Welcher Fisch darf noch auf den Tisch?

Ein Drittel der weltweiten Bestände ist überfischt, weitere 60 Prozent gelten als maximal genutzt. Ist Fischzucht eine sinnvolle Alternative?

Thursday, August 27, 2020,
Von Jens Voss
Blauflossenthunfisch-Fang im Mittelmeer: Der bullige Raubfisch steht sinnbildlich für die Ausbeutung der Meere. Überfischung hat ihn ...

Blauflossenthunfisch-Fang im Mittelmeer: Der bullige Raubfisch steht sinnbildlich für die Ausbeutung der Meere. Überfischung hat ihn bis an den Rand der Ausrottung getrieben.

Bild zaferkizilkaya, Shutterstock

Weltweit wird so viel Fisch gegessen wie nie zuvor. Allein in den letzten drei Jahrzehnten hat sich der Fischkonsum mehr als verdoppelt. Nach Angaben der Welternährungsorganisation FAO wurden 2019 über 156 Millionen Tonnen verspeist. Das entspricht einem jährlichen Pro-Kopf-Konsum von 20,5 Kilo. Und die UN-Organisation geht von einem weiteren Zuwachs in den nächsten Jahren aus.

Auch wenn heute jedes zweite Fischprodukt aus Aquakulturen stammt: Fakt ist, dass laut FAO inzwischen ein Drittel aller kommerziell genutzten Fischbestände überfischt ist, 60 Prozent gelten als maximal genutzt. Besonders schlecht steht es um das Mittelmeer und das Schwarze Meer. Mehr als 60 Prozent der Bestände droht dort der Kollaps.

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Oft landen auch noch Tiere in den Netzen, auf die es die Fischer eigentlich gar nicht abgesehen haben. „Bis zu 40 Prozent des weltweiten Fangs ist Beifang“, sagt Philipp Kanstinger, Referent für Fischerei und Aquakultur beim WWF. „Dazu zählen Haie, Seevögel und Meeresschildkröten, aber auch Delfine und Wale.“ Die meisten Tiere werden wieder über Bord geworfen und sterben oft einen qualvollen Tod. Darüber hinaus schädigen die meist riesigen Schleppnetze Flora und Fauna auf dem Meeresboden.

Naturschutzorganisationen fordern deshalb seit Jahren die Kehrtwende zu einer konsequent nachhaltigen Fischerei. Im Klartext heißt das: Die Fangmengen dürfen nur so hoch sein, dass die Fortpflanzung der jeweiligen Art nicht beeinträchtigt wird. Außerdem sollen zusätzliche negative Auswirkungen auf die Meeresökologie weitestgehend minimiert werden.

Die EU hat diese Ziele in ihrer Gemeinsamen Fischereipolitik verankert. Bis 2020 sollten sich die Bestände in den europäischen Gewässern eigentlich erholen und nur noch nachhaltig befischt werden. Doch nach den Worten der Deutschen Umwelthilfe mangelt es an Umsetzung und Wirksamkeit. Viele Bestände beliebter Arten wie Kabeljau oder Hering seien weiterhin überfischt, wirksame Kontrollen fehlten.

Fischratgeber geben Orientierung beim Einkauf

Auch Umweltorganisationen wie WWF und Greenpeace gehen die politischen Maßnahmen nicht weit genug. Mit eigenen Fischratgebern wollen sie Verbrauchern deshalb Orientierungshilfen beim Fischkauf geben. Welche Fischarten sollten überhaupt noch im Einkaufsnetz landen? Das Fazit nach Lektüre des WWF-Ratgeber ist ernüchternd: Demnach gibt es kaum noch Wildfische, die vorbehaltlos empfohlen werden. Komplett verzichten sollten Fischesser beispielsweise auf den inzwischen vom Aussterben bedrohten Aal, den für die Schillerlocken bekannten Dornhai oder Exoten wie den Papageifisch.

Selbst der „Allerweltfisch“ Hering gilt nur noch als gute Wahl, wenn er aus der zentralen Ostsee oder dem Nordostatlantik stammt. Beim Kabeljau könne man bedenkenlos zugreifen, wenn er in der Nordost-Arktis mit Kiemennetzen oder Langleinen gefischt wurde. Dosen-Thunfisch, für den meist Echter Bonito verwendet wird, sei empfehlenswert, sofern er im West-Pazifik oder im Indischen Ozean mit Hand- oder Angelleinen gefangen wurde. Diese Fischereimethode habe wenig Auswirkungen auf die Meeresumwelt.

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Für eine erste schnelle Orientierung im Supermarkt rät der WWF Verbrauchern außerdem, auf das blaue Nachhaltigkeitssiegel des Marine Stewardship Council (MSC) für Wildfisch zu achten – auch wenn es von Umweltverbänden zunehmend skeptisch betrachtet wird. Auf heftige Kritik stößt aktuell etwa die vom MSC geplante Zertifizierung von Blauflossenthun aus dem Atlantik. Noch vor wenigen Jahren befand sich dieser Bestand kurz vor dem Zusammenbruch.

Gerade die auch als Roter Thun bekannte Art steht seit Jahren sinnbildlich für die Ausbeutung der Meere. Auf dem Fischmarkt von Tokio werden regelmäßig Exemplare für umgerechnet über 100.000 Euro gehandelt. Rücksichtlose Überfischung hat den bis 4,5 Meter langen Raubfisch an den Rand der Ausrottung getrieben. Die geplante Zertifizierung sei „ein alarmierendes Signal dafür, dass sich der MSC vermehrt von der Nachfrage der Industrie als von wissenschaftlichen Kriterien für Nachhaltigkeit leiten lässt“, kritisiert WWF-Fischereiexperte Kanstinger.

Aquakultur: Bio ist besser

Lange Zeit wurde die Fischzucht in Teichen oder maritimen Netzgehegen als Rettung für die Weltmeere gefeiert. Nicht zuletzt haben Zuchtfarmen dafür gesorgt, dass der einstige Luxusfisch Lachs heute für nahezu jedermann in Europa erschwinglich ist. Doch dann machte sich Ernüchterung breit. Denn die negativen Seiten einer intensiv bewirtschafteten Fischzucht liegen auf der Hand.

Lachsfarm in Norwegen: Aquakulturen richten oft schwere Umweltschäden an. Naturschutzverbände raten deshalb zu Fisch aus Biozucht.

Bild Andrey Armyagov, Shutterstock

Aquakulturen richten oft schwere Umweltschäden an, wenn Chemikalien, Medikamente oder Exkremente in die Nahrungskette gelangen. Außerdem entweichen immer wieder Fische, die sich mit den Wildpopulationen vermehren und diese so genetisch beeinträchtigen oder Krankheiten übertragen. Auch die Energiebilanz herkömmlicher Zuchtbetriebe fällt oft schlecht aus. Um ein Kilo Zuchtlachs zu erzeugen, müssen gut drei Kilo Futterfische gefangen werden.

„Aquakultur ist nur dann eine Alternative zu Wildfisch, wenn sie umweltfreundlich betrieben wird“, ergänzt Kanstingers Kollegin Catherine Zucco. Für Fisch aus Aquakultur empfiehlt der WWF deshalb das ASC-Zertifikat des Aquaculture Stewardship Council oder – weil am konsequentesten – die Siegel von Bioverbänden wie Naturland und Bioland. Gerade die oft in großen Mengen gezüchteten Arten wie Lachs, Forelle, Dorade, Pangasius, Tilapia oder Garnelen sollten aus Biobetrieben stammen.

Nur noch Karpfen?

Noch strenger sind die Empfehlungen des Fischratgebers von Greenpeace, der allerdings zuletzt 2016 aktualisiert wurde. Eine Neuausgabe soll Ende 2020 oder Anfang 2021 erscheinen. Geht es nach Greenpeace, ist der Karpfen der einzige Fisch, bei dem umweltbewusste Verbraucher überhaupt noch uneingeschränkt zugreifen können. Bei allen anderen Fischarten, darunter auch Hering oder Lachs, müsse man genau auf Fanggebiet und -methode achten.

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Einige beliebte Arten wie Makrele, Rotbarsch oder Alaska-Seelachs, wichtigster Fisch für die Fischstäbchen-Produktion, sollten nach Worten der Umweltschutzorganisation überhaupt nicht mehr auf den Tisch kommen. „Vielen Fischbeständen steht das Wasser sprichwörtlich bis zum Hals“, erklärt Greenpeace-Meeresexpertin Sandra Schöttner. Aus Sicht der Umweltschutzorganisation gibt es aktuell kein Siegel für nachhaltige Fischprodukte, das uneingeschränkt empfohlen werden kann.

Jens Voss

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