In Floridas Lagunen verenden Seekühe zu Hunderten

In den ersten zwei Monaten 2021 starben fast mehr Manatis als im gesamten Vorjahr.

Bilder Von Jason Gulley
Veröffentlicht am 25. März 2021, 15:38 MEZ
Seekuh

Einheimische Gräser, die einst den Boden von Floridas Lagunen säumten – wie hier im Wes Skiles Peacock Springs State Park – werden von Algen verdrängt, die durch Düngemittel und Nährstoffabfluss wachsen. Dieser Mangel an Vegetation führt dazu, dass viele Seekühe im Winter verhungern.

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Zu Beginn des Winters 2020 bemerkte Martine de Wit einen sprunghaften Anstieg von Todesfällen bei Seekühen. Zunächst führte die Tierärztin der Florida Fish and Wildlife Conservation Commission die hohen Zahlen auf Kältestress zurück. De Wit war es gewohnt, dass einige Seekühe – die einen sehr empfindlichen Körper haben – durch die Belastung erkrankten, wenn die Wassertemperaturen unter 20 Grad Celsius fielen. Im Dezember und Januar geschah das gleich mehrfach.

„Aber als der Winter voranschritt, schien etwas nicht zu stimmen“, sagt de Wit, deren Labor sich in St. Petersburg im Bundesstaat Florida befindet. Bis Mitte März waren im Jahr 2021 mehr als 430 Seekühe in Floridas Gewässern verendet – fast dreimal so viele wie im gleichen Zeitraum des Vorjahres.

Die jüngsten Kälteeinbrüche zwangen die temperaturempfindlichen Säugetiere, in den warmen Gewässern der Indian River Lagoon Schutz zu suchen, die Teil eines Mündungssystems an Floridas Atlantikküste ist. Die meisten Todesfälle ereigneten sich in diesen Gewässern, die flacher und geschützter sind als der Ozean und daher im Winter wärmer. 

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Die alarmierende Zahl hat Meeresbiologen und Tierärzte dazu veranlasst, nach Antworten zu suchen. Derweil kämpft das Rettungspersonal der Kommission, das durch die Pandemie unterbesetzt ist, um die Rettung kranker Tiere.

Kältestress tötet typischerweise junge Seekühe, aber bei diesem Sterben war ein großer Prozentsatz erwachsener Tiere betroffen, von denen viele abgemagert waren. „Wir glauben, die Hauptursache ist, dass sie verhungern“, sagt de Wit. Sie und andere sind der Überzeugung, dass die Seekühe verenden, weil es in der Lagune zu wenig Seegras gibt, was zum Teil auf die zunehmende Wasserverschmutzung zurückzuführen ist.

Zwei Karibik-Manatis grasen in Fanning Springs. Seekühe haben einen unersättlichen Appetit und müssen jeden Tag etwa 10 Prozent ihres Körpergewichts an Vegetation zu sich nehmen.

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Fast 1.000 Tonnen Stickstoff und Phosphor aus landwirtschaftlichen Chemikalien, Rasendünger und undichten Klärgruben fließen jedes Jahr in die Lagune. Da sich die Wasserqualität verschlechtert hat, überwintern einige Seekühe in Gewässern, die durch Abwässer aus Kraftwerken entlang der Atlantikküste Floridas erwärmt wurden.

Um in Topform zu bleiben, müssen Seekühe täglich bis zu 10 Prozent ihres Körpergewichts an Seegras oder anderen Wasserpflanzen fressen, zum Beispiel Mangrovenblätter oder Grundnesseln, sagt Mike Walsh. Er ist der Co-Direktor für Wassertiergesundheit am University of Florida College of Veterinary Medicine in Gainesville.

Seekühe sind nicht deshalb so rundlich, weil sie Schichten von isolierendem Speck haben, sondern weil ihr Verdauungstrakt so sperrig ist. Eine Seekuh, die „an Körpergewicht verliert, ist viel anfälliger für sekundäre Probleme oder kann Faktoren wie Kälte nicht trotzen“, sagt Walsh. Einige Tiere entwickeln Läsionen an ihren Flossen, die Erfrierungen ähneln, fügt er hinzu.

 

Gesetze zum Schutz der Seekühe gehen auf die britische Besetzung Ostfloridas im 18. Jahrhundert zurück und gehören damit zu den ältesten Wildtierschutz-Gesetzen in Nordamerika. Doch Mitte des 19. Jahrhunderts war der Bestand der sanften Geschöpfe auf wenige Hundert Tiere geschrumpft. 1967 setzte das US-Innenministerium die in Florida heimische Unterart des Karibik-Manatis T. m. latirostris auf die erste Liste von Tieren, die unter dem neu geschaffenen Gesetz zum Schutz gefährdeter Arten (Endangered Species Preservation Act) geschützt wurden. Das Ministerium verlangte, dass Maßnahmen ergriffen werden, um ihre Bestandserholung sicherzustellen. Unter staatlichem Schutz erholten sich die Seekühe, und 2017 strich der U.S. Fish and Wildlife Service sie von der Liste der gefährdeten Arten.

Seekühe tummeln sich in Florida in dem Kanalnetz, das die Three Sisters Spring in Crystal River mit der Kings Bay verbindet. Die Erschließung der Küste zerstört weiterhin den Lebensraum der Seekühe und bringt sie in immer größere Nähe zu Booten.

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Eine Seekuh grast in Crystal River, Florida.

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Dicke Algenmatten haben einen Großteil der einheimischen Gräser im Crystal River erstickt, auf die die Seekühe angewiesen sind. Das Algenwachstum wurde durch den Abfluss von Düngemitteln und undichte Klärgruben begünstigt.

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Eine Seekuh schwimmt durch das trübe Wasser von Crystal River, Florida.

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Aber Patrick Rose, ein Biologe und Geschäftsführer der Naturschutzorganisation Save the Manatee Club in Florida, glaubt, dass das nicht gerechtfertigt war. „Das wäre es gewesen, wenn wir die Risiken und Bedrohungen für das Tier heute und in absehbarer Zukunft kontrolliert hätten“, sagt er. „Das ist nicht geschehen.“

Wenn sich das Wasser in diesem Frühjahr und Sommer erwärmt, werden die Seekühe in der Indian River Lagoon wahrscheinlich in Gebiete mit reichlich Seegras und anderer Wasservegetation ziehen. Dann sollten weniger von ihnen sterben, sagt de Wit. Aber Seekühe sind Gewohnheitstiere. Sie werden mit ziemlicher Sicherheit im nächsten Winter in die Lagune zurückkehren, und wenn die Bedingungen anderswo zu kühl sind, werden sie wieder dort gefangen sein – und sterben.

Seekühe verhungern durch Algenblüten

Kaltfronten trafen den Sunshine State im Frühjahr 2021. Als immer mehr Seekühe starben, begann de Wit, das Puzzle zusammenzusetzen: Die Temperaturen waren nicht niedrig genug, um so viele der Tiere an Kältestress verenden zu lassen. Seekühe mit verkümmerten Organen und die vielen toten Erwachsenen wiesen auf eine andere Ursache hin: Sie verhungerten. (Eine weitere Ursache für den Tod von Seekühen sind Zusammenstöße mit Booten. Diese haben 2021 bisher mindestens 17 Todesopfer gefordert, was ungefähr dem Durchschnitt entspricht.)

Mehr als 4.300 Pflanzen- und Tierarten leben in der Indian River Lagoon und machen sie zu einem der artenreichsten Mündungsgebiete der nördlichen Hemisphäre. Aber Algenblüten, die durch Verschmutzung verursacht werden, halten sich seit einem Jahrzehnt in der Lagune, sagt Daniel Slone, ein Forscher für aquatische Ökosysteme bei der U.S. Geological Survey.

Nährstoffabfluss, der das Algenwachstum und den Sauerstoffentzug im Wasser fördert, kann für Seekühe tödlich sein. Hier liegen die Rippen von Seekühen am Boden, die in der Nähe von Merritt Island in Florida gestorben sind.

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Diese Phytoplanktonblüten „blockieren das Licht für das Seegras weiter unten“, sagt Slone. „Dadurch gibt es weniger Seegras – und weniger von allem, das auf dieses Seegras angewiesen ist.“

Im Dezember verschlang eine besonders große Algenblüte den Sauerstoff im Wasser. Tote Fische trieben in den Mangroven entlang der Küste, und ein Großteil des verbliebenen Seegrases unter dem trüben Wasser verdorrte. Seekühe begannen zu verhungern.

„Ohne ein gesundes aquatisches Ökosystem besteht die Gefahr, dass sich die Art nicht mehr erholt, wenn viele Seekühe sterben“, sagt Rose.

Langfristige Lagunensäuberung

Besorgte Bürger in den Gemeinden setzen sich seit mehr als einem Jahrzehnt für die Säuberung der Indian River Lagoon ein. Floridas Umweltschutzministerium hat die umliegenden Städte angewiesen, ihre Stickstoff- und Phosphoreinträge bis 2030 zu halbieren.

„Die Bemühungen zur Reduzierung der Nährstoffe sind im Gange“, sagt Charles Jacoby, der leitende Umweltwissenschaftler für Mündungsgebiete am St. Johns River Water Management District. Alte Klärgruben werden repariert oder ersetzt, und Projekte zur Reduzierung des Phosphorgehalts im Abwasser der regionalen Kläranlage von Fleming Island sind in Arbeit.

Im Jahr 2016 stimmten die Bewohner von Brevard County, das den größten Teil der Indian River Lagoon umfasst, für einen Beitrag zu einer 300-Millionen-Dollar-Steuer, um ein zehnjähriges Sanierungsprojekt zu finanzieren. Bislang haben Freiwillige Mangroven gepflanzt (Mangroven filtern Wasser), Austerngärten angelegt (Austern tun es ebenfalls) und andere über die notwendige Säuberung der Lagune aufgeklärt.

Eine Seekuh schwimmt in der Nähe der Schraube eines angedockten Bootes. Mit der zunehmenden Zahl von Bootsfahrern in Florida steigt auch die Zahl der Seekühe, die durch Wasserfahrzeuge verletzt oder getötet werden. Biologen schätzen, dass fast zwei Drittel der Seekühe in Florida durch Boote verletzt wurden.

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Dennoch könne man laut de Wit nicht sagen, ob die Seegraswiesen rechtzeitig wiederhergestellt werden können, um Floridas Manatis zu retten. Im Moment bleibe nichts anderes übrig als zu versuchen, kranke Seekühe zu retten, bevor sie sterben.

Mit Hilfe von unabhängigen Biologen sammeln Beamte der Florida Fish and Wildlife Commission kranke Seekühe mit Netzen ein und bringen sie zu wartenden Krankenwagen. Diese klimatisierten Lastwagen transportieren die Tiere zu staatlichen Aquarien, wo Tierärzte versuchen, sie wieder gesund zu pflegen. Diejenigen, die überleben, werden in der Nähe ihres Fundortes wieder ausgesetzt, manchmal schon einen Monat nach ihrer Rettung.

In den wärmeren Monaten könnten Seekühe in Gebiete abwandern, die mehr Nahrung und Seegras haben, wie zum Beispiel rund um Jekyll Island im Bundesstaat Georgia, wo Schlickgräser in Hülle und Fülle wachsen. Aber laut de Wit sind Seekühe Gewohnheitstiere, die bei dem bleiben, was sie kennen – und das ist im Winter hauptsächlich die Indian River Lagoon.

„Wir haben das Warmwasserhabitat für die Seekühe nicht gemanagt“, sagt Patrick Rose. „Der ganze Erfolg, den wir über 30 Jahre lang hatten, könnte also untergraben werden, und wir könnten einen Zusammenbruch der Population erleben, wenn wir diese Sachen nicht bald in Ordnung bringen.“

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