Können Spinnen träumen?

Eine neue Studie aus Konstanz zeigt: Springspinnen haben regelmäßige zuckende Anfälle im Schlaf, die an die REM-Schlafphase einiger Säugetiere erinnern.

Von Insa Germerott
Veröffentlicht am 22. Aug. 2022, 10:09 MESZ
Eine Springspinne baumelt kopfüber an ihrem Faden.

Die Springspinne E. arcuata zeigte ein für sie ungewöhnliches Schlafverhalten, als sie zu Forschungszwecken in einer Plastikbox gehalten wurde. Könnten die regelmäßig über Nacht auftretenden Zuckungen und Augenbewegungen darauf hinweisen, dass Spinnentiere träumen können?

Foto von Daniela C. Rößler

Wenn wir träumen, schlafen wir meist tief und fest. Die Phase, in der die meisten unserer Träume stattfinden, ist von raschen Augenbewegungen gekennzeichnet und wird deshalb REM-Schlafphase genannt – nach dem Englischen „rapid eye movement”. Dass nicht nur Menschen diese besondere Phase des Schlafes besitzen, konnten Forschende bereits für einige an Land lebende Säugetiere und Vogelarten nachweisen. Ob auch wirbellose Tiere wie Insekten und Spinnen über diese potentiellen Traumphasen verfügen, konnte bisher allerdings nicht ausreichend geklärt werden.

Einen völlig neuen Einblick in die Schlafwelt der Spinnentiere könnte nun eine neue Studie der Uni Konstanz geben, die in der Zeitschrift PNAS erschien. Dort präsentieren die Verhaltensökologin Daniela Rößler und ihr Team Forschungsergebnisse zu einem erstmals beobachteten, neuartigen Schlafphänomen bei einheimischen Springspinnen. Diese schienen in einer für sie unüblichen, zusammengerollten Position an einem Faden hängend zu schlafen – mit seltsamen krampfartigen Zuckungen und begleitenden Augenbewegungen, die an den menschlichen REM-Schlaf erinnerten. 

Springspinnen in ungewöhnlicher Schlafposition

Bisher war über die Schlafsituation der lediglich circa sechs Millimeter großen Tiere nur bekannt, dass sie sich Seidenschlafhöhlen in zusammengerollten Blättern einrichten. Durch einen Zufall wurde nun vermutlich eine alternative Schlafgewohnheit der Springspinnen entdeckt: Während der Corona-Pandemie hielt die Verhaltensökologin Rößler Spinnen der Art Evarcha arcuata in durchsichtigen Plastikboxen auf ihrer Fensterbank und forschte an ihnen. Zufällig stellte sie so fest, dass die Spinnen eine für sie merkwürdige Position eingenommen hatten.

„Sie hingen alle am Deckel ihrer Kästen”, sagt Rößler. „Ich dachte, sie wären tot.” Tatsächlich schliefen die Spinnen aber nur. Sie entschied sich daraufhin, die Tiere über Nacht zu beobachten – und fand dabei Erstaunliches heraus.

Können Spinnen träumen?

Mithilfe einer Nachtsichtkamera, an der sie einige Vergrößerungslinsen befestigte, beobachtete Rößler 34 schlafende Spinnenbabys in ihren Plastikboxen. Bei einem Spinnenweibchen konnte sie nach einiger Zeit, in der das Tier lediglich vom Deckel der Box herabhing, erkennen, dass dessen Beine plötzlich anfingen zu zucken und sich manchmal sogar Richtung Brustbein einrollten, was so bisher nur bei toten Spinnen beobachtet werden konnte. Auch der Hinterleib und die seidenproduzierenden Spinnwarzen bebten. Rößler konnte diese etwas länger als eine Minute andauernden Anfälle, die öfter und regelmäßig in der Nacht auftraten, auch bei jeder der anderen 33 Spinnen feststellen.

Die unkontrollierten Zuckungen der Springspinnen erinnerten an die REM-Schlafphasen von Hunden oder Katzen. Rößler nahm auch ein weiteres Indiz wahr, das bei anderen träumenden Tieren beobachtet werden kann: Während E. arcuata die zuckenden Anfälle hatte, bewegte die Spinne ihre Augenröhren. Das passierte ansonsten in keiner anderen Schlafphase – und könnte damit ein deutlicher Hinweis auf REM-Schlaf sein.

Rößler und ihr Team fragten sich daraufhin: Können Spinnen träumen? Da die Springspinne im Gegensatz zu den meisten anderen Spinnenarten über einen überdurchschnittlich ausgeprägten Sehsinn verfügt, wäre das nicht verwunderlich. E. arcuata besitzt längliche Röhren, mit welchen sie ihre Netzhaut hinter ihren Hauptaugen bewegen kann. Die Verhaltensökologin Lisa Taylor von der University of Florida, die nicht an den Experimenten beteiligt war, sagt: „Sie leben in einer extrem reichhaltigen Sinneswelt. Außerdem wissen wir, dass sie erstaunliche kognitive Fähigkeiten und ein gutes Gedächtnis haben.” Die Informationen, die sie alltäglich beim Wahrnehmen ihrer Umwelt über ihre Augen sammeln, könnten sie also potentiell in der Nacht beim Träumen verarbeiten.

REM-Schlaf: Individuelle Ausprägung bei verschiedenen Lebewesen?

Um zu beweisen, dass die Springspinnen über eine REM-Schlafphase oder ähnliches verfügen, betreiben Rößler und ihr Team nun fortlaufende Forschungen. Um nachweisen zu können, dass der Schlaf der Spinnentiere REM-ähnlich ist, müsste Gehirnaktivität bei den Springspinnen während ihrer nächtlichen Anfälle nachgewiesen werden. Laut Rößler gibt es mittlerweile die Möglichkeit, das winzige Gehirn der Tiere mithilfe einer Elektrode zu untersuchen.

Sollten die Forschenden herausfinden, dass auch Spinnentiere REM-ähnliche Schlafphasen besitzen und träumen können, würde dies ungeahnte Möglichkeiten für die Forschung  eröffnen, da über den REM-Schlaf artübergreifend bislang wenig bekannt ist. Niels Rattenborg, Biologe am Max-Planck-Institut für biologische Intelligenz in Seewiesen, erklärt: „Die Untersuchung des REM-Schlafs bei einer Vielzahl von Arten, einschließlich dieser Spinnen, könnte uns helfen, besser zu verstehen, wie er funktioniert und warum er existiert.”

Rößler will ihre Forschung auch auf andere Spinnenarten ausweiten: Sie glaubt, dass sich der REM-Schlaf bei Tieren, die andere Sinne mehr benutzen als das Sehen, möglicherweise völlig anders zeigen könnte: „Vielleicht vibrieren die Weberknechte, wenn sie träumen”, sagt sie. „Ich denke, dass die REM-Phase im Tierreich genauso universell ist wie der Schlaf, aber wir haben einfach noch nicht ausreichend danach gesucht.”

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