Tiere

Tiere tun uns gut – aber anders, als wir denken

Ein Tierexperte entzaubert ein paar Mythen über unsere pelzigen Gefährten. Freitag, 1 Dezember

Von Simon Worrall

John Bradshaw und seine Kollegen mussten ein neues Wort – und das neue Fachgebiet der Anthrozoologie – erfinden, um ihre Arbeit zu beschreiben, bei der sie die Interaktionen zwischen Tieren und Menschen untersuchen. In seinem neuen Buch „The Animals Among Us“ räumt Bradshaw nun mit einigen Mythen über jene Haustiere auf, die uns begleiten. (Lesenswert: Spüren Hunde eine Schwangerschaft?)

Von seinem Zuhause im englischen Southampton aus erklärt Bradshaw, warum Tiere keine Helden sind, warum die Frauen des Awa-Guaja-Stammes im Amazonas Affen stillen und warum es so wichtig ist, mit Tieren zusammenzuleben – besonders für Kinder, deren Welt sich zunehmend auf den Bildschirm eines Smartphones beschränkt. (Lesenswert: Warum Hunde Exkremente fressen und Katzen Druckertinte ablecken)

Haustiere sind gut für uns – das ist einer der Mythen, mit denen Sie sich in Ihrem Buch beschäftigen. Ich denke, die meisten Haustierbesitzer wissen, dass das stimmt.

Frühe Studien haben gezeigt, dass Menschen mit Haustieren nach Herzinfarkten länger leben als Menschen ohne Haustiere. Die wahrscheinlichste Erklärung dafür ist, dass diese Leute abgesehen von ihrem Herzinfarkt gesünder waren als Menschen, die aus diversen Gründen keine Haustiere hielten oder halten konnten.

Das haben jüngere Studien der RAND Corporation bekräftigt, bei der zahlreiche Leute in Kalifornien untersucht wurden. Sie haben gezeigt, dass jene Leute Haustiere halten, die es sich leisten können, nicht nur in finanzieller Hinsicht, sondern auch durch ihren Lifestyle. Menschen, die sich niedergelassen und eine Familie gegründet haben, die eher in einem Haus als in einer Wohnung leben, und die – um das ganz direkt zu sagen – weiß sind, haben eine bessere Gesundheit. Das liegt aber nicht an den Haustieren. Die Haustiere sind eine Konsequenz des gesunden Lebens, nicht der Grund dafür.

Eine andere Annahme, die Sie infrage stellen, ist, ob sich Tiere schämen können oder sich schuldig fühlen – und ob sie zu bewussten Planungsprozessen fähig sind. Ich glaube, wenn Sie mal das Gesicht eines Dalmatiners gesehen haben, nachdem er etwas ausgefressen hat – oder wenn er gerade seine Flucht aus dem Hinterhof plant –, würden Sie sich das noch mal überlegen.

[Lacht] Ja, ich weiß, was sie meinen. Die Leute interpretieren dieses Verhalten, als wäre es Absicht. Die Frage ist aber, welche Art von Emotionen [die Tiere] empfinden. Alexandra Horowitz aus New York hat gezeigt, dass dieser schuldbewusste Blick eigentlich ein Anzeichen für die sehr ausgeprägte Fähigkeit des Hundes ist, die menschliche Körpersprache zu lesen.

Hunde setzen diesen schuldbewussten Blick fast schon auf, bevor der Besitzer überhaupt merkt, dass er wegen irgendetwas böse sein muss, das der Hund angestellt hat. Sie scheinen fast genau so schnell wie unser Bewusstsein reagieren zu können. Sobald man den Hund ansieht, blickt er schon schuldbewusst drein.

Dann nimmt man an, dass der Hund schon so aussah, bevor man ihn angesehen hat. Aber die Wissenschaft zeigt, dass der Hund erst ab dem Moment schuldig dreinblickt, wenn er die Körpersprache des Besitzers sehen kann. Man muss gar nichts sagen. Es kann schon eine leichte Versteifung in der Körperhaltung sein.

Welche mentalen Fähigkeiten braucht man überhaupt, um Schuld zu empfinden? Der menschliche Begriff der Schuld ist ziemlich anspruchsvoll. Man muss etwas, das man irgendwann in der Vergangenheit getan hat, mit irgendeinem inneren Maßstab vergleichen, den man sich im Laufe einer langen Zeit angeeignet hat. Es gibt keine Belege dafür, dass der Verstand eines Hundes dazu fähig ist.

Ich sage nicht, dass Hunde dumm sind. Ihr Verstand ist sehr gut in dem, was er tut. Sie reagieren schneller auf menschliche Körpersprache, als es Menschen selbst können. Aber wir vermenschlichen und unterstellen, dass sie genau so emotionalisieren wie wir, und das ist der Fehler.

Was bewusste Planungsprozesse angeht, gab es dazu schon eine Menge Forschung, nur noch nicht so viel an Hunden. Das Problem ist es, Tiere miteinander zu vergleichen. Obwohl wir alle ein Wirbeltier- und Säugetiergehirn haben, unterscheidet sich der Aufbau im Detail sehr voneinander. Die Großhirnrinde – der Teil, in dem die meisten unserer Denkprozesse ablaufen – ist bei Hunden kleiner. Sie verlassen sich deutlich mehr auf ihren Riechsinn und die Entschlüsselung von Gerüchen. Sie haben nur begrenzte Fähigkeiten zur Vorausplanung, selbst, wenn sie schon einmal in einer bestimmten Situation waren. Aber sie können sich nicht mental in eine Situation hineinversetzen, in der sie noch nie waren.

Sie haben mitgeholfen, den Begriff „Anthrozoologie“ zu prägen. Erklären Sie, was das bedeutet und warum der Begriff nötig war.

Es ist die Studie der Interaktionen zwischen Mensch und Tier. Es ist ein gewachsenes Wort, das seinen Ursprung in einer Fachzeitschrift der Tufts Universität in Boston hatte, ungefähr fünf Jahre, bevor wir die gleichnamige Gesellschaft gegründet haben. Das Wort war nötig, um zu beschreiben, was wir taten, denn das war keine normale Zoologie.

Damals in den Neunzigern galten Zoologen wie ich, die mit Haustieren arbeiteten, als unterlegene Rasse. [Lacht] Die wenigen von uns, die sich für solche Dinge interessierten, gründeten also eine Gesellschaft, um die verschiedenen Fäden aus der Zoologie, der Psychologie und anderen Wissenschaften zusammenzuführen. Mittlerweile kann man in einer ganzen Reihe von Ländern Abschlüsse in Anthrozoologie machen, darunter auch im Vereinigten Königreich und den USA. Das hat mehr Gestalt angenommen, als wir es vor 25 Jahren geahnt hätten.

In manchen Gesellschaften stillen Frauen Tiere. Welchem Zweck dient das?

Die Awa Guaja sind eine matriarchalische Gesellschaft, die Affen aus der Wildnis holt und sie den Frauen gibt. Es sind üblicherweise die Männer, welche die Mütter der Affenbabys töten. Die kleinen Äffchen werden dann zurückgebracht, gestillt und mit vorgekauter Nahrung und schließlich mit Früchten und Nüssen gefüttert. Sie sind ein Statussymbol. Die Matriarchin des Dorfes darf die meisten Affen haben. Sie legen sie über ihren Kopf und ihre Schultern, wie ein Amtszeichen.

In Japan gibt es bei den Ainu eine Tradition, in deren Zuge die Frauen Bärenjunge stillen, um ihren Status zu erhöhen. Ihre Familie zieht zum Frühlingsanfang los, wenn die ausgewachsenen Bärenweibchen aus dem Winterschlaf erwachen und ihre Jungen bei sich haben. Dann nehmen sie die Jungen weg. Zu diesem Zeitpunkt wurden sie noch nicht entwöhnt, also müssen sie mit Milch gefüttert werden. Es ist Teil des Rituals, dass sie die Milch direkt von der Brust bekommen. Später gibt es ein Bärenfleischfest, bei dem diese Bären getötet werden und ihre Ersatzmütter deshalb sehr aufgebracht sind. Aus den Berichten geht nicht ganz klar hervor, ob sie wirklich bestürzt sind oder ob das nur Teil des Rituals ist. Ich vermute, es ist ein bisschen von beidem.

Sie schreiben, dass „Haustiere in einem gewissen Maß erfundene Konstrukte“ sind, und dass die Vorstellung irreführend ist, dass Haustiere „Helden“ sein können. Ich kenne viele Leute, die da widersprechen würden. Können Sie uns das näher erläutern?

Darin stecken gleich mehrere Konzepte. Ich widerspreche dem, das besagt, dass ein Tier ein Held sein kann. Heroismus ist schon in menschlichem Kontext ein ziemlich fragwürdiges Konzept. Warum opfern sich Menschen für das Wohl der Allgemeinheit? Nach dem Ereignis kann man das recht einfach vernünftig begründen. Im Eifer des Gefechts mag das anders sein, darüber kann ich nicht urteilen. Aber es ist nicht so altruistisch, wie wir es im Nachhinein erscheinen lassen.

Um ein Held zu sein – wenn es so etwas gibt –, müsste ein Tier ganz bewusst etwas aufgeben und sich selbst in einer Situation in Gefahr bringen und sich dieser Gefahr bewusst sein. Ich glaube nicht, dass irgendeines der Tiere, die eine Auszeichnung bekommen haben, dafür Anzeichen gezeigt haben.

Sie wurden von ihren menschlichen Haltern in Gefahr gebracht – natürlich nicht absichtlich. Sie sind mit ihrem Halter an einen Ort gegangen, an dem der Halter angegriffen wurde, und der Hund tat das, wofür er ausgebildet wurde: Er verteidigte seinen Halter. Das hat der Hund nicht gemacht, weil er irgendein Wohl der Allgemeinheit im Hinterkopf hatte. So funktioniert der Verstand eines Hundes nicht.

In gewissem Maße macht unser Verstand aus allem, was er wahrnimmt, ein erfundenes Konstrukt. Was wir mit Tieren machen, ist hauptsächlich ein anthropomorphisches Arrangement. Wir vermuten, dass sie ähnliche Gedanken und Absichten wie wir haben und nur nicht in der Lage sind, sie so gut auszudrücken, wie wir es können. Das ist ein wichtiger Teil des menschlichen Verstandes. Wir projizieren unseren Verstand gern auf alles. Das schließt auch unsere Haustiere ein.

Haben Sie Haustiere, John? Falls ja, erzählen Sie uns, was Sie von ihnen gelernt haben.

Im Moment nicht. Ich habe einen Enkel, der sehr allergisch ist, daher haben wir gerade eine Pause eingelegt. Aber ich hatte mehr als 40 Jahre lang Haustiere, seit ich Student war. Ich bin aber auch kein größerer Tierfreund als der typische Familienmensch. Ich bin ein Biologe, der sich mit Haustieren beschäftigt.

Ich hatte eine Reihe von Hunden, dir mir viel darüber beigebracht haben, wie es ist, ein Hund zu sein. Ich hatte eine Reihe von Katzen, die im Haus gelebt, sich gepaart und dort ihre Kätzchen aufgezogen haben, also habe ich die gesamte Lebensspanne beider Arten erlebt und genossen. Das hat mich gelehrt, wie unterschiedlich diese beiden Tiere sind. Aber vor allem haben meine Haustiere mich etwas über die Individualität von Tieren gelehrt – und darüber, dass wir sie nach Möglichkeit als Individuen behandeln sollten.

Um der Tiere willen wird unser zukünftiges Verständnis hoffentlich stärker von einem tieferen Wissen darüber geprägt sein, was Tiere über uns denken. Und das könnte sich sehr von dem unterscheiden, was wir vielleicht vermuten. Die Forschung dazu ist bei Weitem noch nicht abgeschlossen, aber bisher gab es keine Anzeichen dafür, dass Hunde über uns nachdenken. Aber sie sind fähig zu glauben, dass wir über sie nachdenken. [Lacht]

Sie interpretieren unser Verhalten auf ziemlich komplexe Weise. Aber die Wissenschaftler haben noch nicht herausgefunden, welche Regeln sie anwenden, um unser Verhalten zu deuten.

Es scheint aber so, dass sie nicht wissen, was wir denken. Sie können eher innerhalb von Mikrosekunden analysieren, was wir tun, und das mit einer Datenbank dessen abgleichen, was in der Vergangenheit passiert ist. Und sie reagieren sehr schnell. Das macht uns glauben, dass sie wissen, was wir denken, obwohl das gar nicht der Fall ist.

Ich glaube, dass es unerlässlich ist, sich mit Tieren zu umgeben. Bis ich mit meinen Forschungen anfing, wusste ich aber nicht, wieso. Ich hatte einfach – wie viele andere Leute auch – das Gefühl, dass man ohne diese Art von Kontakt irgendwie weniger Mensch ist.

Ich unterscheide nicht – und die meisten Forschungen geben mir da Recht – zwischen Haustieren und wilden Tieren. Haustiere sind einfach leichter zu bekommen. Aber der Kontakt zu wilden Tieren – ob man nun Vögel oder einen Igel im Garten füttert – ist Teil derselben Sache wie das Halten eines Haustiers.

Wenn man ein Haustier hat, lernt man, was Tiere eigentlich sind. Niedliche YouTube-Videos von Hunden und Katzen können das nicht auf diese Art, besonders nicht für Kinder. [Haustiere] lehren sie etwas über Tiere und darüber, was Biologie wirklich ist. So viele andere Dinge in unserem Leben wurden schon auf das reduziert, was wir auf einem Bildschirm sehen können. Tiere sind ein gesundes Gegenmittel dafür.

Dieses Interview wurde zugunsten von Länge und Deutlichkeit redigiert.

Simon Worrall auf Twitter und seiner Webseite folgen.

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