Warum Archäologen ihre Funde wieder eingraben

Eine mittelalterliche Straße in Köln, ein Amphitheater in der Schweiz oder ein römisches Badehaus – immer wieder werden spektakuläre archäologische Funde wieder zugeschüttet. Wir erklären warum.

Von Lisa Lamm
Veröffentlicht am 14. Sept. 2023, 10:14 MESZ
Mehrer Studierende stehen auf den ausgegrabenen Mauern und bücken sich.

Studierende der Newcastle University bei Grabungsarbeiten im römischen Kastell Birdoswald. Die hier freigelegte Struktur ist mittlerweile wieder eingegraben worden.

Foto von Historic England 2023

Anfang 2023 wurden im Rahmen von Bauarbeiten am Kölner Neumarkt die Reste einer mittelalterlichen Straße gefunden. Für die archäologischen Grabungen wurde das Bauvorhaben, die Errichtung eines neuen Brunnens, kurzzeitig gestoppt – bald allerdings wieder aufgenommen. Ende 2023 soll die Straße wieder zugeschüttet und der Brunnen dort gebaut werden, wo im Mittelalter einst Menschen über die alten Steine liefen.

Dass archäologische Funde nach ihrer Entdeckung wieder eingegraben werden, kommt nicht selten vor. Erst in diesem Sommer war ein römisches Badehaus an der Ausgrabungsstelle Hadrian’s Wall in England ein letztes Mal für Besuchende zugänglich, bevor es wieder unter Sand und Erde verschwand. Und über einem 2021 entdeckten, spektakulären Fund aus der Römerzeit in der Schweiz steht nun ein Bootshaus.

Doch wieso werden archäologische Funde oft wieder eingegraben? Und wer entscheidet, was bleibt und was nicht?

Welche Funde werden wieder eingegraben?

Einer der häufigsten Gründe für die Eingrabung von zuvor freigelegten Funden ist der Versuch, das Entdeckte möglichst lange zu erhalten. So beispielsweise bei dem römischen Badehaus, das im Kastell Birdoswald am Hadrian’s Wall entdeckt wurde. Dessen Instandhaltung hätte mehrere Millionen Pfund gekostet, sagt Tony Wilmott, Archäologe bei der staatlichen Denkmalpflegebehörde Englands, gegenüber der BBC. Da es derartige Ressourcen aktuell nicht gebe, müsse die Erde helfen, das Bauwerk zu erhalten. 

Diese Methode wird auch dann gewählt, wenn das archäologische Knowhow oder die Technologie für die Untersuchung eines Fundes nicht ausreichen. So im Falle einer eisenzeitlichen Höhle im Kreis Konstanz, die bereits im Jahr 1987 entdeckt wurde und damals wieder vergraben wurde, um die Untersuchung zukünftigen Generationen zu überlassen. Die Ausgrabungen an dieser Stelle wurden erst im Jahr 2021 wieder aufgenommen, als es mithilfe nicht-invasiver Bodenuntersuchungen möglich war, die Höhle genauer zu untersuchen. Solche Methoden standen zur damaligen Zeit nicht zur Verfügung.

Funde, die im Rahmen von Bauarbeiten entdeckt werden

Wie im Fall der mittelalterlichen Straße in Köln kommt es außerdem nicht selten vor, dass bedeutende archäologische Funde ganz zufällig im Rahmen von Bauarbeiten gemacht werden. In diesen Situationen muss oft alles ganz schnell gehen – damit geplante und bereits bezahlte Bauvorhaben nicht allzu lange unterbrochen werden. In solchen Fällen werden bewegbare Funde meist für eine spätere Untersuchungen entnommen, darunter Artefakte oder Skelette. Der Befund – also die nicht entnehmbaren Strukturen wie Mauern und die ursprüngliche Verfüllung – wird unterdessen vor Ort untersucht und ausführlich dokumentiert. 

Damit die Bauarbeiten dann weitergehen können, versuchen Archäolog*innen meist einen Kompromiss zu finden, der sowohl die archäologische Substanz des Fundes erhält als auch die Fortsetzung des Bauvorhabens ermöglicht. Dazu wird der Fund zunächst wieder aufgeschüttet und möglicherweise ein Teil des Bauplans geändert – bevor an dem Ort das geplante moderne Bauwerk entsteht. 

Wer übernimmt die Kosten?

Die Kosten für die archäologischen Maßnahmen trägt in Deutschland in solchen Fällen in der Regel der Bauherr. Für die Aufschüttung der Funde gibt es außerdem konkrete Richtlinien, die Material und Vorgehen vorschreiben. „[Die Verfüllung] muss beständig sein, darf die archäologischen Überreste nicht beschädigen, keine neuen Materialien in die Stätte einbringen und muss für zukünftige Archäologen sichtbar sein“, schreibt die staatliche Denkmalpflegebörde Englands in einem Informationspapier. Genutzt wird deshalb meist das Material, das die Funde zuvor auch umgab. Zusätzlich werden geeigneter Sand, Kies, Splitt oder eine Mischung daraus verwendet. 

Weniger Ausgrabungen, mehr Bodendurchleuchtung

Siedlungsstrukturen der römischen Stadt Falerii Novi in einer Tiefe von etwa 75 bis 80 Zentimetern unter der Erde.

Foto von Verdonck, L., Launaro, A., Vermeulen, F., & Millett, M., Antiquity

Generell wird heute oft vermieden, neue Fundstätten komplett oder überhaupt auszugraben. Gängig ist es, den Boden an einer möglichen Fundstätte zunächst mit modernen, nicht-invasiven Methoden zu untersuchen und so zu kartieren. So werden oft alte Siedlungsstrukturen untersucht, die an Orten liegen, an denen sich heute Wälder, Felder oder moderne Bauten befinden. Erst im Juni 2020 hatte ein Forschungsteam der Universitäten Cambridge und Gent mithilfe eines Bodenradars eine komplette ehemalige römische Stadt in Italien kartiert – ganz ohne Grabungen.

Dann werden in vielen Fällen nur einige Teile des unter der Erde verborgenen Fundes ausgegraben – und zwar jene, die die meisten Erkenntnisse oder Artefakte versprechen. Teilweise werden auch diese nach der Untersuchung wieder zugeschüttet – um wenig zu zerstören und die Stätte zukünftigen Archäolog*innen möglichst unverändert zu überlassen.

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