Australiens Buschfeuer gefährden das Trinkwasser

Wenn große Mengen Asche in Flüsse, Stauseen und das Meer gespült werden, wird das Wasser verschmutzt und die Tiere sterben.

Monday, January 13, 2020,
Von John Pickrell
Seit Wochen sammeln sich Asche, Ruß und verkohlte Vegetation von den Bränden im Inland an den ...
Seit Wochen sammeln sich Asche, Ruß und verkohlte Vegetation von den Bränden im Inland an den Küsten von New South Wales in Australien. Sie färben die Wellen schwarz und verstopfen den Strand.
Bild Saeed Khan, AFP/Getty Images

Ganz New South Wales hofft auf erlösende Regenfälle, nachdem das gewaltige Gospers Mountain Fire bei Sydney in den letzten Tagen eine Fläche von der Größe Österreichs verbrannt hat. Aber wenn die ausgedörrte Landschaft früher oder später endlich von Regen durchtränkt wird, steht bereits das nächste große Problem an. Wissenschaftler befürchten, dass Niederschläge die verbrannten Vegetationsreste in Flüsse, Stauseen und das Meer spülen werden. Infolgedessen werden nicht nur zahlreiche Tiere sterben, sondern auch die Trinkwasserreserven für Großstädte wie Sydney verunreinigt.

Wochenlang haben sich Asche, Ruß und schwarze Eukalyptusblätter an Sydneys Stränden angesammelt. Sie schwappen immer wieder mit den Wellen ans Ufer und verstopfen den Strand. Diese Zeugnisse der Buschbrände stammen aus den verkohlten Brandgebieten weiter westlich und wurden zusammen mit dem beißenden Rauch, der Australiens größte Stadt fast den ganzen Dezember über im Würgegriff hielt, vom Wind an die Küste getragen.

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Was sich dort ansammelte, ist aber nur ein kleiner Vorgeschmack der enormen Brandreste, die wahrscheinlich in die Flüsse gespült werden, wenn die ersten heftigen Regenfälle einsetzen. Bislang haben die Buschfeuer mehr als zehn Millionen Hektar Land verbrannt, den Großteil davon im Südosten des Kontinents. Das entspricht einer Fläche, die größer als Portugal ist. In dem betroffenen Bereich befinden sich auch Einzugsgebiete von Flüssen, in denen sich das Regenwasser auf seinem Weg in die Wasserwege und Seen zu kleinen Rinnsalen sammelt.

Die in der australischen Geschichte beispiellose ökologische Katastrophe wird sich auf die Trinkwasservorräte, die Küstenökosysteme und die Flüsse des Kontinents auswirken, in denen zahlreiche gefährdete Tiere wie das Schnabeltier zu Hause sind.

„Beeinträchtigungen dieser Größenordnung werden fast mit Sicherheit den Artenreichtum beeinträchtigen. Ganz besonders machen mir die Süßwasserökosysteme Sorgen“, sagt Ross Thompson, ein Süßwasserökologe der University of Canberra.

„In Anbetracht der Schwere der Brände ist vermutlich so ziemlich alles [in den Brandgebieten] verschwunden. Ein großes Problem ist also, dass nichts mehr da ist, um die Asche und das andere Zeug davon abzuhalten, bei Regen durch die Einzugsgebiete gespült zu werden“, erklärt Ricky Spencer, ein Naturschützer und Ökologe der University of Western Sydney in New South Wales (NSW).

Algenblüten und Fischsterben

Eines der größten Probleme könnte der plötzliche Zustrom von Nährstoffen in die Gewässer sein. Er könnte zu einer Blaualgenblüte führen, die dem Wasser Sauerstoff entzieht. Infolgedessen kann es zu einem Fischsterben kommen, aber auch andere Arten wie Wasserschildkröten wären davon betroffen.

Vergangenen Sommer hatten Algenblüten, die durch landwirtschaftliche Abwässer verursacht wurden, den Tod von Millionen von Fischen in New South Wales zur Folge, größtenteils Australische Goldbarsche und Dorschbarsche. Aufgrund der Dürre waren Algenblüten auch dieses Jahr wahrscheinlich, aber Spencer fürchtet, dass sie durch die Buschbrände noch verschlimmert werden.

„Diese [Algenblüten] könnten anhalten, bis entlang der Flusssysteme wieder Vegetation nachwächst oder heftige Regenfälle die Flüsse kräftig durchspülen“, sagt er.

Einige Forschungen haben außerdem gezeigt, dass durch Brände der Quecksilbergehalt in Abflusswasser steigt, sagt Katherine Dafforn. Die Umweltwissenschaftlerin forscht an der Macquarie University in Sydney und am Institut für Meereswissenschaften in Sydney.

„In Fischen aus Seen, die in verbrannten Wassereinzugsgebieten liegen, wurde eine höhere Quecksilberkonzentration als bei Fischen aus anderen Einzugsgebieten nachgewiesen“, sagt sie. Gerade wenn Fische an der Spitze der Nahrungskette verzehrt werden, können auch gesundheitliche Folgen für Menschen nicht ausgeschlossen werden.

Das Fischsterben im Darling River in New South Wales hing mit der Dürre zusammen und war eines der größten Fischsterben, das die Region seit Menschengedenken erlebt hat.
Bild Mike Bowers, eyevine/Redux

Besonders heikel wird es auch, wenn Algenblüten in Stauseen auftreten. Die Wasserversorgung großer Städte wie Sydney und Melbourne ist dann in Gefahr. Die Warragamba-Talsperre westlich von Sydney versorgt 3,7 Millionen Menschen mit Trinkwasser. Buschfeuer in der Umgebung, die auch im Einzugsgebiet des Stausees liegen, haben schon mehr als 60.000 Hektar Wald verbrannt.

In „80 bis 90 Prozent der wichtigen Bereiche des Einzugsgebiets“ brannten die Wälder, sagt Stuart Khan. Der Ingenieur der University of New South Wales erforscht Verunreinigungen, die bei der Wasseraufbereitung eliminiert werden.

Verschmutztes Trinkwasser

Bereits 2006 hat es im Einzugsgebiet des Stausees einen Flächenbrand gegeben, der vermutlich die Ursache für eine mehrmonatige Algenblüte im Folgejahr war. Die derzeitigen Brände sind noch deutlich schlimmer.

Algenblüten in Trinkwasserreservoirs sind aus mehreren Gründen problematisch: Durch den Sauerstoffentzug kann es zu Fischsterben kommen. Er macht aber auch Eisen und Mangan löslich, welche die Farbe, den Geruch und den Geschmack des Wassers beeinträchtigen. Die Cyanobakterien können außerdem Chemikalien produzieren, die dem Wasser einen erdigen oder muffigen Geschmack verleihen.

In seltenen Fällen können die Bakterien auch gefährliche Toxine produzieren. Deshalb „werden wir ganz genau darauf achten, was in diesen Reservoirs wächst“, sagt Khan. Er hält es für unwahrscheinlich, dass es in Sydney zu gesundheitlichen Problemen deshalb kommen wird. Größere Sorgen macht er sich eher um die Wasseraufbereitungsanlagen.

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In Australien ist im Januar Hochsommer – und der aktuelle Sommer ist glühend heiß. Besonders die Tiere haben es schwer.

„Wir sind nicht auf so große Mengen Asche und Cyanobakterien vorbereitet […] und der Aufbereitungsprozess könnte sich daher beträchtlich in die Länge ziehen“, sagt er.

Durch die aktuelle Dürre werden Sydneys Wasserreserven bereits überstrapaziert, weshalb die Nutzung einer Entsalzungsanlage nötig ist. Wenn der Aufbereitungsprozess an der Warragamba-Talsperre noch weiter verlangsamt wird, könnte es zeitweise zu Wassermangel und strengen Wassersparmaßnahmen kommen. Da im ganzen Südosten Australiens Wälder in Wassereinzugsgebieten verbrannten und noch längst kein Ende der Buschfeuer in Sicht ist, könnte die Trinkwasserversorgung zahlreicher Stadtgebiete in einigen Wochen von denselben Problemen betroffen sein.

Schnabeltiere ohne Schutz vor der Hitze

Die Brände werden Australiens Flusssysteme wahrscheinlich auch auf andere Weise beeinträchtigen. Der Verlust der schattigen Vegetation an den Uferbereichen kleiner Flüsse und Teiche wird sich vor allem für die dort heimischen Schnabeltiere als Problem erweisen. Durch die Sonneneinstrahlung können die Wassertemperaturen so weit ansteigen, dass sie für die kleinen Säuger unerträglich werden – was ungefähr ab 28 °C der Fall ist.

„Schnabeltiere sind seltsame kleine Wesen: Sie haben keine Möglichkeit, um sich abzukühlen. Ihre einzige Reaktion auf die Erwärmung des Wassers ist es, in ihrem Bau zu sitzen und darauf zu hoffen, dass es sich wieder abkühlt“, erklärt Thompson. Während der großen Jahrtausend-Dürre vor 20 Jahren zogen sich viele Schnabeltiere einfach in ihren Bau zurück und starben dort, sagt er.

“Das wird zu einem Tod durch tausend Schnitte.”

ROSS THOMPSON, UNIVERSITY OF CANBERRA

Das Dürrejahr 2019 war zumindest in seiner Intensität noch schlimmer. Wie das Australian Bureau of Meteorology im Januar berichtete, war es das heißeste und trockenste Jahr in der 120-jährigen Geschichte der Wetteraufzeichnungen. Womöglich wird das Schnabeltier in einigen Bereichen seines Verbreitungsgebietes lokal aussterben. Thompsons Forschungen legten nahe, dass diese Möglichkeit durch den Klimawandel ohnehin bestand.

„Das wird zu einem Tod durch tausend Schnitte“, sagt er. „Die Jahrtausend-Dürre hat vielen Tieren und Pflanzen in Süßwassergebieten ziemlich zugesetzt. Viele von ihnen haben sich nie ganz davon erholt, und jetzt haben wir diese riesigen Brände, die ganze Landschaften verzehren […]. Das ist wirklich bedenklich, und wir könnten definitiv ein paar Arten verlieren.“

Folgen für das Meer

Asche, Ruß und Sediment, die ihren Weg in die Flüsse finden, werden schlussendlich auch ins Meer gespült. Wie sich die Reste von Buschfeuern auf das Leben in den Ozeanen auswirken, wurde bisher allerdings wenig erforscht, weshalb eventuelle Folgen kaum abzuschätzen sind.

„Das Ausmaß der Brände ist beispiellos. Die Bilder der von Asche und Ruß verschmutzten Wellen an unseren Stränden deuten darauf hin, dass sie sich in der Wassersäule stark verdichten. Wahrscheinlich haben sie in diesen Bereichen also auch lokale Auswirkungen“, sagt Emma Johnston, eine Meeresökologin der UNSW.

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Die Kleinstteilchen im Wasser müssen nicht einmal giftig sein, um Schaden anzurichten. Die Partikel können die Kiemen von Fischen und die Filtrierorgane von Muscheln, Schwämmen und Korallen verstopfen.

Glücklicherweise blieb zumindest das Great Barrier Reef bisher verschont. Die meisten Brände tobten weiter südlich, und die Meeresströmungen tragen das verschmutzte Wasser südwärts und damit weg vom Riff.

Brandschäden wirken jahrzehntelang nach

Bisher haben nur wenige Studien die Auswirkungen von Holzkohle und Asche auf Meereslebewesen und die möglicherweise durch Buschbrände erzeugten Toxine untersucht. Es sei laut Johnston aber durchaus möglich, dass sie Schaden anrichten können. Der Zufluss von Nährstoffen könnte zudem auch im Meer zu Algenblüten führen.

Wenn die Konzentration hoch genug ist, sind eine ganze Reihe von Folgen möglich, sagt Andrew Negri vom Australischen Institut für Meereswissenschaften in Townsville, Queensland. Negri untersuchte die negativen Auswirkungen des Kohlestaubs aus Tagebauten auf das Great Barrier Reef.

Das Great Barrier Reef könnte schneller sterben als gedacht

Eine Staubdecke auf dem Wasser kann beispielsweise die Lichtmenge reduzieren, die Meerespflanzen zur Verfügung steht, und damit deren Wachstum hemmen. Manche Partikel können auch Metalle, Schwefel und polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe (PAK) enthalten, die sich im Wasser lösen und Meereslebewesen schädigen können.
Wie umfangreich die Schäden an den australischen Süßwasser- und Meeresökosystemen auch sein werden – es wird womöglich Jahrzehnte dauern, bis sie wieder behoben sind.

„Es ist beachtlich, wie lange die Folgen dieser Brände noch nachwirken“, sagt Thompson. „Bis sich diese Systeme wieder erholt haben – insbesondere, was die Wasserversorgung angeht –, vergeht mindestens ein Jahrzehnt. Das ist deshalb wichtig, weil sowohl Sydneys als auch Melbournes Wassereinzugsgebiete von den aktuellen Bränden betroffen sind.“

Wie kann man helfen?
Es laufen bereits Dutzende Aufrufe zur Katastrophenhilfe, um den Feuerwehrleuten und den betroffenen Menschen und Tieren in Australien zu helfen. Ein Spendenaufruf der australischen Komikerin Celeste Barber, der ursprünglich den Rural Fire Service von New South Wales unterstützen sollte, war so erfolgreich, dass die Erlöse nun an Feuerwehren in allen australischen Bundesstaaten gehen.

Um den betroffenen Menschen zu helfen, hat das Australische Rote Kreuz um Spenden für die Notversorgung Tausender Australier gebeten. Die Regierung des Bundesstaates Victoria hat gemeinsam mit der Bendigo Bank und der Heilsarmee den Victorian Bushfire Appeal auf die Beine gestellt. 100 Prozent der darüber gesammelten Spenden gehen direkt an betroffene Gemeinden. Auch auf GoFundMe laufen bereits mehrere Spendenkampagnen.

Darüber hinaus haben auch die New South Wales Wildlife Information, der Rescue and Education Service, der WWF Australien und die Tierschutzorganisation RSPCA Spendenaufrufe gestartet, um den vom Feuer betroffenen Tieren zu helfen. Spenden an das Port Macquarie Koala Hospital werden mit anderen Wildtierorganisationen geteilt.

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

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