Welcher Fisch darf noch auf den Tisch?

Ein Drittel der weltweiten Bestände ist überfischt, weitere 60 Prozent gelten als maximal genutzt. Ist Fischzucht eine sinnvolle Alternative?

Veröffentlicht am 27. Aug. 2020, 16:22 MESZ, Aktualisiert am 1. März 2021, 10:29 MEZ
Blauflossenthunfisch-Fang im Mittelmeer: Der bullige Raubfisch steht sinnbildlich für die Ausbeutung der Meere. Überfischung hat ihn ...

Blauflossenthunfisch-Fang im Mittelmeer: Der bullige Raubfisch steht sinnbildlich für die Ausbeutung der Meere. Überfischung hat ihn bis an den Rand der Ausrottung getrieben.

Bild zaferkizilkaya, Shutterstock

Weltweit wird so viel Fisch gegessen wie nie zuvor. Allein in den letzten drei Jahrzehnten hat sich der Fischkonsum mehr als verdoppelt. Nach Angaben der Welternährungsorganisation FAO wurden 2019 über 156 Millionen Tonnen verspeist. Das entspricht einem jährlichen Pro-Kopf-Konsum von 20,5 Kilo. Und die UN-Organisation geht von einem weiteren Zuwachs in den nächsten Jahren aus.

Auch wenn heute jedes zweite Fischprodukt aus Aquakulturen stammt: Fakt ist, dass laut FAO inzwischen ein Drittel aller kommerziell genutzten Fischbestände überfischt ist, 60 Prozent gelten als maximal genutzt. Besonders schlecht steht es um das Mittelmeer und das Schwarze Meer. Mehr als 60 Prozent der Bestände droht dort der Kollaps.

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Oft landen auch noch Tiere in den Netzen, auf die es die Fischer eigentlich gar nicht abgesehen haben. „Bis zu 40 Prozent des weltweiten Fangs ist Beifang“, sagt Philipp Kanstinger, Referent für Fischerei und Aquakultur beim WWF. „Dazu zählen Haie, Seevögel und Meeresschildkröten, aber auch Delfine und Wale.“ Die meisten Tiere werden wieder über Bord geworfen und sterben oft einen qualvollen Tod. Darüber hinaus schädigen die meist riesigen Schleppnetze Flora und Fauna auf dem Meeresboden.

Naturschutzorganisationen fordern deshalb seit Jahren die Kehrtwende zu einer konsequent nachhaltigen Fischerei. Im Klartext heißt das: Die Fangmengen dürfen nur so hoch sein, dass die Fortpflanzung der jeweiligen Art nicht beeinträchtigt wird. Außerdem sollen zusätzliche negative Auswirkungen auf die Meeresökologie weitestgehend minimiert werden.

Die EU hat diese Ziele in ihrer Gemeinsamen Fischereipolitik verankert. Bis 2020 sollten sich die Bestände in den europäischen Gewässern eigentlich erholen und nur noch nachhaltig befischt werden. Doch nach den Worten der Deutschen Umwelthilfe mangelt es an Umsetzung und Wirksamkeit. Viele Bestände beliebter Arten wie Kabeljau oder Hering seien weiterhin überfischt, wirksame Kontrollen fehlten.

Fischratgeber geben Orientierung beim Einkauf

Auch Umweltorganisationen wie WWF und Greenpeace gehen die politischen Maßnahmen nicht weit genug. Mit eigenen Fischratgebern wollen sie Verbrauchern deshalb Orientierungshilfen beim Fischkauf geben. Welche Fischarten sollten überhaupt noch im Einkaufsnetz landen?

Eine Faustregel gibt WWF-Fischereiexpertin Catherine Zucco: „Besser kleinere Schwarmfische wie Sprotte, Sardine oder Sardelle wählen statt großer Raubfische wie Schwertfisch, Gelbflossenthunfisch oder Kabeljau. Gerade die stark nachgefragten Raubfische sind meist überfischt.“ Ältere Raubfische von der Spitze der Nahrungskette seien zudem häufig mit gesundheitsschädlichen Schwermetallen belastet.

Besonders beliebte Speisefische sind hierzulande Alaska Seelachs, Lachs, Thunfisch, Hering, sowie Garnelen. Von diesen Arten die rund zwei Drittel des Fischkonsums in Deutschland ausmachen, kann der WWF in seinem neuen Fischratgeber keine uneingeschränkt empfehlen. Der oft in Fischstäbchen verarbeitete Alaska Seelachs zum Beispiel sei nur für gelegentlichen Verzehr ratsam.

Auch bei den anderen Arten sollte man genau hinschauen: „Pazifischer Wildlachs aus Alaska ist eine bessere Wahl als konventionell gezüchteter atlantischer Lachs“, betont Zucco. „Hering aus der Nordsee wird noch nicht überfischt, doch in der Ostsee sind unsere regionalen Heringsbestände zu klein und werden zu stark befischt.“

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Aquakultur: Bio ist besser

Lange Zeit wurde die Fischzucht in Teichen oder maritimen Netzgehegen als Rettung für die Weltmeere gefeiert. Nicht zuletzt haben Zuchtfarmen dafür gesorgt, dass der einstige Luxusfisch Lachs heute für nahezu jedermann in Europa erschwinglich ist. Doch dann machte sich Ernüchterung breit. Denn die negativen Seiten einer intensiv bewirtschafteten Fischzucht liegen auf der Hand.

Aquakulturen richten oft schwere Umweltschäden an, wenn Chemikalien, Medikamente oder Exkremente in die Nahrungskette gelangen. Außerdem entweichen immer wieder Fische, die sich mit den Wildpopulationen vermehren und diese so genetisch beeinträchtigen oder Krankheiten übertragen. Auch die Energiebilanz herkömmlicher Zuchtbetriebe fällt oft schlecht aus.

Vor allem Raubfische aus Aquakultur wie Dorade, Lachs oder Seebarsch sollte man eher meiden. Ihr Futter enthalte Wildfisch, wodurch der Druck auf die Bestände zunehme. Um etwa ein Kilo Zuchtlachs zu erzeugen, müssen gut drei Kilo Futterfische gefangen werden.

„Karpfen sind dagegen rundum empfehlenswert“, sagt Zucco. „Sie sind Allesfresser mit einem hohen Anteil an pflanzlichem Material im Futter.“ Auch Wels und Tilapia seien eine gute Alternative, sofern sie in Europa in Kreislaufanlagen gezüchtet werden.

Lachsfarm in Norwegen: Aquakulturen richten oft schwere Umweltschäden an. Naturschutzverbände raten deshalb zu Fisch aus Biozucht.

Bild Andrey Armyagov, Shutterstock

„Aquakultur ist nur dann eine echte Alternative zu Wildfisch, wenn sie umweltfreundlich betrieben wird“, ergänzt Kanstingers Kollegin Catherine Zucco. Für Fisch aus Aquakultur empfiehlt der WWF deshalb das ASC-Zertifikat des Aquaculture Stewardship Council oder – weil am konsequentesten – die Siegel von Bioverbänden wie Naturland und Bioland. Gerade die oft in großen Mengen gezüchteten Arten wie Lachs, Forelle, Dorade, Pangasius, Tilapia oder Garnelen sollten aus Biobetrieben stammen.

Nur noch Karpfen?

Noch strenger sind die Empfehlungen des Fischratgebers von Greenpeace, der allerdings zuletzt 2016 aktualisiert wurde. Geht es nach Greenpeace, ist der Karpfen der einzige Fisch, bei dem umweltbewusste Verbraucher überhaupt noch uneingeschränkt zugreifen können. Bei allen anderen Fischarten, darunter auch Hering oder Lachs, müsse man genau auf Fanggebiet und -methode achten.

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Einige beliebte Arten wie Makrele, Rotbarsch oder Alaska-Seelachs, wichtigster Fisch für die Fischstäbchen-Produktion, sollten nach Worten der Umweltschutzorganisation überhaupt nicht mehr auf den Tisch kommen. „Vielen Fischbeständen steht das Wasser sprichwörtlich bis zum Hals“, erklärt Greenpeace-Meeresexpertin Sandra Schöttner. Aus Sicht der Umweltschutzorganisation gibt es aktuell kein Siegel für nachhaltige Fischprodukte, das rundum empfohlen werden kann.

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