Tiere

Studie bestätigt: Alligatoren machen Jagd auf Haie

Die Reptilien sind nicht wählerisch, was ihre Beute angeht – trotzdem konnten sie die Forscher überraschen.Donnerstag, 9. November 2017

Von Jason Bittel
Ein Mississippi-Alligator verschlingt einen ausgewachsenen Schaufelnasen-Hammerhai. Es ist eines von vier Beispielen, bei denen eines der Reptilien einen Plattenkiemer gefressen hat.

Mississippi-Alligatoren sind bekannt dafür, alles zu verschlingen, was sie zwischen die Kiefer kriegen. Eine neue Studie hat nun zwei weitere Einträge auf ihrer Speisekarte hinzugefügt: Haie und Stachelrochen.

Laut dem Studienleiter James Nifong sei das besonders deshalb so überraschend, weil Alligatoren Süßwasserjäger sind, so der Ökologe von der Kansas State Universität.

Als Nifong begann, unter Alligatorexperten herumzufragen, ob sie schon mal gesehen hätten, dass die Reptilien Plattenkiemer fressen – zu denen auch Haie und Rochen zählen –, dachten manche, das sei ein Scherz. 

Seine Beharrlichkeit machte sich jedoch bezahlt: Nifong konnte vier Vorfälle bestätigen, bei denen Mississippi-Alligatoren einen Zitronenhai, einen Ammenhai, einen Schaufelnasen-Hammerhai und einen Atlantischen Stechrochen gefressen hatten.

Er entdeckte außerdem einige historische Berichte über Haie, die Mississippi-Alligatoren angegriffen hatten. Das lässt darauf schließen, dass die beiden Fleischfresser sich öfter im Kampf begegnen als bisher angenommen.

Ein Mississippi-Alligator hat einen Ammenhai erlegt. Das Foto wurde im J.N. „Ding“ Darling National Wildlife Refuge in Florida aufgenommen.

Beide „sind für ihre extremen Fressgewohnheiten bekannt, und beide sind äußerst opportunistische Jäger“, sagt Nifong, dessen Ergebnisse in der Fachzeitschrift „Southeastern Naturalist“ veröffentlicht wurden.

„Wenn sich eine potenzielle Gelegenheit zum Fressen ergibt, ist es bei beiden eher unwahrscheinlich, dass sie darauf verzichten.“

FLOSSEN GEGEN SCHUPPEN

Es gibt einige Gründe dafür, warum man einen Showdown zwischen Haien und Alligatoren eher selten sieht.

Beide Tiere sind in ihrem natürlichen Küstenlebensraum nur schwer zu verfolgen und zu beobachten, sagt Adam Rosenblatt. Der Ökologe von der Universität von North Florida untersucht Alligatoren.

Außerdem fressen Alligatoren eher kleine Haiarten, weshalb ihre Beute für den ungeübten Betrachter einfach wie irgendein beliebiger Fisch aussehen könnte. 

Aber trotzdem: Alligatorexperten haben eine bestimmte Methode, um den Mageninhalt lebender Alligatoren zu untersuchen – eine Art Kreuzung aus einer Magenpumpe und dem Heimlich-Manöver. Sollte es dann nicht mehr Beweise dafür geben, dass Alligatoren Haie fressen?

Wahrscheinlich nicht, sagte Rosenblatt, der sich mit dem Herumwühlen im Mageninhalt der Tiere auskennt.

„Die meisten Beutetiere werden im Magen der Alligatoren recht schnell zu Brei“, sagt er. „Das wird alles zu einem großen, gleichförmigen Haufen, bis auf bestimmte Körperteile wie Haare oder Panzer und Schalen.“

URALTE FEINDE

An anderen Orten der Welt hat man durchaus schon mehrfach beobachtet, dass Vertreter aus der Ordnung der Krokodile Jagd auf Plattenkiemer machen.

In Australien haben Leute gesehen, wie Leistenkrokodile in der Brandung Bullenhaie jagen. Zudem fand eine Studie in diesem Jahr heraus, dass mehr als die Hälfte aller in Westaustralien untersuchten Leichhardts Sägerochen Narben aufwiesen, die von Leistenkrokodilen stammten.

In Südafrika wurde ein Nilkrokodil gefunden, in dessen Magen sich die Überreste von zwei nicht identifizierten Haiarten befanden.

Es gibt sogar ein paar Krokodilfossilien, die Bissspuren prähistorischer Haie aufweisen. Das lässt vermuten, dass die beiden Raubtiere mindestens seit der Kreidezeit verfeindet sind.

„EIN WILDER UND VERRÜCKTER ORT“

Am interessantes sind womöglich die Berichte über Haie, die große Gruppen von Alligatoren angegriffen haben.

Der bizarrste Vorfall dieser Art ereignete sich 1877, als sich Hunderte Mississippi-Alligatoren in einer Meerenge in Florida versammelten, wo zahlreiche Fische durch die Flut eingeschlossen waren. Hunderte Haie, die potenzielle Beute witterten, stießen dazu. In den Tagen nach dem Kampf waren sogar noch 130 Kilometer entfernte Strände mit den Kadavern beider Jäger übersät, berichtete damals „The Fishing Gazette“, ein Sportmagazin.

Obwohl diese historischen Berichte „definitiv ausgeschmückt“ wurden – vermutlich, um bei Zahl und Größe der betroffenen Tiere zu übertreiben –, „bleibt die Tatsache, dass es definitiv Beobachtung von Interaktionen zwischen Alligatoren und Plattenkiemern gab“, sagt Nifong.

Und Rosenblatt stimmt zu: „Von Alligatoren ist bekannt, dass sie sich bisweilen in großen Gruppen versammeln, um eine reichhaltige Beute zu verzehren. Von Haien ist dasselbe Verhalten bekannt, also ist es durchaus möglich, dass es in großem Umfang zu Interaktionen zwischen beiden kommt.“

Er fügt allerdings hinzu, dass die Populationen von Alligatoren und Haien heutzutage niedriger sind als damals, was erklären könnte, warum es nicht mehr zu solch großen Versammlungen kommt.

„Die Natur ist ein wilder und verrückter Ort.“

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