Verrückte Ideen: Wissenschaftler wollen den Kakapo auf kreative Weise retten

204 Kakapos gibt es noch auf dieser Welt. Um den seltsamen Papagei bei der Fortpflanzung zu unterstützen, setzen Wissenschaftler darum Fitness-Tracker und spermabeladene Drohnen ein.

Ein Kakapo-Weibchen mit seinem Nachwuchs auf Codfish Island/Whenua Hou, Neuseeland. Die nachtaktive, flugunfähige Papageienart ist akut vom Aussterben bedroht – weltweit gibt es nur noch 204 ausgewachsene Tiere.

Bild Andrew Digby
Von Sarah Feldberg
Veröffentlicht am 10. Juni 2021, 13:02 MESZ

In einer Hütte auf einer abgelegenen Insel namens Codfish Island/Whenua Hou vor der Küste der Neuseeländischen Südinsel, hängt eine Tabelle an einem Kühlschrank. Sie sagt die Zukunft einer ganzen Art voraus.

Es handelt es sich um den Kakapo, einen ungewöhnlichen, flugunfähigen Papageien, der ausschließlich in Neuseeland zu finden ist. Auf der Tabelle stehen die Namen aller brütenden Kakapo-Weibchen. 50 sind es während der Brutsaison 2019, sie heißen zum Beispiel Pearl, Marama oder Hoki. Außerdem ist der Status ihrer Eier vermerkt: Befruchtete Eier erkennt man an einem Smiley, unbefruchtete an einem Strich. Schlüpft ein Küken, erhält der Smiley Flügel und Beine. Ein X markiert die, die es nicht geschafft haben.

Ein Team aus Wissenschaftlern, Wildhütern und Freiwilligen arbeitet während der Brutzeit rund um die Uhr daran, dass mehr Smileys ihre Flügel bekommen. Dafür haben sie Smart Eggs aus dem 3D-Drucker entwickelt, arbeiten mit Aktivitäten-Trackern und setzen sogar eine Sperma-Transportdrohne ein, die sie den „Kloaken-Kurier“ nennen. Ziel ist ein Babyboom, der der Population einen Schub verleihen und den beliebten Vogel vor dem Aussterben bewahren soll.

Ein komischer Vogel

Der Kakapo ist ein kurioses Tier: Er ist der einzige nachtaktive, flugunfähige Papagei der Welt. Ein watschelnder, bodengebundener Vogel, der ungefähr vier Kilogramm wiegt und dazu neigt, in eine Schockstarre zu verfallen, wenn er auf ein Raubtier trifft. Grüngefleckte Federn tarnen ihn in seinem Waldlebensraum, und sein breiter Schnabel verleiht ihm ein komisches Aussehen: eine Mischung aus Eule und Teddybär.

Trotz intensiver Bemühungen ist es schwer, die Art zu retten. Der Kakapo brütet nur alle paar Jahre, und wenn es soweit ist, ist die Hälfte der Eier oft nicht befruchtet.

Bild Andrew Digby

„Sprecher“ der neuseeländischen Naturschutzbehörde ist ein in Gefangenschaft lebender Kakapo namens Sirroco, dem auf Facebook mehr als 200.000 Menschen folgen. Sein erfolgloser Paarungsversuch mit dem Kopf eines Zoologen lieferte die Inspiration für den „Party Papagei“: ein hüftenkreisendes, neonfarbenes Papageien-Emoji, das in vielen Internet-Foren gern genutzt wird.

„Kakapos sind unglaublich charismatische Vögel“, sagt Andrew Digby, wissenschaftlicher Berater der neuseeländischen Naturschutzbehörde im Kakapo Recovery Program. „Es ist schwer, sie nicht zu mögen.“

Früher waren Kakapos in Neuseeland weit verbreitet. Doch die Ratten, Katzen und Hermeline, die die Menschen auf die Insel mitbrachten, fraßen die flugunfähigen Vögel samt ihren Eiern und Küken einfach auf. 2021 gibt es nur 204 ausgewachsene Tiere, die auf drei Inseln ohne Fressfeinde angesiedelt wurden. Die niedrig erscheinende Zahl ist bereits ein großer Erfolg: Mitte der 1990er Jahre lag sie bei 51.

Der Kakapo wurde auf drei Inseln ohne Fressfeinde vor der Küste Neuseelands umgesiedelt. Dank des Babybooms im Jahr 2019 wird es bald nötig sein, ihr Territorium zu erweitern.

Bild Andrew Digby

Eine vom Aussterben bedrohte Art zu retten, ist harte Arbeit. Der Kakapo brütet nur alle zwei bis vier Jahre, immer dann, wenn die Rimu-Harzeibe besonders viele Früchte trägt. Außerdem sind im Schnitt die Hälfte der gelegten Eier nicht befruchtet – der Grund hierfür ist vermutlich Inzucht. 2016 schlüpften aus 122 gelegten Eiern nur 34 Küken, die es schafften, flügge zu werden.

„Es ist frustrierend und enttäuschend – aber auch euphorisierend“, sagt Zoologin, Autorin und Kakapo-Expertin über das Drama zur Brutzeit, das sie für Radio New Zealand (RNZ) mit dem Kakapo Files Podcast begleitet.

Mit 218 gelegten Eiern und 52 lebenden Küken war es das Jahr 2019, das alle bisherigen Rekorde brach. „Das ist definitiv eine Sensation in der modernen Geschichte der Kakapo-Zucht“, sagt Digby. „So etwas haben wir bisher nicht erlebt.“

Artenschutz trifft auf Hightech

Um die Zahl der Eier zu steigern, und damit die der Küken, die zu grüngefiederten, ausgewachsenen Vögel werden, hat sich das Kakapo Recovery Program für einen technologisch fortschrittlichen Weg entschieden.

„Manche Ideen sind durchaus experimentell“, erklärt Digby, „und loten die Grenzen dessen aus, was im Artenschutz möglich ist.“

Im Zentrum des 2019er Programms standen Aktivitäten-Tracker, die jedem einzelnen Vogel wie ein Rucksack über die Flügel gezogen wurde. So war es nicht mehr nötig, dass Wildhüter die Vögel im Wald beobachteten. Stattdessen meldete das System, welcher Kakapo sich gepaart hatte, mit wem und wie heftig. Alarmsensoren am Nest verrieten, wann Mütter es verließen oder zurückkehrten. In einem speziellen Raum auf der Insel wurden die befruchteten Eier bebrütet und das Schlüpfen der Küken überwacht. In dieser Zeit lag ein Smart Egg aus dem 3D-Drucker im Nest und bereitete die Mutter mit den typischen Geräuschen auf die Ankunft ihres Babys vor. Manche Küken wurden auch von Hand aufgezogen, damit die Weibchen in der Saison ein zweites Mal brüteten.

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Im Rahmen eines Projekts wurde das Genom jedes Kakapos sequenziert, was es Digby ermöglicht, Sperma von genetisch besonders wichtigen Männchen zu nehmen und es mithilfe einer Drohne zu wartenden Weibchen auf der Insel zu transportieren. Das Flugobjekt erhielt den Namen „Kloaken-Kurier“. (Als Kloake bezeichnet man bei Vögeln den gemeinsamen Körperausgang für die Verdauungs-, Geschlechts- und Exkretionsorgane.)

Die Nächte verbrachten die Mitarbeitenden in der Nähe der Nester, an denen sie auch Reparaturen durchführten. Sie beaufsichtigten die Eier und sahen nach den empfindlichen Küken. „Während der Brutsaison arbeiten wir Tag und Nacht“, sagt Digby. „Mit einer solch geringen Zahl ausgewachsener Tiere geht es gar nicht anders. Wir können es uns nicht leisten, auch nur ein einziges zu verlieren, und wir müssen dringend mehr von ihnen machen.“

Der Kakapo – ein Superstar

Ein monumentaler, nie dagewesener Aufwand – zur Rettung eines Vogels.

„Würden wir jetzt das Programm stoppen, könnten wir uns drei bis vier anderen Arten zuwenden, die weniger Mühe machen“, sagt Digby. Doch er erklärt auch, dass der Vogel das Interesse von Menschen wecken konnte, die sich sonst nicht um Artenschutz gekümmert haben. „Da gibt es Kinder mitten in den USA, die zum Geburtstag keine Geschenke wollen, sondern ihre Familie und Freunde darum bitten, für den Kakapo-Schutz zu spenden. Und das, obwohl sie vermutlich nie in ihrem Leben einen echten Kakapo sehen werden.“

53.000 Follower der Kakapo Recovery Facebook-Seite warten gespannt auf die Updates der Kühlschrank-Tabelle. Und Alison Balance sagt, dass ihr Podcast inzwischen eine der meistgehörten Sendungen auf RNZ ist.

Tāne Davis, der den Ngāi Tahu Māori-Stamm im Kakapo Recovery Program vertritt, erzählt, dass die Vögel für seine Vorfahren eine unentbehrliche Ressource waren. Sie jagten sie wegen ihres Fleischs, der Federn und der Haut. „[Sie haben] eine große Bedeutung für die iwi [Stamm]“, erklärt er. „Wir verehren sie, aus Respekt dafür, was uns diese taonga[wertvolle] Art und gegeben hat.“

Auch Menschen ohne eine solch historische Beziehung verlieben sich haltlos in den Kakapo. „Irgendwie gehen sie einem unter die Haut“, sagt Jonni Walker, ein Spezialist für Datenvisualisierung, der auf der Suche nach interessanten Datensätzen auf den Papagei gestoßen ist. „Man bekommt den Eindruck, dass jeder einzelne seinen eigenen Charakter, seine eigene Persönlichkeit hat.“

Galerie: Der Schwarm des Menschen

Laut Balance lässt sich die Beliebtheit des Kakapos durch seine evolutionäre Einzigartigkeit erklären – und die Tatsache, dass die Verantwortung für sein Überleben in unserer Hand liegt. „Wir spüren diese große, moralische Verpflichtung. Wir haben ihn in diese Situation gebracht, jetzt müssen wir ihn auch retten.“

Die Rekorde der Brutsaison 2019 könnten ein Schritt in die richtige Richtung gewesen sein.

„Unser großes Ziel ist es, den Kakapo wieder auf dem neuseeländischen Festland anzusiedeln“, sagt Digby. „Vor ein paar Jahren klang das wie Zukunftsmusik, als ob es noch mindestens 300 Jahren dauern würde. Aber inzwischen glaube ich, dass es schon bald soweit sein könnte.“

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

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