Tiere

Verdrängen Schwämme und Algen die Korallen in der Karibik?

Wissenschaftler sind sich uneins, was die Veränderungen in den Korallenriffen für die Zukunft bedeuten könnten. Dienstag, 2 Januar

Von Erik Vance

COZUMEL, MEXIKO – Wer in das klare, blaue Wasser des Colombia-Riffs vor der Küste Mexikos hinabsinkt, dem offenbart sich eine Welt, die man auf zwei verschiedene Arten betrachten kann. Auf den ersten Blick wirkt sie wie eine ruhige Welt voller Frieden und Harmonie, die im starken Kontrast zu unserem hektischen Leben an Land steht. Weichkorallen wiegen in den Meeresströmungen, bunte Fische schwimmen träge vorbei, und weiter oben schweben Schildkröten fröhlich durch das Meer.

Doch der Anblick täuscht. In Wahrheit befindet man sich eher in einem Kriegsgebiet. Jeder ist auf sich allein gestellt: Die Skalare fressen die Korallen, von denen sich einige mit Harpunen zur Wehr setzen; die Barrakudas fressen die Skalare, die sich hinter den Schwämmen verstecken. Und die Schwämme, sagt Joseph Pawlik, planen im Geheimen die Übernahme des gesamten Riffs.

Pawlik, ein Ökologe und führender Schwammexperte an der Universität von North Carolina in Wilmington, untersucht die Riffe der Karibik schon seit Jahrzehnten. Die neuesten Beweise lassen ihm zufolge darauf schließen, dass der Kampf um die Riffe mittlerweile etwas einseitig ist. Die Schwämme haben sich mit einem anderen Hauptakteur zusammengetan, nämlich den Algen. Zusammen verdrängen sie die Korallen, um das Riff zu beherrschen – und stellen eine weitere Bedrohung für eines der wichtigsten Ökosysteme der Welt dar.

„Sie nehmen den Platz weg“, sagt Pawlik. „Das ist das wichtigste Gut. Sobald sie erst mal ein Grundstück haben, gibt es kein Zurück mehr.“

Aber die Riffwissenschaften sind – ähnlich wie die Riffe selbst – heutzutage auch eine Art Kriegsgebiet. Alle sind sich zwar einig, dass die karibischen Riffe ebenso wie alle anderen Riffe in dem immer wärmer und saurer werdenden Ozean in Gefahr sind. Aber manche Experten sagen, dass Pawliks Vision einer karibischen Schwamm-Apokalypse selbst nur ein Trugbild ist. (Lesenswert: Wenn die Meere sauer werden)

VON DER BEDEUTSAMKEIT DER FRESSFEINDE

In einem normalen, gesunden karibischen Korallenriff sollten zwischen 30 und 100 Prozent der Oberfläche von Korallen bedeckt sein. Seetang und andere Algen sollten einen Bruchteil davon ausmachen, und Schwämme sollten sich glücklich schätzen können, auf zehn Prozent zu kommen.

Natürlich würden sich die Algen und Schwämme liebend gern ausbreiten – aber sie werden beständig von Seegurken und Meeresschildkröten zurückgestutzt und von einem Mangel an Ressourcen eingeschränkt. Meeresschildkröten sind so unersättlich, dass viele Schwämme komplexe chemische Verteidigungsmechanismen gegen sie entwickelt haben. Jene Schwämme, denen es daran mangelt, müssen sich zum Schutz zwischen giftigen Korallen verstecken.

Seit Jahrtausenden sah so das Leben in den Riffen von Florida bis Ecuador aus. Der Mensch änderte das schließlich – zuerst im 17. Jahrhundert durch den Fang und Verzehr zahlreicher Meeresschildkröten. Dann in den 1980ern, als eine verheerende Periode von Ausbleichungsereignissen begann und auch Seegurken tonnenweise abstarben. Die meisten Wissenschaftler machen mittlerweile infektiöse Mikroben dafür verantwortlich, die im Ballastwasser von Frachtschiffen aus anderen Teilen der Welt eingeschleust wurden.

In jedem Fall verschlimmerte der Verlust der Seegurken die Lage der Korallen. „Man verliert plötzlich den Hauptpflanzenfresser in diesem System, der das Riff im Grunde von Seetang befreit hat“, sagt Pawlik. „Wenn die Korallen sterben, wird der ganze Platz frei – dann hat man die schlimmstmögliche Situation.“ Innerhalb weniger Jahre wurden die Algen in vielen Riffen vom Nebenakteur zu einem dominanten Faktor.

Da die Überfischung die Population der Meeresschildkröten in bis dato ungekannte Tiefe stürzen ließ, waren auch die Schwämme ihre Fressfeinde los. Und in diesem Moment, so Pawlik, machten sie zusammen mit den Algen das große Geschäft.

GEWINNERTEAM

Algen, die im Sonnenlicht baden, können mehr Zucker produzieren, als sie selbst brauchen. Oft geben sie ihn einfach ins Wasser ab. Schwämme hingegen lechzen nach Zucker und geben selbst große Mengen an Stickstoff und anderen Nährstoffen ab, die Algen brauchen. Laut Pawlik bilden sie zusammen eine unaufhaltsame Kraft.

An einigen der Stellen, an denen er die karibischen Riffe untersucht, hat Pawlik beobachtet, wie die Schwämme bis zu 15 oder 20 Prozent des Riffs einnehmen. Das mag erst mal nicht beeindruckend klingen, bis man sich bewusstmacht, dass Schwämme im Gegensatz zu den Korallen, die in einer dünnen Schicht auf dem Riff leben, gewaltig sind. Was die Biomasse angeht, sind Schwämme Pawlik zufolge wahrscheinlich zum dominanten Tier in den karibischen Riffen geworden. Es sind nun keine Korallenriffe mehr: Es sind Algen-Schwamm-Riffe.

„Sobald die Immobilien erst mal frei und ihre Fressfeinde weg waren, kamen sie groß raus. Und dann sind sie diese Partnerschaft mit den ganzen Meeresalgen eingegangen ...“, sagt Pawlik. „Das ist der Aufstieg der Schwämme.“

Aber die Schwämme sind nicht nur schädlich. Sie spielen eine wichtige Rolle als Wasserfilter und konzentrieren Nährstoffe für alle möglichen Tiere. Aber sie bauen das Riff nicht auf. Tatsächlich reißen einige von ihnen es aktiv auseinander.

„Während Korallen das Riff bauen, zerstören Schwämme es teilweise. Es ist wichtig, ein Gleichgewicht zwischen beiden zu haben“, sagt Jasper de Goeij. Der Ökologe von der Universität von Amsterdam beschrieb als Erster die Beziehung zwischen Algen und Schwämmen. Pawlik zufolge könnte der Verlust dieses Gleichgewichts in der Karibik fatale Folgen haben.

KORALLEN UND SCHURKEN?

De Goeij ist hingegen noch nicht überzeugt davon, dass die Schwämme die karibischen Riffe übernehmen. Er sagt, dass noch viel mehr Untersuchungen nötig seien. Andere Experten widersprechen Pawliks Behauptungen direkt.

Janie Wulff, eine Schwammspezialistin an der Florida State Universität, die seit den 1970ern karibische Riffe untersucht, sieht keinen Zuwachs an Schwämmen und sagt, dass Korallen sogar von Schwämmen profitieren. Sie führt den Zuwachs an Algen auf menschliche Verschmutzung zurück. Darauf sollten wir uns konzentrieren, so sagt sie, ehe wir die Schwämme für den Zustand der karibischen Korallen verantwortlich machen.

„Es gibt noch immer keine Daten, die zeigen, dass die Menge Schwämme übermäßig zunimmt“, schrieb Wulff in einer E-Mail. „Was ist mit einer deutlich einfacheren Erklärung dafür, dass die Schwämme die Korallenriffe überwuchern: Menschen leiten immer größere Mengen von Nährstoffen in Küstengewässer.“ Pawlik entgegnet, dass auch viele abgelegene Riffe wie vor Curaçao oder Saint Lucia einen Zuwachs an Schwämmen haben, obwohl sie nicht verschmutzt sind.

Wulff besteht darauf, dass Schwämme ebenso bedroht sind wie Korallen; Pawlik sagt, dass sie in einer von Menschen dominierten Welt großen Erfolg haben. Wie kann es sein, dass es einen Disput über eine so grundlegende Angelegenheit gibt? Einer der Gründe dafür ist, dass Schwämme nicht annähernd zu gut erforscht sind wie Korallen. Viele ihrer grundlegenden Funktionen sind noch immer ein Geheimnis.

DIE SCHÖNHEIT BLEIBT

Wenn man über das Colombia-Riff hinwegschwimmt, sieht man atemberaubende Farben, überall leuchtet es orange, gelb und violett. Die meisten dieser Farben stammen jedoch nicht von Korallen, sondern von Schwämmen, die auf toten Korallen leben. Es fällt schwer, da keine Wettbewerbsdynamik zu sehen.

Es gibt die großen Hornkieselschwämme der Art Xestospongia muta, die aus dem Riff ragen wie große Kanonen aus einem alten Schiff. Es gibt kleinere, spindeldürre Schwämme, vage kugelförmige Schwämme und Schwämme, die aussehen, als hätte jemand leuchtend helles Karamell über das ganze Riff gekippt. Selbst erfahrene Taucher verwechseln sie manchmal mit Korallen. Es gibt sogar Schwämme, die auf anderen Schwämmen leben. Wenn man erst einmal anfängt, nach ihnen zu suchen – und auch weiß, nach was man suchen muss –, sieht man nichts mehr außer Schwämmen.

Laut de Goeij könnte das, was man in so einem Riff sieht, sogar dazu führen, dass man den Erfolg der Schwämme unterschätzt. Viele Schwämme befinden sich versteckt unter Felsvorsprüngen oder bohren sich ins Riff selbst. De Goeij hat schon gesehen, wie tote Riffe wie Eier aufplatzen, ausgehöhlt von Schwämmen.

„Sie bohren sich in die Koralle“, sagt er. „Manchmal sieht man ein großes Korallenstück, und wenn man es zerschlägt, ist das komplette Innere von Schwämmen bedeckt.“

Es gibt aber nicht nur schlechte Nachrichten für Taucher in Cozumel. Meeresschildkröten scheinen mittlerweile wieder allgegenwärtig zu sein. Echte Karettschildkröten stehen unter Schutz, ihre Zahl steigt und sie finden reichhaltige Nahrungsgründe – ein positiver Aspekt des Aufstiegs der Schwämme.

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