Schlafen extrem: Pinguine machen täglich 10.000 Nickerchen

600 Mal Sekundenschlaf pro Stunde. Was nicht gerade nach Erholung klingt, sichert brütenden Zügelpinguinen das Überleben in der Arktis. Nicht immer sind Fressfeinde der Grund dafür.

Von Marina Weishaupt
Veröffentlicht am 8. Dez. 2023, 16:18 MEZ
Acht Zügelpinguine auf Felsen am Meer.

Diese Pinguine haben einen extremen Schlafrhythmus. Warum machen sie die kurzen Nickerchen?

Foto von Paul-Antoine Libourel, Neurowissenschaftliches Forschungszentrum Lyon, Frankreich

Schlafen ist überlebenswichtig. Während der Körper sich von der Anstrengung des Tages erholt, nutzt das Gehirn die Zeit zur Informationsverarbeitung. Was für Tiere an der Spitze der Nahrungskette für Entspannung sorgt, können sich viele hilflose Beutetiere allerdings nicht leisten – erst recht nicht als frisch gebackene Eltern.

Für brütende Zügelpinguine hat sich die Natur deshalb etwas besonders kreatives überlegt: Anstatt wie andere Tiere für mehrere Stunden am Stück in einen Wechsel aus REM- und Tiefschlafphasen zu fallen, halten sie bis zu 10.000 Nickerchen täglich – mehr als jedes andere Tier. Wie erholsam ist diese Laune der Natur?

Erholsamer Sekundenschlaf: 600 Millisekunden pro Stunde

Für uns Menschen gilt Sekundenschlaf als risikoreiche Müdigkeitsattacke: Überwältigt einen das ungewollte und plötzliche Einschlafen im falschen Moment, kann dies unheilvolle Folgen mit sich bringen – und hat nur wenig mit Erholung zu tun. Anders verhält es sich bei den Pinguinen der Art Pygoscelis antarctica. Eine internationale Studie zeigt: Zügelpinguine weisen den am stärksten fragmentierten Schlaf auf, der bisher in der Tierwelt nachgewiesen wurde – und sie scheinen äußerst gut damit zurechtzukommen. 

Pinguin-Lovestory
Fast wie im Liebesfilm: Zwei Pinguine finden zueinander – egal wie rau das Meer ist. Szenen aus „Sinfonie für unsere Erde“.

Das konnten die Forschenden aus Lyon, Korea und dem deutschen Max-Planck-Institut für biologische Intelligenz mithilfe von speziell entwickelten Datenloggern feststellen, die das Verhalten und die Gehirnaktivitäten der wildlebenden und auf King George Island brütenden Zügelpinguinen über einen Zeitraum von elf Tagen aufzeichneten. Die Auswertung zeigte, dass der bei Vögeln vorherrschende „slow wave sleep“ entweder in beiden Gehirnhälften oder jeweils nur in einer Hemisphäre auftrat. Äußerlich sichtbar ist dieses rasche Schlafmuster, indem die Zügelpinguine beide oder jeweils ein Auge häufig schließen und öffnen. 

Auf diese Art und Weise verfallen die Tiere während des Brütens in der gefährlichen arktischen Umgebung 600 mal pro Stunde in Schlafphasen, die nur wenige Millisekunden bis maximal vier Sekunden andauern. Insgesamt summieren sich die 10.000 kurzen Schlafattacken auf eine tägliche Schlafenszeit von durchschnittlich elf bis zwölf Stunden. So meistern die Zügelpinguine trotz der ständig lauernden Gefahr vor Eierdieben und Fressfeinden wie dem Braunen Skua die Zügelpinguine die Brut und Aufzucht ihrer Jungen mit Bravour.

Laute Nachbarn: Weniger Schlaf inmitten der Kolonie

Die Studie erbrachte noch eine weitere überraschende Erkenntnis. Angelehnt an Studien zum Schlafverhalten von Enten, gingen die Forschenden davon aus, dass auch Zügelpinguine am Rande der Kolonie wachsamer sind und dementsprechend generell weniger schlafen – und wenn, dann vermehrt nur mit einer Gehirnhälfte. 

Doch das Gegenteil war der Fall: Die Tiere, die am Rande der Kolonie einer deutlich höheren Gefahr durch Skuas ausgesetzt waren, schliefen stolze zehn Prozent mehr und 40 Prozent länger – durchschnittlich eine Sekunde mehr – als wohlbehütete Pinguine umzingelt von Artgenossen. Das liegt wohl an der Lautstärke im Inneren der Kolonie: Das aggressive Verhalten und laute Schnattern der direkten Nachbarn stört die Schlafqualität der Zügelpinguine deutlich mehr als die lauernden Skuas.

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