Kranke Merowinger: Frühmittelalterliches Dorf von Lepra und Hepatitis geplagt

Untersuchungen an 1.300 Jahre alten Skeletten aus einer mittelalterlichen Merowinger-Siedlung zeigen, wie sehr die Bewohner an Lepra, Hepatitis B und Ringelröteln litten. Auch Klimaveränderungen spielten bei der Häufigkeit der Krankheiten eine Rolle.

Von Lisa Lamm
Veröffentlicht am 23. Dez. 2022, 09:06 MEZ
Schädel des Kranken in einer Nahaufnahme.

An diesem Individuum konnten gleich drei Infektionen nachgewiesen werden, darunter eine der bislang ersten in Deutschland nachgewiesenen Lepra-Infektionen.

Foto von Isabelle Jasch-Boley

Dass die Lebenserwartung im Frühmittelalter im Vergleich zu heute nicht besonders hoch war, ist bekannt. Noch wenig erforscht sind allerdings die Pathogene – also Krankheitserreger –, die damals zu der hohen Sterblichkeit in der Bevölkerung führten.

DNA-Analysen von Skeletten aus einer Merowinger-Siedlung nahe dem heutigen Lauchheim sollen bei der Aufschlüsselung nun helfen. „Diese Untersuchungen gewähren Einblicke in die Vielfalt und Häufigkeit von Infektionskrankheiten in einer ländlichen Gemeinde im späten 7. und 8. Jahrhundert n. Chr.“, heißt es in der Studie, die unter anderem von Forschenden der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU) durchgeführt wurde und im Fachmagazin Genome Biology erschien.

Dabei ziehen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler Verbindung zwischen der hohen Infektionsrate der untersuchten Merowinger und den klimatischen Veränderungen, die zu jener Zeit in Europa geschahen: der sogenannten Spätantiken Kleinen Eiszeit.

Lepra, Hepatitis B und Ringelröteln

Die Merowingerzeit reicht vom späten fünften Jahrhundert bis etwa in das Jahr 751 n. Chr. und wurde nach dem ältesten Königsgeschlecht der Franken – den Merowingern – benannt. Für ihre Studie nutzte das Forschungsteam um Joanna Bonczarowska, Biologin an der CAU, 70 Skelette aus jener Zeit, die in einem Gräberfeld der alamannischen Siedlung Mittelhofen entdeckt wurden. Mithilfe von DNA-Analysen testete das Team die etwa 1.300 Jahre alten Skelette jeweils auf vier mögliche Krankheiten: Lepra, Hepatitis, Pocken und Ringelröteln.

Dabei fanden die Forschenden bei 22 der 70 untersuchten Individuen mindestens einen der Krankheitserreger – am häufigsten Ringelröteln und Hepatitis B. Zusätzlich müssen sieben der 22 Individuen zu Lebzeiten an gleich zwei der vier Krankheiten gelitten haben und eine Person sogar an drei der Infektionskrankheiten: nämlich Ringelröteln, Hepatitis B (HBV) und – als einziger der untersuchten Bewohner – sogar an Lepra. Damit ist er einer der ersten bisher nachgewiesenen Lepra-Fälle in Deutschland.

Und damit nicht genug. Insgesamt zeigten die Knochen einer großen Mehrheit aller 70 Individuen – 95 Prozent der Infizierten und 85 Prozent der Nicht-Infizierten – Indikatoren für hohen körperlichen Stress. „Diese Ergebnisse weisen auf einen insgesamt schlechten Gesundheitszustand der Gemeinschaft hin“, so die Forschenden. Zumal die Individuen bislang nur auf vier Krankheiten getestet wurden. „Andere Arten von Krankheiten wie Erb-, Stoffwechsel- und Ernährungskrankheiten oder Krebs wurden in dieser Untersuchung nicht berücksichtigt“, heißt es in der Studie. 

Hohe Infektionslast durch klimatische Veränderungen

Den Bewohnern der Siedlung Mittelhofen schien es allgemein also nicht gut zu gehen. „Sieben Prozent der Erwachsenen und 26,6 % der Subadulten hatten eine HBV-Infektion, eine Prävalenz, die heute als endemisch gilt“, so die Forschenden. Bonczarowska gibt allerdings zu bedenken: „Obwohl diese Zahl sehr hoch ist, spiegelt sie nicht die Krankheitslast zu einem bestimmten Zeitpunkt wider. Die Datierung der Gräber deutet darauf hin, dass das Gräberfeld etwa ein Jahrhundert lang genutzt wurde, also drei bis vier Generationen. Das muss bei der Interpretation berücksichtigt werden.“ Dennoch sind die Forschenden sicher, dass die Infektionslast in Mittelhofen hoch war – womöglich noch höher als ihre Untersuchungen zeigen.

Ein Grund für den schlechten Gesundheitszustand der Siedlungsbewohner ist laut den Studienautorinnen und -autoren womöglich die Klimaveränderung zwischen dem 5. und 7. Jahrhundert n. Chr. „Zu dieser Zeit erlebte Europa einen rapiden Klimaverfall, der als Spätantike Kleine Eiszeit bekannt ist. Klimaveränderungen können zu Ernteausfällen und schließlich zu Hungersnöten führen“, sagt Almut Nebel, Co-Autorin der Studie Molekularbiologin an der CAU. Diese wiederum führen zu einer geschwächten Bevölkerung – und damit auch zur Verbreitung von Krankheiten. 

Das könne man zu einem gewissen Grad auch heute beobachten: Veränderungen des Klimas spielen eine große Rolle beim Auftreten, Wiederauftreten und der Übertragung von Infektionskrankheiten – damals wie heute.

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