Tiere

Kleine Spinnen fressen deutlich größere Eidechsen

Zum ersten Mal haben Wissenschaftler Beobachtungen darüber veröffentlicht, wie Springspinnen Wirbeltiere fressen.Thursday, November 9, 2017

Von Traci Watson
Eine weibliche Phidippus regius verschlingt einen Kuba-Laubfrosch in Lake Placid, Florida, USA.

Für gewöhnlich sind es Spinnen, die als Mahlzeit für Amphibien und Reptilien enden. Aber in einem erstaunlichen Rollentausch machen diese Spinnen ihre potenziellen Räuber zu ihrer nächsten Mahlzeit.

Die Springspinne Phidippus regius ist im Schnitt nur zwölf bis 15 Millimeter groß, macht aber Jagd auf Frösche und Eidechsen, die das Dreifache ihres eigenen Gewichts auf die Waage bringen.

Es ist das erste Mal, dass Wissenschaftler in einer Publikation Beobachtungen darüber festgehalten haben, dass Springspinnen – die größte Familie in der Ordnung der Webspinnen – Wirbeltiere fressen.

„Von vielen Frosch- und Eidechsenarten weiß man, dass Spinnen auf ihrem Speiseplan stehen“, erklärte der Co-Autor der Studie und Naturschutzbiologe an der Universität Basel Martin Nyffeler in einer E-Mail.

„Ich bin sehr beeindruckt davon, dass es eine Springspinnenart gibt, die kleine Frösche und Eidechsen töten und fressen kann.“

Die in Florida verbreitete Phidippus regius zählt zu den größten Springspinnen der Welt. Vermutlich verschafft ihr das einen Vorteil gegenüber Tieren wie dem Kuba-Laubfrosch, einem Bewohner der Karibik, der mittlerweile auch den Sunshine State erobert.

Die Naturbloggerin Loret Setters aus Holopaw in Florida hat einen Kuba-Laubfrosch gesehen, der in den Fängen einer Springspinne steckte.

„Sie hat mich angestarrt wie ‚Du bist die Nächste!‘“, erinnert sich Setters. „Ich war völlig fassungslos.“

HUNGER AUF FROSCHSCHENKEL

Nyffeler hat das Internet nach Berichten und Fotos dieses seltsamen Phänomens durchsucht und fand insgesamt acht Vorfälle in sieben Countys in Florida.

Ein weiteres Beispiel stammt von Jeff Hollenbeck, einem Hobby-Spinnenexperten, der eine weibliche Phidippus regius fotografiert hat, die in Marion County einen Rotkehlanolis gefressen hat.

Forscher vermuten, dass der Anolis – eine flinke, Insekten und Spinnen fressende Echse – bis zu zweieinhalb Mal größer war als seine Verfolgerin. Dem Gift der Spinne und den stachelartigen Besätzen an ihren Vorderbeinen hatte er jedoch nichts entgegenzusetzen.

„Ich war überrascht ... Aber eigentlich hätte ich das wirklich nicht sein sollen“, schrieb Hollenbeck in einer E-Mail.

Eine weibliche Phidippus regius frisst einen Kuba-Laubfrosch in dem Wohngebiet Land O‘ Lakes in Florida, USA.

Die Phidippus regius „ist eine sehr unerschrockene Springspinne, und große Männchen und Weibchen zögern nicht, auch Beute zu erlegen, die größer als sie selbst ist, zum Beispiel Heuschrecken, Libellen etc.“

Im Gegensatz zu den meisten anderen Spinnen haben Springspinnen eine enorm gute Sicht. Sie verlassen sich auf ihr räumliches Sehvermögen und ihre Farbsicht, um sich an Beute heranzuschleichen und dann auf sie zu springen. 

Nyffeler stimmt zu, dass die Phidippus regius beinahe mit Sicherheit ihre „exzellente Sicht“ einsetzt, wenn sie Eidechsen und Frösche jagt.

DEN FRESSFEIND FRESSEN

Aber warum würde eine Spinne, die normalerweise leichtere, kleinere Beute jagt – für gewöhnlich Insekten –, auch auf gefährlichere Tiere losgehen?

Womöglich sind die Tiere einfach nur zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Forschungen haben gezeigt, dass Spinnen Risiken abschätzen und ihre Jagdstrategien entsprechend darauf abstimmen können, sagt Thomas C. Jones. Er ist ein Verhaltensökologe an der East Tennessee State Universität.

„Sie neigen dazu, waghalsiger zu werden, je hungriger sie werden“, sagt Jones, der an der Studie nicht beteiligt war.

Obwohl es vermutlich selten vorkommt, dass Springspinnen Wirbeltiere fressen, vermutet Nyffeler, dass dieses Verhalten bisher fast nicht bemerkt wurde, weil die Arachniden so scheu sind.

Obwohl Springspinnen zu Nyffelers Lieblingstieren zählen, gibt er zu: „Mir tun die Frösche und Eidechsen schon ein bisschen leid ... Weil ich nicht nur Spinnen mag, sondern auch Frösche und Eidechsen.“

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