Das erste Bienenkrankenhaus

Auf mexikanischen Sonnenblumenfeldern soll sich die Honigbiene vom Menschen erholen. Ein Experte erklärt, inwieweit solche Heilstätten auch hierzulande sinnvoll sind.

Thursday, March 5, 2020,
Von Anna-Kathrin Hentsch
Honigbienen tanken Wasser
Gesundes Klima: Wasserholerinnen tanken für den Einsatz als Klimaanlage in ihrem Nest auf. Bienen können Wärme erzeugen oder durch Einbringen von Wasser und "Fliegen im Stand" Verdunstungskälte herstellen.
Bild Ingo Arndt/Knesebeck Verlag

Bienen ernähren sich von Nektar und Pollen. Neben Kohlenhydraten in Form von Zucker, Mineralien, Eiweißen und Vitaminen müssen die Bienen eine große Menge an Fetten aufnehmen, damit sie genug Kraft zum Fliegen haben. Um auch in Regen- bzw. Wintermonaten Nahrung zu haben, legen die Honigbienen aus Blütennektar oder Honigtau Vorräte in Form von Honig an. Doch in Zeiten des Klimawandels, der intensiven Bewirtschaftung von Feldern und der damit zusammenhängenden Überdüngung fällt den Bienen die Beschaffung von Nektar und Pollen zunehmend schwerer.

Auf Sonnenblumenfeldern sollen sich die mexikanischen Bienen erholen. Ein Großteil des nach Deutschland importierten Bio-Honigs stammt aus Mexiko.
Bild Kohei Yasuda on Unsplash.com

Wellness für Honigbienen

Um die Versorgung der Bienen und anderer Hymenopteren mit Nahrungsmitteln sicherzustellen, und so die zukünftige Bestäubungsarbeit zu sichern, gibt es im mexikanischen Bundesstaat Oaxaca ein Projekt, das geschwächte Bienenvölker bei der Nahrungssuche unterstützt: Bienenkrankenhäuser sollen einen neuen Lebensraum für Honigbienen schaffen, in dem sie genügend Nahrung finden und sich erholen können. Außerdem sollen die Bienenvölker durch das erhöhte Nahrungsmittelangebot zur Rückkehr und Ansiedelung motiviert werden. Dafür wird der Anbau von Mais mit dem Anbau von Sonnenblumen kombiniert. Bis zu einem Viertel der Anbaufläche bepflanzen die Landwirte deshalb mit Sonnenblumen.

In den mexikanischen Bienenkrankenhäusern werden bis zu einem Viertel der Anbauflächen mit Sonnenblumen bepflanzt.
Bild Marina Montoya on Unsplash.com

Flower mit Power?

Professor Dr. Jürgen Tautz ist Verhaltensforscher, Soziobiologe und Bienenexperte. Als Professor em. am Biozentrum der Julius-Maximilians-Universität Würzburg und Leiter der interdisziplinären Umweltforschungs- und Bildungsprojekte HOBOS (HOneyBee Online Studies) und we4bee, weiß er, wie es um die Bienenvölker weltweit und hierzulande steht. „Entgegen der landläufigen Meinung, gibt es das Bienensterben so nicht, wenn man die reine Statistik zur Anzahl der von Imkern gehaltenen Bienenvölker betrachtet. Das heißt aber nicht, dass es den Bienen gut geht. Das große Sterben würde einsetzen, wenn sich die Imker nicht mehr um die Bienen kümmern und den Verlust nicht mehr ausgleichen würden“, erklärt der Forscher.

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Quantität und Qualität

Quantitativ gibt es demnach genügend Bienen, doch qualitativ können wir in Natur und Umwelt nachbessern. Bienenkrankenhäuser wie in Mexiko hält der Experte nur für bedingt sinnvoll, da das Projekt Vor- und Nachteile birgt: „Honigbienen benötigen Blütenpflanzen zum Leben. Je vielseitiger das Angebot, desto besser. Reine Sonnenblumenplantagen bieten keine Vielfalt. Dazu kommt, dass man sehr sorgfältig auswählen muss, welche Sonnenblumen man für die Bienen anbaut. Nicht alle Sorten liefern Nektar. Einen Vorteil derart großflächiger Sonnenblumenbestände sehe ich darin, dass die Chance hoch ist, im Inneren der Plantage weniger Agrogifte aus der Umgebung zu finden, weil man weit weg vom Rand der Plantage ist. Das ist leider bei schmalen Blühstreifen neben intensiv bewirtschafteten Feldern anders“.

In freier Wildbahn: Ein Bienennest in einer verlassenen Schwarzspechthöhle, 20 Meter hoch über dem Waldboden in einer alte Buche auf der schwäbischen Alb.
Bild Ingo Arndt/Knesebeck Verlag

Kleine Hilfe für kleine Helfer

Auch wenn man persönlich den Honigbienen nicht mit einem ganzen Feld blühender Pflanzen helfen kann, reichen auch kleine Gesten, weiß Prof. Dr. Tautz: „Um die Biene als Nutztier zu unterstützen, kann man ihr am besten ganzjährig ein vielfältiges Angebot an Blütenpflanzen zur Verfügung stellen, egal ob im Garten oder auf dem Balkon. Außerdem sollte man die Imker, ohne die wir keinen zur Erfüllung der Bestäubungsfunktion ausreichenden Bestand an Bienenvölkern hätten, durch den Kauf von Honig direkt beim Erzeuger unterstützen. Den Bienen in freier Wildbahn kann man Gutes tun, indem man ihnen künstliche Nisthöhlen in gesunden Mischwäldern schafft“.

Bienenexperte und Buchautor: Professor Dr. Jürgen Tautz.
Bild Ingo Arndt/Knesebeck Verlag

Summendes Forscherherz

Wie sehr Professor Dr. Jürgen Tautz die Bienen am Herzen liegen, zeigen seine zahlreichen Publikationen. Sein aktuelles Buch „Honigbienen – geheimnisvolle Waldbewohner“ dokumentiert in Zusammenarbeit mit dem international prämierten Tierfotografen Ingo Arndt das geheimnisvolle Leben der wilden Honigbiene (erschienen bei Knesebeck). Woher kommt diese Leidenschaft für summende Waldinsekten? „Bevor ich auf die Honigbienen gestoßen bin, habe ich mich unter anderem damit befasst, wie im Gehirn die vielen Nervenzellen zusammenarbeiten, um sinnvolle Leistungen zu erzielen. Die gleiche Frage stellt sich bei einem Bienenvolk auch - nur dass die einzelnen Bausteine frei beweglich sind, sich über viele Kilometer voneinander weg bewegen und dann wieder zusammenfinden. Dabei reißt der Zusammenhalt nie ab. Neben dem rein wissenschaftlichen Interesse wirkt aber auch das Erleben eines Bienenvolkes durch seinen angenehmen Duft nach Wachs und das beruhigende Brummen eines emsigen Bienenvolkes wohltuend auf mich“, erzählt er. Als Forscher treibe ihn „die Neugier und konkret eine allgemeine  Faszination, die von Honigbienen ausgeht“, an. „Als Mensch der Wunsch, über die Honigbiene, als Botschafter einer wunderschönen, hochkomplexen Natur, meinen Zeitgenossen ein wenig die Augen dafür zu öffnen, wie alles mit allem zusammenhängt und wir am Ende über unser eigenes Schicksal  entscheiden, dadurch wie wir mit Mitlebewesen, wie hier den Honigbienen, umgehen.“

 

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