Herpes-Boom in der Bronzezeit

Eine neue Studie belegt, dass sich das Herpes-simplex-Virus vor rund 5.000 Jahren in der menschlichen Bevölkerung stark zu verbreiten begann. Der Grund dafür liegt laut Forschenden vermutlich in einer kulturelle Praxis, die damals nach Europa kam.

Von Katarina Fischer
Veröffentlicht am 1. Aug. 2022, 10:33 MESZ
Herpesviren in Detailansicht.

Das Virus HSV-1 begleitet den Menschen schon seit Beginn seiner Existenz, war aber nicht immer so weitverbreitet wie heute. Einer neuen Studie zufolge hat diese Entwicklung erst in der Bronzezeit vor rund 5.000 Jahren ihren Anfang genommen.

Foto von Kateryna Kon / Adobe Stock

Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation sind zwei Drittel der Weltbevölkerung unter 50 Jahren Träger von HSV-1. Das Herpes-simplex-Virus löst in den meisten Fällen lediglich gelegentliche Lippenbläschen aus – in Kombination mit anderen Krankheiten kann eine Infektion aber durchaus einen schweren Verlauf nehmen. Vor dem Erreger ist kaum eine Spezies sicher: Infektionen wurden von Fledermäusen bis hin zu Korallen bei diversen Arten nachgewiesen. Weil außerdem jede Primatenart eine Form von Herpes in sich trägt, kann davon ausgegangen werden, dass das Virus auch Homo sapiens von Beginn seiner Existenz an begleitet hat.

Die starke Verbreitung von HSV-1 in der heutigen menschlichen Bevölkerung ist klar belegt, doch antike Hinweise auf die Infektion gibt es kaum. „Bisher reichten die genetischen Daten für Herpes nur bis ins Jahr 1925 zurück“, sagt Charlotte Houldcroft, Genetikerin an der Cambridge University in England.

Um das zu ändern, hat ein internationales Forschungsteam unter Houldcrofts Leitung nun rund 3.000 archäologische Funde auf das Virus hin untersucht und das Genom der altertümlichen Varianten von HSV-1 sequenziert. Die Forschungsergebnisse wurden in einer Studie in der Zeitschrift Science Advances veröffentlicht.

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Antikes Herpes-Genom erstmals sequenziert

„Durch den Vergleich antiker DNS mit Herpesproben aus dem 20. Jahrhundert konnten wir die Unterschiede analysieren und eine Mutationsrate und damit einen Zeitrahmen für die Evolution des Virus abschätzen“, erklärt Dr. Lucy van Dorp, Genetikerin am UCL Genetics Institute des University College in London. So zeigte sich, dass der Stamm des Virus, den wir heute kennen, vor etwa 5.000 Jahren entstanden ist. Verbreitet hat er sich durch die großen Völkerwanderungen der Bronzezeit, als die Menschen von den Steppen Eurasiens nach Europa zogen. Der damit verbundene Bevölkerungsboom ließ die Übertragungsraten in die Höhe schnellen.

Die Suche nach vorgeschichtlichen Herpesproben glich allerdings einer Suche nach der berühmten Nadel im Heuhaufen dar: Unter den 3.000 entnommenen Proben gab es nur vier Treffer. Die älteste Probe stammt von einem Mann, dessen Überreste in der russischen Uralregion gefunden wurden – er lebte in der späten Eisenzeit vor rund 1.500 Jahren. Zwei weitere positive Befunde fanden sich in den Zahnwurzeln einer Frau aus dem 6. bis 7. Jahrhundert n. Chr. und eines Mannes aus dem 14. Jahrhundert n. Chr., die beide in Cambridge gelebt hatten. Die vierte Probe stammte von einem Mann, der wahrscheinlich bei einem Angriff der Franzosen auf sein Dorf am Rheinufer im Jahr 1625 starb. 

Küssen verboten?

Die Übertragung von HSV-1 fand in der menschlichen Vorgeschichte zunächst wohl hauptsächlich „vertikal“ statt – das bedeutet, derselbe Stamm wurde von einer infizierten Mutter auf ihr neugeborenes Kind übertragen. Dadurch war die Mutationsrate eher niedrig. „Vor etwa 5.000 Jahren geschah jedoch etwas, das es einem Herpesstamm ermöglichte, alle anderen zu überholen“, sagt Studienautorin Christiana Scheib, Forschungsstipendiatin an der Universität Cambridge und Leiterin des Labors für alte DNA an der Universität Tartu. Als Auslöser der Blütezeit von Herpes simplex in der Bronzezeit, haben die Forschenden bereits einen logischen Kandidaten ausgemacht: den romantischen Kuss.  

Die frühesten bekannten Hinweise auf das Küssen stammen aus einem Manuskript aus dem bronzezeitlichen Südasien. Die Studienautoren vermuten, dass dieser Brauch, der bei Weitem nicht in allen Kulturen etabliert ist, mit der Migration von Eurasien nach Europa in den Westen gelangt ist. Hinweise darauf, dass bereits den Menschen der Antike das Küssen als Übertragungsweg für Herpes bekannt war, finden sich in einem Dekret des römischen Kaisers Tiberius aus 1. Jahrhundert n. Chr., in dem das Küssen bei offiziellen Anlässen verboten wurde, um die Ausbreitung von Krankheiten zu unterbinden.

Langsame Mutationsrate: Viren mit langer Geschichte

Die langsame Mutationsrate unterscheidet HSV-1 von anderen Viren wie zum Beispiel COVID-19, die sich innerhalb weniger Monate oder Wochen verändern. Die Erkenntnisse der Studie zu dem Tempo, mit dem Viren ihre Form ändern, können für ihre weitere Erforschung sehr wertvoll sein. Doch gerade bei langsam mutierenden Erregern ist ein Blick in die Vergangenheit unverzichtbar. „Nur anhand von Genproben, die Hunderte oder gar Tausende von Jahren alt sind, können wir verstehen, wie sich DNS-Viren wie Herpes und Affenpocken sowie unser eigenes Immunsystem aneinander anpassen“, sagt Charlotte Houldcroft.

Aus diesem Grund plant das wissenschaftliche Team als nächstes, Herpes simplex noch weiter zurückzuverfolgen und die Krankheit bei frühen Hominiden zu untersuchen. „Der Neandertaler-Herpes ist der nächste Berg, den ich erklimmen möchte“, sagt Christiana Scheib.

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