Tiere

Walkadaver halfen Eisbären durch vergangene Warmzeiten

Der geringe Walbestand wird den Bären aber nicht durch ihre aktuelle Krise helfen können. Donnerstag, 11. Oktober 2018

Von Craig Welch
Ein Eisbär tut sich an einem Grönlandwalkadaver an der Beaufortsee in Alaska gütlich. Wissenschaftler diskutieren nun darüber, welche Rolle eine solche Nahrungsquelle für das Überleben der Art spielen kann.

Das Risiko, das unser sich stetig erwärmender Planet für die Eisbären birgt, ist klar: Ursus maritimus trottet über das arktische Meereis und nutzt dieses als Plattform, um fettreiche Robben – für gewöhnlich Ringelrobben – zu jagen. Aber durch den Klimawandel gefriert das Meereis im Arktischen Ozean immer später und taut immer früher.

Alle bis auf zwei der 19 Populationen arktischer Eisbären erlebten einen Rückgang der Zeitspanne, in welcher sie die Meereisdecke in ihrem Verbreitungsgebiet für die Jagd nutzen können. Von 1979 bis 2014 schrumpfte diese Zeitspanne um 7 bis 19 Tage pro Jahrzehnt. In der Region um die Beaufortsee, wo das Meereis nun etwa 36 Tage weniger als noch in den Neunzigern vorhanden ist, verbringen die Eisbären 31 Tage länger an Land – fernab ihrer Beutetiere, die auf das Eis angewiesen sind. Durch den Rückgang des Meereises werden einige Bären kleiner, bringen weniger Junge zur Welt und haben eine kürzere Lebenserwartung.

Schon seit Langem warnen Wissenschaftler, dass die Bedrohung für die Tiere weiter zunehmen wird, je mehr das Meereis zurückgeht.

Allerdings haben sich die arktischen Räuber im evolutionären Stammbaum schon vor 152.000 Jahren von den Braunbären getrennt. Die Eisbären haben in der Vergangenheit also schon Warmphasen überlebt. Wie haben sie das geschafft? Und viel wichtiger: Können sie das noch mal schaffen?

Laut einer Studie, die von der Eisbärforscherin Kristin Laidre und ihren Kollegen von der University of Washington veröffentlicht wurde, wurden die massigen Raubtiere im Laufe der Zeit bessere Aasfresser. Insbesondere vergingen sie sich an den Kadavern von Meerestieren, die bedeutend größer als Robben sind: Wale.

An manchen arktischen Küstenabschnitten werden regelmäßig große, tote Wale angespült. Vermutlich reichte das, um den Bären durch vergangene Warmzeiten zu helfen, wie Laidre in ihrer Studie zeigte, die in „Frontiers in Ecology and the Environment“ erschien.

Sehenswert: Faszinierende Aufnahmen von Eisbären

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Leider wird diese Taktik wohl nicht noch einmal funktionieren.

„Auf globaler Ebene werden Strandungen großer Wale die Eisbären wahrscheinlich nicht vor den Folgen des Meereisverlustes bewahren können“, sagte sie.

Die Schuld daran tragen wir allein.

Vom Festmahl zur Fastenzeit

Im Gegensatz zu ihren Cousins an Land sind Eisbären wählerisch. Braunbären fressen zwar fettreichen Lachs, aber auch Beeren und Insekten. Eisbären benötigen zum Überleben viel Fett und knabbern gelegentlich auch mal an einem Beluga oder Narwal. Die meisten von ihnen ernähren sich jedoch fast ausschließlich von Robben und fressen pro Monat teils sechseinhalb oder mehr Tiere. Denn genau das können sie am besten.

Der Autor Stephen Leahy beschrieb ihr Jagdritual Anfang des Jahres für National Geographic. Die Bären warten „stundenlang an den kegelförmigen Atemlöchern der Robben im Eis. Wenn eine Robbe auftaucht, um Luft zu holen, steht der Bär auf seinen Hinterläufen und schlägt ihr mit beiden Vorderpfoten auf den Kopf, um sie zu betäuben. Dann beißt der Bär ihr in den Nacken und zerrt sie aufs Eis.“

Allerdings sind Eisbären auch hervorragend im Fasten, sagt Laidre. Die Weibchen können bis zu acht Monate ohne eine einzige Mahlzeit überleben – selbst, wenn sie dabei Junge gebären und säugen. Daher schlagen sie sich den Bauch bei jeder Gelegenheit voll und speichern den Rest.

Da die Bären zunehmend mehr Zeit an Land verbringen, sieht man immer öfter, wie sie sich an den Kadavern von Grauwalen und Grönlandwalen laben.

„Große Wale sind riesige Pakete aus Fett und Protein – die größten Pakete organischer Materie im ganzen Meer“, sagt sie. „Wenn man als Bär an einem Strand festsitzt und darauf wartet, dass das Meereis gefriert, dann aber Zugang zu einem großen Wal hat, der angespült wird, dann kann das sehr wichtig sein.“

Man bedenke: Die Hälfte der Körpermasse eines Wals oder gar noch mehr besteht aus Fett und Fleisch. Was den Nährwert für einen Eisbären angeht, entspricht ein Grauwal ungefähr 420 Ringelrobben. Bei einem toten Grönlandwal sind es sogar eher 1.300 Robben.

Mit anderen Worten: Wenn sich 1.000 Bären 120 Tage lang nach ihrem typischen Frühjahrs-Speiseplan ernähren, würden sie 26.400 Robben fressen, wie Laidres Team errechnete. Stattdessen könnten sie auch einfach 20 Grönlandwale fressen.

Also machten sich Laidre und ihre Kollegen auf, um zu ergründen, inwiefern es für die Eisbären möglich war und ist, ihren Hunger an Walen zu stillen.

Wie sich herausstellte, ist das mittlerweile wahrscheinlich schwieriger als früher – und selbst früher war es nicht einfach.

Gibt es genug tote Wale?

Das Team überprüfte frühere Forschungsarbeiten, Erhebungen und Aufzeichnungen von Beobachtungen in Gebieten, in denen Eisbären sich am regelmäßigsten von Walkadavern zu ernähren scheinen. Das war vor allem entlang der Tschuktschensee bei Tschukotka, im russischen Fernen Osten und auf dem norwegischen Spitzbergen-Archipel. An diesen Orten wirken der Wind, die Meeresströmungen und die Topografie der Strände auf eine Art und Weise zusammen, die dafür sorgt, dass dort regelmäßig Grönland- und Grauwale angespült werden, die eines natürlichen Todes starben. Berichte über Eisbären, die an den Kadavern fressen, reichen mehrere Jahrzehnte zurück.

„In manchen Gebieten tauchen solche Kadaver ziemlich regelmäßig auf und sind eine einigermaßen verlässliche Nahrungsquelle“, sagt Laidre.

Andernorts, beispielsweise an der felsigen Küste Grönlands, haben die Tiere nur einen sehr begrenzten Zugang zu Walkadavern. In vielen Gebieten werden die Leichname der riesigen Meeressäuger auch nicht besonders regelmäßig an die Küste gespült.

Außerdem ist der Walbestand in den Weltmeeren nur noch ein Bruchteil dessen, was er vor der kommerziellen Jagd durch den Menschen war. Einige Populationen haben sich zwar schon wieder erholt, aber die Walfangindustrie und der Schiffsverkehr halten die Zahl der Tiere relativ gering.

„Wir wissen, dass die Populationen großer Wale früher deutlich größer waren als heutzutage“, sagt Laidre. Während die Wale den Eisbären also unwissentlich durch vergangene Warmzeiten geholfen haben, deutet wenig darauf hin, dass das wieder passieren könnte.

Todd Atwood, ein Eisbär-Biologe des Geologischen Dienstes der USA, war an der Studie nicht beteiligt, stimmt mit ihren Schlussfolgerungen aber überein.

„Die Biologen versuchen herauszufinden, wie flexibel die Eisbären bei ihrer Ernährung sind“, sagt er. „Dadurch erhalten wir eine Vorstellung davon, welche potenziellen Vorteile für ihren Energiehaushalt die Bären ohne die Ringelrobben erhalten könnten.“

Dieser Tage werden Bären von den Resten der toten Grönlandwale angelockt, die einige menschliche Gemeinschaften zu ihrer Ernährung jagen.

„Das ist letztendlich eine Art Zuschuss aus dem Meer, den die Menschen zur Verfügung stellen“, sagt er. „Er ermöglicht Eisbären einen regelmäßigen Zugang zu Grönlandwalen, den sie sonst nicht hätten.“

Allerdings wurde ein Großteil vom Fett und Fleisch des Wales schon von dem Menschen mitgenommen. Laidres Forschung setzt diese Jagdreste in einen entsprechenden Kontext: „Das ist nur eine Art Pflaster, solange man nichts gegen den Rückgang des Meereises unternimmt“, so Atwood.

Laidre drückte es sogar noch eindeutiger aus: „Wenn wir die Eisbären behalten wollen, brauchen wir Meereis, und der Verlust des Meereises hängt eng mit unseren Aktivitäten und unseren Treibhausgasemissionen aus fossilen Brennstoffen zusammen.“

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

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