Hopfen: grünes Gold vom Bodensee

Die nützlichen Eigenschaften des Hopfens für die Bierproduktion sind seit dem Mittelalter bekannt. Doch nach Tettnang kam er erst 1844. Bis heute ist beim Anbau viel Handarbeit nötig.

Von Franziska Haack
Veröffentlicht am 17. Dez. 2020, 15:57 MEZ
Hopfen: grünes Gold vom Bodensee

Nur die getrockneten weiblichen Dolden werden zum Brauen verwendet. Befruchtete Samen enthalten zu viel Öl, was das Bier verdirbt. Hopfen schätzt gemäßigtes Klima. Er wird in mehr als 50 Ländern zwischen dem 35. und 55. Breitengrad angebaut.

Bild fedorovacz - stock.adobe.com

Was für ein Prachtexemplar!“ Max Luitz legt den Kopf in den Nacken und folgt der Pflanze vor sich mit seinem Blick in die Höhe. „Unglaublich, wie schnell die wachsen.“ Wir sind im Hopfengarten der Familie Luitz im Hinterland des Bodensees – umgeben von Grün. Stehen zwischen und unter langen Ranken mit unzähligen großen dreigliedrigen Blättern. Sanfter Wind bringt die Ranken zum Schaukeln, kleine weißfedrige Blüten leuchten in der Abendsonne. Auch ich staune. Denn als ich Anfang Mai das erste Mal hier im Hopfengarten war, war von langen Ranken noch nichts zu sehen. Nur die Holzbalken und Drähte verrieten dem Laien, dass es sich bei den teils kümmerlichen Büscheln auf dem Acker um Hopfen handelte. Jetzt, nur zwei Monate später, sind die Ranken in sieben Meter Höhe angekommen. In puncto Wachstumsgeschwindigkeit steht der Hopfen ganz oben, nur einige Bambusarten sind noch schneller. „Unter guten Bedingungen legt er täglich 20 Zentimeter zu“, sagt Max Luitz. In seiner Stimme liegt Bewunderung, wenn er über Hopfen spricht, noch nach Jahrzehnten ist er fasziniert von der Pflanze. Wen der Hopfen einmal gekratzt hat, den lässt er nicht mehr los, heißt es in Tettnang.

Hopfen als Identitätsstifter vom Bodensee

Max und Sieglinde Luitz gehören zu den 125 Hopfenbauern in der Region Tettnang. Nach der Hallertau ist sie mit etwa 1500 Hektar Hopfen das zweitgrößte Anbaugebiet Deutschlands, das nach den USA Platz zwei der weltweit größten Produzenten belegt. Obwohl der Hopfen erst 1844 nach Tettnang kam – eine Idee zur Wirtschaftsförderung von König Wilhelm I. –, ist er identitätsstiftend für die Gegend. Das 175. Jubiläum feierten sie groß, es gibt ein Hopfenmuseum und einen Hopfenpfad. In den letzten Jahren sind mehr und mehr Landwirte auf Hopfen umgestiegen. Gute Preise und sichere Abnahme dank Verträgen, die Bauern und Großhändler für fünf bis zehn Jahre im Voraus über den Großteil der Ernte schließen, machen den Hopfenanbau attraktiv. Doch der Aufschwung kann kaum über die schlechten Jahre hinwegtäuschen, die es immer wieder gab. Dann mussten Bauern ihr Land verkaufen oder auf Erdbeeren oder Äpfel umstellen. „Ich habe immer an die Hopfen geglaubt“, sagt Luitz. Die Hopfen – Max und Sieglinde verwenden immer den Plural – sind eine dankbare Kultur, wie man hier sagt. Während Apfelbäume in Monoplantagen teils schon nach zehn Jahren ausgetauscht werden müssen, kann der Hopfenstock ewig im Boden bleiben.

Die Pflanzen von Familie Luitz sind 40 Jahre alt. Sieglinde hat einen kleinen Hopfengarten von ihren Eltern geerbt, den Großteil ihrer 6,5 Hektar pachten sie. 20 000 Stöcke haben sie insgesamt. Das klingt viel, ist aber sehr wenig im Vergleich zu anderen. Allerdings war der Hopfenanbau für die Luitzens immer nur Nebenerwerb, Max Luitz war als Lohnarbeiter für Landwirte tätig, übernahm das Spritzen. Mit seiner eigens entwickelten Spritze war er gefragt. Inzwischen 75 Jahre alt, ist Max Luitz im Ruhestand, aber die Hopfen will er nicht aufgeben, zumal keines der drei Kinder den Betrieb übernehmen wird. Dabei würde sich seine Frau gern aus dem. Geschäft zurückziehen, auch mal länger Urlaub machen als nur ein paar Tage Wandern in Südtirol.

Nicht mehr jedes Frühjahr bangen, ob es genug Regen gibt, nicht zu kalt ist und sie den richtigen Zeitpunkt für das „Aaweisn“ erwischen. Das Hopfen-Anweisen ist die Hauptarbeit – mit der Hand und traditionell von Frauen erledigt. Dabei werden Stock für Stock die vielversprechendsten Triebe ausgewählt und im Uhrzeigersinn um die Drähte gewickelt. Der Rest der Triebe wird mit einem schaufelförmigen Messer mit gerillten Klingen abgeschnitten. „Jeder sagt, da müsste man mal eine Maschine erfinden, aber das Einsatzgebiet ist wohl zu speziell“, sagte Sieglinde Luitz, als wir im Mai gemeinsam im Nieselregen auf dem Feld kauerten und mit klammen Fingern Hopfen anwiesen.

2020 kam wegen der Corona-Pandemie noch eine Sorge dazu: Würden die Saisonarbeitskräfte einreisen dürfen? Zwar beschloss die Politik Kontingente, doch die rumänischen Helfer, die seit Jahren jedes Frühjahr bei Familie Luitz arbeiten, hatten sich schon gegen die Reise entschieden. Zu unsicher erschien ihnen die Lage. So mussten sich die Luitzens mit Studentinnen oder von der Pandemie aufgehaltenen Weltenbummlern begnügen. Ganz passend, wie Sieglinde Luitz findet: „Angefangen haben wir mit Helferinnen aus dem damals recht armen Allgäu, dann kamen welche aus Polen, später aus Rumänien, und jetzt schließt sich der Kreis wieder mit jungen Leuten aus Bayern.“ Ein Abschluss? Ihr Mann denkt nicht so. Bei den gemeinsamen Mahlzeiten, zu denen Sieglinde schwäbische Spezialitäten und selbst gebackenes Brot auftischt, sagt er oft: „Der Hopfenanbau ist nicht die schlechteste Art, sein Geld zu verdienen.“ Nach dem Anweisen ist eine Zeit lang wenig zu tun. Die zweite heiße Phase ist die Ernte Ende August. Das Hopfenbrocken geschieht heute maschinell, auch das war lange unvorstellbar, bis Ende der Fünfzigerjahre jemand eine Maschine erfand. Max kaufte den „heute fast museumsreifen“ Apparat, ein Kasten so groß wie ein Kleinlaster, als der Hopfenpreis mal wieder im Keller war und viele aufgaben.

Lupulin: gelbes Pulver für flüssiges Gold

Die Maschine rupft Dolden und Blätter von den Ranken und trennt sie. Die Dolden müssen noch am selben Tag getrocknet werden, sonst beginnen sie zu fermentieren. Früher gab es gemeinschaftliche Öfen dafür, aber da es häufig zu Streit kam, haben heute die meisten Bauern eine eigene Darre. „Während der Erntezeit ist die Betriebstemperatur der Hopfenbauern etwas höher, da braucht es nicht viel, dass einem mal der Deckel hochgeht“, erzählt Max Luitz und lacht. Auch er hat eine eigene Darre, selbst gebaut und mit Heizöl betrieben. Vier bis fünf Stunden werden die Dolden bei 40 bis 50 Grad getrocknet. Die Überwachung ist „Chefsache“, denn sie dürfen nicht komplett austrocknen, da sie später nachtrocknen. Darre und Lagerraum von Familie Luitz sind im ersten Stock in einer Scheune unweit von ihrem Wohnhaus. Schon auf der schmalen steilen Stiege riecht es herb-fruchtig nach Hopfen, der Boden des Lagerraums ist mit einer feinen Schicht gelben Pulvers bedeckt. Und so klebt nach wenigen Schritten an unseren Schuhsohlen, worum es beim Hopfenanbau geht: Lupulin.

Das gelbe Pulver aus den Dolden enthält Aromen und die Bitterstoffe – deren Nutzen bereits Hildegard von Bingen kannte. „Seine Bitterkeit vertreibt die Fäulnis“, schrieb die Universalgelehrte Mitte des 12. Jahrhunderts über den Hopfen. Neben Haltbarkeit verleiht Lupulin dem Bier seine typisch bittere Note und sorgt schließlich im Glas für eine schöne Schaumkrone. Dafür reicht eine kleine Dosis: In einen Hektoliter Bier kommen etwa 120 Gramm getrockneter Hopfen. Die Menge variiert mit der Biersorte, Weißbier wird weniger, Pils stärker „gehopft“.

In welchem Bier ihr Hopfen landet, wissen die Luitzens nicht. Drei Großhändler gibt es weltweit. Vielleicht schickt ihr Abnehmer ihre Ballen zur lokalen Brauerei. Vielleicht zu einem hippen Craft-Bier- Produzenten nach Berlin oder New York. Zwischen zwei und zwölf Euro schwankte der Kilopreis, seit die Luitzens im Geschäft sind. 2019 lag er bei neun Euro. Wobei Max betont, dass die Sorte „Tettnanger“ aufgrund ihrer Qualität und des kleinen Anbaugebiets teurer ist als andere Sorten. Dennoch wundert er sich, dass der Preis trotz guter Ernten steigt. Eine Erklärung wäre die vermehrte Nachfrage nach Craft-Bieren, für deren Produktion ein Vielfaches an Hopfen benötigt. Nun sorgen sie sich, was wohl im Corona-Jahr mit dem Hopfenpreis passiert, da Bars lange geschlossen waren und Volksfeste abgesagt wurden. Nur fünf Prozent der Welternte werden anderweitig genutzt, etwa in der Pharmazie. Bier trinken die Luitzens nicht. „Ich mag es eigentlich nicht“, gesteht Sieglinde. „Das ist mir zu bitter.“

Infos für eine Riese dahin, wo der Hopfen wächst

ANREISE

Den Bodenseekreis erreicht man am einfachsten mit dem Auto (A81 von Stuttgart, A96 von München). Zuganbindung gibt es nicht, aber Busse. Der nächste Flughafen liegt in Friedrichshafen.

AKTIVITÄTEN

Die Bodenseeregion ist besonders bei Fahrradfahrern sehr beliebt. Im Hinterland rund um Tettnang ist es ruhiger als direkt am See. Auch hier gibt es schöne Radtouren und Wanderungen. Interessant sind der vier Kilometer lange Hopfenpfad, der mit Schautafeln Wissen zum Grünen Gold vermittelt, und das Hopfenmuseum des Hopfenguts No20 in Siggenweiler. www.hopfengut.de

INFORMATIONEN www.bodenseekreis.de, www.tettnang.de.

Mehr zum Hopfen: tettnanger-hopfen.de

 

Dieser Artikel erschien in der Herbst-Ausgabe 2020 des National Geographic TRAVELERS. Auch die aktuelle Ausgabe steckt wieder voller Reise-Inspirationen. Keine Ausgabe mehr verpassen und jetzt ein Abo abschließen!

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