Koalas sind weiterhin „nur“ gefährdet – nicht funktional ausgestorben

Für Australiens Koalas sieht es nicht gut aus – das war aber schon vor den aktuellen Waldbränden so. Wie steht es um die Beuteltiere?Mittwoch, 27. November 2019

Australien hat derzeit mit einer katastrophalen und beispiellosen Waldbrandsaison zu kämpfen, die deutlich eher als sonst begonnen hat. Dutzende Brände toben an der Ostküste des Kontinents von Sydney bis Byron Bay. Das Feuer verschlingt Häuser, Wälder und selbst Feuchtgebiete. Die Schlagzeilen dominiert aktuell jedoch eines von Australiens bekanntesten Geschöpfen.

Bilder von verbrannten und sterbenden Koalas sind zum Symbol für die verheerenden Folgen der Waldbrände geworden. „Sie sind so hilflose kleine Wesen“, sagt Christine Adams-Hosking, eine Forscherin an der University of Queensland in Australien. „Ein Vogel kann wegfliegen, ein Känguru kann sehr schnell hüpfen, aber Koalas sind so langsam. Sie sitzen im Grunde einfach da fest, wo sie gerade sind.“

Die Not der wehrlosen Tiere sorgte für große Sorgen – und Verwirrung. In den letzten Tagen wurde vielfach in den Medien verkündet, dass die Tiere den Großteil ihres Lebensraums verloren hätten und nun „funktional ausgestorben“ seien.

Tatsächlich gelten Koalas laut der offiziellen Einschätzung der Weltnaturschutzunion nach wie vor als „gefährdet“. Bisherige Berichte lassen vermuten, dass zwischen 350 und 1.000 tote Koalas in den Brandzonen in New South Wales gefunden wurden.

Experten zufolge bedeutet das aber nicht das Ende der Art – jedenfalls noch nicht. „So schnell werden die Koalas nicht aussterben“, sagt Chris Johnson, ein Professor für Wildtierschutz an der University of Tasmania. „Der Koalabestand wird aufgrund zahlreicher Ursachen, die sich gegenseitig beeinflussen, weiter zurückgehen. Aber wir befinden uns noch nicht an einem Punkt, an dem ein einziges Ereignis die ganze Art auslöschen kann.“

So sieht die Situation für die Koalas aktuell aus:

Warum ist die aktuelle Waldbrandzeit für die Koalas so schlimm?

Was Feuer angeht, haben Koalas generell schlechte Karten. Ihre einzige Verteidigungsstrategie besteht daran, so hoch wie möglich auf die Eukalyptusbäume zu klettern, auf denen sie leben. Bei einem verheerenden Waldbrand nützt das leider oft wenig.

Eukalyptus zählt zu den am besten an Feuer angepassten Pflanzen der Welt. Direkt nach einem Brand kämpfen sich neue Keimlinge aus dem Boden und wachsen schnell in die Höhe. Bei normalen Bränden würden die Flammen die Baumkronen oft gar nicht erreichen, sodass die Koalas dort sicher wären. Die ungewöhnliche Menge toter Koalas deutet also darauf hin, dass irgendwas nicht stimmt, sagt David Bowman, der Direktor des Fire Center Research Hub an der University of Tasmania.

Das Ausmaß der aktuellen Brände – die größtenteils das Ergebnis des Klimawandels und des langsamen Rückgangs traditioneller Waldbrandschutzmethoden der Aborigines sind – sei laut Bowman beispiellos. „Sie brennen besonders intensiv“, sagt er.

Galerie: Bedrohte Koalas: Kleiner Bär – was nun?

 

Die ölhaltigen Bäume brennen schnell und heiß. Mitunter explodieren sie dabei und schleudern Funken meterweit in alle Richtungen.

In Australien ist gerade mal Frühling. „Was die Waldbrandkrise angeht, ist das hier nur das Vorspiel“, sagt Bowman. Er ist besorgt, dass sich die Situation im Januar und Februar noch deutlich verschlimmern wird, wenn die Temperaturen steigen und sich die Dürre verschärft.

Wie viele Koalas gibt es noch?

2016 schätzten Experten, dass es in Australien noch etwa 329.000 Koalas gibt. Damit wäre ihr Bestand im Laufe von drei Generationen um durchschnittlich 24 Prozent geschrumpft.

„Selbst im besten Fall ist es sehr schwierig, den Koalabestand zu schätzen“, sagt Adams-Hosking. Die Tiere sind über weite Teile der australischen Ostküste verbreitet, leben hoch oben in den Bäumen und haben große Scheu vor Menschen. „Manche Populationen sterben regional aus, anderen geht es gut.“

Koalas werden durch die Flächenentwicklung, schlechte Nahrungsqualität (der steigende CO2-Gehalt in der Atmosphäre senkt den Nährwert der Eukalyptusblätter), Dürren, Hundeangriffe und Chlamydien bedroht.

Und natürlich durch Brände. In manchen Gegenden, in denen das Feuer besonders gewütet hat, werden sich die Koalabestände womöglich nicht mehr erholen. „Aber es ist noch zu früh, um das zu sagen“, so Adams-Hosking. „Das müssten wir über mehrere Jahre hinweg beobachten.“

Haben die Brände 80 % des Lebensraums der Koalas zerstört?

Nein. Koalas haben ein sehr großes Verbreitungsgebiet entlang Australiens Ostküste. Die aktuellen Waldbrände in New South Wales und Queensland decken etwa eine Million Hektar ab, sagt Diana Fisher, eine Professorin für Biowissenschaften an der University of Queensland. (Bei einigen Schätzungen ist auch von 2,5 Millionen Hektar die Rede.) Die Waldgebiete im Osten Australiens, in denen Koalas leben, belaufen sich zusammen aber auf etwa 100 Millionen Hektar.

Der Forscher Grant Williamson, der sich an der University of Tasmania auf Landschaftsökologie spezialisiert hat, verweist zudem darauf, dass eine Region nicht gleich „zerstört und für Koalas nicht mehr zum Leben geeignet ist“, nur weil dort ein Feuer gewütet hat.

Sind Koalas „funktional ausgestorben“?

Von „funktional ausgestorben“ spricht man, wenn von einer Art nicht mehr genug Exemplare übrig sind, um künftige Generationen hervorzubringen oder ihre Rolle im Ökosystem zu erfüllen.

Die Brände mögen viele Koalas getötet haben – „aber nicht genug, um ihre allgemeine Gefährdungskategorie als Art zu ändern“, sagt Fisher.

Die Schlagzeilen in den Medien scheinen sich auf eine Aussage der Australian Koala Foundation zu beziehen, die eine solche Befürchtung 2019 äußerte. Wissenschaftler geben allerdings Entwarnung. „[Koalas] sind in einigen Bereichen ihres Verbreitungsgebietes bedroht und in anderen nicht“, so Fisher.

Für einige lokale Koalapopulationen in den Brandgebieten, besonders im Norden von New South Wales, waren die Folgen wahrscheinlich „katastrophal“, wie Adams-Hosking sagt. Bis zu einem Drittel der Koalas könnten dort in den Flammen gestorben sein.

Aber andere Populationen wie jene im südlichen Bundesstaat Victoria sind von den Bränden bislang gar nicht betroffen, so Johnson.

Wie geht es für die Koalas weiter?

„Für die Koalas sieht es gar nicht gut aus, das war schon vor den Bränden so“, sagt Adams-Hosking. Sie sind zwar staatlich geschützt – beispielsweise ist es illegal, einen Koala zu töten –, aber ihr Lebensraum ist stark gefährdet, wie sie erklärt. „Nur ein sehr kleiner Teil des Lebensraums der Koalas steht unter Schutz. So gut wie gar nichts.“ Ihr zufolge muss die Regierung den Umweltschutz vor dem Wirtschaftswachstum priorisieren. „Bis dieser politische Wille da ist – und das ist er in Australien noch nicht –, wird sich für die Koalas nichts verbessern.“

Derweil ist das Koala Hospital of Port Macquarie etwa 400 Kilometer nördlich von Sydney damit beschäftigt, Koalas zu retten und medizinisch zu versorgen. Bislang haben die Angestellten mindestens 22 der Tiere behandelt, wie die New York Times berichtete.

Adams-Hosking und David Bowman sind beide der Ansicht, dass nicht nur ihr Lebensraum geschützt werden muss. Es sei unerlässlich, mit der Auswilderung und Umsiedlung von Koalas zu beginnen. „Wir müssen anfangen, uns anzupassen“, so Bowman. „Wenn wir Koalas wollen, dann müssen wir uns auch um sie kümmern. Wir müssen uns mehr Mühe geben.“

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

 

Waldbrände

Rekordwaldbrände im Amazonas: Vorboten der Vernichtung

Gewaltige Flächenbrände toben im größten Regenwald der Welt. Forscher befürchten, dass das Ökosystem in Zukunft einen verheerenden Kipppunkt erreichen könnte. Shrimpy

Was die Brände im Amazonas für die Tierwelt bedeuten

Zehn Prozent aller Tierarten der Welt leben in den Regenwäldern des Amazonas. Auf Waldbrände ist das Ökosystem aber nicht ausgelegt.
Wei­ter­le­sen