungen von Löwen im alten Ägypten so allgegenwärtig waren, fragten sich die Wissenschaftler schon seit Langem, warum bislang nur eine einzige Löwenmumie unter den Millionen von mumifizierten Tieren gefunden wurde, die die alten Ägypter bestattet hatten.

Nun hat ein Team von Archäologen unter der Leitung der obersten Denkmalpflegebehörde Ägyptens fünf weitere Löwenmumien in der Bubasteion-Nekropole – Katakomben voll mit Katzenmumien – in Sakkara entdeckt.

Wahrscheinlich handelt es sich dabei um Jungtiere, die jeweils etwa 1,20 Meter lang sind und um die acht Monate alt gewesen sein dürften. Sie wurden zusammen mit einer großen Sammlung von Katzenstatuen aus Holz und Bronze, sowie anderen mumifizierten Tieren wie Kobras und Krokodilen gefunden. Die oberste Denkmalpflegebehörde gab an, dass die Artefakte wahrscheinlich der 26. Dynastie (664-525 v.Chr.) zuzuordnen sind.

Löwen hatten im alten Ägypten, als Sinnbild des mutigsten Kriegers und Symbol von Gefahr und Schutz gleichermaßen, einen prestigereichen Status. Pharaos waren dafür bekannt, an Löwenjagden teilzunehmen, um ihre eigene Überlegenheit zu demonstrieren. Unter ihnen war auch Amenophis III., von dem berichtet wird, er habe 102 Löwen in den ersten zehn Jahren seiner Regentschaft erlegt.

Die Großkatzen wurden außerdem in den königlichen Palästen als Haustiere gehalten. So werden bei Abbildungen von Ramses II. und Tutanchamun oft Löwen neben den Herrschern darstellt. Der römische Sophist Aelianus verfasste einen berühmten Bericht über seinen Besuch in Sakkara, bei der er Löwen beobachtete, die in Tempeln lebten und mit Ochsenfleisch gefüttert wurde, während man ihnen vorsang.

Dennoch repräsentierte der Löwe nie so stark eine einzelne Gottheit, wie beispielsweise der Ibis den Gott Thoth oder der Schakal den Gott Anubis. Die Mumien, die in Sakkara entdeckt wurden, stehen höchstwahrscheinlich in Verbindung zur Göttin Bastet und ihrer Schwester Sachmet, der Göttin des Krieges, die mit dem Gesicht einer Löwin dargestellt wird, sagt Lord.

Diese fehlende Verbindung zu einer spezifischen Gottheit und dem Glaubenszirkel um sie könnte der Grund dafür sein, warum nur so wenige Mumien von Löwen im Vergleich zu anderen Tieren ausgegraben werden, fügt sie hinzu. Eine weitere Erklärung könnte darin bestehen, dass man sie bislang einfach nur noch nicht gefunden hat.

„Es gibt keine offensichtlichen Gründe für die Seltenheit von Löwenmumien“, erklärt Lord. „Die alten Ägypter waren problemlos in der Lage, ein Tier dieser Größe zu mumifizieren. Der Apis, ein heiliger Stier, wurde mit hochentwickelten Methoden mumifiziert, so denen auch unter anderem die Entnahme der Organe gehörte.“

Galerie: Die Tiermumien-Industrie des Alten Ägypten

Der einzige Unterschied bei der Mumifizierung eines Löwens wäre wohl der deutlich stärkere Geruch, da er ein Fleischfresser ist, meint Salima Ikram. Die Archäologin arbeitet an der American University in Kairo und führte CT-Scans bei einigen der Löwenmumien durch.

Ikram betont die außerordentliche Bedeutung dieser Funde, da sie der Forschung neue Einblicke liefern werden, wie Löwen im alten Ägypten gefangen wurden und ob man mit ihnen züchtete oder handelte.

„Es ist gut möglich, das die Ausgrabung in Sakkara noch weitere Löwenmumien ans Tageslicht bringen wird“, sagt sie. „Die Autoren der Antike berichten über Löwen, die in Ägypten mumifiziert wurden und Wissenschaftler wie ich suchen schon lange nach einem Friedhof voller Löwen.“

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

 

Wei­ter­le­sen