Tiere

Färben menschliche Persönlichkeiten auf Hunde ab?

Ein Wissenschaftler wollte herausfinden, ob sich Hund und Halter oft charakterlich ähneln. Montag, 4 März

Von Linda Lombardi

Es ist ein altes Klischee, dass sich Hunde und ihre Halter äußerlich oft ähneln – vielleicht haben beide lange Beine oder zottelige Locken. Einer Studie zufolge können sich Hundchen und Herrchen aber noch auf andere Weise ähneln: in ihrer Persönlichkeit.

William J. Chopik, ein Sozialpsychologe an der Michigan State University und Hauptautor der Studie, erforscht, wie sich menschliche Beziehungen im Laufe der Zeit verändern. Allerdings war er von der engen Bindung zwischen Mensch und Hund so fasziniert, dass er beschloss, diese Beziehungen und ihre Dynamiken zu untersuchen.

Für seine Studie ließ er 1.681 Hundehalter mit standardisierten Fragebögen sowohl ihre eigene Persönlichkeit als auch die ihres Hundes bewerten. So fand er heraus, dass Hunde und Besitzer einige Charaktereigenschaften teilen. Ein sehr umgänglicher Mensch hat demnach eine doppelt so hohe Wahrscheinlichkeit, einen besonders aktiven und erregbaren – und weniger aggressiven – Hund zu haben als eine weniger umgängliche Person. Außerdem ergab die Studie, dass gewissenhafte Halter ihre Hunde als besser trainierbar einstuften und neurotische Halter ihre Hunde als ängstlicher. Im Gegensatz dazu ergab sich: „Wenn jemand entspannt ist, ist auch sein Hund entspannt“, so Chopik.

Der Wissenschaftler verweist auf die offensichtlichen Herausforderungen bei einer solchen Studie: Man kann Menschen zwar um eine Selbsteinschätzung bitten, aber wenn es um das Verhalten des Haustiers geht, muss man sich auf die Einschätzung des Halters verlassen. Allerdings scheinen die Tierhalter dabei kein verzerrtes Bild ihres Haustiers zu zeichnen: Ähnliche Studien haben gezeigt, dass Freunde, Fremde oder Hundesitter die Persönlichkeit eines Hundes genauso einschätzen wie dessen Halter.

Warum aber bestehen diese Ähnlichkeiten zwischen Hund und Halter? In seiner aktuellen Studie hat Chopik keine Ursachenforschung betrieben, aber dennoch hat er eine Hypothese dazu: „Teils liegt das am Hund, den man sich aussucht, und teils daran, wie der Hund durch einen selbst geprägt wird“, sagt er.

Wenn sich Menschen einen Hund aussuchen, tendieren sie Chopik zufolge zu Tieren, die gut in ihren eigenen Tagesrhythmus passen. „Will man einen ungestümen Hund, der viel Interaktion braucht, oder lieber einen entspannten Hund für einen gelassenen Lebensstil?“, bringt er als Beispiel an. „Wir wählen eher solche Hunde aus, die zu uns passen.“

Ob durch bewusstes Training oder einfach tagtägliche Interaktionen formen wir dann ihr Verhalten – und wenn wir uns verändern, verändern sich unsere Hunde mit. „Wenn sich in unserem Leben etwas ändert, kommt das auch beim Hund an“, sagt er.

Die Verhaltensforscherin Zazie Tood, die die Website Companion Animal Psychology betreibt, betont, dass die fünf Charakterzüge, die oft zur Einschätzung von menschlichen Persönlichkeiten herangezogen werden, sich nicht zu hundert Prozent mit denen für Hunde decken. Beim Menschen sind das Extraversion, Verträglichkeit, Gewissenhaftigkeit, Neurotizismus und Offenheit. Bei Hunden hingegen wird die Persönlichkeit oft an ihrer Aggression gegenüber Menschen, Aggression gegenüber Tieren, Ängstlichkeit, Erregbarkeit und Reaktionsbereitschaft beim Training festgemacht. „Aber es gibt ein paar ziemlich spannende Zusammenhänge“ zwischen menschlichen und hündischen Charaktereigenschaften, wie sie sagt. Oft passen die Merkmale zueinander.

„Auch wenn man etwas auf unterschiedliche Weise misst, kann man Korrelationen finden“, so Chopik. „Das macht es zwar schwieriger, Gemeinsamkeiten zu entdecken, aber wir haben sie trotzdem gefunden.“

Extraversion ist beispielsweise eine Eigenschaft, die sich nicht sauber auf eine tierische Persönlichkeit übertragen lässt. Extravertierte Menschen sind für gewöhnlich sehr kontaktfreudig und lebhaft, daher wäre ein sehr aktiver und erregbarer Hund eine gute Parallele.

Künftige Forschung könnte eventuell die zwei möglichen Ursachen für solche Ähnlichkeiten genauer untersuchen – oder anders ausgedrückt: die Frage nach der Henne und dem Ei. 

Suchen sich aufgeschlossene, kontaktfreudige Menschen beispielsweise mit höherer Wahrscheinlichkeit einen Hund aus, der nicht ängstlich wirkt? Oder ist es eher so, dass ihre Art sich mit der Zeit auf den Hund überträgt? „Vielleicht gehen kontaktfreudige Menschen mit ihrem Hund öfter raus, sodass der Hund besser sozialisiert wird und mehr gewohnt ist“, sagt Todd. „Womöglich formen Menschen die Persönlichkeit ihrer Hunde, und das ist für mich die spannendste Möglichkeit.“

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

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