Tiere

Schattenwolf-Flut im Tierheim: Viele GoT-Fans mit Huskys überfordert

Einen Dire Wolf für Zuhause, davon träumten offenbar viele Fans der Fantasy-Serie „Game of Thrones“. Über die Konsequenzen dachten die wenigsten nach. Donnerstag, 16 Mai

Von Natasha Daly

Sie sind groß, majestätisch, loyal und gehorsam – die imposanten Schattenwölfe (oder Dire Wolves, wie sie im englischsprachigen Original heißen) aus „Game of Thrones“. Neben den feuerspeienden Drachen sind sie die tierischen Stars der Serie.

Drachen sind natürlich Fabelwesen, die in diversen Mythologien und Legenden der Welt auftauchen. Aber Dire Wolves sind echt. Oder zumindest waren sie das einmal. Vor etwa 300.000 Jahren zogen sie über den amerikanischen Kontinent. Ihre Fossilien sind über ganz Nord- und Südamerika verteilt, von den Bergen des US-Bundesstaats Virginia bis nach Bolivien.

Ihr wissenschaftlicher Name Canis dirus, der so viel bedeutet wie Schreckenswolf, täuscht ein wenig. Die Tiere waren nicht viel größer als heutige Wölfe, hatten aber einen größeren Schädel und kräftigeren Kiefer. Wahrscheinlich ernährten sie sich von großen Säugetieren wie Bisons und bedienten sich auch an Aas, das von anderen großen Raubtieren wie Säbelzahnkatzen erlegt wurde.

In der Serie „Game of Thrones“ werde die ausgestorbenen Wölfe von Northern Inuit Dogs (eine Rasse, die unter anderem von Huskys und Deutschen Schäferhunden abstammt und gezielt gezüchtet wurde, um Wölfen zu ähneln) und einem Polarwolf gespielt. Die tierischen Darsteller werden vor Greenscreens gefilmt und dann digital vergrößert, um den Schattenwölfen aus der Buchvorlage zu ähneln. Dann werden sie in Szenen aus der Serie eingefügt, in der die Wölfe als loyale Begleiter und Beschützer der Familie Stark auftreten.

Insgesamt überrascht es nicht, dass Fans der Serie selbst solche Wölfe haben wollen.

Hier kommt der Siberian Husky ins Spiel. Mit seinem zottigen, gräulich-weißen Fell, den spitzen Ohren und der langen Schnauze ähnelt er den Schattenwölfen aus der Serie enorm.

„Leute, die auf unseren Adoptionsmessen vorbeischauen, bezeichnen unsere Hunde oft als ‚Dire Wolves‘“, erzählt Angelique Miller, die Präsidenten der Husky-Rettungsorganisation NorSled mit Sitz in Kalifornien.

Alles andere als pflegeleicht

Aber Huskys sind keine sonderlich pflegeleichte Rasse. Sie wollen rennen – und zwar oft und viel. Außerdem sind sie im Gegensatz zu vielen anderen Arbeitshunden nicht so einfach zu trainieren. Wenn sie täglich nicht mindestens zwei Stunden Auslauf und geistige Beschäftigung erhalten, können sie frustriert sein und destruktive Verhaltensweisen entwickeln. Trotzdem kaufen immer mehr Leute solche Hunde, ohne sich vorher über sie zu informieren. Konflikte sind dann meist vorprogrammiert: Der Husky ist frustriert, weil er nicht genug Bewegung und Beschäftigung bekommt, und der Besitzer versteht nicht, warum der Hund Probleme macht. Das Ergebnis ist, dass viele Huskys in Tierheimen landen oder ausgesetzt werden.

Dawn Eisele, die Vorsitzende für Öffentlichkeitsarbeit des Zuchtverbands Siberian Husky Club of America (SCHA), erzählt, dass Züchter des Verbands einen Sittenkodex unterzeichnen müssen. Damit verpflichten sie sich unter anderem, potenzielle Käufer über die besonderen Bedürfnisse der Hunde aufzuklären. Die Züchter sollen den Interessenten möglichst viele Fragen stellen, um herauszufinden, ob der Lebensstil der Person mit den Bedürfnissen eines Huskys kompatibel ist. Die Tiere sind gesellig, loyal, neugierig und anhänglich. Sie müssen sehr konsequent erzogen werden, können mitunter nicht von der Leine gelassen werden und passen zum Beispiel gut zu einer sehr aktiven Familie, die ihnen jederzeit die nötige Gesellschaft und körperliche Auslastung bieten kann.

„In neun von zehn Fällen raten wir den Leuten von dieser Rasse ab“, sagt Eisele.

„Katastrophe vorprogrammiert“

Ein weiterer Punkt im Sittenkodex des SHCA ist, dass die Welpen nicht an Zoofachgeschäfte verkauft werden.  Ihr zufolge sind es solche Geschäfte und Vermehrer – Menschen, die die Tiere nur für den Profit züchten und dabei keinen Wert auf das Wohlergehen der Hunde oder Informationen für Käufer legen –, die zu der Flut an Huskys beitragen, die die Tierheime überschwemmt.

In den USA und anderen Ländern ist auch Facebook ein wahres Verkaufsparadies für die Tiere. In zahlreichen Gruppen werden Welpen inseriert. In einer Gruppe aus Michigan tauchen alle paar Tage neue Posts wie dieser auf: „Sechs Welpen zum Mitnehmen, $500.“

„Leute, die sich einen Husky holen, weil er so schick ist, begreifen nicht, auf was sie sich da einlassen“, sagt auch Barbara Swanda, die Vizepräsidentin der Delaware Valley Siberian Husky Rescue. Die gemeinnützige Organisation nimmt nicht mehr gewollte Huskys auf. „Da ist die Katastrophe vorprogrammiert.“

„Das Ergebnis ist, dass sie verstoßen und im Tierheim abgeladen werden“, sagt sie.

Die Husky-Flut

Rettungsgruppen für Siberian Huskys in den USA und Großbritannien berichten, dass sie seit dem Start von „Game of Thrones“ im Jahr 2011 einen beträchtlichen Zuwachs von ausgesetzten und verwaisten Huskys zu verzeichnen haben.

„Wenn wir sie überhaupt mit irgendwelchen Papieren oder Namensanhängern bekommen, dann sind das oft die [Game of Thrones-] Namen“, sagt Swanda und bezieht sich auf die Namen der Wölfe aus der Serie: Ghost, Nymeria, Summer, Shaggydog, Grey Wind und Lady.

“Die Situation ist völlig außer Kontrolle geraten.”

Angelique Miller, NorSled

Als Angelique Miller 2009 anfing, für NorSled zu arbeiten, war die Gruppe der Zahl der Huskys in den örtlichen Tierheimen noch gewachsen, wie sie erzählt. Aber seit der TV-Premiere von „Game of Thrones“ 2011 hat sich die Zahl der Huskys, die bei der Rettungsorganisation landen, verdoppelt.

Und das schließt noch nicht mal die zahllosen Telefonanrufe und E-Mails ein, die sie jeden Tag von Menschen erhält, die ein neues Zuhause für ihre Huskys suchen. „Wir können den Bedarf nicht mal ansatzweise decken“, erzählt sie. „Die Situation ist völlig außer Kontrolle geraten.“

Bei anderen Husky-Rettungsorganisationen in den USA und Großbritannien sieht es ähnlich aus. Die größte Hunderettungsgruppe im Vereinigten Königreich, der Dog Trust, gibt an, dass die Zahl der bei ihnen abgegebenen Huskys zwischen 2010 und 2018 um 420 Prozent gestiegen ist. In einer Pressemitteilung schrieb die Gruppe diesen dramatischen Anstieg der Beliebtheit von „Game of Thrones“ zu.

Der Preis des Ruhms

Dan O’Neill ist ein großer Fan von „Game of Thrones“. Der Tierarzt und Dozent für Haustierepidemiologie am Royal Veterinary College in London hat einige der Seriendrehorte in Irland sogar schon mit seiner Familie besucht.

Als Fan kann er nachvollziehen, worin der Reiz der Schattenwölfe liegt. Aber er hat schon zuvor gesehen, was mediengetriebene Impulskäufe von Hunden anrichten können.

Laut O’Neill ist es im letzten Jahrzehnt in Mode gekommen, in Großbritannien Werbung mit Rassen wie Möpsen oder Französischen Bulldoggen zu machen, die kurze Schnauzen haben. Das schien zu einem vermehrten Kauf solcher Hunde zu führen, die oft an einer ganzen Reihe gesundheitlicher Probleme leiden, darunter chronische Atemwegserkrankungen oder lebenslange Augen- und Hautprobleme. Mittlerweile sind die Rettungsorganisationen in Großbritannien voll mit solchen Hunden, so O’Neill.

Galerie: Wölfe

„Das ist eine perfekte Parallele zu den Schattenwölfen“, sagt er und erzählt, dass die höhere Nachfrage an Huskys durch „Game of Thrones“ auch immer wieder auf den Tierwohlkonferenzen diskutiert wird, die er besucht.

Verantwortungsvolle Käufer und Züchter „wird man bei Rassen, die sich in so einer Blase wiederfinden, aller Wahrscheinlichkeit nach nicht finden“, sagt er über Hunderassen, die aufgrund erhöhter Medienaufmerksamkeit plötzlich beliebt werden. „Weil die Blase sonst platzt.“

Er fragt sich, wie sich die Nachfrage nach Huskys entwickeln wird, wenn „Game of Thrones“ endet. „Dann wird der Neuheitswert verflogen sein“, prophezeit er. Vermehrer, die ein Geschäft daraus gemacht haben, die Tiere unter schlechten Bedingungen rasant zu vermehren, werden die sinkende Nachfrage zu spüren bekommen. „Und dann hat man das Problem, was dann mit all diesen Hunden geschieht.“

Wer sich einen Hund aus einem Impuls heraus holt, weil er ihn im Fernsehen gesehen hat, behandelt ihn wie ein Accessoire, so O’Neill. „Man kauft das Bild, das man sich von dem Tier gemacht hat.“

In Wirklichkeit aber „sind das lebende, fühlende Wesen, die ein wunderbares Mitglied der passenden Familie werden können.“

Wer trotzdem glaubt, einem Husky das passende Zuhause bieten zu können, sollte sich laut Dawn Eisele vom SHCA nach verantwortungsvollen Züchtern umsehen. Barbara Swanda wirbt auch dafür, vielleicht einfach einen erwachsenen Husky zu adoptieren.

Am wichtigsten ist aber, dass man sich vorab ausgiebig über die Tiere und ihre Bedürfnisse informiert – da sind sich alle Experten einig.

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

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