Rätsel gelüftet: Warum Kojoten plötzlich Menschen jagen

2009 wurde in Kanada erstmals ein Mensch von Kojoten getötet. Dabei galten die scheuen Tiere zuvor nicht als Gefahr. Eine Studie erklärt, warum sich Warnungen und Angriffe auf Menschen seither häufen.

Von Marina Weishaupt
Veröffentlicht am 22. Dez. 2022, 09:21 MEZ
Drei Kojoten auf einer Wiese, einer von ihnen schaut in die Kamera.

In Nordamerika sind Kojoten für 31 Prozent der dokumentierten Angriffe auf Menschen durch große Raubtierarten verantwortlich. Wie kommt es dazu?


 

Foto von Chris / Adobe Stock

Am 27. Oktober 2009 endete das Leben einer neunzehnjährigen Kanadierin auf tragische Weise. Sie brach alleine auf, um den Cape Breton Highlands National Park auf der gleichnamigen kanadischen Insel zu erkunden. Eigentlich ein wahrer Traum für Wanderlustige. Doch an diesem Herbsttag wurde ihr der Angriff eines Rudels Kojoten zum Verhängnis – kurze Zeit später erlag sie ihren schweren Verletzungen. 

Mögliche Gründe für derart aggressives und furchtloses Verhalten der eigentlich scheuen Tiere untersuchte die Ohio State University in Zusammenarbeit mit der University of New Mexico und dem Cape Breton Highlands National Park. Die im Journal of Applied Ecology veröffentlichte Studie zeigt: Das veränderte Jagdverhalten der Kojoten begründet sich durch schwindende Ressourcen.

Dem Rätsel der aggressiven Kojoten auf der Spur

Bis dato wurde auf dem Skyline Trail, dem Wanderweg, auf dem die junge Frau angegriffen wurde, lediglich vor möglichen Begegnungen mit Bären und Elchen gewarnt. Kojoten hingegen galten als recht menschenscheu. Lange Zeit gaben die Attacke auf dem Skyline Trail und weitere von den kleinen, entfernten Verwandten des Wolfs ausgehende Angriffe deshalb Rätsel auf.

Um den Vorfällen auf die Spur zu kommen, erforschte das Team um Stanley Gehrt, Spezialist für Wildtierberatung und Kojoten-Ausbreitung, in seiner Studie, warum die Tiere nicht nur zutraulicher werden, sondern auch aggressiver auftreten. Dafür werteten sie Daten zur Ernährung der Tiere und ihrer Raumnutzung im Bereich des Cape Breton Nationalparks aus.

Daraus ergab sich, dass die Kojoten vor Ort Reviere von durchschnittlich 77,5 Quadratkilometer hatten – ungewöhnlich groß für die Tiere. Laut der Studie zeigt dieser Umstand, dass die Nahrungsressourcen innerhalb der Reviere begrenzt sind. Die Kojoten müssen mehr Fläche durchkämmen, um an Beutetiere zu kommen. Zusätzlich führte das schwindende Nahrungsangebot dazu, dass die Tiere eine bis dato ungewöhnliche Abhängigkeit von größeren Beutetieren entwickelten: Sie spezialisierten sich auf die Elchjagd. 

Nahrungsmangel macht erfinderisch: Vom Hasen zum Elch zum Mensch

Die Spezialisierung der Kojoten auf Elche bestätigte sich zusätzlich durch eine Isotopenanalyse der Schnurrbarthaare von 32 Tieren. Dabei konnte anhand von Kohlenstoff- und Stickstoffwerten entschlüsselt werden, was die Individuen in den Monaten zuvor zu sich nahmen. Das Ergebnis: Für 25 der getesteten Kojoten machten Elche einen großen Teil der Nahrung aus. Auch die Isotopenwertde der Tiere, die in gemeldete Angriffe involviert waren, stimmten mit diesen Erkenntnissen überein

Bei lediglich vier Kojoten wurden dagegen Hinweise auf menschliche Nahrung – beispielsweise Essensreste entlang der Wanderwege – nachgewiesen. Lediglich eines der beteiligten Tiere hatte sich zuvor von Essensresten ernährt. Ein direkter menschengemachter Konflikt dank einer zunehmenden Zutraulichkeit und schwindenden Scheu durch Essensreste konnten die Forschenden somit als Hauptgrund für das aggressive Verhalten ausschließen. 

Zum Verhängnis wurde der Frau also am ehesten die Tatsache, dass die eigentliche Hauptnahrungsquelle der Kojoten – Schneeschuhhasen und Weißwedelhirsche – zum damaligen Zeitpunkt schlichtweg kaum mehr vorhanden war. Auch an kleiner Beute wie Nagetieren mangelte es. „Wenn Kojoten daran gewöhnt sind ein 700 Pfund schweres Tier zu erbeuten und eine einzelne Frau alleine spazieren geht, liegt die Vermutung nahe, dass sie sie einfach als neue Nahrungsquelle betrachten“, so Stanley Gehrt, Professor an der Ohio State University.

Ursachenbekämpfung: Gesunde Biodiversität, Respekt und Vorsicht

Die Angriffe in Cape Breton hingen also stark mit der damals schwindenden Biodiversität zusammen. Kojoten sind generell dazu in der Lage, ihre Ernährungsweise schnell komplett zu verändern – im Falle der Tiere im Cape Breton Highlands National Park hin zu größeren Beutetieren. Mittlerweile hat sich allerdings die Population von Schneeschuhhasen beispielsweise wieder erholt – was sowohl Elche, als auch Menschen als Nahrung für die Kojoten wieder uninteressant macht. 

Dennoch mahnen Gehrt und sein Team, dass Raubtiere in Stresssituationen wie Nahrungsknappheit die sichere Distanz zu den Menschen verlieren können. Gleiches gilt für Kojoten, die immer mehr in den urbanen Raum Nordamerikas vordringen. Dadurch kommt es zwangsläufig zu vermehrten Begegnungen zwischen Mensch und Raubtier. Laut einer Studie der Universitäten Chicago und Utah nimmt hierbei die Angst der Tiere stetig ab und wird mit jedem Wurf geringer. So kam es im Stanley Park in Vancouver allein von Dezember 2020 bis August 2021 zu 45 Meldungen von Attacken. Dabei wurden etwa joggende oder radfahrende Personen verfolgt, gebissen oder gekniffen. Mindestens 11 der aggressiven Tiere wurden daraufhin getötet.

Das Risiko kann mit einer solchen Beseitigung zwar eingedämmt werden, laut der Studie sollten allerdings die Umstände für eine nachhaltige Ursachenbekämpfung genau untersucht werden. Sowohl Touristen und Anwohner, als auch öffentliche Instanzen wie Verwaltungen von Nationalparks müssen sich den Hintergründen für mögliche Gefahren bewusst sein. Nur so können zukünftige Konflikte langfristig minimiert werden.

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