Eichenprozessionsspinner: Giftraupen im Anmarsch

Der Eichenprozessionsspinner breitet sich weiter in Deutschland aus. Die giftigen Brennhaare der Nachtfalterraupen lösen heftige Allergien aus. Neue Bekämpfungsstrategien sollen die befürchtete Plage eindämmen.

Von Jens Voss
Veröffentlicht am 29. Mai 2020, 18:27 MESZ
Eichenprozessionsspinner

Der Eichenprozessionsspinner hat sich in den vergangenen Jahren rasant in allen Bundesländern ausgebreitet.

Foto von Shutterstock

Die Eltern sind unscheinbar und harmlos. Für Angst und Schrecken sorgt der Nachwuchs. Wenn es ab Mai richtig warm wird, entwickeln die Raupen des Eichenprozessionsspinners ihre gefürchteten Brennhaare. Sie enthalten das Nesselgift Thaumetopoein, mit dem sich die Tiere vor Feinden schützen. Der Kontakt kann starke gesundheitliche Schäden bei Mensch und Tier verursachen. Dafür muss man den Nachtfalterraupen noch nicht mal richtig nahekommen. Der Wind kann die mit winzigen Widerhaken bewehrten Gifthärchen hunderte Meter weit verbreiten.

Asthma und allergische Schocks

„Einem Juckreiz folgen meist Hautentzündungen“, warnt Sabine Krömer-Butz von der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald. „Sie reichen von lokalen Hautausschlägen bis zu Quaddeln am ganzen Körper, Bronchitis, Asthma, Schwindel, Fieber und allergischem Schock. Häufig kommt es zur Reizung der Schleimhäute der Augen und Atemwege.“ Und weil die tückischen Härchen eine lange Haltbarkeit besitzen, reichern sie sich über mehrere Jahre im Unterholz und im Bodenbewuchs an.

Das Dilemma: Der Eichenprozessionsspinner hat sich in den vergangenen Jahren rasant und inzwischen in allen Bundesländern ausgebreitet. Experten vermuten den Grund im Klimawandel. Der graue Nachtfalter liebt warm-trockene Regionen. Und die letzten Jahre waren so warm wie kaum zuvor. Bevorzugt besiedelt das rund 30 Millimeter kleine Insekt lichte Eichenwälder, Waldränder, Alleen und Einzelbäume. Die Weibchen legen ihre bis zu 300 Eier bevorzugt an ein- bis dreijährigen Eichenzweigen ab. Die Raupen wandern in langen Reihen (daher der Name) über die Bäume und fressen die frischen Blätter meist vollständig ab. Damit kann der Eichenprozessionsspinner auch den Bäumen gefährlich werden.

Kampf gegen die Raupenplage

Besonders starke Populationen gibt es, wenn die Frühjahrsmonate mild waren und im Spätsommer mit Falterflug und Eiablage trockenes Wetter mit wenig Wind herrscht. So rechnet die Schutzgemeinschaft Deutscher Wald auch in diesem Jahr wieder mit hohem Befall. Besonders gefährlich sei die Zeit zwischen Ende Mai bis in den September. Dann seien die Raupen nach drei Häutungen mit über 600.000 Brennhaaren übersät. Schon in den letzten Jahren mussten immer wieder Schulen geschlossen, sowie Straßen und Parks vorübergehend gesperrt werden.

Galerie: Giftraupe breitet sich weiter in Deutschland aus

Zum Schutz des Menschen empfiehlt das Bundesumweltamt, Warnschilder in den betroffenen Gebieten aufzustellen und das Areal gegebenenfalls abzusperren. Wer ein Gespinstnest entdeckt, sollte sich sofort entfernen, die Nester unter keinen Umständen berühren und den Fund dem Forstamt oder der Kommune melden.

Sind Bäume in der Nähe von Siedlungen befallen, rücken professionelle Schädlingsbekämpfer an, um die Raupennester abzusaugen und zu verbrennen. Eine neue Abwehrmaßnahme setzt auf siedend heißes Wasser. Die Hitze soll die Eiweißstrukturen im Nesselgift zerstören. Auch ein neuer Schaum ist im Versuchsstadium. Bei dieser Methode können die Schädlingsbekämpfer den Baum ohne Schutzanzug großflächig besprühen.

 

Spektakulärer Zeitraffer: Die Metamorphose des Schmetterlings

Im Extremfall rät das Umweltamt zu Sprüheinsätzen mit Bioziden. Die Schädlingspräparate enthalten das Bakterium Bacillus thuringiensis. Es schädigt die Darmwand der Raupen und führt schließlich zum Absterben der Tiere.

Kritik an Biozideinsatz

Doch Umweltschützer wie der Naturschutzbund Deutschland (Nabu) haben Bedenken. Durch die Gifteinsätze könnten viele Schmetterlingsarten und auch andere Tierarten in Deutschland betroffen sein. „Die Wirkungszusammenhänge der Pestizidbehandlung auf Vögel, Fledermäuse, aber auch Kleinsäuger, die die vergifteten Raupen oder Schmetterlinge fressen, sind bisher nicht geklärt“, sagt Nabu-Bundesgeschäftsführer Leif Miller. Um die Artenvielfalt in den ökologisch wertvollen Eichenwäldern nicht zu gefährden, müsse dort auf den Pestizideinsatz verzichtet werden.

Leichteres Spiel haben die wenigen natürlichen Feinde der Giftraupen. Dem Kuckuck etwa kann das Nesselgift nichts anhaben. Er besitzt die Fähigkeit, seine Magenschleimhaut mit den darin festsitzenden Brennhaaren herauszuwürgen.

Jens Voss

 

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