Geschichte der Zoonosen: Wie Menschen durch ihr Verhalten Pandemien begünstigen

Krankheitserreger, die vom Tier auf den Menschen überspringen, bedrohen die Menschheit seit Jahrtausenden – und die Ausbrüche werden immer häufiger. Haben wir aus der Geschichte nichts gelernt?

Veröffentlicht am 5. Nov. 2021, 17:00 MEZ
Dieses sizilianische Fresko von einem unbekannten Künstler aus dem Jahr 1445 trägt den Titel „Triumph des ...

Dieses sizilianische Fresko von einem unbekannten Künstler aus dem Jahr 1445 trägt den Titel „Triumph des Todes“. Als die Schwarze Pest sich über Europa verbreitete, fielen ihr zwischen 34 und 50 Millionen Menschen zum Opfer – zwischen einem Drittel und der Hälfte der damaligen Bevölkerung.

Bild Werner Forman, Universal Images Group, Getty

Im Oktober 1347 erreicht ein Dutzend Handelsschiffe aus dem Schwarzen Meer den Hafen von Messina auf Sizilien. Mit an Bord: eine unsichtbare Gefahr, die den Lauf der Geschichte eklatant verändern wird.

Der größte Teil der Besatzungen ist bei der Ankunft bereits tot, die Haut der wenigen Überlebenden von nässenden, schwarzen Pusteln übersät. Zwar zwingt die Stadtregierung die kranken Menschen, die Todesschiffe nicht zu verlassen, doch die Schiffsratten sind zu diesem Zeitpunkt bereits an Land gegangen. Sowohl sie als auch die Flöhe in ihrem Fell sind mit Yersinia pestis infiziert, dem Bakterium, das die Lungen- und Beulenpest auslöst.

In den folgenden fünf Jahren wütet der Schwarze Tod in Europa. Zwischen 34 und 50 Millionen Menschen fallen der Seuche zum Opfer – ungefähr ein Drittel, wenn nicht sogar die Hälfte der damaligen Bevölkerung. Gelehrte an der Pariser Universität sehen in einer ungünstigen „astrologischen Konstellation, der Dreifachverbindung von Saturn, Jupiter und Mars,“ die Ursache für die Katastrophe.

Fast sieben Jahrhunderte nach der Schwarzen Pest in Europa hat heute eine andere Pandemie die Welt fest im Griff. Obwohl modernen Wissenschaftlern bekannt ist, dass ein Virus für den Ausbruch dieser Krankheit verantwortlich ist und sie dank einer Kombination aus moderner Keimtheorie und DNA-Sequenzierung dazu in der Lage sind, dessen Schwachpunkte auszumachen und die Verbreitung einzudämmen, hat die offizielle Zahl der an COVID-19 Verstorbenen inzwischen die 4,8 Millionen-Marke überschritten. Experten zufolge liegt die tatsächliche Todeszahl sogar weit darüber.

Fabian Leendertz untersucht eine Fledermaus. Drei Spezies der Tiere stehen in Verdacht, Reservoirwirte für den Erreger von Ebola zu sein.

Bild Pete Muller, National Goegraphic

Laut David Morens, Zoonosen-Experte am National Institute of Allergy and Infectious Diseases in Maryland, hatten Menschen im Laufe der Geschichte immer wieder mit Ausbrüchen tödlicher Krankheiten und unbekannter Seuchen zu kämpfen, die Wirtschaft, Kultur und Handel in ihren Grundfesten erschütterten, Herrscher dahinrafften und ganze Imperien zusammenbrechen ließen. Die meisten der verantwortlichen Viren und Bakterien hätten vor dem Zeitpunkt des Ausbruchs schon Jahrtausende auf der Erde existiert ohne größeren Schaden anzurichten. Das aber hätte sich irgendwann durch die Lebensweise der Menschen geändert. „Nur wenigen ist bewusst, dass die Masern, die Pest und andere Krankheiten schon seit Tausenden von Jahren existieren und ihren Ursprung in der Jungsteinzeit haben“, sagt er.

Rasantes Bevölkerungswachstum, zunehmende Globalisierung und Umweltschäden hätten in dieser Hinsicht zu einem beschleunigten Entwicklungsprozess geführt, erklärt William Karesh, Vizepräsident der EcoHealth Alliance, einer Non-Profit-Organisation mit Sitz in New York, die Zoonosen erforscht – also Krankheiten, die vom Tier auf den Menschen überspringen. „Die Regeln der Biologie sind schon immer dieselben, doch das Spielfeld hat sich dramatisch verändert“, sagt er.

Das hat zur Folge, dass neue Krankheiten, die für den Menschen gefährlich werden können, in bisher ungekannter Regelmäßigkeit auftreten: das Marburg-Virus, Vogelgrippe, AIDS, SARS, das Nipah-Virus, Schweinepest, Ebola, Lyme-Borreliose, Chikungunya, Zika, Dengue-Fieber, Lassa-Fieber, Gelbfieber und aktuell COVID-19. Pro Jahr infizieren sich im Schnitt 2,5 Milliarden Menschen mit einer Zoonose. Da es für viele dieser Erkrankungen kein Heilmittel gibt, sterben laut den U.S. Centers for Disease Control and Prevention jährlich 2,7 Millionen Menschen an einer zoonotischen Infektion.

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In den vergangenen Jahrhunderten verlief die Verbreitung einer solchen Krankheit eher langsam. Heute können Infizierte jedoch ein Flugzeug besteigen und innerhalb kürzester Zeit einen Erreger in der ganzen Welt verteilen – und das, bevor sie überhaupt Symptome bemerken. Die Verbreitung von COVID-19 begann im Januar 2020 in China – inzwischen wurden Infektionen in 223 Ländern und Territorien registriert. Auch die Übertragung von Krankheiten durch Bisse und Stiche von Mücken und Zecken wird durch den Menschen begünstigt: Aufgrund der Erderwärmung bieten immer mehr Regionen auf dem Planeten den Tieren einen geeigneten Lebensraum, sodass sich ihr Wirkungsbereich ständig ausweitet.

Ein großer Teil des Problems ist David Morens zufolge das fehlende Lernen aus vergangenen Ausbrüchen. „Fast alle Experten, die ich kenne, sind sich sicher, dass es wieder und wieder zu solchen Pandemieausbrüchen kommen wird. Das Problem ist nicht der Erreger. Das Problem ist unser Verhalten.“

Jungsteinzeit: Beginn der Zoonose

Vor 12.000 Jahren, zu Zeiten der neolithischen Revolution, änderte sich die Lebensweise der Menschen eklatant. Bisher hatten die Menschen in kleinen Nomadengruppen gelebt, die selten mit anderen in Kontakt kamen. Doch die Jäger und Sammler entwickelten sich weiter, begannen mit dem Ackerbau und lebten gemeinsam in großen Siedlungen. Der perfekte Nährboden für Mikroben.

Gelegenheiten sich zu infizieren gab es viele. Die Siedler teilten sich das Land mit wilden Spezies: Sie domestizierten Wölfe und zähmten mit dem Aufkommen der Nutztierhaltung wilde Schafe, Ziege und Kühe und lebten eng mit den Tieren zusammen. Getreidespeicher lockten Nagetiere an, die mit Zecken und Flöhen befallen waren. Das stehende Wasser in den Brunnen und Bewässerungssystemen war eine Brutstätte für Mücken.

Durch den engen, regelmäßigen Kontakt verschiedener Spezies kam es zu einem ständigen Austausch von Krankheitserregern und Parasiten, was Zoonosen Tür und Tor öffnete. Um die 60 Prozent der für den Menschen gefährlichsten Krankheiten werden von Erregern verursacht, die ursprünglich Tiere befallen haben – darunter Pocken, Cholera und die echte Grippe. „Manche Erreger benötigten vermutlich mehrere Anläufe, bis sie zum ersten Mal erfolgreich einen Menschen infizierten“, sagt Timothy Newfield, historischer Epidemiologe an der Georgetown University.

Häufig findet die Infektion nicht direkt, sondern über einen Zwischenwirt – meistens ein Nutztier – statt. So auch im Fall des Nipah-Virus, das im Jahr 1998 in Malaysia erst von wilden Flughunden auf Hausschweine übersprang, bevor sich Menschen mit ihm infizierten. Darüber fungieren Nutztiere oft auch als Reservoirwirte: Das Bakterium, das Tuberkulose verursacht, wurde zum Beispiel vom Menschen auf Kühe übertragen, die es nun in sich tragen und so die Ansteckung zwischen den Spezies weiterhin ermöglichen.

Laut David Morens ist es unmöglich, vorherzusagen, was passieren wird, wenn sich ein Erreger in einem neuen Wirt einnistet. Ob eine bisher unbekannte Krankheit ins Leere läuft oder zu einem ernstzunehmenden Ausbruch führt, hängt von mehreren Faktoren ab: der Art der Verbreitung, der Verfügbarkeit von geeigneten Wirten und davon, wie ansteckend sie ist.

Patienten, die an der Spanischen Grippe erkrankt sind, liegen im Jahr 1918 in einem Lazarett auf dem Campus des Colorado Agricultural College in Fort Collins.

Bild American Unofficial Collection of World War I Photographs, PhotoQuest, Getty

Die Pandemie in der Antike

Dass Pandemien die Menschen schon seit Jahrtausenden in Atem halten, lässt sich aus historischen Überlieferungen entnehmen. Auf mesopotamischen Tonplatten – den ältesten noch erhaltenen Schriften der Menschheit – wird in Keilschrift von den Seuchen und Plagen berichtet, die im Jahr 2000 v. Chr. ihre Opfer forderten. Laut Troels Pank Arbøll, Experte für assyrische Geschichte an der University of Oxford in England, war die angenommene Ursache für Krankheiten zu jener Zeit meist der Zorn der Götter oder der Einfluss von Dämonen. Man glaubte damals, Epidemien mit einem Blick in den Nachthimmel voraussagen zu können: Wenn Mars, der in Verbindung mit dem assyrischen Totengott stand, in einer bestimmten Sternenkonstellation stand, kündigte dies großes Unheil an.

In den Schriften wird auch beschrieben, wie damalige Heiler anhand der Untersuchung des Kranken unter Einbeziehung von Hinweisen aus der Umgebung ihre Diagnose stellten. Dabei konnten verschiedene Dinge eine Rolle spielen: von einer knarrenden Tür im Haus des Patienten bis hin zu der Beobachtung eines Tieres. Diese machte laut Troels Pank Arbøll weitere Prognosen zum Gesundheitszustand möglich: Lief das Tier von rechts nach links, waren die Genesungsaussichten gut, bewegte es sich in die andere Richtung, war das ein schlechtes Zeichen.

Für die Behandlung von Krankheiten konsultierten die Heiler niedergeschriebene Weissagungen, um Heilmittel aus Kräutern herzustellen, die am Patienten zum Beispiel in Form von heißen Wickeln zur Anwendung kamen oder einfach über verschiedene Körperöffnungen eingeflößt wurden. Dazu wurden Beschwörungsformeln und Gebete aufgesagt, um die Götter zu besänftigen. Kleine Figuren des Kranken wurden im Feuer geschmolzen oder in den Fluss geworfen – das sollten die Symptome der Krankheit mildern.

Galerie: Die Pest

Die einzigen Hinweise auf Zoonosen auf den Tafeln finden sich in Form von Warnungen vor tollwütigen Hunden, doch es gibt andere historische Quellen, die ihr Auftauchen belegen. Bereits in frühen indischen, chinesischen und ägyptischen Schriften finden die Pocken Erwähnung. Archäologen, die im Jahr 1898 die Mumie des antiken Pharaos Ramses V. entdeckten, stellten auf seiner Haut Pockennarben als klaren Hinweis auf die Krankheit fest. Dieser Fund – und ebenso der von zwei anderen Mumien mit denselben Merkmalen – lieferte den Beweis, dass es schon seit mindestens 3.000 Jahren beim Menschen zu Infektionen mit dem Pockenvirus kommt. Wissenschaftler vermuten, dass das Virus, das den Menschen infiziert, seinen Ursprung in einem Stamm hat, der in Nagetieren zu finden ist, die außerdem Reservoirwirte der eng verwandten Kuh- und Kamelpockenviren sind.

Zwischen 430 und 426 v. Chr. wütete in Griechenland die Attische Seuche, die erste dokumentierte Epidemie der Menschheitsgeschichte. Das schnelle Wachsen menschlicher Siedlungen und die Entstehung von Städten begünstigte zwar Infektionen, gleichzeitig entwickelten die Bewohner aber auch Abwehrkräfte gegen lokale Krankheiten. Das Problem:  Als die Menschen zu reisen begannen, verteilten sie diese regionalen Keime arglos in der ganzen antiken Welt. David Morens nennt diesen Prozess „pathogene Umweltverschmutzung”.

Man geht davon aus, dass die Attische Seuche auf dem Seeweg nach Athen kam. Die Stadt befand sich zu diesem Zeitpunkt im Peloponnesischen Krieg mit dem benachbarten Sparta und war zum Bersten gefüllt mit Menschen, die vor dem Feind in die vermeintliche Sicherheit der Stadtmauern geflüchtet waren.

Der zeitgenössische Geschichtsschreiber Thukydides lebte während der Seuche in Athen und beschrieb ihre Symptome in all ihren schaurigen Details: Das Fieber ließ die Kranken denken, ihre Köpfe würden brennen, sie bluteten aus ihren Mündern, ihre Augen waren rot gefärbt, ihre gerötete Haut war von eitrigen Geschwüren übersät, sie husteten, übergaben sich, hatten Durchfall und einen unglaublichen Durst, der nicht zu stillen war. Die meisten der Infizierten starben innerhalb einer Woche. Das Leid „übersteigt fast, was der Mensch ertragen kann“, schreibt Thukydides in Geschichte des Peloponnesischen Kriegs.

Aasfresser machten um die noch nicht beigesetzten Toten einen großen Bogen. Während das Gespenst des Todes durch die Straßen Athens wanderte, verfiel die Stadt in eine „nie dagewesene Gesetzlosigkeit, […] die Katastrophe war so überwältigend, dass die Menschen, die nicht wussten, was mit ihnen geschehen würde, sich nicht mehr an die Regeln der Religion und des Gesetzes hielten“, so Thukydides.

Was genau der Auslöser der mysteriösen Seuche war, ist bis heute nicht geklärt. Experten meinen, es könne sich um Milzbranderreger, Pockenviren oder Typhusbakterien gehandelt haben – oder um einen anderen der zwei Dutzend Pathogene, die für derartige Infektionen verantwortlich sind. Zehntausende erlagen der Seuche. Athen war in der Folge so stark geschwächt, dass die Stadt im Jahr 404 v. Chr. von den Spartanern eingenommen werden konnte.

Wie Krankheiten den Lauf der Geschichte bestimmen

In den folgenden Jahrhunderten fielen unzählige Menschen auf drei Kontinenten Wellen der Beulenpest, der Masern und der Pocken zum Opfer.

„Das zeigt, wie eng vernetzt die Welt schon vor 2.000 Jahren war“, sagt Lucie Laumonier, Historikerin an der Concordia University in Montreal. Europa war mit Nordafrika und Asien über die Seidenstraße und durch Handelsschiffe verbunden, sodass immer neue Erreger auftauchten und mit jedem Ausbruch die Menschheitsgeschichte tiefgehend beeinflussten.

Es wird zum Beispiel angenommen, dass es eine Pandemie war, die zum Untergang der Han-Dynastie im Jahr 160 n. Chr. geführt hat. Fünf Jahre später brachte die römische Armee von ihrem Kriegszug im Westen Asiens einen unbekannten Krankheitserreger mit, der die Antoninische Pest auslöste. Fünf Millionen Römer, darunter der Kaiser Mark Aurel, starben daran. Das Römische Reich war schwer getroffen, Militär und Landwirtschaft waren am Boden, die Staatskasse leer.

Im sechsten Jahrhundert verbreitete sich die Justinianische Pest in Konstantinopel, dem heutigen Istanbul. Sie war die erste von drei Pandemien der Beulen- und Lungenpest, die Timothy Newfield zufolge zu den verhängnisvollsten biologischen Ereignissen zählen, mit denen die Menschheit jemals zu kämpfen hatte.

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In einer Schrift von Prokopius von Caesarea, einem antiken Geschichtsschreiber und Chronist der Justinianischen Dynastie, ist überliefert: „Es gab eine Seuche, die die gesamte Menschheit an den Rand der Auslöschung brachte.“ Sie soll ihren Ursprung ihm zufolge in Ägypten gehabt haben. Das ist gut möglich, denn Konstantinopel importierte sein Getreide aus Ägypten und es ist nicht unwahrscheinlich, dass auf den Transporten pestübertragende Nagetiere und Flöhe als blinde Passagiere mitreisten.

Verursacher der zweiten Beulenpest-Pandemie waren vermutlich die mongolischen Streitkräfte, die – ohne es zu wissen – im Jahr 1346 mit Flöhen befallene Ratten aus Zentralasien mit in die Ukraine brachten, wo sie die genuesische Kolonie Kaffa belagerten. Manche Historiker unterstellen den Mongolen biologische Kriegsführung, weil sie die Leichen von Pesttoten mithilfe von Katapulten über die Stadtmauern Kaffas geschleudert haben sollen, um die Belagerten zu infizieren. Allerdings ist diese Geschichte kaum belegbar und wird deswegen von Kritikern stark angezweifelt.

Die Überlebenden der Belagerung flohen über das Schwarze Meer nach Genua und Messina und brachten auf ihren Schiffen den Schwarzen Tod mit. Innerhalb von drei Jahren hatte sich die Seuche auch über England, Deutschland und Russland ausgebreitet.

Im Jahr 1348 beschrieb der italienische Dichter Giovanni Boccaccio die Beulenpest als eine Krankheit, die „seine Opfer so schnell erfasst, wie Feuer trockenes Material oder Öl in Brand setzt […] Schwellungen in der Leistengegend oder in den Achselhöhlen […], manche so groß wie ein Apfel, andere von der Größe eines Eies.“ Die Beulen verfärbten sich schwarz oder lila, aus ihnen triefte Blut und Eiter. Kranke wanden sich vor Schmerz, hatten Fieber und Verdauungsstörungen.

Die Ärzte der Zeit wählten oft den Aderlass oder erzwungenes Erbrechen als Heilungsmethode. Die meisten Erkrankten erlagen der Infektion jedoch innerhalb kürzester Zeit. „Die Sterberate war unvorstellbar hoch“, sagt Timothy Newfield.

Das befeuerte Aberglauben. Manche Menschen erklärten sich den Ausbruch der todbringenden Krankheit mit ungünstigen Sternenkonstellationen, schlechter Luft und vergiftetem Trinkwasser. Viele hielten sie außerdem für eine Strafe Gottes. Andere suchten die Schuld außerhalb der Mehrheitsgesellschaft. Die Angehörigen verschiedener Minderheiten wurden zu Opfern einer Hexenjagd, wurden vertrieben, gefoltert und umgebracht. „Das Suchen nach einem Sündenbock hat eine lange, lange Tradition“, so Timothy Newfield.

In Städten ohne regelmäßige Abfallbeseitigung vermehrten sich die Ratten und Flöhe fleißig weiter. Sie versteckten sich in Binsenteppichen und knabberten an Essensresten, die die Menschen ihren Hauskatzen und -hunden zum Fressen hinwarfen. Ihrer treibenden Rolle in der Pandemie wurde lange keine Beachtung geschenkt. Ebenso unter dem Radar blieben Läuse, die möglicherweise ebenfalls Träger des Erregers waren.

In Asien raffte die Pest etwa 16 Millionen Menschen dahin. Da Pandemien das Reisen und den Handel einschränken, führte das dazu, dass die Mongolen die Herrschaft über Persien und China verloren, was schlussendlich zum Zusammenbruch ihres Imperiums führte.

Historische Heilmittel

Im Laufe der zweiten Pest-Pandemie wurden einige Maßnahmen entwickelt, die vor Ansteckungen schützen sollten und teilweise heute noch zum Einsatz kommen.

So richtete die Führung des durch Venedig kontrollierten Hafens von Ragusa – dem heutigen Dubrovnik – im Jahr 1377 vor den Mauern der Stadt ein Krankenlager ein. Außerdem wurden alle Schiffe und Handelstransporte von außerhalb 30 Tage isoliert, bevor sie in die Stadt einkehren durften. Später wurde dieser Zeitraum auf 40 Tage verlängert: Das Wort Quarantäne hat hier seinen Ursprung und leitet sich von dem italienischen Wort für vierzig – quarantino – ab.

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Trotzdem verschwand die Pest in den nächsten 400 Jahren nie ganz. Die dritte und letzte Beulenpest-Pandemie nahm im Jahr 1855 in der chinesischen Provinz Yunan ihren Anfang und dauerte bis 1960 an.

In diesem Zeitraum – im Jahr 1894 – bewies der Arzt und Bakteriologe Alexandre Yersin aus der Schweiz, dass die Pest durch die Infektion mit einem Bakterium verursacht wurde, dem nach ihm benannten Yersinia pestis. Vier Jahre später wies der französische Mediziner und Biologe Jean-Paul Simond den Übertragungsweg von der Ratte über den Floh zum Menschen nach. Doch als die Beulenpest den Pazifik überwand und im Jahr 1900 San Francisco erreichte, ignorierten die dortigen Behörden alle bisher gesammelten wissenschaftlichen Beweise und zwangen stattdessen asiatische Einwanderer in die Quarantäne.

Ein vorläufiges Impfserum wurde im Jahr 1897 entwickelt und im Jahr 1931 durch eine verbesserte Version abgelöst. Die Wirksamkeit einer Behandlung mit Antibiotika konnte im Jahr 1947 bewiesen werden. All das half dabei, Pestinfektionen beim Menschen zu verhindern oder zu bekämpfen, sodass größere Ausbrüche eher unwahrscheinlich geworden sind. Nach wie vor existieren jedoch Wildformen des Bakteriums: Erst im August 2021 machte die Pest wieder Schlagzeilen, als der Erreger in Streifenhörnchen am Lake Tahoe in Kalifornien nachgewiesen wurde. Das hatte zur Folge, dass einige Touristenattraktionen in der Region schließen mussten.

Die Kunstinstallation „In America: Remember“ in der Nähe des Washington Monument auf der National Mall am 20. September 2021.

Bild Kent Nishimura, Los Angeles Times via Getty

Wie kann der nächste Ausbruch verhindert werden?

Unter den Krankheitserregern, die die Menschen seit Jahrtausenden bedrohen, zählen die Pockenviren zu den tödlichsten. Bereits in der Antike infizierte das „gefleckte Monster” seine Opfer und ließ die Überlebenden mit schrecklichen Narben und erblindet zurück. Die Sterberate lag zwischen 25 und 40 Prozent und unter den Todesopfern waren auch Pharaonen, Adlige und Könige: der chinesische Kaiser Schunzi erlag der Infektion im Jahr 1661, der russische Kaiser Peter II verstarb 1730 und Ludwig XV, König von Frankreich, im Jahr 1774. Es wird außerdem vermutet, dass eine Pockeninfektion der Grund für den Tod des japanischen Kaisers Kōmei im Jahr 1867 war. Sowohl die englische Königin Elisabeth I als auch der ehemalige US-Präsident Abraham Lincoln überlebten die Pocken nur knapp.

In der Neuen Welt traten Pandemien relativ selten auf, was möglicherweise damit zusammenhängt, dass indigene Völker weniger Tierarten domestizierten und dadurch Krankheitserregern weniger Möglichkeiten boten, auf den Menschen überzuspringen. Doch als die Konquistadoren über den Atlantik kamen und eurasischen Keime einschleppten, kam es auch hier zu verheerenden Ausbrüchen. Im Jahr 1520 breiteten sich die Pocken erst explosionsartig in Mexiko und von dort über ganz Südamerika aus. 3,5 Millionen Menschen starben, darunter der aztekische Herrscher Cuitláhuac und der elfte König der Inka, Huayna Cápac. Die Verluste waren so groß und die bis dahin mächtigen Imperien so stark geschwächt, dass die spanischen Eroberer leichtes Spiel hatten.

„Diese Phase in der Geschichte ist als Zeitalter der Entdeckungen bekannt. Zeitalter der weltweiten mikrobiellen Verwüstung wäre meines Erachtens ein treffenderer Name“, sagt David Morens.

Besonders auffällig ist, dass das vermehrte Aufkommen gefährlicher Epidemien und Pandemien mit Beginn des exponentiellen Wachstums der Weltbevölkerung im Jahr 1500 Hand in Hand geht.

Im Jahr 1793 brach in den noch jungen Vereinigten Staaten die „American Plague“ aus, eine Gelbfieber-Epidemie, die sich in den darauffolgenden sechs Jahren über das ganze Land verbreitete. Im Jahr 1832 kam aus Indien die Cholera nach Europa – mehr als 18.000 Menschen verloren ihr Leben. An der Spanischen Grippe-Pandemie, die 1918 zum Ende des Ersten Weltkriegs die Welt zusätzlich in Angst und Schrecken versetzte, starben mindestens 50 Millionen Menschen. Seit 1900 sind mit HIV, H1N1, dem Zika-Virus und infektiösen Coronaviren weitere potenziell tödliche Erreger auf der Bildfläche erschienen, die bis heute enormen Schaden anrichten.

Obwohl die Geschichte der Pandemien fast so alt ist wie die Menschheit selbst, fehlt nach wie vor eine globalgültige Präventionsstrategie zu deren Vermeidung. David Morens sagt, dass mit dem Beginn von COVID-19 Ende des Jahres 2019 die Diskussionen in Bezug auf strengere Überwachungen, internationale Kommunikation und die Entwicklung von Vakzinen zwar zugenommen hätten, es bisher aber kaum Gespräche darüber gegeben hätte, welchen Effekt das Verhalten der Menschen auf zukünftige Ausbrüche gefährlicher Krankheiten hätte. Zu den Risikofaktoren zählten unter anderem die Entwaldung, das Eindringen in natürliche Lebensräume, der Verkauf und Konsum von Wildtieren und Verhaltensweisen, die diese Wildtiere in engen Kontakt mit Nutztieren und Menschen bringen.

Um die nächste Pandemie gar nicht erst geschehen zu lassen, sei globale Zusammenarbeit im Rahmen des „One Health“-Projekts nötig, sagt Steve Osofsky, Leiter des Cornell Wildlife Health Center in Ithaca, New York. Im Fokus von „One Health“ stehe „der Zusammenhang zwischen unserer Gesundheit, der unserer Nutz- und Haustiere und der von Wildtieren und der Natur.“ Ziel des Projekts ist es, sowohl Menschen als auch Natur zu schützen. Doch laut Osofsky setzt das voraus, dass Experten auf verschiedenen Gebieten gemeinsam daran arbeiten: Mediziner, Tierärzte, Epidemiologen, Zoologen, Wirtschaftsbosse, indigene Völker, Landwirte, Gesundheitsbehörden und Umweltspezialisten. „Wie wir die Natur heute behandeln“, sagt er, „hat direkte Auswirkungen auf unsere Zukunft.“

Dieser Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

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