Hausarrest für Katzen: Ausgehverbot für den Vogelschutz

Die Haubenlerche ist akut vom Aussterben bedroht. In der Stadt Walldorf gibt es eine kleine Restpopulation – um sie zu schützen, gibt es dort nun eine Ausgangssperre für Hauskatzen mit Freigang. Nur eine Notlösung für ein komplexes Problem?

Von Lisa Lamm
Veröffentlicht am 24. Mai 2022, 10:03 MESZ
Freigänger können im Gegensatz zu reinen Wohnungskatzen ihren Jagdtrieb in vollem Umfang ausleben.

Freigänger können im Gegensatz zu reinen Wohnungskatzen ihren Jagdtrieb in vollem Umfang ausleben.

Foto von Aleksei Zaitcev / Unsplash

Es sieht nicht gut aus für die Haubenlerche – vor allem in Baden-Württemberg. Auf der Roten Liste gefährdeter Arten Deutschlands wird sie in der höchsten Gefährdungsstufe geführt: vom Aussterben bedroht. Deshalb hat die Untere Naturschutzbehörde des Landratsamtes Rhein-Neckar-Kreis nun die Reißleine gezogen – und ein mehrmonatiges Ausgehverbot für Katzen in der baden-württembergischen Stadt Walldorf verhängt. Denn dort gebe es eine kleine Restpopulation der Haubenlerche, die es zu schützen gelte – auch vor Katzen, die für die wenigen überlebenden Vögel gerade in der Brutzeit eine Gefahr darstellen.

Laut der Allgemeinverfügung, die das Amt für Landwirtschaft und Naturschutz herausgegeben hat, dürfen Freigänger-Katzen in einem genau definierten Gebiet innerhalb Walldorfs – dem Geltungsbereich Walddorf-Süd – ab sofort bis zum 31. August nicht mehr vor die Tür. „Danach – bis zum Jahr 2025 –, im Zeitraum vom 01. April bis einschließlich 31. August, ist der Freigang von Katzen, die im Geltungsbereich dieser Allgemeinverfügung gehalten werden, durch deren Halter*innen zu unterbinden“, heißt es in der Verfügung. Mit sicheren Katzengeschirren sei das Ausführen der Hauskatzen in dem Zeitraum allerdings erlaubt.

Das Ausgehverbot ist kontrovers. Denn beim Schutz der biologischen Vielfalt geht es um jedes einzelne Tier, auch bei Deutschlands gefährdeten Brutvögeln, – doch für die Hauskatzen kann das plötzliche Ausgehverbot großen Stress bedeuten.

Haubenlerchen gehören zu den Bodenbrütern. Ihr Lebensraum – und ihre Brutplätze – sind durch Landwirtschaft und Bebauung zunehmend gefährdet.

Foto von Chris Clark / Pexels

Die Haubenlerche in Gefahr

Die Haubenlerche gehört zu den am stärksten gefährdeten Vögeln Deutschlands: den Agrarvögeln. Darunter fallen auch Arten wie der Kiebitz oder die Feldlerche – also Bodenbrüter, für die die Felder und Wiesen des Landes lebenswichtig sind. Der Bestand der Agrarvögel geht in Deutschland seit Jahren mit alarmierender Geschwindigkeit zurück. Vor allem weil der Mensch ihre Brutgebiete beispielsweise durch Siedlungsbau und Pestizid-Nutzung in der Landwirtschaft stark einschränkt.

Laut der Allgemeinverfügung müssen die wenigen Agrarvögel, die dann brüten können, zusätzlich um ihren Nachwuchs bangen. Denn Hauskatzen jagen die Bodenbrüter – und erschweren ihnen zusätzlich das Überleben. „Sobald ab April vermehrt Bodenbruten einsetzen, geht eine sehr hohe Gefährdung für Haubenlerchen von Hauskatzen mit Freigang aus“, heißt es in der Verfügung.

Dennoch: Katzen sind nicht die Hauptverursacher des landesweiten Vogelsterbens – auch nicht der Gefährdung von Agrarvögeln. Claudia Wild, Sprecherin des NaBu Baden-Württemberg betont, dass es sich bei der Maßnahme in Walldorf um eine kurzfristige Notlösung handelt. „Dass die Haubenlerche bei uns großflächig ausgestorben ist, liegt nicht an der Hauskatze – sie ist aber ein zusätzlicher negativer Faktor“, so Wild. Dennoch sei der Rückgang der Haubenlerche und anderer Bodenbrüter alarmierend. „Seit 1980 nimmt die Zahl der Vögel in der EU dramatisch ab. Betroffen sind vor allem die Feld- und Wiesenvögel“, sagt sie.

Bedrohung durch die Landwirtschaft

Viel mehr als Freigänger-Katzen gefährdet die Bodenversiegelung in Städten und Dörfern die Bodenbrüter. Darüber hinaus: die Landwirtschaft. In den letzten Jahrzehnten nimmt sie zunehmend Raum ein, auch der Pestizideinsatz wurde stetig höher. „Die Feld- und Wiesenvögel leiden unter dieser ‚Intensivierung der Landwirtschaft‘. Damit einher geht der Verlust an Nahrung, Brutplätzen und Lebensräumen“, sagt Wild. 

Das Ausgehverbot der Katzen ist also ein letzter Versuch, die schwindende Population der Haubenlerche in Walldorf zu retten. Laut Wild reicht diese Maßnahme aber nicht aus, um das rasante Artensterben der Vögel Deutschlands aufzuhalten, 

„Beim Schutz der Haubenlerche geht es um einen Konflikt, der sich nicht isoliert in Walldorf lösen lässt“, sagt sie. Vielmehr sei die Politik gefragt – und die Landwirtschaft. „Auch Verbraucherinnen und Verbraucher sind aufgerufen, mit ihrem Kaufverhalten eine nachhaltige Landwirtschaft zu unterstützen“, so Wild. Laut einer Pressemitteilung des Nabu Baden-Württemberg können die Bodenbrüter nur durch grundlegende Veränderungen und Reformen in der Landwirtschaft noch gerettet werden. 

Der Deutsche Tierschutzbund e.V. warnt zusätzlich in einem Statement davor, Hauskatzen als Hauptschuldige für das Vogelsterben abzustempeln: „Indem die Bedürfnisse verschiedener Tierarten in Konkurrenz zueinander gestellt werden, duckt man sich auch vor der Verantwortung, die der Mensch für den Schutz aller Tiere trägt und zu der wir uns als Gesellschaft verpflichtet haben.“

Katzen als Sündenböcke?

Laut Wild sind Katzen gerade für die kleinen Restpopulationen dennoch eine Gefahr. „Wir appellieren – und haben das auch schon früher getan – an alle Katzenhalter und -halterinnen, nicht nur in Walldorf, sondern im ganzen Land, zur Vogelbrutzeit, vor allem von Mitte Mai bis Mitte Juli, freiwillig die Katzen in den Morgenstunden im Haus zu lassen“, sagt sie. Denn genau zu dieser Zeit seien Vogeleltern oft auf Nahrungssuche und die Jungen alleine. Diese könnten dann Katzen zum Opfer fallen, die durch die Brutgebiete streifen.

Ein generelles Ausgangsverbot, wie es die Allgemeinverfügung verhängt, ist aus Sicht des Deutschen Tierschutzbundes allerdings unverhältnismäßig ­– und tierschutzwidrig. „Das plötzliche Unterbinden des Freigangs von Katzen, welchen diese bisher gewohnt sind, ist für die Tiere mit immensen Einschränkungen und Stress verbunden“, schreiben sie in ihrem Statement. Auch sie verweisen auf Faktoren wie die Intensivierung der Landwirtschaft, Habitatveränderungen und verstärkte Bebauung von Brachflächen sowie das Insektensterben als Ursachen für das Vogelsterben. Der Einfluss von Katzen auf Vogelpopulationen sei hingegen ohnehin umstritten.

Sie schlagen zum Schutz der Haubenlerche alternative Lösungen vor, wie „die großflächige Umfriedung mit Elektrozäunen für sensible Bereiche, die Erhöhung der Lebensraumkapazität und Schaffung von Bruthabitaten“.

Klar ist: Der Vogelbestand in Deutschland nimmt ab und bisherige Schutzmaßnahmen greifen nicht weit genug. Und auch ein generelles Ausgehverbot für Katzen kann wohl höchstens eine Notlösung sein – noch dazu eine durchaus umstrittene.

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