Umwelt

Weniger Auto – mehr Mobilität?

Verpestete Luft, quälende Staus, Maut-Chaos und Diesel-Fahrverbote erfordern ein Umdenken. Wie können wir umweltfreundlich mobil sein – in der Stadt und auf dem Land? Monday, June 24, 2019

Von Jens Voss
Zum verrückt werden: Stau im Sommer.

Es ist zum verrückt werden: Mehr als fünf Tage verbringen deutsche Autofahrer durchschnittlich jährlich im Stau. Genau genommen sind es gut 120 Stunden, wie der Dienstleister für Mobilitätsdaten Inrix errechnet hat. Deutschlands Stauhauptstadt ist Berlin mit 154 Stunden, gefolgt von München und Hamburg mit 140 und 139 Stunden. Mit deutlichem Abstand von ca. 30 Stunden folgen weitere Großstädte wie Leipzig, Stuttgart, Nürnberg und Frankfurt. Ob Beruf, Schule, Einkauf, Freizeit oder Urlaub: Ständig geht es von einem Ort zum anderen. Und viel zu oft steigen wir dafür ins Auto. Doch nicht nur die Städte scheinen vor Autos überzuquellen. Auch der ländliche Raum droht vielerorts im Verkehrschaos zu versinken.

Nahverkehr billiger?

Wissenschaftler haben errechnet, dass der kostenpflichtige öffentliche Nahverkehr zumindest in Großstädten günstiger ist als das eigene Auto. So gingen Verkehrswissenschaftler der Universität Kassel der Frage nach, welche Kosten verschiedene Verkehrsmittel wirklich verursachen. Fazit: Der Pkw-Verkehr in einer deutschen Großstadt kostet die Kommunen das Dreifache des öffentlichen Personennahverkehrs. Und auch die Bürger selbst sind mit Bus und Bahn oft günstiger unterwegs. Zu diesem Schluss kommt das Vergleichsportal Verivox. Hierzu wurden die typischen Mobilitätskosten von Alleinstehenden und Familien in einer Großstadt gegenübergestellt. Das Ergebnis: Vor allem Singles würden sparen, wenn sie aufs eigene Auto verzichteten.

Klar ist: Klima- und Umweltschutz erfordern ein Umdenken. Mobilität muss ökologisch nachhaltig werden. Dieses Ziel ist nicht allein mit Elektroautos zu erreichen. Für weiteren Sprengstoff sorgen die Fahrverbote für Dieselautos in deutschen Städten. Ein grundsätzliches Verbot von herkömmlichen Verbrennungsmotoren ist damit allerdings nicht in Sicht. Das weiß auch Svenja Polst vom Fraunhofer-Institut IESE Kaiserslautern. Gemeinsam mit Co-Autorin Anne Heß hat sie in einer aktuellen Studie untersucht, wie ökologisch verträgliche Mobilität in der Stadt und auf dem Land möglich ist. Wie können wir öfter aufs Auto verzichten? Welche Alternativen gibt es zum vielfach schlecht ausgebauten öffentlichen Nahverkehr auf dem Land? Lässt sich Mobilität sogar aufteilen?

Galerie: Kein CO2 im Land von Shangri-la

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Smarte Ökosysteme und digitale Dörfer

„Eine große Chance liegt in der Digitalisierung“, sagt Polst. Der Schlüssel zum Erfolg: Vernetzung. „Wir brauchen Smarte Ökosysteme – digitale Plattformen, die nachhaltige mobile Services anbieten.“ Polst versteht darunter bürgernahe Online-Portale, auf denen sich die Menschen künftig vernetzen, um unterschiedlichste mobile Angebote wahrnehmen und selbst mitgestalten zu können. Das reicht zum Beispiel vom Car Sharing über selbst organisierte Mitfahrgelegenheiten oder Bürgerbusse bis hin zur Kombination verschiedener Verkehrsmittel. Eine Mobilitäts-App zeigt alle Wahlmöglichkeiten an.

Nach Polsts Worten können so ganze digitale Dörfer mit eigenständigen mobilen Angeboten entstehen – ein zukunftsweisendes Konzept gerade auch für den ländlichen Raum. Nur ein weiteres Beispiel: Bürger A bestellt seine Sonntagsbrötchen online beim Bäcker, Bürger B und C klinken sich über die App in die Bestellung ein. Das Abholen muss dann nur noch einer der drei Beteiligen übernehmen. Das spart Zeit, Energie und Geld. Und schont die Umwelt. Teilen statt Besitzen, heißt die Devise. „Auch ein Elektroauto ist nicht nachhaltig, wenn es mit Kohlestrom betrieben wird“, unterstreicht Polst. Kein Wunder, dass Auto-Experten wie Ferdinand Dudenhöffer betonen: „Die Zeit, dass das Auto ein Statussymbol war, ist vorbei.“

Autofreie Städte? Keine Utopie!

Die Voraussetzungen für das neue mobile Zeitalter sind längst eingeleitet. Homeoffice oder Co-Working-Räume – flexible Arbeitsplätze, die sich tageweise anmieten lassen – haben sich bereits in vielen Berufsfeldern etabliert und ersetzen dort das lästige Pendeln. Ständig gibt es neue Ideen für die Mobilität der Zukunft. Die Spannbreite reicht von Smart-Home-Anwendungen, bei denen Haushalts- und Multimedia-Geräte kommunizieren und zentral ferngesteuert werden, bis hin zu selbstständig fahrenden mobilen Räumen, die sich vielfältig nutzen lassen: als Arbeitsplatz, Hotelraum oder als mobile Arztpraxis.

Fahrradstadt Kopenhagen: Die Hälfte der Bürger pendelt täglich mit dem Rad.

Selbst autofreie Städte scheinen keine Utopie mehr. In Europas Fahrradhauptstadt Kopenhagen etwa pendeln nach offiziellen Angaben rund 50 Prozent aller Bürger täglich mit dem Rad. Polst ist überzeugt: Wir können unsere mobile Zukunft umweltfreundlich gestalten – in der Stadt ebenso wie auf dem Land. „Wir müssen es nur wagen.“

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