Tiere

Die Rückkehr der Wildnis

Einigen von ihnen galten jahrhundertelang als ausgestorben, jetzt erobern Wolf, Luchs, Elch und andere die deutschen Wälder zurück. Eine Bestandsaufnahme. Montag, 30 Oktober

Von Kathrin Fromm
Bilder Von NABU/Christoph Heinrich

Der Wolf
Mitte des 19. Jahrhunderts galt der Wolf in Deutschland als nahezu ausgerottet, nur noch einzelne Tiere streiften danach durch die Wälder. Doch seit zwei, drei Jahrzehnten kehren die Wölfe von Osten her vermehrt zurück. Im Jahr 2000 bekommt eine Wölfin auf dem Truppenübungsplatz Oberlausitz das erste Mal hier wieder Nachwuchs. Heute leben einige hundert Tiere zwischen Oder und Nordsee – und es können noch weit mehr werden in den nächsten Jahren. „Der Wolf ist ein klassisches Beispiel für eine erfolgreiche Rückkehr aus eigener Kraft“, erklärt Claudia Grünewald, Teamleiterin Artenschutz beim Nabu und zählt gleich mehrere Gründe dafür auf: „Wölfe sind recht anpassungsfähig, sie finden an vielen Orten ausreichend Beute und können sehr weite Strecken zurücklegen.“

Der Elch
Auch Elche kehrten in den vergangenen Jahren von Osten her zurück. Im Mittelalter lebten die Tiere noch hier, seitdem nicht mehr. Jetzt kommen einzelne Elche aus Polen und Tschechien nach Brandenburg und in den Bayerischen Wald. „Da gibt es relativ beständige Sichtungen“, sagt Claudia Grünewald vom Nabu. Gerade Brandenburg sei es ein gutes Habitat für Elche: die dünnbesiedelte Landschaft, dazu Buchenwälder, Feuchtwiesen und Moore. Wie die Wölfe sind die Elche wanderfreudige Langstreckenläufer – und zudem noch gute Schwimmer. Deshalb stellen auch Flüsse wie Oder und Neiße keine Hindernisse für die Ausbreitung dar. „Es kann gut sein, dass sich in den nächsten Jahren auch größere Populationen hier entwickeln. Dem steht eigentlich nichts im Weg“, wagt die Artenschutz-Expertin eine Prognose.

Der Luchs
Ebenso wie der Wolf verschwand auch der Luchs Mitte des 19. Jahrhunderts aus Deutschland. Ganz so leicht fällt der Großkatze mit den markanten Pinselohren die Rückkehr allerdings nicht. Bislang leben schätzungsweise um die 70 Tiere wieder hier. „Luchse sind nicht so die Entdecker, die neue Gebiete erschließen. Sie lassen sich lieber dort nieder, wo es schon andere ihrer Art gibt“, sagt Claudia Grünewald. Deshalb helfen Naturschützer den Luchsen auf die Sprünge: Im Harz begann man im Jahr 2000 mit der erfolgreichen Ansiedlung, aktuell läuft ein Projekt im Pfälzer Wald. „Dieses Jahr gab es dort den ersten Nachwuchs“, berichtet die Artenschutzexpertin. Ziel der Ansiedlungsprojekte ist es, die europäischen Luchspopulationen zu vernetzen, auf einem Gürtel, der von Tschechien, über die deutschen Mittelgebirge bis in die französischen Vogesen und die Schweizer Alpen reicht. 

“Luchse sind nicht so die Entdecker, die neue Gebiete erschließen. Sie lassen sich lieber dort nieder, wo es schon andere ihrer Art gibt.”

Claudia Grünewald, Teamleiterin Artenschutz beim Nabu

Die Wildkatze
Eine Verwandte des Luchses ist die Wildkatze. Komplett ausgerottet war das scheue Tier vermutlich nie, aber in bestimmten Gebieten sehr zurückgedrängt und stark dezimiert. Heute leben zwischen 5000 und 7000 Wildkatzen in den deutschen Wäldern, schätzt der BUND nach einem großangelegten Monitoring. Von 2011 bis Sommer 2017 lief das Projekt Wildkatzensprung, bei dem mehr als 3000 Haarbüschelproben eingesammelt und genetisch untersucht wurden. Das Ergebnis: Besonders in der Eifel sind viele Wildkatzen heimisch, in Nord- und Mittelbayern konnte sie vielerorts erstmalig nachgewiesen werden. In anderen Gebieten wie dem Schwarzwald und der Schwäbischen Alb fanden sich kaum oder keine Nachweise, obwohl die Landschaften grundsätzlich geeignet wären. Ein Problem ist zudem, dass die verschiedenen Wildkatzenbestände teilweise getrennt voneinander existieren, ohne jeglichen genetischen Austausch. „Der wäre wichtig, denn nur so werden die Tiere widerstandsfähig“, erklärt Judith Freund, die das Projekt Wildkatzensprung beim BUND begleitet hat. Deshalb will die Naturschutzorganisation durch Bäume und Büsche Waldverbindungen herstellen, um so die Ausbreitung der Tiere zu unterstützen. „Die Wildkatze ist ein anspruchsvolles Tier, aber wir gehen davon aus, dass sich der Bestand weiter erholt – auch auf Grund der Schutzbemühungen“, sagt Judith Freund.

Der Wisent
In Freiheit waren Wisente in den 1920ern schon ausgestorben, aber aus den noch verbliebenen Exemplaren in Zoos und Tierparks wurden neue Nachkommen des europäischen Bisons gezüchtet und ausgewildert – zunächst in Polen und Weißrussland, 2013 schließlich auch in Deutschland. Nach jahrelanger Vorbereitung entließ man damals im Rothaargebirge eine achtköpfige Herde in die Freiheit. Inzwischen leben dort 22 wilde Wisente. Und die Natur nimmt ihren Lauf: Nachdem der Ranger im Juni fünf neue Jungtiere gesichtet hat, stirbt keine vier Wochen später ein zweijähriger Bulle bei Rangkämpfen. 

Der Bär
Der Bär hat es schwer in Deutschland. Seit 1835 gilt er als ausgerottet, vor gut zehn Jahren wagte sich dann doch wieder mal ein Exemplar von Österreich her über die Grenze – und erlangte prompt Berühmtheit als Problembär Bruno. 2006 wurde das Tier erschossen. Dabei gilt gerade die Alpenregion durchaus als geeigneter Lebensraum für Braunbären. Einige wenige Tiere leben in Österreich und Italien, deutlich größere Populationen gibt es in Osteuropa und Skandinavien. In Österreich wilderte der WWF 1998 eine Bärin aus, die zusammen mit einem eingewanderten Artgenossen aus Slowenien für Nachwuchs sorgte. Insgesamt um die 30 Jungtiere sind in den folgenden Jahren dort geboren worden, dann brach der Bestand wieder ein. Aktuell setzt sich ein EU-Projekt in Österreich, Italien, Slowenien und Kroatien für den Schutz und die Erfassung von Braunbären ein. Für Deutschland gibt es derzeit keine Pläne. „Da wird man wohl eher abwarten, ob es mal wieder einer über die Grenze schafft“, vermutet Claudia Grünewald, die Artenschutzexpertin. 

Eine Reportage über die Rückkehr des Wolfs ist in der Ausgabe 8/2017
von National Geographic erschienen (ein Auszug steht hier). 
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