Wissenschaft

Dermatozoenwahn: Wenn’s im Körper krabbelt

Viele Betroffene bitten Entomolgen um Hilfe, wenn Ärzte keine Ursache für ihr Gefühl finden, dass sich Parasiten auf ihnen tummeln.

Von Erika Engelhaupt

Es begann vor ein paar Jahren: Ein Mann versuchte seiner Familie klarzumachen, dass Insekten in ihm lebten.

Sie hätten harte Schalen, sagte er, die knirschten, wenn er sie zerdrückte. Er konnte spüren, wie sie sich durch seinen Körper bewegten, besonders durch seine Nase und Genitalien. Zunächst versuchte seine Familie ihm behutsam zu vermitteln, dass das nicht möglich sei. Aber daraufhin versuchte er nur umso mehr, sie zu überzeugen.

Um „Proben“ zu sammeln, stocherte er mit einer Pinzette in seiner Nase herum und zog Gewebe und Knorpel heraus, bis er schließlich ein Loch in seine Nasenscheidewand gebohrt hatte. Mittlerweile ertönt jedes Mal ein leises Pfeifgeräusch, wenn er durch die Nase atmet. Nach zahllosen Tests, bei denen keinerlei Anzeichen für subkutane Insekten festgestellt werden konnten, schienen seine Ärzte aufzugeben.

Er zeigte die klassischen Symptome des Dermatozoenwahns, auch Ekbom-Syndrom genannt, bei dem Patienten fälschlicherweise überzeugt davon sind, dass ihr Körper von Insekten befallen sei.

Seit Jahren haben Entomologen darauf beharrt, dass diese Wahnvorstellungen nicht so selten sind, wie Psychiater glauben. Eine neue Studie der Mayo Clinic lässt nun darauf schließen, dass sie recht hatten. Die erste bevölkerungsbasierte Studie zur Häufigkeit der Erkrankung deutet darauf hin, dass jedes Jahr etwa 27 von 100.000 US-Amerikanern an einer entsprechenden Wahnvorstellung leiden. Das würde bedeuten, dass aktuell etwa 89.000 Menschen in den USA davon betroffen wären.

Für viele Betroffene nehmen diese Wahnvorstellungen die Form von Insekten oder Milben an, die oft sehr klein sind und auf der Haut entlangkrabbeln oder hineinbeißen. Andere Betroffene berichten von dem Gefühl, dass Egel oder irgendwelche unbekannten Parasiten sie quälen.

Schlussendlich landen viele dieser Menschen im Büro eines Entomologen. Die Wissenschaftler erzählen ihnen dann, dass es nur zwei Arten von Gliederfüßern gibt, die Menschen befallen: Läuse und eine bestimmte Milbenart, die Krätze verursacht. Beide sind einfach zu bestimmen und verursachen charakteristische Symptome. Wanzen und Flöhe können sich zwar in Wohnungen einnisten, aber sie leben nicht auf oder in uns. Sie fressen einfach an uns und verschwinden dann wieder in ihre Verstecke. Ebenso gibt es Milben, die auf unserer Haut leben, besonders im Gesicht – aber sie sind ein normaler Bestandteil des menschlichen Körpers, ähnlich wie die Bakterien in unserem Darm.

Oft liegt dem juckenden oder krabbelnden Gefühl eine nachweisbare Ursache zugrunde. Allergien, falsche Ernährung, Stress oder Nervenerkrankungen können allesamt für die Symptome verantwortlich sein. Schon das ist ein guter Grund, die Aussagen der Betroffenen nicht einfach als Hirngespinste abzutun. Was aber oft mit einem Jucken oder ähnlichen Hautsymptomen beginnt, kann zu einer regelrechten Fixierung werden.

„Angst oder Unbehagen vor Gliederfüßern ist weit verbreitet“, sagt Gale Ridge, eine Entomologin der Connecticut Agricultural Experiment Station. „Wenn Leute also glauben, dass sie gebissen werden, ist das die natürliche Reaktion. Das ist fast schon instinktiv.“

VERZWEIFELTE HILFERUFE

Ridge erfuhr vor den Mann, der sich über die Insekten in seiner Nase beklagte, als sie eine E-Mail von einem Mitglied seiner Familie erhielt, das die Symptome beschrieb. Ridge erforscht Wanzen und leitet das Büro, das für Anfragen aus der Öffentlichkeit verantwortlich ist. In den letzten Jahren hat sie viel Zeit mit unsichtbaren Insekten verbracht. Allein im letzten Jahr kontaktierten sie 300 Menschen, die überzeugt waren, dass sie von Insekten, Milben oder anderen Krabbeltieren befallen waren.

Jede Geschichte ist einzigartig, aber sie weisen große Ähnlichkeiten auf, sagt Nancy Hinkle, eine Entomologin der University of Georgia, die sich ebenfalls mit der Erkrankung befasst hat. Eine Gemeinsamkeit ist das „Ziploc-Zeichen“: Die Betroffenen tun alles Mögliche, um Proben der Insekten von ihrem Körper und ihrem Zuhause zu sammeln. Die geben sie dann meist in Ziploc-Beuteln ab, in denen sich am Ende nur Staub, Fussel, Haare und Schorf befinden.

Eine andere Gemeinsamkeit ist ein Wort, das sie oft benutzen: verzweifelt. „Sie rufen an und sagen: Dr. Hinkle, Sie müssen mir helfen, ich bin verzweifelt.“ Für gewöhnlich habe sie dann bereits etliche Besuche bei verschiedenen Ärzten hinter sich.

Wenn sich keine körperliche Ursache für die Symptome finden lässt, können Medikamente verschrieben werden, die gegen derartige Wahnvorstellungen helfen sollen. Aber nachdem die Betroffenen schon monatelang versucht haben, der Ursache ihres Leidens auf den Grund zu gehen, ist es Ridge zufolge schwer, sie von solchen Behandlungsmöglichkeiten zu überzeugen.

„Viele Patienten nehmen die Mittel nicht“, erzählt der Dermatologe Mark Davis von der Mayo Clinic, der an der aktuellen Studie zu dem Phänomen mitgeschrieben hat. „Die sagen dann: Sie sagen doch nur, dass ich verrückt bin, und das bin ich nicht.“

2012 verfassten Davis und seine Kollegen einen Bericht über 147 Fälle solcher Wahnvorstellungen, die sie an der Mayo Clinic im Laufe von sieben Jahren hatten. Ihm fiel kein einziger Patient ein, der seine Wahnvorstellungen erfolgreich überwunden hätte. Oft kamen sie mit der Erwartung in die Klinik, dass man an ihnen eine exotische neue Infektion feststellen würde, die vorher unbekannt war. Am Ende verließen die Klinik enttäuscht und meldeten sich danach nicht mehr.

Derweil hat das Internet seinen Beitrag dazu geleistet, die Situation zu verschlimmern. Etliche Blogs und Webseiten informieren über diverse Arten des Insektenbefalls, aber viele von ihnen propagieren Verschwörungstheorien oder unmögliche biologische Erklärungen. Dadurch wird zwar das Gemeinschaftsgefühl der Betroffenen gestärkt, aber es festigt auch die Wahnvorstellungen – und nicht selten werden fragwürdige Heilmethoden oder Mittelchen beworben.

INSEKTENTHERAPIE

Sowohl Ridge als auch Hinkle sagen, dass sie bei jedem neuen Fall damit beginnen, nach tatsächlichen Insekten oder Milben zu suchen. Manchmal kann das bedeuten, dass sie Dutzende oder Hunderte angeblicher Proben untersuchen. Wenn sie keinerlei Hinweise auf die Tiere finden können, müssen sie mit Fingerspitzengefühl agieren. Hinkle sagt, sie hätte aus Erfahrung gelernt, dass sie psychische Ursachen besser erst am Ende erwähnt, da die Leute sonst nur wütend werden.

Ridge berichtet, dass sie durchaus Erfolge erzielen konnte, wenn sie mit der Familie der Betroffenen spricht. Einmal, erzählt sie, „hatte ich am Ende elf Mitglieder einer Familie zum Gespräch an einem runden Tisch.“ Durch diese Unterstützung beschloss der betroffene Mann am Ende, dass er die nötige Behandlung annehmen würde.

Trotz gelegentlichen Erfolgen sind derartige Fälle oft emotional belastend, und mitunter können auch die Entomologen das Schicksal der Betroffenen am Ende des Arbeitstages nicht einfach hinter sich lassen.

„Manchmal kann ich das nicht abschalten“, sagt Hinkle. „Dann kann ich nicht einschlafen.“ Sie liegt dann im Bett und denkt an eine Frau, mit der sie tagsüber gesprochen hat – und dass sie vermutlich gerade in Bleichmittel badet.

Nachdem sie jahrelang nach Insekten gesucht hat, die gar nicht da sind, sagte sie: „Man muss fast ein bisschen lachen, sonst wird man selbst wahnsinnig.“ 

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