Mysteriöse Bronzenadel zeigt Mann mit zwei Gesichtern

Im norddeutschen Menzlin haben Archäolog*innen eine 1.200 Jahre alte Bronzenadel mit einer rätselhaften Darstellung eines Mannes am Nadelkopf gefunden. Möglicherweise handelt es sich dabei um eine berühmte Gottheit.

Von Lisa Lamm
Veröffentlicht am 6. Dez. 2023, 08:42 MEZ
Ansicht der bronzenen Nadel aus vier Perspektiven. Zwei Seiten zeigen die Darstellung eines menschliches Gesichts.

Eine in Menzlin gefundene Bronzenadel wirft Fragen auf: Wessen Gesicht schmückt das Objekt?

Foto von LAKD M-V, Landesarchäologie, Andreas Paasch

Funde von Objekten mit Menschendarstellungen aus der Frühgeschichte sind äußerst selten und für Archäolog*innen etwas ganz Besonderes. So auch die Bronzenadel aus dem 8. Jahrhundert n. Chr., die im letzten Jahr in Menzlin im Landkreis Vorpommern-Greifswald gefunden wurde: Ihr oberes Ende ziert die Darstellung eines männlichen Kopfes mit doppeltem Gesicht.  

Auch deswegen wurde die Nadel im November 2023 von Michaela Helmbrecht, Archäologin beim Landesamt für Kultur und Denkmalpflege Mecklenburg-Vorpommern (LAKD-MV), als Fund des Monats präsentiert. 

Männerkopf mit zwei Vögeln

Entdeckt wurde das Artefakt bereits im Jahr 2022 bei Ausgrabungen auf dem Gelände eines frühmittelalterlichen Seehandelsplatzes in Menzlin im Landkreis Vorpommern-Greifswald. Ingo Westphal, ehrenamtlicher Mitarbeiter bei der Bodendenkmalpflege, war es, der das 7,3 Zentimeter lange Objekt damals fand. Die Verzierung, die den oberen Teil der Nadel schmückt, ist bis heute gut zu erkennen: Sie stellt einen Männerkopf mit zwei Gesichtern und kräftigem Haar dar, auf dem ein Vogel sitzt.

Ähnliche Darstellungen von Männerköpfen in Verbindung mit zwei Vögeln wurden bislang vor allem in nordischen Ländern wie Schweden, Dänemark und Schottland gefunden. Hier abgebildet: Ein Kopf mit nach außen blickenden Vogeldarstellungen auf einem Gerätegriff aus Gotland vom 6.-8. Jahrhundert.

Foto von LAKD M-V nach Nerman 1969, Taf. 123,1099

Helmbrecht zufolge lassen die schiefe Position des Vogels sowie eine Bruchstelle zu seinen Füßen vermuten, dass ehemals zwei symmetrische Vögel auf der januskopfartigen – also doppelgesichtigen – Darstellung saßen.

Durch den Vergleich mit ähnlichen Funden aus nördlichen Ländern wie Schweden oder Schottland war es möglich, die Nadel grob auf das 8. Jahrhundert zu datieren. Zu den optischen Gemeinsamkeiten all dieser Artefakte zählen laut Helmbrecht vor allem „die mandel­förmigen Augen, die dreieckige Kopfform mit dem deutlichen Scheitel und die Form des Bartes“.

Soll die Verzierung Odin darstellen?

Doch wen genau soll die Verzierung darstellen? Eine These der Archäolog*innen: Bei dem Mann und den zwei Vögeln handelt es sich um den nordischen Gott Odin und seine Raben Hugin und Munin. Der Sage nach sandte Odin diese jeden Tag aus, um Informationen aus aller Welt für ihn einzuholen.

Nicht nur die Darstellung selbst, sondern auch der historische Kontext, aus dem die Nadel stammt, sprechen für diese Theorie. Mit der Datierung ins 8. Jahrhundert sei man „zeitlich schon recht nahe an den frühesten schriftlichen Überlieferungen, die von Odin, Hugin und Munin berichten“, so Helmbrecht.

Allerdings gibt es in der Mythologie auch andere Figuren, die als Kopf mit zwei Gesichtern dargestellt werden, darunter beispielsweise der slawische Gott Svantevit. Somit kann derzeit nicht mit Sicherheit bestimmt werden, wer die Bronzenadel ziert. An dem besonderen Status des Fundstücks ändert dieses noch ungelöste Rätsel jedoch nichts.

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