Umwelt

Invasion abgewehrt: Seeigel retten Korallenriff in Hawaii

In der Kāne'ohe Bay drohten invasive Algen, die Korallenriffe zu ersticken. Donnerstag, 16. August 2018

Von Alejandra Borunda
Eine Luftaufnahme der Sandbänke und Korallenriffe der Kāne’ohe Bay der hawaiianischen Insel Oahu, USA.

In den Siebzigern siedelte ein Forscher des Hawai’i Institute of Marine Biology eine neue, nicht heimische Algenart in der Kāne’ohe Bay der Insel Oahu an. Er dachte, die neue Art würde sich als robuste, schnell wachsende Pflanze durchsetzen, die für die Aquakultur-Industrie vorteilhaft sein könnte. Schnell wurde jedoch klar, dass sie viel zu erfolgreich war. Sie breitete sich weit jenseits des Gebietes aus, in dem sie ursprünglich gepflanzt wurde, und erstickte die bunten Korallen am Meeresboden.

Seither ist die Bucht von einem Teppich aus Algenwedeln überzogen. Es gab zahlreiche Säuberungsversuche, die sich jedoch allesamt nicht als sonderlich erfolgreich erwiesen. Nun haben Forscher eine Strategie entdeckt, von der sie sich Erfolg versprechen – ein Hoffnungsschimmer für die ökologisch und kulturell wertvolle Bucht.

Zunächst verpassten Taucher den Algen einen kleinen Haarschnitt, indem sie die Wedel mit einem „Supersauger“ auf ein nahegelegenes Schiff pumpten. Danach siedelten sie eine Reihe einheimischer Seeigel an, die tagtäglich eines Vielfaches ihres Eigengewichts an Algen verzehren können. Sie mampften sich langsam ihren Weg über das ganze Riff und befreiten es von den verbliebenen Algen.


„Wir benutzen sie wie Ziegen“, erklärt Brian Nielson, der Hauptautor der neuen Studie und ein Biologe am Hawaii Department of Land and Natural Resources in Honolulu.

Siehe auch: Galerie: In 30 Jahren könnten unsere Korallenriffe verschwunden sein

Galerie ansehen

UNTERWASSER-INVASION

Einige Algenarten kommen in Korallenriffen auch natürlich vor. In gesunden Riffsystemen halten Seeigel und pflanzenfressende Fische sie allerdings in Schach. Wenn der Bestand an Fischen und Seeigeln allerdings schrumpft – beispielsweise durch Überfischung und Verschmutzung –, können sich die Algen ungehindert ausbreiten.

Eine Weile versuchten die Riffmanager, die Pflanzen händisch zu trimmen. Sie tauchten zum Riff hinab und schnitten die wuchernden Algen zurück, damit die darunterliegenden Korallen mehr Sonnenlicht erhielten, welches sie zum Wachsen benötigen.

„Das ist anstrengende Arbeit“, sagt Nielson. „Wir haben sechs bis acht Stunden damit verbracht, im Wasser die Algen rauszuziehen. Wenn man dann abends ins Bett geht, träumt man von Algen.“

Ihnen war klar, dass sie ein selbstständig funktionierendes System entwickeln mussten. Warum also nicht die natürlichen Fressfeinde der Algen für die Säuberung engagieren? Falls sie genügend einheimische Pfaffenhut-Seeigel (Tripneustes gratilla) in die Riffe einbringen könnten, sollten sie das Gleichgewicht des Systems wiederherstellen.

Fische schwimmen über ausgebleichte Korallen in der Kāne’ohe Bay.

„Natürlich will man ein Riff haben, das sich selbst reguliert“, sagt Iria Fernández Silva, eine Biologin der California Academy of Sciences, die an der dazugehörigen Studie nicht beteiligt war. In der Vergangenheit hat sie ähnliche Forschungen in der Bucht durchgeführt. „Man will ein Ökosystem, das von selbst funktioniert, ohne dass wir da jeden Tag eingreifen und die Algen entfernen müssen.“

SEEIGEL-RETTUNGSTRUPPE

Die Seeigel schienen jedoch einen gewissen Vorsprung zu benötigen, um der Algenplage Herr zu werden. Daher schnitt das Team den Wuchs größtenteils zurück und entfernte die Abfälle mit dem Supersauger. Zurückgelassener Verschnitt hätte sich wahrscheinlich einfach wieder angesiedelt, weshalb es wichtig war, möglichst viel davon aus dem Riff zu entfernen.

Als nächstes brachten sie ganze Tabletts voller Baby-Seeigel in die Kāne’ohe Bay, die sie extra für diesen Zweck gezüchtet hatten. Vorsichtig platzierten die Forscher etwa vier kleine, stachelige Seeigel pro Quadratmeter im Riff. Über einen Zeitraum von zwei Jahren deckten sie so fast 100.000 Quadratmeter ab.

Und die kleinen Tierchen schlugen ordentlich zu. Im Laufe des zweijährigen Experiments wurde die Algendecke um etwa 85 Prozent reduziert, wodurch die Riffe sich erholen konnten. Auch nach diesem Zeitraum hielt der Effekt an.

„Bei der manuellen Entfernung muss man sehr viel Zeit und menschliche Arbeitsstunden aufwenden, um die Algen vom Riff zu entfernen. Und es gibt keine Garantie dafür, dass sie nicht sofort wieder nachwachsen“, sagt Kostantinos Stamoulis. Der Biologe der University of Hawaii in Mānoa war an der Studie nicht beteiligt. „In vielen Fällen ist das genau das, was passiert. Bei der biologischen Schädlingsbekämpfung überlässt man es der Natur, sich um das Problem zu kümmern.“

Die Frage lautet nun, ob sich diese Methode auch im größeren Maßstab anwenden lässt. Derzeit plant das Team, sie auch in anderen Riffen zu testen.

MEHR ALS NUR SEEIGEL

Stamoulis betont, dass einheimische Pflanzenfresser beim Säuberungsprozess eine Schlüsselrolle spielen. Er und seine Kollegen haben herausgefunden, dass die invasiven Algen in einem Meeresreservat innerhalb der Bucht, in dem die Fischbestände größer sind, nicht so dominant waren wie außerhalb des Reservats. Daher hofft er, dass künftige Pläne für das Riffmanagement auch einen besseren Schutz für die Fische umfassen.

„Wenn man bedenkt, was für ein großes Problem die Algen darstellen, ist es wirklich wichtig, die herbivoren Fische zu schützen“, findet er. „Indem wir die natürlichen Bestände pflanzenfressender Fische schützen, gewinnen wir gleichzeitig viel mehr Soldaten für unsere Abwehr.“

Die Forscher sind zufrieden mit den Ergebnissen ihrer Arbeit. Allerdings sind die Kosten beträchtlich. Das Seeigel-Team gab mehr als 800.000 Dollar aus, um 25.000 Quadratmeter Riff von Algen zu befreien. Die ganze kostspielige und arbeitsintensive Angelegenheit hätte vermieden werden können, wenn eine bewusst eingebrachte invasive Art das einheimische Riffsystem nicht ins Chaos gestürzt hätte.

„Die große Lektion, die wir von diesem Naturexperiment in der Kāne’ohe Bay lernen könnten, ist folgende: Lasst uns lieber zweimal darüber nachdenken, bevor wir Dinge von außen einbringen.“

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

Wei­ter­le­sen