Neuartige Superkeime in Igeln nachgewiesen

Finnische Wissenschaftler haben in Igeln neue Varianten multiresistenter Bakterienstämme festgestellt. Sie warnen davor, dass sich antimikrobielle Resistenzen durch städtische Wildtiere stark verbreiten könnten.

Von Katarina Fischer
Veröffentlicht am 29. Apr. 2022, 09:29 MESZ
Hat der Igel das Potenzial gefährliche Krankheiten auf den Menschen zu übertragen?

Hat der Igel das Potenzial gefährliche Krankheiten auf den Menschen zu übertragen?

Foto von Alexas_Fotos / Unsplash

Der Europäische Igel (Erinaceus europaeus) gehört zu den Wildtieren, die sich an urbane Gegebenheiten gut angepasst haben, und ist in städtischen Gärten und Parks fest etabliert. Doch niedliche Igel sind nicht ungefährlich – und das liegt nicht an ihren Stacheln: Bereits im Januar 2022 erschien in der Zeitschrift Nature eine Studie der Universität Kopenhagen, die zeigt, dass Igel weitaus öfter Methicillin-resistente Staphylococcus aureus (MRSA) Bakterienstämme in sich tragen als Menschen oder die bisher als Reservoirwirte ausgemachten Kühe. MRSA gehören zu den sogenannten Superkeimen. Sie sind Bakterien, für die es aufgrund ihrer antimikrobiellen Resistenz nur begrenzte oder gar keine Behandlungsmöglichkeiten gibt.

Nun hat ein wissenschaftliches Team unter der Leitung von Venla Johansson, Doktorandin für Tiermedizin an der Universität Helsinki, Finnland, diese Untersuchungen weitergeführt. Auf dem diesjährigen European Congress of Clinical Microbiology & Infectious Diseases (ECCMID) in Lissabon stellten die Wissenschaftler neue Ergebnisse vor, die auf der Untersuchung von 115 toten Igeln aus dem Wildtierkrankenhaus des Korkeasaari-Zoos in Helsinki aus den Jahren 2020 und 2021 beruhen.

Sie fanden heraus, dass Igel neben dem bekannten MRSA-Erreger auch eine neue hochansteckende Variante in sich tragen. Den Forschenden zufolge ist ihre Entdeckung ein Beleg dafür, dass antimikrobielle Resistenzen (AMR) sich in der städtischen Tierwelt stark verbreiten. Um das weltweite Auftreten neuartiger AMR in Zukunft zu begrenzen, müsse diese also genau beobachtet werden.

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MRSA und ESBL: Wenn Antibiotika nicht mehr helfen

Grundlage der Forschung zu der neuen Studie waren Nasen-, Mund- und Dammabstriche der Tiere. Außerdem nahm das Team Stuhlproben, die auf Extended Spectrum Beta-Laktamasen (ESBL) überprüft wurden – Enzyme, die Bakterien gegen Antibiotika resistent machen. Enterobacteriaceae wie E.coli-Bakterien können hochresistente Stämme entwickeln, die dieses Enzym bilden. Sie kommen im Darm gesunder Menschen und Tiere in großer Zahl vorkommen, können an anderer Stelle aber zum Beispiel Harnwegsinfektionen verursachen. Beginnen sie ESBL zu produzieren, können sie mit Antibiotika nicht mehr bekämpft werden.

Nach der Entnahme wurden die Bakterien in den Proben auf Virulenz- und Resistenzgene untersucht. Bei zehn Prozent der untersuchten Igel fanden die Wissenschaftler mindestens einen MRSA- und mindestens einen ESBL-produzierenden Stamm. In vier Igeln wurde der MRSA-Typ mecA-MRSA festgestellt, der in den vergangenen Jahren oft bei Krankenhauspatienten in Nordeuropa nachgewiesen werden konnte und eine von 200 MRSA-Infektionen verursacht.

Neben dem bekannten MRSA-Stamm wurde in den Proben jedoch auch ein Klon dieses Typs mit dem Namen t304/ST6 gefunden – eine Variante, die erst vor Kurzem in nordeuropäischen Krankenhäusern aufgetaucht ist. „Dies ist der erste Bericht über den erfolgreichen t304/ST6-Klon mit der Fähigkeit zur weltweiten Ausbreitung bei städtischen Igeln“, sagt Venla Johansson. Der Fund unterstreiche die Notwendigkeit einer zusätzlichen Überwachung möglicher t304/ST6-Quellen und seiner Ausbreitung in städtischer Umgebung.

Auffällig hoch war auch die Zahl von Igeln, die ESBL-produzierende Bakterienstämme in sich trugen: Etwa zehn Prozent der Tiere wurden positiv darauf getestet. „Das ist zweimal so oft wie bei Menschen oder Haustieren in Finnland“, erklärt Venla Johansson. Auch im Fall der ESBL-Keime stieß das Team vorrangig auf neuartige Varianten, die gegen Carbapenem-Antibiotika resistent waren. Ein Grund zur Besorgnis, denn diese spezielle Gruppe der Antibiotika hat ein besonders breites Wirkspektrum und kommt deswegen vor allem bei schweren Infektionen zum Einsatz.

Spillover-Effekt: Bedrohung durch Zoonosen

Der Umstand, dass in den Igeln zwei E.coli-Stämme identifiziert wurden, die vor allem im Menschen vorzufinden sind – und dort oft schwere Blasenentzündungen oder Blutvergiftungen verursachen – lässt darauf schließen, dass eine Übertragung vom Menschen zum Tier stattgefunden haben muss. „Unsere Ergebnisse könnten darauf hindeuten, dass die Resistenz gegen antimikrobielle Mittel über verschiedene städtische Quellen wie Abwässer oder Abfälle auf Wildtiere in der Stadt übergreift“, erklärt Venla Johansson. Dies sei bisher jedoch nur eine Vermutung.

Sicher ist jedoch, dass bei einer Infektion von Tieren mit menschlichen Keimen das Risiko besteht, dass in der Tierpopulationen ein sekundäres Reservoir für menschliche Krankheiten entsteht. In diesem Reservoir können sich neue Bakterienstämme mit antimikrobiellen Resistenzen entwickeln. Findet anschließend eine Übertragung zurück auf den Menschen statt, sind Antibiotika gegen den Erreger nicht mehr wirksam. Im schlimmsten Fall kann eine solch ungebremste Zoonose pandemische Ausmaße annehmen.

Durch Tierhaltung, Ausbreitung der Städte und menschliches Eindringen in tierische Lebensbereiche mangelt es nicht an Partnern für dieses gefährliche Ping-Pong-Spiel. „Alle Wildtiere und Nutztiere tragen viele verschiedene Bakterientypen in sich“, sagt Venla Johansson. Es gebe viele Kandidaten für die Verbreitung von Keimen in der städtischen Umwelt – und dazu zählt auch der Mensch selbst.

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