Tiere

Erstaunlicher Fall: Affenmutter frisst mumifizierten Nachwuchs

Zum ersten Mal wurde bei Tonkean-Makaken beobachtet, dass ein Muttertier die Überreste ihres verstorbenen Babys gefressen hat, wie eine neue Studie berichtet.Donnerstag, 9. November 2017

Von Richa Malhotra
Evalyne, ein Tonkean-Makakenweibchen in einem italienischen Tierschutzgebiet, hält den Leichnam ihres Nachwuchses kurz nach dessen Tod.

Von Primaten ist bekannt, dass sie um ihre Angehörigen trauern und Kannibalismus praktizieren, aber Wissenschaftler haben nun zum ersten Mal beobachtet, dass ein Tonkean-Makak seinen toten Nachwuchs frisst.

Forscher, die im italienischen Tierschutzgebiet Parco Faunistico di Piano dell’Abatino Makaken untersuchten, beobachteten ein Weibchen namens Evalyne, das sich wochenlang um ihr totes Baby „kümmerte“. Schließlich verzehrte sie seinen mumifizierten Leichnam, bis nur noch ein einziger Knochen übrig war.

Tonkean-Makaken, die in Südostasien heimisch sind, bleiben oft stundenlang, manchmal sogar tagelang in der Nähe ihrer toten Nachkommen. Das könnte ein Anzeichen von Trauer sein, oder ein mangelndes Verständnis dafür, dass der Nachwuchs tot ist.

„Dieses Verhalten wurde bei Schimpansen und einigen anderen Primaten dokumentiert. Die Mütter trugen ihr totes Baby mit sich, bis es zerfiel“, erzählt Frans de Waal, ein Primatologe der Emory Universität, der an der neuen Studie nicht beteiligt war.

Evalyne knabbert an dem mumifizierten Leichnam ihres Nachwuchses.

Aber „der neue Aspekt ist hier der Kannibalismus“, sagt de Waal. „Makaken fressen sich normalerweise nicht gegenseitig.“ (Lesenswert: Kannibalismus-Studie: Menschen sind nicht sehr nahrhaft)

Aber nicht nur, dass Makaken ihre Artgenossen nicht fressen: „Sie sind Vegetarier und fressen nie Fleisch“, fügt Arianna De Marco hinzu. Die Evolutionsbiologin der Fondazione Ethoikos in Italien leitete die Studie.

„NEUGIERIG UND BERÜHRT“

Sowohl in der Wildnis als auch in Gefangenschaft kommt es bei Makakenmüttern, die zum ersten Mal Nachwuchs bekommen, häufig zum Kindstod. Von den insgesamt 51 im Tierschutzgebiet geborenen Makaken wurden 16 tot geboren oder starben kurz nach der Geburt.

Nachdem ihr Nachwuchs im Alter von vier Tag starb, war Evalyn aufgeregt. Sie starrte ihre Reflexion in der Tür ihres Geheges an und schrie sie an – ein Verhalten, das laut De Marco vorher nie bei ihr beobachtet wurde. Ihre Beobachtungen wurden in der Fachzeitschrift „Primates“ veröffentlicht.

Evalyne betrieb dann weiterhin Fellpflege an dem toten Nachwuchs, leckte ihn ab und trug ihn herum, selbst dann noch, als der Körper sich am achten Tag mumifiziert hatte und am 14. Tag der Kopf abfiel. Durch die Mumifikation wurde die Körperform bewahrt, was einer der Gründe dafür sein könnte, dass sie sich weiter um den Leichnam gekümmert hat, fügt De Marco hinzu.

Die Mutter, die zum ersten Mal Nachwuchs hatte, scheint ihr skelettiertes Baby trösten zu wollen, das vier Tage nach der Geburt verstarb.

„Ich war gleichzeitig neugierig und berührt“, sagt De Marco.  (Lesenswert: Auch Wale trauern um ihre Toten)

Als der Rest des Nachwuchses in der dritten Woche auseinanderfiel und das Fell ausfiel, wurde Evalyne dabei beobachtet, wie sie an den Überresten ihres Kindes nagte. Es gibt mindestens eine andere Makakenart, bei der das Verspeisen von Nachwuchs beobachtet wurde: eine chinesische Population von Rhesusaffen (Macaca mulatta tcheliensis). Auch Bonobos und Schimpansen fressen mitunter ihre Nachkommen.

Viele Primaten tragen ihren toten Nachwuchs tagelang mit sich herum, aber nur sehr selten fressen sie ihn auch.

BIS IN DEN TOD

„Es ist schwer, eine Erklärung für dieses Verhalten zu finden“, sagt De Marco und fügt hinzu, dass es auch in der Wildnis auftreten kann. „Dieser dramatische Wandel des mütterlichen Verhaltens von Fürsorge zu Kannibalismus ist erstaunlich.“

Evalyne fraß ihren Nachwuchs und ließ nur einen Knochen übrig.

Andere mögliche Erklärungen für Evalynes Verhalten sind ihre Unerfahrenheit als Mutter und der Umstand, dass ihr Nachwuchs lange genug am Leben war, um eine Bindung entstehen zu lassen.

In diesem Sinne könne der Kannibalismus auch der abschließende, extreme Ausdruck ihrer Zuneigung für ihr Baby gewesen sein, schließt De Marco.

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