Wie nehmen Hunde Zeit wahr?

Sie wissen, wann es Zeit für die nächste Mahlzeit ist und werden schon Minuten vor der Heimkehr ihres Herrchens ganz aufgeregt vor Vorfreude. Doch wie genau funktioniert die Zeitwahrnehmung von Hunden?

Veröffentlicht am 14. Mai 2021, 15:28 MESZ
Wartender Hund liegt auf dem Boden

Das Zeitgefühl von Hunden, so verlässlich es bisweilen auch sein mag, hat nichts damit zu tun, wie wir Menschen Zeit wahrnehmen.

Bild Jonatan Pie on Unsplash.com

Sie wecken den Besitzer, wenn er morgens zu lange schlafen sollte, und scheinen ganz genau zu wissen, wann es Zeit zum Füttern, Spazierengehen oder für die Heimkehr von geliebten Familienmitgliedern ist. Doch was bedeutet Zeit eigentlich für Hunde – und wie nehmen sie Zeiträume wahr? Klar scheint zunächst lediglich: Das Zeitgefühl von Hunden, so verlässlich es bisweilen auch sein mag, hat nichts damit zu tun, wie wir Menschen Zeit wahrnehmen.

Woraus besteht unser Zeitgefühl?

Ganz allgemein bezeichnet der Begriff des Zeitgefühls – auch Zeitempfinden genannt – die Fähigkeit von Menschen und Tieren, die Dauer eines objektiven Vorgangs abzuschätzen. Wir Menschen nehmen dazu unterschiedliche Werkzeuge zu Hilfe, denn nur in Ausnahmefällen messen wir die Zeit durch Mitzählen von Sekunden. Zur Einschätzung nutzt das Gehirn etwa das Maß der geistigen Tätigkeiten oder Denkprozesse, die aus der Beschäftigung während des Vorgangs entstehen. Erfordert ein objektiver Vorgang hohe Aufmerksamkeit, empfinden wir ihn als länger als wenn er nur wenig Denkprozesse erregt. Unter anderem die innere Uhr und extreme Emotionen beeinflussen, als wie lang wir einen Vorgang subjektiv wahrnehmen, besonders dann, wenn wir nicht mehr warten können oder wollen. Bei allen Schätzungen und Empfindungen rund um die Zeit können wir Menschen uns dennoch an einer Größe orientieren, die alles andere als variabel ist: der Uhr.

Hunde können Zeiträume einschätzen

Mit der Uhrzeit hat das Zeitgefühl eines Hundes sicherlich nichts zu tun: „Hunde sind Weltmeister darin, Muster zu erkennen. Die kleinsten Verhaltensweisen, die die Besitzer zeigen und immer wieder wiederholen, nehmen Hunde wahr und reagieren darauf“, sagt Dr. Leopold Slotta-Bachmayr, Biologe an der Universität Salzburg und Trainer für Rettungs-, diverse Spür- und Therapiehunde. Solche vom Menschen gemachten Muster sind natürlich oft von der Uhrzeit beeinflusst: das morgendliche Aufstehen und Vorbereiten der Mahlzeiten, das Holen der Leine für den Abendspaziergang oder das Zusammenpacken der Sachen für die Hundeschule. Die kleinen Details signalisieren dem Hund: Es ist Zeit für Aktivität X oder Y. Dabei kann der Hund auch weiter auseinanderliegende regelmäßige Events bis auf den Tag vorhersehen lernen – zum Beispiel den wöchentlichen Besuch des Hundetrainings: „Eigentlich machen wir immer alles gleich und trotzdem ist der Hund schon Stunden vorher aufgeregt, weil er weiß, dass heute Freitag ist und Training ansteht“, sagt Slotta-Bachmayr.

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Doch es geht noch um einiges komplexer – denn neben konkreten Zeitpunkten können Hunde wissenschaftlichen Erkenntnissen zufolge auch Zeiträume einschätzen und diese hinsichtlich ihrer Länge unterscheiden. In einer Studie, die 2011 im Fachmagazin Applied Animal Behaviour Science erschien, wurde untersucht, inwiefern Hunde, die alleine zu Hause gelassen wurden, ein Gespür dafür hatten, wie viel Zeit bis zur Rückkehr ihrer Besitzer verging. In Experimenten wurden zwölf Hunde entweder 30 Minuten, zwei oder vier Stunden allein gelassen und im Anschluss das Verhalten der Hunde bei der Rückkehr ihrer Besitzer analysiert. Das Ergebnis: Je länger die Trennungsdauer, desto aufgeregter und vorfreudiger reagierte der jeweilige Hund, wenn sein Besitzer zurückkehrte.

Die Macht der Erinnerung diktiert das Zeitgefühl

Auch das Erinnerungsvermögen beeinflusst das Zeitempfinden von Tier und Mensch. Pawlow bewies mit seinen Versuchen (Stichwort: klassische Konditionierung) bereits, dass Tiere über implizite Erfahrungen verfügen, die etwa für das Lernen und Reaktionen verwendet werden. Weniger eindeutig ist die Frage zu beantworten, ob Hunde auch über ein Episoden- oder auch deklaratives Gedächtnis verfügen, das Ereignisse in einen zeitlichen Kontext setzt wie etwa, wo oder wann etwas passiert ist sowie persönliche Erfahrungen speichert. Eine Studie zur Imitierfähigkeit von Hunden aus dem Jahr 2009 zeigte, dass Hunde eine vorgeführte Aktion auch 24 Stunden später noch nachahmen können. Sie rufen das Vorgeführte also auch nach einem Tag noch aus dem Gedächtnis ab und führen es aus. Es deutet also alles darauf hin, dass auch Hunde einen Vorgang in der Vergangenheit einordnen und in Kontext setzen können.

Verknüpfung von Biorhythmus und sensorischen Fähigkeiten

Ein essentieller Faktor, der dem Zeitgefühl von Hunden einen Rahmen gibt, ist ihr Biorhythmus. Wie die meisten Säugetiere leben Hunde in einem zirkadianen Rhythmus: Ihr Organismus sagt ihnen, wann sie innerhalb eines Zeitraums von etwa 24 Stunden aktiv sein können und wann sie Ruhe brauchen. Im Zusammenspiel mit den Aktionen ihres Herrchens oder Frauchens ergeben sich im Lauf der Zeit eingespielte Routinen, die dem Hund mitteilen, wann es Zeit für den nächsten Schritt im Tagesablauf ist.

Unterstützt werden diese Eindrücke durch die ausgeprägten sensorischen Fähigkeiten des Tiers: So kann sich der Hund etwa an sich verändernden Lichtverhältnissen und/oder der Länge der Schatten orientieren. Interessant wird dies bei den Zeitumstellungen von Sommer- und Winterzeit, sagt Dr. Slotta-Bachmayr: „Auf einmal passen unsere Routinen mit der Tageszeit – sprich: dem Sonnenstand – nicht mehr zusammen. Damit wird vom Menschen ein Muster unterbrochen. Der Hund muss nun das Verhalten dem aktuellen Sonnenstand zuordnen. Das macht er zwar das ganze Jahr über, in diesen Fällen geschieht die Veränderung allerdings kontinuierlich, während sie bei der Zeitumstellung abrupt erfolgt.“

Besonders wichtig sind für den Hund als Makrosmatiker generell die Gerüche – doch welche Rolle spielen sie in Bezug auf das Zeitgefühl? Alexandra Horowitz, Psychologin und Leiterin des „Dog Cognition Lab“ des New Yorker Barnard Colleges, spricht vom so genannten „Geruch der Zeit“: Sobald der Hundebesitzer die eigenen vier Wände verlassen hat, ändert demnach der Raum mit der Zeit seinen Geruch. Der spezifische Duft des Besitzers verblasst langsam - hat er einen bestimmten Veränderungsgrad erreicht, weiß der Hund, dass die Heimkehr unmittelbar bevor stehen muss. Hinweise auf Bestätigung dieser These gab ein Versuch im Rahmen der BBC-Reihe „Inside the Animal Mind“, bei dem kurz vor der Heimkehr des Besitzers dessen Geruch im Haus durch ein kurz vorher getragenes T-Shirt „aufgefrischt“ wurde: Der Hund, der sich sonst schon 20 Minuten vor dem regulären Heimkommen seines Herrchens aufgeregt ans Fenster stellte, blieb entspannt liegen und schien sogar überrascht, als sein Besitzer kurze Zeit später das Haus betrat.

Spürhundtrainer Slotta-Bachmayr, der sich auf wissenschaftlicher Ebene unter anderem mit Gerüchen und Geruchsausbreitung beschäftigt, kann dieses Phänomen erklären: „Gerüche bestehen aus einer Menge verschiedenster Substanzen und je kleiner ein Molekül ist, umso schneller verdampft es. Also verändert sich der Geruch durch das Verdampfen der Moleküle. Und auch wenn sein ursprünglicher Charakter erhalten bleibt, so verändert sich die Zusammensetzung mit der Zeit.“ Mit Hilfe von Gerüchen könne ein Hund also Zeiträume abschätzen – „ich denke aber nicht, dass sie Tageszeiten riechen können, außer wenn bestimmte Gerüche zu bestimmten Tageszeiten auftreten. So wie das Einschalten des Herds, der, auch ohne dass gekocht wird, einen bestimmten Geruch verströmt und dem Hund in erster Linie signalisiert, dass bald gekocht wird und weniger, dass es mittags ist.“

Der Experte: Dr. Leopold Slotta-Bachmayr ist Biologe an der Universität Salzburg und Trainer für Rettungs-, diverse Spür- und Therapiehunde. Der promovierte Zoologe beschäftigt sich unter anderem mit den wissenschaftlichen Grundlagen der Spürhundearbeit und ist auch als Referent für den BHV e.V. (Berufsverband der Hundeerzieher/innen und Verhaltensberater/innen e.V.) tätig.

Bild privat

Welcher Faktor ist am wichtigsten für das Zeitgefühl von Hunden?

„Geruch zieht die Zeit für Hunde zusammen wie ein Gummiband, er katapultiert etwas aus der Vergangenheit und aus der Zukunft ins Jetzt“, schreibt Alexandra Horowitz in ihrem Buch „Hund – Nase – Mensch. Wie der Geruchssinn unser Leben beeinflusst“. Für Biologe Slotta-Bachmayr ist ein grundsätzlicher Faktor viel wichtiger, der dem Hund zeitliche Orientierung bietet: „Vielmehr geht es um die Synchronisation mit dem Menschen. Wenn Hund und Mensch sich gut verstehen, aufeinander eingespielt sind, gut kooperieren, dann ist es vor allem eine Frage von gemeinsamen Routinen, mit denen sich der Hund am Menschen orientiert. Dann muss er auch die zeitlichen Abfolgen nicht kennen oder erkennen müssen.“

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