Essen für die Ewigkeit: Die Viktualienmumien des Alten Ägypten

Wenn der Tod kam, wie er es früher oder später immer tat, waren die altägyptischen Pharaonen und ihre Verwandten vorbereitet.

Veröffentlicht am 11. Nov. 2020, 17:43 MEZ
Auf einer Wandmalerei eines aufwendig dekorierten Grabs liefern Träger Enten, Fische und Trauben für den Verstorbenen, ...

Auf einer Wandmalerei eines aufwendig dekorierten Grabs liefern Träger Enten, Fische und Trauben für den Verstorbenen, der sie im Jenseits genießen kann. Der Grabbesitzer, ein Mann namens Menna, diente um 1380 v. Chr. als Schreiber eines Pharaos.

Bild Kenneth Garrett

Wenn der Tod kam, wie er es früher oder später immer tat, waren die altägyptischen Pharaonen und ihre Verwandten vorbereitet. Jeder von ihnen hatte Jahre damit verbracht, ein verschwenderisches Grabmal vorzubereiten, das mit allem ausgestattet war, was sie im Jenseits brauchten oder wollten – einschließlich Nahrung, die für die Ewigkeit aufbewahrt werden sollte.

Sogar Fleisch und Geflügel standen auf dem Speiseplan. Um diese leicht verderblichen Lebensmittel bis zum Ende aller Zeit schmackhaft zu halten, mumifizierten die Ägypter sie. Sie entzogen ihnen mit Salz die Feuchtigkeit, bandagierten sie und strichen das Bündel mit Harzen ein – ebenso, wie sie es mit menschlichen Körpern taten.

Im Rahmen einer Studie konnten Forscher schon 2015 eines der dafür verwendeten Harze identifizieren: Es handelt sich um den Saft eines mit der Pistazie verwandten Baumes, der auf Rinderrippchen gerieben wurde, bevor diese um 1400 v. Chr. mit den Urgroßeltern von König Tutanchamun begraben wurden. Die teure Substanz wurde aus dem heutigen Syrien und Libanon importiert und stand nur den Reichen und Mächtigen zur Verfügung. Als Grabbeigabe war sie hochgradig symbolträchtig und verdeutlichte eine grundlegende Ansicht über den Tod.

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„Sobald man tot und mumifiziert war, wurde man zu einem Gott“, sagte die Mumienexpertin Salima Ikram, eine Ägyptologin an der American University in Kairo. „Und Götter atmeten diese harzigen Substanzen ein.“

Heute wird ein ähnliches Harz namens Mastix in der mediterranen Küche verwendet, um Soßen, Käse, Kaugummi, Eiscreme, Pudding und Gebäck einen rauchigen, fast kieferartigen Geschmack zu verleihen. „Man verwendet es wie Pfeffer in Getreide [-Gerichten]“, sagt Amy Riolo, die ein Buch über die Kultur und Kulinarik Ägyptens geschrieben hat. In Griechenland und der Türkei findet man Mastix sogar in abgefülltem Wasser.

In Ägypten wird Mastix manchmal speziell gemahlenem Kaffee beigesetzt – wie Ikram eines Tages zufällig entdeckte. „Ich wollte eine Tüte Kaffee kaufen, die ich mit nach Hause nehmen wollte, und der Mann im Laden sagte: Ich gebe Ihnen meine Spezialität“, erinnert sie sich. „Er warf eine Handvoll Harzstückchen zu den Bohnen und mahlte dann alles. Der Mastix sorgt für einen ungewöhnlichen Geschmack, der ziemlich lecker köstlich ist.“

Zum Inhalt des Grabes von König Tutanchamun gehörten 48 Holzkisten mit mumifiziertem Fleisch für den Verzehr, die unter einer rituellen Liege in Form einer gefleckten Kuh gestapelt waren.

Bild Photo by Hulton Archive/Getty Images

Aus dem Grab des Urgroßvaters und der Urgroßmutter von Tutanchamun, Yuya und Tuyu, wurde eine Vielzahl von harzbeschichteten Lebensmitteln geborgen. Zum Zeitpunkt der Entdeckung im Jahr 1905 befanden sich in dem Grab noch die beiden ursprünglichen mumifizierten Insassen und ein Teil ihrer Grabbeigaben – obwohl es in der Antike mehr als einmal ausgeraubt worden war. Unter anderem entdeckten Archäologen 17 hölzerne Kisten mit Lebensmitteln, die jeweils in der Form ihres Inhalts geschnitzt waren. Da gab es zum Beispiel eine in Leinen gewickelte Kalbskeule, eine Antilopenschulter, drei Gänse, zwei Enten und kleine Vögel, möglicherweise Tauben. Yuya und Tuyu glaubten, dass ihnen diese Köstlichkeiten im nächsten Leben auf magische Weise zur Verfügung stehen würden.

Ikram bezeichnet solche alten Fleischgerichte als „Viktualienmumien“. Es ist eine der vier Bezeichnungen, die sie verwendet, um Lebewesen zu kategorisieren, die gezielt nach dem Tod konserviert wurden.

Die bekannteste Gruppe sind natürlich die Mumien von Menschen – meist Pharaonen, Adlige und hohe Beamte. Diese Angehörigen der Oberschicht konnten sich den arbeitsintensiven Prozess der Mumifizierung am ehesten leisten. Eine professionelle Mumifizierung dauerte bis zu 70 Tage. Außerdem kamen dabei teure Zutaten wie Natron sowie exotische Öle und Harze zum Einsatz.

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Gelegentlich mumifizierten Menschen auch ihre Haustiere – eine weitere von Ikrams Kategorien –, damit die Tiere sie in das nächste Leben begleiten konnten.

Und schließlich wurden viele Millionen Tiere – darunter Hunde, Katzen, Ibisse, Paviane, Spitzmäuse und Schlangen – speziell gezüchtet, um mumifiziert und dann den Göttern mit einem Gebet dargebracht zu werden. Diese wurden in späteren pharaonischen Zeiten, beginnend mit der 26. Dynastie um 664 v. Chr., sehr beliebt. Ikram nennt sie „Votivmumien“.

Die umfangreichste Sammlung an Viktualienmumien und anderen Vorräten für das Leben nach dem Tod stammt aus dem Grab von Tutanchamun selbst.

Der britische Archäologe Howard Carter entdeckte im November 1922 die letzte Ruhestätte des jugendlichen Pharaos. Sie ist heute als KV62 bekannt – das 62. Grab, das im Tal der Könige gefunden wurde, dem Friedhof der Pharaonen und Adligen aus der 18., 19. und 20. Dynastie.

Ein Beamter namens Nakht wollte sicherstellen, dass er im Jenseits etwas Schönes zu trinken haben würde. Die Wandmalereien in seinem Grab zeigen Szenen von der Weinlese und dem Stampfen des Weins, der in hohen Keramikgefäßen mit Henkeln aufbewahrt wurde.

Bild Kenneth Garrett.

KV62 war ebenfalls ausgeraubt worden. Was übrig blieb, war eine beeindruckende Reihe von königlichen Beigaben: 5.398 Objekte, darunter die berühmte Maske aus massivem Gold, für deren Durchsicht Carter ein Jahrzehnt brauchte. Mittlerweile sind alle Objekte online katalogisiert und zusammen mit Carters handschriftlichen Notizen auf der Website des Griffith-Instituts an der University of Oxford einsehbar.

Verstreut inmitten der anderen Schätze von Tutanchamun entdeckte Carter die Zutaten für königliche Festmahle im Jenseits: Mehr als 100 kunstvoll geflochtene Körbe enthielten die Reste pflanzlicher Lebensmittel wie Weizen und Gerste, Brotlaibe, Maulbeerfeigen, Datteln, Melonen und Weintrauben.

Tuutanchamun war offenbar eine Naschkatze. Ein fast 20 Zentimeter hohes Keramikgefäß enthielt die Reste einer Flüssigkeit, die für Carter wie Honig aussah.

Der Pharao wusste auch, wie man sich amüsiert. Andere Gefäße enthielten Weine. Jedes war mit dem Weinberg, auf dem die Trauben angebaut wurden, dem Chefwinzer und dem Jahr der Herrschaft des Pharaos, in dem der Wein hergestellt wurde, beschriftet. Zumindest ein Teil davon war Rotwein, der durch Hightech-Tests von Rückständen aus einem der Gefäße identifiziert wurde.

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Für fleischliche Mahlzeiten war ebenfalls gesorgt worden: Vier Dutzend Holzkisten enthielten eine Vielzahl von Viktualienmumien – viele Rindfleischstücke am Knochen, neun Enten, vier Gänse und verschiedene kleine Vögel. Es fehlten hingegen Fische, obwohl der Nil voll davon war. „Für die Opfergaben wurde die hochwertigste Nahrung verwendet, denn das ist für die Ewigkeit“, erklärt Ikram. „Fische sind nett, aber sie stehen nicht auf der Liste der Opfergaben, weil sie nicht das beste Essen sind.“ Dasselbe gilt für Schweine und Schafe. Diese Fleischsorten gehörten zur normalen Ernährung, aber anscheinend konnte sich niemand vorstellen, sich in der Ewigkeit danach zu sehnen.

„Es gibt schöne Stücke vom Geflügel“, sagt Ikram. „Und Rindfleisch. Ausgewählte Stücke mit den fleischigsten Teilen. Leckere Stücke, die sie abschnitten. Sie schnitten die Beine ab, um die schönen fleischigen Teile zu behalten, nicht die sehnigen Schienbeine.“

Mit anderen Worten: Die Menschen packten ihre ewigen Picknickkörbe mit einer Gourmet-Wunschliste jener Dinge, von denen sie wussten, dass sie sie für immer und ewig genießen würden.

„Ob man es im Leben regelmäßig aß oder nicht, spielte keine Rolle“, sagt Ikram, „denn man aß es für die Ewigkeit.“

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

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