Fressverhalten: Bartenwale nehmen sehr viel mehr Nahrung auf als bisher gedacht

Die Futtermengen, die Spezies wie Blauwal und Buckelwal täglich vertilgen, übersteigt bisherige Schätzungen bei weitem. Wie wichtig das für die Gesundheit der Ozeane ist und welche Rolle Walexkremente dabei spielen, zeigt eine neue Studie.

Veröffentlicht am 16. Nov. 2021, 11:07 MEZ, Aktualisiert am 16. Nov. 2021, 12:51 MEZ
Buckelwale – wie dieser vor der Küste Kaliforniens – scheiden große Mengen eisenhaltiger Exkremente aus, die ...

Buckelwale – wie dieser vor der Küste Kaliforniens – scheiden große Mengen eisenhaltiger Exkremente aus, die im Nährstoffkreislauf der Ozeane eine wichtige Rolle spielen.

Bild John Durban

Alles begann mit einer einfachen Frage: Wie viel fressen Bartenwale?

Bartenwale wie der Buckelwal, der Blauwal und Eubaleanas finden ihre Nahrung hauptsächlich in mehreren Metern Tiefe. Das erschwert die Beobachtung ihres Fressverhaltens. Die Meeresriesen zum Zweck der Erforschung dieses Aspekts in Gefangenschaft zu halten, wäre nicht artgerecht und schlicht unmöglich: Der Blauwal, das größte Tier der Welt, wird bis zu 33 Metern lang und wiegt um die 22 Tonnen. Die Überwachung des Fressverhaltens wird noch zusätzlich dadurch verkompliziert, dass es bei Bartenwalen äußerst unregelmäßig ist: Es gibt Phasen, in denen sie extrem große Nahrungsmengen aufnehmen, nur um dann für den Rest des Jahres gar nichts mehr zu fressen.

„Die Frage, wie groß die Mengen sind, die die Tiere fressen, ist so naheliegend, dass ich davon ausging, sie wäre schon seit 30, 40 oder 50 Jahren geklärt. Tatsächlich hat aber nie jemand versucht, sie zu beantworten“, sagt Matthew Savoca, National Geographic Explorer und Doktorand an der Hopkins Marine Station der Stanford University in Kalifornien.

Kameras an Buckelwalen filmen das Leben der großen Meeressäuger

Wie viel Wale fressen bedingt auch, wie viel sie ausscheiden. Die Exkremente der vierzehn bekannten Bartenwalarten leisten einen unerlässlichen Beitrag zum Nährstoffkreislauf der Ozeane. Sie versorgen eine Vielzahl von Meereslebewesen mit wertvollem Kohlenstoff, Stickstoff oder Eisen.

Grund genug für Matthew Savoca mit internationaler Unterstützung der Frage auf den Grund zu gehen. Hierfür stattete das Team Bartenwale im Atlantik, Pazifik und dem Südlichen Ozean mit hochmodernen Trackern aus. Außerdem kamen Drohnen zu Vermessungszwecken zum Einsatz.

Die Ergebnisse dieser Forschungen, die im November 2021 in der Zeitschrift Nature veröffentlicht wurden, sind bemerkenswert: Bartenwale fressen sehr viel mehr als es bisher gedacht. Ein einziger Blauwal nimmt im Schnitt Nahrung mit einer Gesamtmasse von sechzehn Tonnen zu sich – dreimal mehr als in bisherigen Schätzungen angenommen wurde.

„Die Studie zeigt, dass Bartenwale in ihren Ökosystemen eine noch wichtigere Rolle spielen, als bisher gedacht“, sagt Sian Henley, Meereswissenschaftlerin an der University of Edinburgh in Schottland, die nicht an der Studie mitgearbeitet hat.

Galerie: 9 faszinierende Aufnahmen von Walen

Ihr zufolge machen die neuen Erkenntnisse deutlich, „dass wir den Schutz und das Management der Ozeane dringend und in großem Maße optimieren müssen – insbesondere im Südlichen Ozean.“ Das Meer in der Antarktis sei für menschliche Einflüsse extrem anfällig. Durch den Klimawandel herbeigeführte steigende Temperaturen und Überfischung würden den regulären Nahrungskreislauf stören und sich negativ auf Krill und andere Nahrungsquellen von Bartenwalen auswirken. Die Walpopulationen, die sich gerade erst von Jahrhunderten des Walfangs erholten, würden dadurch stark geschädigt.

Durch das Wachsen des Walbestandes werde der Nährstoffkreislauf angekurbelt und damit auch das Krillvorkommen, erklärt sie.

Tonnenweise Krill

Wie viel Bartenwale fressen, wurde bisher anhand der Analyse der metabolischen Bedürfnisse der Tiere basierend auf ihrer Größe und ihrer Aktivität geschätzt. Als Referenz dienten hierzu andere Spezies, deren Körper vergleichbare Ausmaße haben. So wurden die Mengen, die zum Beispiel Orcas fressen, von Biologen auf Buckelwale und Blauwale übertragen.

„In Verhalten, Ökologie und Körperbau unterscheiden sich Bartenwalen allerdings eklatant von Orcas“, sagt Matthew Savoca. „Die bisherige Herangehensweise war besser als nichts, führte aber zu keinen besonders treffenden Ergebnissen.“

Für die Studie wurden 321 Einzeltiere aus sieben verschiedenen Bartenwalspezies einer genauen Beobachtung unterzogen: Buckelwale, Blauwale, Finnwale, Grönlandwale, Südliche Zwergwale, Brydewale und Atlantische Nordkapern.

Die Tracker, mit denen die Tiere versehen wurden, sind Beschleunigungsmesser, Magnetometer, GPS, Lichtsensoren, Gyroskope und Kameras ausgestattet. Matthew Savoca beschreibt sie als „iPhones für Wale”. Bartenwale nehmen ihre Nahrung oft schubweise auf: Sie beschleunigen mit offenem Maul und nehmen dabei große Wassermengen auf, die sie durch ihre Barten filtern. Genau wie ein modernes Smartphone die Schritte seines Besitzers zählt, misst der Tracker, wie oft und in welchen Tiefen ein Wal auf diese Weise frisst.

Einer der Buckelwale, die für die Studie getrackt wurde, bricht beim Fressen durch die Wasseroberfläche. Bartenwale filtern mithilfe ihrer Barten winzige Beutetiere aus dem Meerwasser.

Bild Matthew Savoca

Um die Wassermenge berechnen zu können, die ein Wal bei einem solchen Schub aufnimmt, vermaßen die Wissenschaftler mit Drohnen die Mäuler der Tiere. Mittels Sonars überprüften sie außerdem die Dichte des Krills im Wasser. Anhand dieser Werte war es möglich, zu ermitteln, wie viele der kleinen Meerestiere ein Wal mit einem Schub tatsächlich frisst.

Das Ergebnis: Die getrackten Tiere nahmen im Schnitt eine Krillmenge zu sich, die zwischen fünf und dreißig Prozent ihrer eigenen Körpermasse ausmachte. Zuvor wurde dieser Wert auf unter fünf Prozent geschätzt.

Nahrungskreislauf im Südlichen Ozean

Eine andere Frage in diesem Zusammenhang ist, warum der Ozean vor der Küste der Antarktis nicht bis zum Rand mit Krill gefüllt ist. Bartenwale wurden im 20. Jahrhundert durch den industriellen Walfang fast vollständig ausgerottet. Matthew Savoca spricht von „einer der effizientesten und wirkungsvollsten Vernichtungskampagnen der Weltgeschichte.“ Da somit der wichtigste Krillkonsument verschwand, hätte dies ein Anwachsen der Population der kleinen Krebstiere nach sich ziehen müssen. Das Gegenteil wurde jedoch beobachtet. 

Zwar hat inzwischen auch der Mensch Krill als Fischfutter und wegen seines nahrhaften Öls für sich entdeckt, doch dieser Geschäftszweig ist Matthew Savoca zufolge nicht groß genug, um zu erklären, warum die wichtige Nahrungsquelle für Wale, Seehunde und andere Tiere im Polarmeer nicht im Überfluss vorhanden ist.

Drohnenaufnahmen eines Blauwals beim Fressen

In den späten Achtzigerjahren stellte der Biochemiker John Martin die These auf, dass das Phytoplankton, von dem sich Krill ernährt, im Südlichen Ozean zurückgehen würde, weil es hier an Eisen mangelt. Pflanzen und Tiere benötigen zwar nur kleine Mengen des wichtigen Spurenelements – ohne diese können sie jedoch nicht überleben.

Untersuchungen, die in der Folge angestellt wurden, zeigten, dass die Exkremente von Walen der eisenhaltigste Stoff in den Weltmeeren sind. Neben Materialien, die – wie etwa Staub aus der Sahara – ihren Ursprung an Land haben, bilden sie das Grundgerüst für den Eisenkreislauf im Südlichen Ozean. Wale nehmen Eisen mit dem Krill auf, den sie in den Tiefen des Meeres fressen. Ihre Ausscheidungen schwimmen an der Oberfläche des Ozeans und dienen hier dem Phytoplankton als Nahrung, von dem sich wiederum der Krill ernährt. Walexkremente, Phytoplankton, Krill und Wale begünstigen sich also gegenseitig.

Buckelwale im Pazifischen Ozean vor Tonga.

Bild GREG LECOEUR, Nat Geo Image Collection

Da sich die Populationen antarktischer Bartenwale noch nicht vollständig erholt haben, ist es laut Matthew Savoka einleuchtend, dass auch der Krillbestand noch nicht wieder seine alte Stärke erreicht hat. Doch es besteht Hoffnung: Die Buckewalpopulation im westlichen Südatlantik ist zum Beispiel seit Mitte des 20. Jahrhunderts von damals 450 Tieren auf heute 25.000 angewachsen.

Faktor Klimawandel

Emma Cavan, Meeresbiochemikerin am Imperial College in London, England, lobt die neue Studie zwar, sagt aber auch, „man macht es sich zu leicht, wenn man den Mangel an Krill mit dem Fehlen der Wale begründet.“ Auch der Klimawandel und der Fischfang würden ihren Teil zu der Situation beitragen.

In den Polargebieten schreitet der Klimawandel besonders schnell voran. Er führt zu einer Erwärmung der Wassertemperatur, einem höheren Säuregehalt und damit ebenfalls zu einem Rückgang der Phytoplanktonpopulation.

Abgesehen davon liefert die Studie laut Emma Cavan jedoch starke Belege dafür, dass gesunde Ozeane Wale brauchen – ebenso wie ihre Ausscheidungen.

Dieser Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

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