Historische Lichtgestalten: Fünf Genies aus Deutschland

Wenn Menschen Bahnbrechendes erschaffen, spricht man von Genies. Beispielhaft dafür stehen diese fünf legendären Persönlichkeiten. Ihre Errungenschaften beeinflussen bis heute Wissenschaft, Kultur und Alltag.

Von Jens Voss
Veröffentlicht am 15. Jan. 2024, 08:56 MEZ
Der etwa fünfjährige Albert Einstein im Jahr 1884

Der etwa fünfjährige Albert Einstein im Jahr 1884

Foto von Gemeinfrei

5 historische Genies aus Deutschland

Was macht einen Menschen zum Genie? Der Philosoph Arthur Schopenhauer, von vielen selbst als Genie verehrt, formulierte es pathetisch: „Das Genie trifft in seine Zeit, wie ein Komet in die Planetenbahnen.“ Der Duden bleibt nüchterner und spricht von „äußerst begabten, schöpferischen Menschen.“

Genies erschaffen etwas Einzigartiges, statt bereits Existierendes nur nachzuahmen oder zu verändern. Das hat oft weniger mit Naturtalent zu tun als mit harter Arbeit. Albert Einstein hat über sich gesagt: „Ich habe keine besondere Begabung, sondern bin nur leidenschaftlich neugierig.“ 

Albert Einstein (1879-1955)

Der Physiker und Nobelpreisträger gilt vielen als genialster Wissenschaftler aller Zeiten. Das US-Magazin „Time“ kürte ihn zur Person des Jahrhunderts. Albert Einstein war schon zu Lebzeiten eine Legende mit Kultstatus. Seine bahnbrechenden Arbeiten haben die Wissenschaft revolutioniert und das Verständnis von Raum, Zeit und Energie grundlegend verändert – selbst, wenn seine Gedanken den meisten Menschen wahrscheinlich ein ewiges Rätsel geblieben sind. 

Einsteins geniale Denkweise manifestierte sich in seiner speziellen und allgemeinen Relativitätstheorie. Die Gleichung E=mc², die die Äquivalenz von Masse und Energie beschreibt, ist zu einem Symbol für seine Genialität geworden.

Was Einstein von vielen anderen Wissenschaftlern abhob, war nicht nur seine Fähigkeit, komplexe naturwissenschaftliche Konzepte zu verstehen, sondern auch seine Kreativität. Das berühmte „Gedankenexperiment mit dem Fahrstuhl“ half ihm, abstrakte Ideen zu visualisieren und neue Erkenntnisse zu gewinnen.

Kurz nach Einsteins Tod am 18. April 1955 in Princeton entnahm ein amerikanischer Pathologe heimlich das Gehirn des Genies und ließ es konservieren. Durch Untersuchung des Organs erhoffte man sich Rückschlüsse auf die außerordentliche Begabung des Wissenschaftlers. Doch lässt sich Genialität anhand von anatomischen Merkmalen erkennen? Der ethisch höchst umstrittene Eingriff brachte keine nennenswerten Ergebnisse. Einstein selbst hatte behauptet: „Es ist nicht so, dass ich so schlau bin. Aber ich bleibe viel länger bei den Fragen.“

Albert Einstein während eines Besuchs in Washington, D.C. in den 1920ern.
Foto von Harris & Ewing, Library of Congress

Johann Sebastian Bach (1685-1750)

Was Einstein für die modernen Naturwissenschaften, das war Johann Sebastian Bach für die Musik. Ohne den Superstar des Barock würde sie heute anders klingen. Wie wohl kein anderer Komponist gelang es dem Eisenacher, strengste musikalische Ordnung und größtmögliche Freiheit in Einklang zu bringen. Bach war der erste Komponist, der die Mehrstimmigkeit (Polyphonie) zur Perfektion führte. Kompositionen wie die „Toccata und Fuge in d-Moll“ sind nicht nur technisch anspruchsvoll, sondern zeugen auch von einer kühnen Kreativität. Die Art und Weise, wie er Harmonien, Kontrapunkte und Melodien verwebte, setzte neue Maßstäbe für die Musik.

Ein weiteres Paradebeispiel für Bachs Genialität ist das „Wohltemperierte Klavier“. Diese Sammlung von Präludien und Fugen in allen Dur- und Molltonarten demonstriert seine unvergleichliche Fähigkeit, komplexe musikalische Ideen in einem klar durchdachten Rahmen zu präsentieren. Sein 1743 komponiertes „Weihnachtsoratorium“ ist auch fast 300 Jahre später immer noch in Millionen Haushalten an Heiligabend zu hören.

Bach war aber nicht nur ein begnadeter Komponist, sondern auch ein virtuoser Organist. Es heißt, dass er oft während Gottesdiensten am Klavier improvisierte. Er vereinte das Göttliche mit dem Irdischen. Kein Wunder, dass auch Einstein zu den Fans des Großmeisters gehörte. In einem Interview mit einer Zeitschrift soll er erklärt haben: „Was ich zu Bachs Lebenswerk zu sagen habe: Hören, spielen, lieben, verehren und – das Maul halten!“

Johann Sebastian Bach im Jahr 1746 (Ausschnitt eines Ölgemäldes von Elias Gottlob Haußmann)

Foto von Gemeinfrei

Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832)

Auch Johann Wolfgang von Goethe war schon zu Lebzeiten ein Star. Bis heute gehören seine Werke zu den wichtigsten der Weltliteratur. Goethe selbst gilt als bedeutendster deutscher Literat. Sein Schaffen umfasst Dramen, Romane, Gedichte und wissenschaftliche Abhandlungen. Er ist der Begründer der „Sturm und Drang“-Bewegung und neben Friedrich Schiller wichtigster Vertreter der „Weimarer Klassik“.

Goethes berühmtestes Werk ist zweifellos der „Faust“. Die Tragödie, die über mehrere Jahrzehnte entstand, ist ein Meisterwerk der Weltliteratur. Goethe vereinte darin tiefgründige philosophische Überlegungen mit dichterischer Brillanz und schuf ein Werk, das die menschliche Existenz, das Streben nach Wissen und die Dualität von Gut und Böse beleuchtet.

Auch „Die Leiden des jungen Werther“ revolutionierte die europäische Literatur. Goethe setzte auf das literarische Genre des Briefromans, um die emotionalen Höhen und Tiefen seines Protagonisten zu  vermitteln. Das Werk löste eine Welle der Begeisterung und Nachahmung aus, prägte den Sturm und Drang und beeinflusste damit die Entwicklung der Romantik. In seinem klassischen Bildungsroman „Wilhelm Meisters Lehrjahre“ reflektierte Goethe über Kunst, Moral und das Streben nach einem erfüllten Leben. 

Auch als Naturforscher zeigte Goethe eine geniale Vielseitigkeit. Seine umfassenden Studien zur Morphologie von Pflanzen, dargestellt in „Die Metamorphose der Pflanzen“, brachten dem Dichterfürst große Anerkennung in wissenschaftlichen Kreisen.

Johann Wolfgang von Goethe im Jahr 1828 (Ausschnitt eines Ölgemäldes von Joseph Karl Stieler)

 

 

Foto von Gemeinfrei

Hildegard von Bingen (1098-1179)

Sie gilt als eine der faszinierendsten Persönlichkeiten des Mittelalters: Hildegard von Bingens Genialität erstreckt sich von Theologie und Musik bis hin zu Medizin und Naturwissenschaften. Ihre bekannteste theologische Schrift „Scivias“ enthält komplexe Darstellungen und Interpretationen mystischer Visionen. Die Benediktinerin komponierte eine Vielzahl von liturgischen Gesängen, die sie als bedeutende Komponistin des Mittelalters hervorstechen lassen.

Darüber hinaus war Hildegard von Bingen eine Pionierin der Naturheilkunde. Ihr Werk „Physica“ ist eine umfassende Wissenssammlung über Kräuter, Mineralien und Heilpflanzen. Ihre Abhandlungen über gesunde Ernährung finden bis heute Anklang bei vielen Menschen. Hildegard empfahl Sellerie und Kichererbsen, würzte mit Ingwer und Galant und kochte Porridge aus Hafer, Hirse und Buchweizen – fast 1.000 Jahre, bevor all das als Superfood gefeiert wurde. Ja, sie soll sogar Glückskekse mit anregender und nervenstärkender Wirkung gebacken haben.

Mit ihrem Wissensfundus hatte die Gründerin des Nonnenklosters auf dem Rupertsberg eine neue Form der Klostermedizin erschaffen – und dabei offenbar vieles richtig gemacht. Immerhin wurde Hildegard von Bingen für damalige Verhältnisse fast unvorstellbare 80 oder 81 Jahre alt.

Alles in allem verband sie Religion, Kunst, Medizin und Ernährung zu einem großen Ganzen. Die katholische Kirche hat die Universalgelehrte 2012 offiziell heiliggesprochen. Schon zu Lebzeiten galt sie vielen als Heilige – in einem dunklen Zeitalter, in dem mächtige Männer das Sagen hatten. 

Hildegard von Bingen empfängt eine göttliche Inspiration (um 1180).

Foto von Gemeinfrei

Immanuel Kant (1724-1804)

Der Philosoph aus Königsberg zählt zu den einflussreichsten Denkern der Weltgeschichte. Was kann ich wissen? Was soll ich tun? Was darf ich hoffen? Was ist der Mensch? So einfach klingen die berühmten vier Fragen, aus denen Immanuel Kant seine komplexe Philosophie der Aufklärung ableitete. Sein wohl bedeutendstes Werk trägt den Titel „Kritik der reinen Vernunft". Vielen gilt es als größtes Werk der europäischen Philosophie. Kant untersuchte darin die Bedingungen für Erkenntnis. Was sind die Grundlagen des Wissens? Wo liegen die Grenzen? Kant betonte: Wissen kann auch auf reinem Denken, ohne tatsächliche Erfahrungen, beruhen.

Seine „Kritik der praktischen Vernunft“ zeigt Kants Wirken auf dem Gebiet der Ethik. Hier entwickelte er seinen kategorischen Imperativ. Die Idee, dass Handlungen nur dann moralisch richtig seien, wenn sie als allgemeines Gesetz gelten könnten, beeinflusste maßgeblich die Entwicklung der ethischen Philosophie. Eine Theorie des Schönen entwarf er schließlich in der „Kritik der Urteilskraft“. Der dritte und letzte Teil seiner „Kritiken“ sollte die Bereiche des Erkennens („reine Vernunft“) und des Handelns („praktische Vernunft“) zur Versöhnung führen. 

Kants Genialität zeigte sich ebenso in seiner politischen Philosophie. In seinem Werk „Zum ewigen Frieden“ skizzierte er eine Vision für eine gerechte internationale Ordnung. Damit prägte er das moderne Verständnis von Frieden und Völkerrecht. Erst kürzlich schrieb „Die Zeit“, das Werk des Friedensphilosophen sei aktueller denn je. Wer die Kriege der Welt beenden wolle, müsse seine Bücher lesen.

Immanuel Kant im Jahr 1768 (Ausschnitt eines Ölgemäldes von Johann Gottlieb Becker)

Foto von Germeinfrei
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