PERPETUAL PLANET

Kein CO2 im Land von Shangri-la

Die strengen Umweltschutzmaßnahmen in Bhutan sind für die Einwohner kein Problem: Sie behandeln das Land und seine Tiere mit Respekt und Fürsorge. Montag, 2 Juli

Von Sarah Gibbens
Bilder Von Ciril Jazbec

Bhutan ist ein kleines Land. Es hat ungefähr die Größe der Schweiz und ähnlich viele Berge, liegt allerdings weitaus abgeschiedener. Im Süden grenzt es an Indien, während im Norden der gewaltige Himalaya den Weg versperrt. Vor dem Jahr 1974 war Bhutan für Touristen und die meisten Außenseiter nicht zugänglich, und selbst heute noch werden immer nur jeweils ein paar wenige Touristen gegen eine Gebühr ins Land gelassen.

Das kleine Königreich in den Bergen beheimatet eine blühende alte Kultur und wartet mit einer atemberaubenden landschaftlichen Schönheit auf. Der Gangkhar Puensum, den viele für den höchsten unbestiegenen Berg der Welt halten, erhebt sich 7.570 Meter hoch in Richtung der Wolkendecke. Ohne eine entsprechend dicke Brieftasche oder eine übergroße Abenteuerlust werden wohl aber nur die Wenigsten je in der Lage sein, dieses einzigartige Königreich mit eigenen Augen zu sehen.

Der slowenische Fotograf Ciril Jazbec war einer der wenigen Glücklichen, die Bhutan bisher besucht haben. Auf seiner Reise durch das Land besuchte er kleine Dörfer, erkundete weitläufige Wälder und traf die Einheimischen. Seine Aufnahmen bieten einen intimen Einblick in eine kleine Nation, die Ausländer nur selten zu Gesicht bekommen.

Die Motive reichen von traditionellen ländlichen Szenerien bis zu überraschend modernen Lebensweisen. Und da es sich um Bhutan handelt, sind im Hintergrund oft verschneite Berge zu sehen, die von tiefgrünen Wäldern umrahmt werden. Insgesamt entsteht der Eindruck eines ganz besonderen Ortes, der sich in einem Gleichgewicht befindet. Es ist eine Mischung aus Geschichte und Veränderung, aus Alt und Neu, aus äußeren Einflüssen und Widerstandsfähigkeit.

Jazbecs Aufnahme eines Volleyballspiels beispielsweise mag zunächst den Eindruck einer gewöhnlichen Sandgrube erwecken. Wenn man jedoch herauszoomt, entdeckt man gewaltige Berge, die in der Ferne sogar die Wolken überragen.

Die größtenteils buddhistische Nation, die gleichermaßen von Altertümlichkeit und Innovation geprägt ist, ist vermutlich am bekanntesten für ihre glücklichen Einwohner und ihre blühenden Wälder, die bislang den Umweltgefahren trotzen, sie sich abzeichnen. Mit seinen Fotografien wirf Jazbec einen genaueren Blick auf das Geschehen.

DAS STREBEN NACH GLÜCK

In den späten Neunzigern führte Bhutan einen sozioökonomischen Index ein, um das „Bruttonationalglück“ im Land zu messen. Das erklärte Ziel des Unterfangens ist dabei sicherzustellen, dass die wirtschaftliche Entwicklung die traditionelle Lebensweise nicht unterdrückt. Das Konzept wurde weltweit für seine Originalität und Inklusivität gelobt.

Der Index allein hat natürlich dennoch nicht alle Probleme des Landes beseitigt. Beim Weltglücksbericht der Vereinten Nationen aus dem Jahr 2017 landete Bhutan nur auf Platz 97. Das liegt besonders an Faktoren wie der Einkommensschere und der Arbeitslosenquote.

Zudem wächst die Besorgnis darüber, dass der Klimawandel das empfindliche Ökosystem des kleinen Landes beeinträchtigt. Die Gletscher Bhutans schmelzen, was zu Sturzfluten führt. Außerdem treten die Regenzeiten zunehmend unregelmäßiger auf, wodurch es während der Trockenzeiten zu Wasserknappheit kommt. Obwohl das kleine Land aber kaum einen nennenswerten Beitrag zu den weltweiten Treibhausgasemissionen leistet, reagierte Bhutans Regierung, indem sie die ohnehin schon beeindruckenden Umweltvorschriften noch verschärfte.

Mehr als 60 Prozent der Wälder des Landes sind geschützt, und die wachsende Infrastruktur soll mit einem Fokus auf Nachhaltigkeit ausgebaut werden. Anstelle von individuellen Fahrzeugen, die mit fossilen Brennstoffen betrieben werden, konzentriert man sich vor allem auf Elektroautos und den öffentlichen Nahverkehr.

Dadurch ist Bhutan nicht nur CO2-neutral, sondern hat sogar eine negative Bilanz. Durch die zahlreichen Wälder absorbiert das Land mehr CO2 aus der Luft, als es abgibt.

Bhutans Engagement zur Bekämpfung des Klimawandels wurde letztes Jahr vom Premierminister des Landes noch einmal hervorgehoben. Es war seine Botschaft über die kühnen Umweltziele des Landes, die Jazbec dazu inspirierte, das Land zu besuchen und dessen widerstandsfähiges Temperament in seinen Bildern einzufangen.

„Bhutans Verhältnis zur Umwelt ist wirklich etwas Besonderes“, sagt Jazbec. „So was habe ich noch nirgendwo anders erlebt.“

DER GEIST DER BEHARRLICHKEIT

Der Fotograf hat auf der ganzen Welt Menschen und Gemeinschaften dokumentiert, die sich mit dem Klimawandel konfrontiert sehen. Von all denen war es aber Bhutan, das mit seiner Ausdauer und seinem Durchhaltevermögen einen Nerv in ihm getroffen hat.

Als Jazbec das kleine Königreich im letzten Jahr besuchte, zeigte ihm ein lokaler Führer die Region und half ihm dabei, verschiedene Dörfer zu besuchen.

Während der Arbeit versuchte Jazbec an einem dieser Tage, eine Motte vom Bildschirm seines Laptops zu verscheuchen. Sein Führer war darüber so verärgert, dass er den ausländischen Fotografen deshalb konfrontierte, wie Jazbec erzählt.

„Er hat mir gesagt, dass er glaubt, jedes Lebewesen habe eine Seele“, sagt Jazbec. „Er akzeptierte einfach die Tatsache, dass auch Tiere ihren Raum brauchen.“

Diese Philosophie könnte zumindest teilweise in der dominanten Religion des Landes begründet liegen, dem Buddhismus. Jazbec erzählt, dass viele der Einheimischen danach strebten, die Wächter über ihre Umwelt zu sein. Ob sie nun durch ihre Religion, ihre Gemeinschaft oder ein weniger greifbares Konzept dazu motiviert waren - Jazbec war beeindruckt davon, mit welcher Fürsorge die Menschen, die er traf, das Land und die Tiere behandelten.

Als Außenseiter wollte er einen Aspekt des Landes einfangen, der als Shangri-la bezeichnet wird - ein Konzept, das Menschen aus dem Westen sein Längerem fasziniert, sich ihnen aber dennoch oft entzieht.

In Jazbecs Aufnahmen scheinen Beschaulichkeit und Strapazen in steter Konkurrenz zueinander zu existieren. Ruhige und friedliche Landschaften bilden die Kulisse für Darstellungen von harter Arbeit. In einer Szene ringt ein Mann ein Yak zu Boden. In einer anderen entspannen sich Familien gemeinsam nach einem langen Arbeitstag.

Trotz all den Dingen, die Jazbec in seinen Bildern festgehalten hat, fällt es ihm schwer, seine Eindrücke als Außenseiter in Worte zu fassen, und so sinniert er einfach:
„Das ist wirklich mal was.“

Ciril Jazbec ist ein slowenischer Fotograf. Mehr von seiner Arbeit findet ihr auf seiner Webseite oder auf Instagram.

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