La Almoloya: Eine Herrscherin im Europa der Bronzezeit?

Prunkvolle Grabbeigaben lassen vermuten, dass vor fast 4.000 Jahren eine mächtige Frau im Südosten Spaniens ein Reich regierte.

Veröffentlicht am 15. März 2021, 14:44 MEZ
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Dieses silberne Diadem schmückte den Schädel einer Frau, als ihr 3.700 Jahre altes Grab an der Stätte von La Almoloya im Südosten Spaniens entdeckt wurde.

Bild J.A. Soldevilla, courtesy of the Arqueoecologia Social Mediterrània Research Group, Universitat Autònoma de Barcelona

Vor fast 4.000 wurde eine Frau in Spanien mit einer Fülle von verzierten Schmuckstücken begraben, darunter auch ein silbernes Diadem. Die reichen Grabbeigaben deuten darauf hin, dass sie eine Herrscherin der umliegenden Ländereien war und möglicherweise die Macht eines Staates verkörperte, heißt es in einer Studie, die im Fachmagazin „Antiquity“ veröffentlicht wurde. Die Entdeckungen werfen neue Fragen über die Rolle der Frauen im Europa der frühen Bronzezeit auf und stellen die Vorstellung in Frage, dass staatliche Macht fast ausschließlich ein Produkt von männerdominierten Gesellschaften ist, sagen die Forschenden.the researchers.

Die Überreste der Frau wurden zusammen mit denen eines Mannes – womöglich ihr Gefährte – 2014 in La Almoloya ausgegraben. Die archäologische Stätte liegt zwischen bewaldeten Hügeln etwa 56 Kilometer nordwestlich von Cartagena im Südosten Spaniens. Eine Radiokarbondatierung lässt darauf schließen, dass die Bestattung etwa 1700 v. Chr. stattfand. Ihr Reichtum ist für die Forschenden ein Zeichen dafür, dass eher sie – und nicht er – an der Spitze der lokalen Befehlskette stand.

„Wir haben zwei Möglichkeiten, das zu interpretieren“, sagt der Archäologe Roberto Risch von der Autonomen Universität Barcelona, ein Mitautor der Studie. „Entweder man sagt, es ist nur die Frau des Königs. Oder man sagt: Nein, sie ist selbst eine politische Persönlichkeit.“

Argarische Grabbeigaben zeigen, dass Frauen schon viel früher als Jungen als erwachsen galten: Mädchen wurden schon im Alter von sechs Jahren mit Messern und Werkzeugen begraben, Jungen jedoch erst im Teenageralter. Die Gräber einiger El-Argar-Frauen wurden außerdem Generationen später wieder geöffnet, um andere Männer und Frauen beizusetzen – eine ungewöhnliche Praxis, die wahrscheinlich eine große Ehre darstellte. Und Forschungen, die von Risch und seinen Kollegen im Jahr 2020 veröffentlicht wurden, zeigten, dass Elitefrauen in argarischen Gräbern mehr Fleisch aßen als andere Frauen. Auch das deutet darauf hin, dass sie echte politische Macht hatten.

„Was genau ihre politische Macht beinhaltete, wissen wir nicht“, sagt er. „Aber diese Bestattung in La Amoloya stellt die Rolle der Frauen in der [bronzezeitlichen] Politik in Frage ... sie stellt eine Menge konventioneller Weisheiten in Frage.“

Die Frauen der El-Argaro-Kultur

Die als „Prinzessin von La Almoloya“ bezeichnete Frau gehörte der El-Argar-Kultur an, die nach der archäologischen Stätte von El Argar etwa 80 Kilometer weiter südlich benannt ist. Die argarische Kultur herrschte auf der südöstlichen Iberischen Halbinsel zwischen 2200 und 1500 v. Chr. Die Menschen verwendeten Bronze lange vor den benachbarten Stämmen, und viele lebten in großen Siedlungen auf Hügeln anstatt auf isolierten kleinen Bauernhöfen. Gegenstände, die in ihren Gräbern gefunden wurden, deuten darauf hin, dass ihre Gesellschaft verschiedene Klassen von Wohlstand und sozialem Status hatte – einschließlich einer herrschenden Klasse.

Risch zufolge war der Mann im Grab wahrscheinlich ein Krieger: Abnutzungserscheinungen an seinen Knochen deuten darauf hin, dass er viel Zeit zu Pferd verbrachte. Sein Schädel weist Spuren tiefer Narben von einer schweren Gesichtsverletzung auf – möglicherweise eine alte Wunde, die er im Kampf erlitten hatte. Er band sein langes Haar mit silbernen Spangen zurück und trug goldene Stecker in seinen Ohrläppchen, die darauf hindeuten, dass er einen gewissen Rang innehatte.

Bei der Bestattung in La Almoloya wurden ein Mann und eine Frau unter dem Boden eines großen Raumes innerhalb des Palastes begraben, der mit Bänken für bis zu 50 Personen ausgestattet war.

Bild Photograph via Arqueoecologia Social Mediterrània Research Group, Universitat Autònoma de Barcelona

Aber die Frau im selben Grab wurde kurze Zeit später besonders prunkvoll bestattet, unter anderem mit Armbändern, Ohrsteckern, Ringen, Spiralen aus Silberdraht und einem silbernen Diadem, das noch ihren Schädel schmückte, als das Grab geöffnet wurde. Es passt zu sechs anderen Diademen, die an wohlhabenden Frauen in argarischen Gräbern gefunden wurden. Sie alle haben einen charakteristischen scheibenförmigen Vorsprung, der Stirn und Nase bedeckte.

Anhand des Silberpreises, der in mesopotamischen Aufzeichnungen aus dieser Zeit genannt wird, schätzen die Archäologen, dass die Grabbeigaben der Frau aus La Almoloya heute den Gegenwert von mehreren zehntausend Dollar haben. Andere Bestattungen von hochrangigen Frauen aus El Argar weisen ebenfalls auf großen Reichtum hin – aber Männer wurden nie mit solchen Reichtümern begraben. „Das deutet darauf hin, dass die Frauen zu Lebzeiten eine sehr wichtige Rolle in der politischen Verwaltung der Gemeinschaft spielten“, sagt Risch.

Auch der Ort der Bestattung deutet darauf hin, dass die Frau eine politische Rolle hatte. Viele der Toten in den Gemeinden von El Argar wurden unter den Böden von Gebäuden begraben. Ihr Grab wurde unter einem Raum mit Bänken für bis zu 50 Personen gefunden, der von den Forschern den Spitznamen „das Parlament“ erhielt. Der Raum selbst war Teil eines komplexen Gebäudes, das laut Risch möglicherweise der früheste bekannte Palast im kontinentalen Westeuropa ist – ein Ort, an dem Herrscher sowohl lebten als auch ihren Pflichten nachkamen.

Zuspruch und Zweifel für die Herrscherinnen-Theorie

Die Vorstellung, dass argarische Gemeinschaften von Frauen regiert worden sein könnten, macht für die Archäologin und Historikerin Marina Lozano durchaus Sinn. Die Professorin an der Universität Rovira i Virgili in Tarragona und Forscherin am katalanischen Institut für Paläoökologie und soziale Evolution (IPHES) war nicht an der neuesten Studie beteiligt.

Das große bronzezeitliche Gebäude an der Stätte von La Almoloya soll ein Zentrum der politischen und wirtschaftlichen Macht gewesen sein.

Bild of the Arqueoecologia Social Mediterrània Research Group, Universitat Autònoma de Barcelona

Ihr zufolge stützten die Ergebnisse ihre Studie aus dem Jahr 2020, in der sie feststellte, dass viele argarische Frauen an der Produktion von Textilien aus Leinen und Wolle beteiligt waren – ein wertvoller Wirtschaftszweig, zusammen mit der Metallurgie. Daraus folgt, dass Frauen Herrscherinnen gewesen sein könnten: „Frauen in El Argar waren ein aktiver Teil der Wirtschaft ... eine Herrscherin ist nur ein weiteres Beispiel für die Bedeutung von Frauen in dieser Gesellschaft“, sagt sie.

Einige andere Experten für die argarische Kultur sind vorsichtiger, was die neuen Interpretationen angeht. „Die Funde sind spektakulär ... es ist erstklassige Archäologie“, sagt der Anthropologe Antonio Gilman, emeritierter Professor an der California State University Northridge.

Aber er stellt in Frage, ob die Pracht der Bestattung als Reichtum einer Herrscherin interpretiert werden sollte. Ebenso unklar scheint ihm, ob das Gebäude in La Almoloya als Palast betrachtet werden sollte, wo es doch viel weniger komplex war als frühbronzezeitliche Gebäude weiter östlich in Europa, wie der minoische Palast von Knossos auf Kreta. „Aber das ändert nichts an der Tatsache, dass es sich um sehr wichtige Funde handelt“, fügt er hinzu.

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

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