Saubere Schweinerei: Auch Schweine waschen ihr Essen

Eine Studie zeigt, dass einige Wildschweine ihr Futter waschen, bevor sie es sich schmecken lassen.Freitag, 22. November 2019

Der Ausdruck „Fressen wie ein Schwein“ wird für gewöhnlich nicht unbedingt als Bestätigung für herausragende Tischmanieren genutzt.

Doch eine Studie aus dem Jahr 2015 zeigt, dass einige Schweine ihr Futter vor dem Fressen waschen – ein krasser Gegensatz zu ihrem gemeinhin schmutzigen Ruf. Wissenschaftler des University College London und des Baseler Zoos stießen auf diese Erkenntnis, nachdem eine Zoomitarbeiterin mehrere Wildschweine dabei beobachtet hatte, wie sie schmutzige Apfelstücke zu einem Wasserlauf trugen und sie darin eintunkten, bevor sie sie fraßen.

Weiterführende Experimente belegten, dass die Schweine schmutziges Futter erkennen – und dass sie durch das Waschen Geduld bewiesen, statt die Leckerbissen einfach direkt hinunterzuschlingen.

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Schweine sind intelligente Tiere und ihre enorme Anpassungsfähigkeit an veränderte Lebensumstände ist schon lange bekannt. Es überrascht also nicht sehr, dass sie nicht nur sauberes von schmutzigem Futter unterscheiden können, sondern sich auch noch die Zeit nehmen, einzelne Stücke bei Bedarf zu waschen. Dennoch war dies die erste Beobachtung von Schweinen, die ihr Futter säubern. Die Studienergebnisse wurden 2015 im Wissenschaftsmagazin „Animal Cognition“ veröffentlicht.

Die Erkenntnisse aus der Studie könnten die Sichtweise einiger Menschen auf Schweine verändern. Für gewöhnlich wird den Tieren eher Gier und Unsauberkeit nachgesagt, doch tatsächlich sind sie überaus klug und sehr reinlich.

Lieber sauber als schmutzig

Schweine sind nicht die einzigen Tiere, die ihr Futter vor dem Fressen ins Wasser tauchen oder es darin bearbeiten. Waschbären, Vögel und Primaten tun dies ebenso. Aber nicht alle diese Tierarten waschen ihr Futter auch im eigentlichen Sinne.

Einige Vogelarten befeuchten ihre Nahrung einfach, um sie leichter schlucken zu können. Waschbären suchen im Wasser nach Futter und rollen es oft zwischen ihren Vorderpfoten hin und her. Doch dieses Verhalten spiegelt nur wieder, dass sie ihre „Hände“ als Sinnesorgan benutzen, um die Welt um sich herum wahrzunehmen und Nahrung zu finden – nicht das Bedürfnis, sie zu waschen.

Um nachzuweisen, dass ein Tier wirklich die Absicht hat, Dreck und Erde von seinem Futter zu entfernen, müssen die Forscher beobachten, dass es zwischen sauberem und schmutzigem Futter unterscheiden kann. Darüber hinaus muss es die schmutzige Nahrung dann ganz bewusst zu einer Wasserstelle tragen.

Die Entdeckung, dass einige Schweine ihr Futter waschen, war purer Zufall. Tanja Dietrich, die Leiterin für Kommunikation und Public Relations des Baseler Zoos, bemerkte nach der Ankunft einer neuen Wildschweingruppe etwas Ungewöhnliches: Sowohl erwachsene wie auch Jungtiere nahmen sandige Apfelhälften mit der Schnauze auf und trugen sie zum Ufer des kleinen Bachlaufs, der durch ihr Gehege führt. Am Bach angekommen legten die Schweine die Obststücke ins Wasser und schoben sie mit der Nase hin und her, bevor sie sie fraßen.

Dietrich erzählte Volker Sommer und Adriana Lowe, beide Anthropologen am University College London, von diesem außergewöhnlichen Verhalten. Daraufhin machte sich das Team auf, um herauszufinden, ob die Schweine ihr Futter ganz bewusst waschen.

Die Wissenschaftler setzten den Schweinen einen Haufen geschnittener Äpfel vor, von denen einige sauber, andere dagegen voll mit Sand waren. Die Schweine trugen die sandigen Äpfel zum Ufer des Baches, ließen die Stücke ins flache Wasser fallen und schubsten sie dann mit den Schnauzen bis zu einer halben Minute lang herum. Als die Äpfel frei von Sand waren, fraßen die Schweine sie. Saubere Äpfel wurden dagegen kein einziges Mal zum Wasser getragen.

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„Der Umgang mit den Äpfeln entspricht einem Kriterium für echtes Waschen, vor allem die Unterscheidung zwischen sauberer und schmutziger Nahrung“, sagt Lowe. „Dieses Verhalten war außergewöhnlich und interessant genug, dass Menschen darauf aufmerksam wurden.“

Die Schweine waren jedoch nicht immer so wählerisch. Bei der Morgenfütterung schlangen sie ein paar schmutzige Äpfel mit hinunter, bevor sie dir restlichen zum Waschen an den Bach trugen. Außerdem vertilgten sie ihr Lieblingsfutter wie Maiskolben und Zuckerrüben, ohne sie vorher zu waschen. Eine andere Delikatesse – ein ganzes totes Huhn – brachten sie jedoch wiederum zum Bach und wuschen es vor dem Fressen.

Reinliche Schweine

Schweine sind bekannt für ihre schlammigen Vorlieben. Wie kann es also sein, dass sie sich gleichzeitig als wählerische Esser entpuppen? Die Forscher spekulieren, dass ihnen vielleicht der Geschmack oder die Textur von Sand nicht gefällt. Das Verhalten könnte sie vielleicht auch vor Verletzungen im Bereich der Schnauze schützen, da ihr Zähne durch den Sandabrieb auf Dauer Schaden nehmen könnten.

Es ist unklar, ob die Schweine unabhängig voneinander auf die Idee kamen, ihr Futter zu waschen, ob es sich dabei um Versuch und Irrtum handelte oder ob ein einzelnes Schwein damit begonnen hat, seine Nahrung zu säubern und die anderen es sich abgeschaut haben.

Unabhängig von den Hintergründen dieses Verhaltens und seiner Entstehung belegen die Studienergebnisse jedoch klar, dass die Schweine zielgerichtet zwischen sauberem und dreckigem Futter unterscheiden. Außerdem sind sie in der Lage, sich in Geduld zu üben, bis sie das Futter zum Wasser getragen und gereinigt haben, bevor sie es fressen. Dieser sogenannte Belohnungsaufschub ist eine hochentwickelte Fähigkeit, selbst für so intelligente Tiere wie Schimpansen und Menschen. 

Erik Meijaard, ein Ökologe der den Vorsitz der International Union for Conservation of Nature’s Wild Pig Specialist Group führt, erklärt, dass das Verhalten der Tiere eventuell ein „Luxusverhalten“ sein könnte, dass nur bei dieser einen Gruppe von in Gefangenschaft lebenden Wildschweinen zu beobachten ist.

„Sie haben ein paar Äpfel gewaschen, aber nicht, wenn sie sehr hungrig waren und ihr Lieblingsfutter wurde auch nicht gesäubert“, merkt er an.

Lowe geht davon aus, dass die Tiere erst nach ihrer Ankunft im Baseler Zoo mit dem Waschen des Futters angefangen haben. „Das Waschverhalten wurde im vorherigen Zoo der Schweine nicht beobachtet“, sagt sie. „Allerdings achteten ihre Pfleger auch nicht spezifisch auf dieses Verhalten.“

„Vielleicht hilft uns solche Forschung dabei, die Bedeutung der Intelligenz von Schweinen hervorzuheben und damit auch ihren Schutz in der Wildnis zu unterstützen“, fügt Meijaard hinzu. „Es gibt etwa 15 bedrohte Wildschweinarten auf der Welt, von denen einige in freier Wildbahn beinahe ausgestorben sind. Sie brauchen jede Aufmerksamkeit, die sie bekommen können.“

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

 

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