Gehasst, geliebt, gefährdet: Die Geschichte von Mensch und Orca

Je mehr wir über Schwertwale lernen, desto mehr wissen wir die intelligenten Jäger zu schätzen. Trotzdem bleibt die Frage: Können Orcas die dramatischen Veränderungen ihrer Welt überleben?

Veröffentlicht am 1. Juni 2021, 14:51 MESZ

Es ist noch gar nicht so lange her, da wurden Schwertwale als bösartige Plagen beschimpft, von Walfängern, Fischern und Regierungsbehörden harpuniert und erschossen, teils sogar mit Maschinengewehren. Heute schätzt die Welt diese geschmeidigen Kreaturen nicht nur als Spitzenraubtiere, sondern auch für ihre komplexen Gesellschaften und ihre emotionale Tiefe. Aber wie Jason Colby in seinem Buch „Orca“ erklärt, könnte unsere Liebesbeziehung zu den Schwertwalen zu spät kommen: Schrumpfende Fischbestände, Meeresverschmutzung und andere Faktoren treiben viele Populationen immer mehr der Ausrottung entgegen.

Im Interview sprach National Geographic mit Colby darüber, was für ein komplexes Sozialverhalten Orcas zeigen, welches Schicksal dem „Free Willy“-Star Keiko widerfuhr und wie er die Walfänge seines eigenen Vaters heute betrachtet.

Sie nennen einige interessante Gründe dafür, warum sich Menschen zu Orcas hingezogen fühlen.

Menschen haben sich an verschiedenen Orten und in verschiedenen Kontexten aus den unterschiedlichsten Gründen für Orcas begeistert. Anfangs, als wir noch relativ wenig über sie wussten, hatten diese schwarz-weißen Raubtiere mit Wolfszähnen etwas sehr Beeindruckendes an sich. Aber als wir mehr über sie erfuhren, lernten die Menschen das zu schätzen, was wir als ihre Familienbande bezeichnen würden. Das veränderte die Wahrnehmung der Tiere. Wir neigen dazu, uns besonders für Tiere zu interessieren, die uns an Menschen erinnern – die Eigenschaften haben, die wir in uns selbst sehen. Deshalb sind die Menschen von den Familienbanden der Orcas fasziniert, besonders von ihren matrilinearen Familiengruppen. Dazu können wir eine emotionale Verbindung herstellen. Und deshalb betrachten wir sie anders als einzelgängerische Raubtiere wie beispielsweise den Weißen Hai.

Colbys Buch „Orca“ erschien erstmals im Mai 2018.

Bild Courtesy Oxford University Press

Sowohl in Gefangenschaft als auch in freier Wildbahn sind ihre Interaktionen oft zart und komplex, was wir zunehmend als kulturelle Interaktion anerkennen. Die Populationen, die im Nordwesten (Amerikas) leben, haben ihre eigenen Reiserouten und kulturellen Praktiken. Die nördlichen Bewohner haben zum Beispiel dieses Wal-Spa in Robson Bight, wo sie sich an glatten Kieselsteinen direkt am Strand reiben. Das scheint eine regelmäßige Praxis bei ihnen zu sein, bei der sie auch Kontakte pflegen.

Southern Residents, die Orcas der Salish Sea, haben dieses atemberaubende Ritual, das sie durchführen, wenn sie einander begegnen. Wenn sie sich auf 100 oder 200 Meter annähern, positionieren sie sich in einer fast geraden Linie, verharren und warten einen Moment. Dann beginnen sie mit diesem verrückten Begrüßungsritual, das so aussieht, als würden sie lang vermisste Verwandte treffen.

Sie vermuten sogar, dass Wale Selbstmord begehen könnten. Erzählen Sie uns von Haida und seinem Kummer – und wie ein Flötenspieler ihm half, ihn zu überwinden.

Manche Leute wie Richard O’Barry vermuten, dass Wale Selbstmord begehen können. O’Barry ist ein Aktivist mit dem Dolphin Project in Miami, der sich gegen die Haltung von Delfinen in Gefangenschaft engagiert und im Dokumentarfilm „Die Bucht“ mitgewirkt hat.Er vermutet, dass einer seiner Delfine, der krank oder depressiv war, Selbstmord beging. Ich will nicht sagen, dass das nicht passiert ist – ich unterstelle das nur nicht im Buch.

Orcas jagen ein Boot

Haida ist ein weiteres eindrucksvolles Beispiel für die Art von Beziehungen, die Orcas eingehen. Er war mehrere Jahre in Gefangenschaft mit einem ungewöhnlichen weißen Orca namens Chimo, der dann starb. Haida machte eine Phase durch, die seine Pfleger als Depression bezeichnen würden. Manche vermuten, dass er auch körperlich krank war, aber es schien, dass er sich wirklich in einer Art melancholischem Zustand befand.

Eines der Mittel, mit dem er aus dieser Depression herausgeholt wurde, war die Interaktion mit einem berühmten Jazz-Flötisten namens Paul Horn. Er kam extra, um für Haida zu spielen, was ihn aus seiner Trauer zu holen schien. Es ist gefährlich, menschliche Emotionen auf Tiere zu projizieren – aber es scheint, dass Schwertwale genau wie Menschen zu Herzschmerz und emotionalen Höhen und Tiefen fähig sind.

Historisch gesehen waren Orcas und Menschen Konkurrenten. Aber es gab auch indigene Jägergemeinschaften, die mit Orcas zusammenarbeiteten. Können Sie uns etwas über die Kamtschadalen erzählen?

Es gibt Details in Berichten der Bering-Expedition über die einheimischen Kamtschadalen im heutigen Ostrussland. Dort hatte dieses indigene Volk eine kooperative Jagdpraxis entwickelt: Die einheimischen Orcas, die sich auf die Jagd auf andere Meeressäuger spezialisiert hatten, schienen mit ihnen zusammenzuarbeiten. Sie halfen den Menschen, große Wale zu jagen und zu verletzen. Die Menschen töteten die Beute schließlich und teilten das Fleisch mit den Orcas.

Ein viel besser dokumentiertes Beispiel gab es in Australien in der Twofold Bay, wo Weiße Walfänger in den 1830ern Walfangstationen an der Küste errichteten. Ein Jahrhundert lang arbeitete die dort heimische Population von Orcas mit den Walfängern zusammen: Wenn größere Wale vorbeizogen, schwammen sie in die Bucht und klatschten mit ihren Schwanzflossen auf die Wasseroberfläche, um die Walfänger herbeizurufen. Auf dem Meer arbeiteten sie dann mit den Menschen zusammen.

Galerie: So wild wie die See - das Leben der Orcas

Wir haben alle schon von Viehdieben gehört, aber Sie schreiben über Waldiebe. Verraten Sie uns etwas über einen der berühmtesten, Ted Griffin.

In den 1960ern war Ted Griffin eine bekannte Figur am Hafen von Seattle. Er hatte 1962 zur Zeit der Weltausstellung das Seattle Marine Aquarium gegründet und wurde im Puget Sound durch das Einfangen von Orcas berühmt. Er war auch der erste Mensch, von dem wir wissen, dass er mit einem Orca geschwommen ist.

Ein Wal namens Namu, den er aus British Columbia mitbrachte, wurde weltberühmt, als ein Hollywood-Film über ihn gedreht wurde. Griffin veröffentlichte außerdem im März 1966 einen Artikel im National Geographic-Magazin mit dem Titel „Making Friends with a Killer Whale“, der von Menschen auf der ganzen Welt gelesen wurde.

Die Kehrseite seiner Karriere kam, nachdem Namu sich als enorm beliebt erwies und die Nachfrage nach gefangenen Orcas weltweit in die Höhe schoss. Griffin befriedigte diese Nachfrage, indem er einheimische Schwertwale einfing, von denen wir heute wissen, dass sie Southern Resident Killer Whales waren. Im Puget Sound fing er Dutzende von ihnen und verkaufte sie an Meeresparks in der ganzen Welt. Mit der Zeit wuchsen die Bedenken der Menschen ob dieser Praktiken. Doch er hörte nicht auf, und so wurde Griffin innerhalb weniger Jahre von einem Helden – dem weltweit größten Freund der Killerwale – zu ihrer potenziell größten Bedrohung, zumindest für die Killerwale im Nordwesten. Am Ende war er im Pazifischen Nordwesten so was wie ein Aussätziger.

Erzählen Sie uns, was wirklich mit dem Star von „Free Willy“ passiert ist. Es war nicht das Happy End, das wir alle im Film gesehen haben, oder?

Nein, und zwischen den Beteiligten ist die Geschichte immer noch umstritten. Keiko, der Star von „Free Willy“, wurde 1979 in Island gefangen und trat danach in Shows an verschiedenen Orten auf. Aber als der Film Anfang der Neunziger gedreht wurde, befand er sich in qualitativ minderwertigen Einrichtungen bei Mexiko-Stadt. Als der Film gut lief, wurde eine Kampagne gestartet, um ihn in eine bessere Einrichtung zu überführen. Doch bald entwickelte sich daraus eine Kampagne, um ihn in seine Heimatgewässer in Island zurückzubringen. Millionen von Dollar wurden ausgegeben, um ihn zunächst in das Aquarium in Newport, Oregon, zu transportieren. Aber das größere Projekt – seine Rückkehr nach Island – stand vor zahlreichen Herausforderungen.

Zum einen war Keiko kein gesundes Tier. Außerdem hatte niemand eine Ahnung von der sozialen Struktur der isländischen Schwertwalfamilien. Auch wusste niemand, zu welcher Familie er gehören könnte. Es gab einen internen Kampf zwischen zwei Lagern. Die einen wollten ihn zurück in seine Heimatgewässer bringen. Aber sie befürchteten auch, dass er nie in der Lage sein würde, dort selbstständig zu jagen. Die anderen glaubten, wenn man ihn nur freiließe, würde er sich den lokalen Orcas schon anschließen und wieder Fische fangen.

Manche behaupten, dass Keiko ein Happy End hatte, weil er letztendlich wieder frei sein konnte – und angeblich sogar Fisch gefangen hat. Aber die Leute, mit denen ich gesprochen habe und die sich in Island um ihn kümmerten, sehen das anders: Sie beharren darauf, dass es keinen Beweis dafür gibt, dass er jemals wilde Fische gefangen hat. Am Ende starb er an Hunger und einer Lungenentzündung im Winter vor der Küste Norwegens.

In vielerlei Hinsicht ist das ein Beispiel dafür, wie unsere Faszination für eine einzelne, dramatische Hollywood-Geschichte über das Leben eines Orcas die größeren, komplizierteren Fragen über die ökologische Gesundheit und den Schutz sowie das Überleben der Wale in freier Wildbahn verdrängen kann.

Die Population der Southern Resident Killer Whales ist gefährdet, andere sind bereits ausgestorben. Erzählen Sie uns von ihren Problemen. Was kann man tun, um sie zu retten?

Als ich die Texte für dieses Buch schrieb, waren die Southern Residents auf 76 wilde Mitglieder geschrumpft – insgesamt drei Familiengruppen. Im Sommer 2018 ist mindestens ein weiteres Tier verschwunden, sodass die Zahl auf 75 sank. Eine so niedrige Zahl haben wir seit Mitte der Achtziger Jahre nicht mehr gesehen. Ich sollte darauf hinweisen, dass es den Schwertwalen weltweit insgesamt gut geht – aber diese Population ist auf beiden Seiten der Grenze zwischen den USA und Kanada als gefährdet gelistet.

Als sie eine gesunde Umwelt und mehr als genug Beute – vor allem Königslachse – hatten, zählten sie einst wahrscheinlich 200 bis 250 Tiere. Aber die Umweltzerstörung und vor allem der Rückgang ihrer wichtigsten Beute haben einen hohen Tribut gefordert. Ich weise die Menschen gerne darauf hin, dass die Zahl der Southern Residents nach dem Ende des Lebendfangs in der Region in den Jahren 1976 bis 1977 wahrscheinlich auf etwa 70 gesunken war. In den späten Neunzigern hatten sie sich wieder auf fast 100 erholt. Aber in den letzten 20 Jahren sind sie wieder dramatisch zurückgegangen.

Was ihnen zu schaffen macht, ist vor allem der Mangel an verfügbarer Beute. Die Flüsse Columbia und Sacramento wurden aufgestaut, was zu einem massiven Rückgang der Königslachsbestände geführt hat. Weitere Bedrohungen sind die Umweltverschmutzung, der zunehmende Schiffsverkehr und die umstrittene Erweiterung der Ölpipeline in der Nähe von Vancouver. Der Königslachs ist für die Southern Residents nicht nur ein wichtiger Bestandteil ihres Speiseplans, sondern mit Abstand der wichtigste. Vor allem der Königslachs aus dem Fraser River. Und die Trans Mountain Pipeline, die von der kanadischen Regierung übernommen wurde, bedroht die Lachsreproduktion und den Zugang zu diesem Fluss.

Schwertwale: Schmerzhaftes Spielverhalten
Eine Herde Orcas – oder Schwertwale – umkreist einen Stachelrochen im Golf von Kalifornien, Mexiko. Der Taucher und Filmemacher Jorge Cervera Hauser und dieser Stachelrochen erleben jedoch gleich eine Überraschung.

Sie waren neun Jahre alt, als Sie mit Ihrem Vater nach Pedder Bay zurückkehrten, wo er einst drei Orcas für die Schauindustrie gefangen hatte. Lassen Sie uns diese Geschichte da beenden, wo alles begann.

Ich hatte einen sehr persönlichen, aber auch einen wissenschaftlichen Grund, dieses Buch zu schreiben: In den 1970ern nahm mein Vater an Lebendfängen von Orcas auf beiden Seiten der Grenze teil. Als ich aufwuchs, sah ich, wie er mit einem Teil des Vermächtnisses und den daraus resultierenden Schuldgefühlen rang.

Ich war neun Jahre alt, als wir nach Pedder Bay zurückkehrten. Er hatte mir nicht gesagt, dass er deshalb dorthin wollte. Wir wollten nur ein Boot mieten, um aufs Wasser zu fahren. Aber dann begann er, uns detailliert die Geschichte davon zu erzählen, wie er Orcas gefangen hatte. Gerade als er die Geschichte beendete, kam diese Gruppe von Orcas in die Pedder Bay und fing an, um unser Boot herumzuschwimmen und zu toben. Ich war noch nie so nah an wilden Orcas gewesen – ein großes Männchen kam so nahe, dass ich fast seine Flosse berühren konnte.

Es war ein erstaunlicher Moment und mein Vater reagierte sehr emotional, er hatte fast einen emotionalen Zusammenbruch. Er weinte nur, als er diese Wale sah. Natürlich weiß ich jetzt, dass das mit all den Schuldgefühlen verbunden war, die er empfand, weil er wusste, dass drei der vier Wale, die er aus diesen Gewässern geholt hatte, in Gefangenschaft gestorben waren. Ich glaube nicht, dass er jemals wirklich über das Gefühl seiner Verantwortung dafür hinwegkam. Später war er entsetzt, als er erfuhr, dass dies die letzten drei Southern Residents waren, die jemals aus der Wildnis gefangen wurden. Während ich also dieses Buch schrieb, rang ich mit der Verantwortung meiner Familie in dieser Geschichte – und der Verantwortung unserer Region für dieses ikonische Tier, das uns so viel gelehrt hat.

Dieses Interview wurde zugunsten von Länge und Deutlichkeit redigiert.

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