Klimaforschung auf dem Dach der Welt

Extreme Kälte, stechender Wind und Menschenmassen, die den Weg versperren: Wer auf dem Mount Everest eine Wetterstation aufbauen will, muss nicht nur den Aufstieg meistern.

Thursday, June 18, 2020,
Von Freddie Wilkinson
Klimaforscher

Die Klimaforscher Baker Perry und Tom Matthews stellen gemeinsam mit einem Team von Sherpas eine Wetterstation auf. Sie befindet sich auf dem Balcony des Mount Everest, rund 8.400 Meter über dem Meeresspiegel, und ist damit die höchste, die jemals installiert wurde. Ihr Vorteil: In dieser extremen Höhe kann sie den Subtropenjetstream erfassen, ein Starkwindband, das den Globus umspannt und sonst extrem schwierig zu messen ist.

Bild Mark Fisher, National Geographic

Dieser Artikel ist mit Unterstützung von Rolex entstanden. Die Marke arbeitet seit vielen Jahren mit der National Geographic Society zusammen: In einzigartigen Regionen unseres Planeten werden gemeinsam wissenschaftlich fundierte Expeditionen aufgesetzt, um die Veränderungen dort zu erforschen und zu dokumentieren.

MOUNT-EVEREST-BASISLAGER, NEPAL | Am Morgen des 23. Mai 2019, kurz nach Sonnenaufgang, standen die Klimaforscher Tom Matthews und Baker Perry in rund 8.400 Metern Höhe auf dem Südostgrat des Mount Everest und waren kurz davor, Geschichte zu schreiben. Monate hatten sie damit verbracht, sich auf diesen Moment vorzubereiten: die Installation der höchsten Wetterstation der Welt.

Ihr Team hatte eng mit Ingenieuren zusammengearbeitet bei der akribischen Konstruktion der über zwei Meter hohen, 50 Kilo schweren Station, damit sie den extremen Winden und Wetterkonditionen auf dem höchsten Punkt des Planeten standhalten würde. Sie hatten das Ergebnis in New Hampshire und Nepal getestet, und dann mit ihrem sechsköpfigen Sherpa-Team sorgfältig geübt, die Station so schnell und effizient wie möglich aufzubauen. Alle wussten, dass der Sauerstoffmangel und die Auswirkungen der extremen Höhe auf den Körper ihnen maximal drei bis vier Stunden Zeit geben würden, um sie in Betrieb zu nehmen.

Jetzt, da die Sonne über dem tibetischen Plateau aufging, schien alles perfekt zu passen. Sogar das zu dieser Jahreszeit oft so launische Wetter spielte mit. Aber als Matthews und Perry ihre Ausrüstung auspackten, kam die bittere Wahrheit ans Licht: Ein Schlüsselteil fehlte.

Die Daten über den Wolken
2019 machten sich Mitglieder der Perpetual Planet Everest Expedition von National Geographic und Rolex auf den Weg, um fünf neue Wetterstationen auf dem Mount Everest zu installieren – darunter auch die höchstgelegene Wetterstation der Welt. Begleitet das Team in die „Todeszone“ des Bergs, wo sie ihr Netzwerk aus Stationen vervollständigen, um unser Wissen über den Klimawandel zu vertiefen.

Um die Wetterstation an den höchsten Gipfel der Welt zu bringen, mussten die Teile zwischen den Mitgliedern ihres Teams aufgeteilt werden. Zwischen Spulen aus Draht, Aluminiumstangen und verschiedenen wissenschaftlichen Instrumenten sollten sich auch zwei kurze Metallrohre befinden, die die Windsensoren mit der Hauptstruktur verbinden sollten. Die Männer durchsuchten die Taschen wieder und wieder, aber das Teil war nirgends zu finden. Während sie sich ratlos ansahen, versuchten sie, in ihren sauerstoffarmen Köpfen eine Lösung zu finden.

Warum Wissenschaftler so viel Mühe, Risiko und Geld in dieses Projekt investiert haben, ist einfach erklärt: Nur der Mount Everest und einige seiner Nachbargipfel im Himalaya sind groß genug, um den subtropischen Jetstream messen zu können — eines der schmalen Starkwindbänder, die den Globus in höchster Höhe umspannen. Er beeinflusst alles beim Wetter, von Sturmbahnen bis hin zu landwirtschaftlichen Vegetationsperioden. Für Klimaforscher gibt es deshalb kaum ein wichtigeres Phänomen. Die Wetterstation wäre somit ein wichtiges neues Werkzeug für die Wissenschaft, das endlich mehr verlässliche Daten über diesen Jetstream liefern könnte.

Zelte im Lager 2 des Mount Everest. Im Frühjahr 2019 kam ein Team von Geologen, Glaziologen, Biologen, Kartografen und Klimaforschern sowie Kletterführern und Sherpas zum höchsten Berg der Welt, um multidisziplinäre wissenschaftliche Forschungen durchzuführen. Teil ihrer Mission: der Aufbau der höchsten Wetterstation der Welt sowie die Entnahme einer zehn Meter langen Eisprobe.

Bild Eric Daft, National Geographic

Und doch waren sie nun hier, auf dem Gipfel der Erde, und hatten keine Möglichkeit, den wichtigsten Teil der Station zu befestigen den Windsensor.

Ein neues Fenster zur Welt

Matthews und Perry waren im Rahmen eines ehrgeizigen wissenschaftlichen Projektes zum Mount Everest gekommen: Der Berg sollte unter anderem neu vermessen werden. Die National Geographic Society hatte in Zusammenarbeit mit der nepalesischen Tribhuvan University, der Regierung von Nepal und mit der finanziellen Unterstützung von Rolex eine zweimonatige Expedition gestartet, an der mehr als 30 Wissenschaftler beteiligt waren. Sie führten Feldarbeiten in verschiedenen Höhenlagen des Berges sowie in den angrenzenden Gebieten des schroffen Khumbu-Tales durch.

„Das Projekt ermöglicht uns völlig neue Erkenntnisse über unseren Planeten,” sagt Paul Mayewski, Direktor des Climate Change Institute der University of Maine und wissenschaftlicher Leiter der Expedition. „Wir glauben, dass man hier am Mount Everest in verschiedenen Sparten der Wissenschaft forschen muss, nicht nur in einer.”

So setzte sich das multidisziplinäre Team sich aus Geologen, Glaziologen, Biologen, Kartografen und Klimaforschern zusammen. Sie sammelten Hunderte von Wasser-, Schnee- und Gesteinsproben, installierten Sensoren zur Aufzeichnung des Vegetationswachstums und untersuchten die Landschaft mit Hilfe von Lasertechnologie.

Während der Großteil der Arbeit des Teams im Basislager oder in niedrigeren Höhen stattfand, hatte Mayewski die Kollegen Matthews, Perry und den Klimaforscher Mariusz Potocki beauftragt, zu wissenschaftlichen Zwecken auf den Gipfel zu klettern. Mit Unterstützung eines Sherpa-Teams sollte die Gruppe Wetterstationen installieren und Eisproben entnehmen, sowohl am südlichen Pass als auch am Gipfel. Die beiden Wetterstationen Teil eines Netzwerks von sechs Wetterstationen, die das Team auf und rund um den Berg errichtete wären die höchsten der Welt.

Die Mammutaufgabe, Feldforschung auf 8.800 Metern durchzuführen, erforderte monatelange Vorbereitung und Planung. Spezielle Ausrüstung musste entworfen, gebaut und getestet werden. Das Team trainierte nicht nur die körperlichen Anstrengungen für den Aufstieg auf den höchsten Berg der Welt, es musste auch fit genug werden, um die Wetterstationen in dieser Höhe aufzubauen und die Löcher zu bohren.

„Niemand hat jemals Feldforschung auf über 7.000 Metern betrieben“, sagt Mayewski. „Dort oben herrschen völlig andere Bedingungen.“

Chris Millbern steuert eine Drohne, um die detailliertesten Luftbildvermessungsdaten des Mount-Everest-Basislagers zu komplettieren, die je erfasst wurden. Die Luftaufnahmen werden genutzt, um Größe und Entfernungen der Gegend zu berechnen und eine genauere Karte des Gebiets zu erstellen.

Bild Mark Fisher, National Geographic

Dank einem exklusiven Zugang zum Basislager des Teams und zahlreichen Interviews mit seinen Mitgliedern präsentieren wir hier die Geschichte einer einzigartigen Expedition.

Schlechte Nachrichten für den Himalaya

„Der Klimawandel hat in verschiedenen Teilen der Welt unterschiedliche Auswirkungen“, erklärte mir Paul Mayewski eines Nachmittags, als er im Kommunikationszelt im Basislager am Khumbu-Gletscher saß. Es war die dritte Maiwoche, draußen wehte Schneegestöber zwischen den Moränenkämmen und bedeckte den orange-schwarzen Stoff des Zeltes. Mayewski, ein bärtiger 72-jähriger Mann mit jugendlichen Gesichtszügen und zerzausten, silbernen Haaren, erklärte ausführlich und sachlich.

„Wir befinden uns hier in einer der Regionen der Welt, die sich am schnellsten erwärmt. Aber keiner weiß, was wirklich auf über 5.000 Metern vor sich geht“, so Mayewski weiter. „Diese Berge sind die Wasserschlösser des Planeten. Zwischen 20 und 25 Prozent der Weltbevölkerung beziehen ihr Wasser aus dem Himalaya.“

Scheinwerfer beleuchten den Weg, den Kletterer vom Basislager zum Khumbu-Eisfall laufen müssen. Die neu errichteten Wetterstationen sind auf einer ähnlichen Route installiert. Sie reicht vom Dorf Phortse bis zum berühmten „Balcony“ des Mount Everest.

Bild Eric Daft, National Geographic

Drei Monate zuvor, im Februar 2019, hatte das nepalesische International Center for Integrated Mountain Development einen wegweisenden Bericht veröffentlicht: das Hindu Kush Himalaya Assessment. Für die Studie wurden über fünf Jahre lang Daten von 350 Forschern und Sachverständigen gesammelt und analysiert. Sie prognostizierte, was mit dem Himalaya und seinen Bewohnern in den nächsten 80 Jahren passieren wird, wenn sich die Erde im gleichen Tempo weiter erwärmt wie bisher.

Und die Ergebnisse sind alarmierend: Selbst wenn die Weltgemeinschaft die ehrgeizigsten Ziele des Pariser Abkommens zur Reduzierung der CO2-Emissionen erreicht, werden ein Drittel der rund 10.000 Gletscher der Region bis zum Ende des Jahrhunderts verschwunden sein, so der Bericht. Für die 250 Millionen Menschen, die in der Bergregion leben und die 1,6 Milliarden Menschen, die auf das herabfließende Wasser angewiesen sind prognostiziert der Bericht eine enorme Katastrophe, die viele von ihnen noch am eigenen Leib erfahren werden.

„Wenn wir besser verstehen wollen, was die Zukunft bringt, ist es äußert wichtig zu wissen, was zwischen 5.000 und 8.800 Metern passiert“, erklärt Mayewski. Praktisch alle Gletscher im Himalaya liegen in Schneehöhen über 5.000 Metern. Das bedeutet, dass Wissenschaftler kein genaues Bild davon erstellen können, wie schnell die Gletscher der Region schmelzen. Es sei denn, sie wagen sich auf über 5.000 Meter vor, um die Umgebung zu erforschen und zu verstehen, in der sich Gletscher bilden.

„Wir werden dann einfach viel besser verstehen, wie die Hydrosphäre — das Wassersystem — auf die zunehmenden Veränderungen reagieren wird“, so Mayewski. „Wie sich die Winde drehen und wo der Jetstream verläuft, all das ist auf der Nordhalbkugel von entscheidender Bedeutung.“

Zu Beginn seiner Karriere unternahm Mayewski eine Reihe von Expeditionen in die Antarktis, reiste mehrmals in die transantarktischen Berge und zur Nordseite des Mount Everest, wo er auf 6.500 Metern Eisbohrkerne entnahm. „Ich wollte immer ein Abenteurer sein, vor allem ein Entdecker“, sagt er. „Erst zehn Jahre nachdem ich meinen Doktor gemacht hatte, habe ich mich selbst wirklich als Wissenschaftler gesehen. Und ich ärgere mich tatsächlich darüber, dass die meisten Leute denken, wir Wissenschaftler seien Labor-Nerds.“

Während Mayewski sprach, behielt er ein Funkgerät ständig im Auge, seine einzige Verbindung zu dem Teil des Teams, das jetzt hoch auf dem Berg unterwegs war. Es sei schwer, nicht bei ihnen zu sein, räumte er ein. „Ich mag es, ein Expeditionsleiter zu sein, der tatsächlich führt und sprichwörtlich an der Spitze des Teams steht. Aber ich akzeptiere, dass wir wirklich gute Leute haben. Wir können ihnen nur immer wieder sagen: Bitte seid vorsichtig.“

Potocki lagert einen Teil des 10-Meter-Eiskerns ein, der aus dem South Col gebohrt wurde. Nachdem die Proben entnommen und den Berg hinab transportiert wurden, schickte das Team das Eis an das Climate Change Institute der University of Maine – ein schwieriges Unterfangen, schließlich es musste den kompletten Weg ununterbrochen gefroren bleiben.

Bild Dirk Collins, National Geographic

Der Klimaforscher Mariusz Potocki verwendet eine speziell entwickelte Bohrmaschine, um eine Eisprobe aus dem Mount Everest zu entnehmen. Das Besteigen des höchsten Berges der Welt ist an und für sich schon eine komplizierte und gefährliche Aufgabe. Um ihre wissenschaftlichen Forschungen durchzuführen, mussten die Teammitglieder schwierige Arbeiten bei vermindertem Sauerstoffgehalt und in klobiger Ausrüstung meistern.

Bild Dirk Collins, National Geographic

Er ergänzt: „Die wahrscheinlich größte Schwierigkeit waren die Menschenmassen auf dem Berg in diesem Jahr.“

Extreme Bohrer und unzerstörbare Stative

Die Durchführung von „aussagekräftiger Feldforschung“, wie Mayewski es formuliert, in einer Höhe von über 8.000 Metern bringt einzigartige Herausforderungen mit sich.

In extremen Höhen sind Feinmotorik und die Fähigkeit zur Entscheidungsfindung häufig beeinträchtigt. Und das Errichten einer Wetterstation genau wie das Bohren eines 10-Meter-Eiskerns erfordern selbst unter den besten Bedingungen mehrere Stunden intensiver Anstrengung. Dazu kommen Behinderungen aufgrund der Bekleidung: Auf dem Gipfel des Mount Everest muss man sowohl mit einer Sauerstoffmaske als auch mit Fäustlingen arbeiten, da sonst Orientierungslosigkeit und Erfrierungen drohen.

Nicht unerheblich sind auch die logistischen Herausforderungen. Die gesamte notwendige Ausrüstung muss den Berg hinauf transportiert werden. Nach getaner Arbeit muss das Team samt aller Eisproben sicher nach unten kommen. Und im Basislager fängt die Reise für die Proben erst an: Sie müssen gefroren bleiben, wenn sie vom Berg nach Kathmandu und dann von Nepal in die USA gebracht werden, wo sie schließlich in den speziell angefertigten Gefrierschränken des Climate Change Institute der University of Maine landen.

„Ein normaler Bergsteiger will den Gipfel erreichen, ein paar Selfies machen und dann so schnell wie möglich wieder runterkommen“, erklärt Pete Athans, Kletterführer des wissenschaftlichen Teams, der bereits sieben Mal auf dem Gipfel des Mount Everest war. „Das hier ist, als würde man auf den Gipfel klettern und dort versuchen, ein Auto zusammenzuschrauben.“

Um eine Reihe automatisierter Wetterstationen in verschiedenen Höhenlagen zu konstruieren und zu installieren, rekrutierte Expeditionsleiter Mayewski zwei Profis: Baker Perry, einen großen, schweigsamen Klimaforscher von der Appalachian State University, der einst in Bolivien Profi-Basketball spielte, und Tom Matthews, einen schnell sprechenden englischen Klimatologen und begeisterten Marathonläufer von der Loughborough University.

Inka Koch entnimmt eine Schneeprobe in der Nähe des Gipfels von Lobuche. Der Himalaya versorgt ungefähr ein Viertel der Weltbevölkerung mit Wasser. Wissenschaftler hoffen, mit Hilfe der Daten der Expedition wichtige Erkenntnisse zu erlangen über die Auswirkungen des Klimawandels auf den Berg und seine Ressourcen.

Bild Mark Fisher, National Geographic

„Man kann keine kugelsichere Station bauen“, sagt Perry. „Insbesondere bei Sonnenkollektoren und Strahlenschutzschildern ist man durch die verfügbaren Sensoren eingeschränkt.“ Ein italienisches Forscherteam hatte vor zehn Jahren eine Wetterstation am südlichen Pass des Mount Everest installiert nur kurze Zeit später wurde sie von kleinen Steinen zerlegt, die vom Wind aufgenommen wurden und wie Geschosse durch die Luft fegten. Damit sich so ein Vorfall nicht wiederholt, haben sich Perry und Matthews für Planung und Konstruktion mit dem Designteam des US-Herstellers Campbell Scientific zusammengetan.

Die erste große Herausforderung lieferte das Stativ. Es musst leicht genug sein, um die Station zu tragen, aber auch stark genug, um Windgeschwindigkeiten von mehr als 320 Kilometer pro Stunde zu überstehen, sagte Perry. Die zweite Herausforderung war, eine zuverlässige Satellitenverbindung aufzubauen, um die Daten in Echtzeit von der Station zu übertragen.

Während Perry und Matthews an der neuesten Version des Stativs arbeiteten, war der polnische Klimaforscher und Mayewskis Uni-Kollege Mariusz Potocki damit beschäftigt, einen speziellen Bohrer zu entwickeln. Er sollte leicht genug sein, um ihn zum Gipfel des Everest transportieren zu können, aber stark genug, um sich durch steinhartes Gletschereis zu arbeiten und den ersten und einzigen Eisbohrkern zu entnehmen, der je in einer solchen Höhe gebohrt wurde.

Ähnlich wie die Ringe, die das Wachstum eines Baumes aufzeichnen, enthalten Eisschichten historische Informationen der Chemikalien, die in der Atmosphäre vorhanden waren, als das Wasser fror. Mit den Daten des Eisbohrkerns vom Mount Everest hoffen Mayewski und Potocki, die früheren Niederschläge auf dem Berg und die Zusammensetzung der Atmosphäre in vorindustriellen Zeiten untersuchen zu können. Diese wichtigen Informationen sollen als Grundlage für die Bewertung der aktuellen Klimaentwicklung dienen.

„Problematisch war vor allem die Stromversorgung des Bohrers und die Frage, wie der Bohrer die Eisspäne um den Bohrkern herum transportiert“, sagt Potocki in gebrochenem Englisch. „Wenn man bohrt, kratzt man das Eis um den Kern ab. Dabei ist es sehr wichtig, dass die Späne reibungslos über den Lauf noch oben transportiert werden, denn sonst blockiert der Bohrer, insbesondere bei nassem Eis.“ Potocki imitiert ein flaches Aufstoßen, das Geräusch eines steckengebliebenen Bohrers. „Da ist der Spaß schnell vorbei.“

Um herauszufinden, welche Batterie bei extremer Kälte die beste Leistung und Langlebigkeit aufweist, testete Potocki fünf verschiedene Akku-Bohrer bei minus 25 ° Grad in einem Forschungs-Gefrierschrank der University of Maine. Dann flogen er, Mayewski und zwei Kollegen nach Island, um dort Tests mit den Stationen durchzuführen. Im Anschluss daran, im Januar, reiste das gesamte Team von Wissenschaftlern, das den Everest besteigen würde, nach Nepal, um Trockenübungen ihrer jeweiligen Experimente durchzuführen. Mit einem Team von Sherpa-Kletterern unter der Leitung von Panuru Sherpa, einem 17-fachen Everest-Gipfelstürmer, übten sie für den Aufstieg.

„Wir verstehen, worum es bei dieser Sache geht“, sagt Panuru. „Wir beobachten schon unser ganzes Leben lang, wie sich unser Tal verändert, deshalb möchten wir helfen.“ Er ergänzt: „Wir Sherpas sind es gewohnt, mit Werkzeugen zu arbeiten.“

Eine Reihe von Kletterern auf dem Weg durch den Khumbu-Eisfall. Die Frühjahrssaison 2019 am Mount Everest war geprägt von Menschenmassen, die den Aufstieg verstopften. Sie zwangen das wissenschaftliche Team dazu, ihren Gipfelaufstieg um einen Tag nach vorne zu verschieben – in der Hoffnung, lange Schlangen und Verzögerungen zu vermeiden.

Bild MARK FISHER, NATIONAL GEOGRAPHIC

Dawa Yangzum Sherpa steigt im Khumbu-Eisfall eine Leiter hinauf. Sie ist die erste südasiatische Frau, die eine IFMGA-Zertifizierung (International Federation of Mountain Guide Association) erhalten hat, und half den Wissenschaftlern bei Auf- und Abstieg am Mount Everest, damit sie dort Wetterstationen aufbauen und Eisproben entnehmen konnten.

Bild Mark Fisher, National Geographic

Wettervorhersagen und eingefrorene Finger

Als das Team Mitte April im Basislager ankam, trafen sie sie dort auf eine Rekordzahl von Bergsteigern. Alle waren gekommen, um die Besteigung des höchsten Gipfels der Welt in diesem Jahr von ihrer Wunschliste streichen zu können. Laut Everest-Blogger Alan Arnette hat das nepalesische Tourismusministerium im Jahr 2019 insgesamt 382 Klettergenehmigungen sowie 390 Begleitgenehmigungen zur Besteigung des Gipfels ausgestellt.

Alle Kletterer hatten eines mit den Wissenschaftlern gemeins: Sie waren alle abhängig vom Wetter und warteten auf optimale Konditionen. Alle wollten den Gipfel in den wenigen Tagen der Saison erklimmen, in denen der Himmel klar und der Wind schwach ist. Die Menschenmassen machen den Weg nach oben gefährlicher, als er ohnehin ist: Sie können Staus auf dem Berg verursachen, die zu gefährlichen Situationen und Unglücken führen.

Besonders wichtig war gutes Wetter für Perry und Matthews, die die Wetterstation aufbauen wollten. Auch Potocki war für seine Eiskernbohrungen am Gipfel darauf angewiesen. Sie alle brauchten die guten Wetterkonditionen nicht nur, um den Gipfel sicher zu erreichen und wieder zu verlassen, sondern auch, um dort mehrere Stunden zu arbeiten. Letztendlich würden das Wetter und die Zahl der Menschen am Gipfel den Erfolg oder Misserfolg des Teams bestimmen.

„Selbst wenn man Sauerstoffflaschen dabei hat: In der Nähe des Gipfels ist der Platz zum Arbeiten begrenzt“, erklärt Mayewski. „Wir brauchen Platz. Nur eine Person zu viel dort oben könnte das komplette Projekt zum Scheitern bringen.“

„Man muss alles so planen, dass man sich selbst nicht unnötig in Schwierigkeiten bringt, zum Beispiel indem man zu lange braucht und einem der Sauerstoff ausgeht“, sagt Athans. „Oder man plötzlich dasteht und jemand anderen retten muss.“

Bis zum 19. Mai blieben die Wettervorhersagen für einen möglichst sicheren Aufstieg schwierig. Doch ein paar Tage später sollten die starken Winde nachlassen. Also packten Matthews, Perry, Potocki und das von Panuru geführte Sherpa-Team ihre Sachen zusammen, und verließen das Basislager für den dreitägigen Aufstieg über die Südroute.

Auf der Jagd nach altem Eis

Potockis erstes Ziel war ein kleiner Gletscher, der an der Nordseite des südlichen Passes andockte. Er ist der erste Eisabschnitt, den man auf dem Weg von Lager 4 zum Gipfel kreuzt. Normale Bergsteiger sehen ihn als moderates Hindernis, für Potocki aber war das uralte, unberührte und relativ saubere Eis wissenschaftlich Gold wert.

Wetterstationen am Mount Everest, einschließlich dieser in Lager 2, sind von Wissenschaftlern aufgebaut worden, um per Satellit automatisierte Daten zu senden. Die Stationen liefern für die Forschung wichtige Informationen, ohne dass jemand sie physisch erreichen muss.

Bild Eric Daft, National Geographic

Als der Bohrer ins Eis tauchte, begann Potocki zu lächeln. Die außergewöhnlich kalten, trockenen Bedingungen auf über 8.000 Metern sorgten für spröde Eisspäne, die sich leicht um den Bohrer herum lösten und einen sauberen Kern hinterließen. „Ich spürte sofort, dass das Probenentnehmen sehr gut funktionieren würde“, erzählt er später. „Man weiß aus Erfahrung, wie sich der Bohrer verhält.“

Das Team entnahm diverse etwa 50 Zentimeter lange Eisbohrkerne, verpackte jede Probe in ein weißes Papprohr und verlängerte den Bohrer Stück für Stück, je tiefer das Loch wurde. Während sie bohrten, waren Matthews, Perry und sechs Sherpa auf der anderen Seite des Passes damit beschäftigt, die Wetterstation aufzubauen.

Am frühen Nachmittag kehrte das Eisbohrkern-Team zum Camp zurück mit zehn Metern Eisproben im Gepäck.

Zurück in seinem Zelt, aber zu aufgekratzt, um zu schlafen, erkannte Potocki, dass erst ein zweiter Eiskern aus dem Fuße des Gletschers ein genaues Bild seines tatsächlichen Alters liefern würde. Mayewski und er schätzten es auf 5.000 bis 10.000 Jahre. „Ich dachte: ‚Nein, ich werde es nicht bei dieser Probe belassen. Ich will mehr Eis“‘, erinnert sich Potocki.

Er kehrte zum Gletscher zurück, um an einer weiteren Stelle Proben zu entnehmen. „Ich bohrte 2,20 Meter tief bis zum Grundgestein“, sagt er. „Jetzt haben wir die Ober- und Unterseite des Gletschers. So können wir nicht nur feststellen, wie alt der Gletscher ist, wir können auch die Akkumulationsraten sehen.“

Als Potocki seine Ausbeute vom Gletscher feierte, kehrten Matthews und Perry von der erfolgreichen Installation der Wetterstation am südlichen Pass zurück der bis dato höchsten der Welt. Doch anstatt sich zu freuen, lagen sie wach im Zelt, getrieben von der Sorge, dass das Wetter sie daran hindern könnte, die zweite Wetterstation auf dem Gipfel aufzubauen. „Wir hatten zwei widersprüchliche Prognosen", erinnert sich Matthews, „eine deutete darauf hin, dass der Wind ungünstig stehen würde.“

Als der Nachmittagswind über ihr Zelt rasselte, waren sie kurz davor, ihren Gipfelversuch abzubrechen. Beide Wissenschaftler waren sich jedoch einig: Ihre Mission war nicht wirklich erfüllt, wenn sie nicht wenigstens versuchen würden, sich höher zu wagen. „Es wäre ein wirklich trauriger Abschluss unseres Gipfeltreffens gewesen“, sagt Matthews. „Also gab ich die Hoffnung nicht auf, dass das Wetter es uns ermöglichen würde, weiterzumachen.“

Kletterer stehen an ihren Zelten im Camp 4 an der Südroute des Mount Everest, wo eine der Wetterstationen des Teams installiert wurde. Die Stationen wurden in New Hampshire und Nepal immer wieder getestet, um sicherzustellen, dass sie der rauen Umgebung des Hochgebirges mit seinen starken Winden und Stürmen standhalten.

Bild BAKER PERRY, NATIONAL GEOGRAPHIC

Bei Einbruch der Dunkelheit hatte der Wind nachgelassen und eine neue Wettervorhersage war deutlich günstiger. So machte sich das Team um 23.30 Uhr auf den sieben- bis achtstündigen Weg zum Gipfel.

Gerettet Dank Schaufel und Klebeband

Als Perry, Matthews, Potocki und das Sherpa-Team das Camp verließen, zog eine dichte Wolkendecke über den Berg. Es begann zu schneien und hüllte alles in nebliges Weiß.

„Eigentlich kamen wir trotzdem sehr gut voran, aber dann sahen wir das Ende der Schlange“, erzählt Perry. Einige Dutzend Bergsteiger, von denen manche bereits um 17 Uhr das Lager 4 verlassen hatten, verursachten an dem als „Triangle Face“ bekannten Abschnitt einen langen Stau.

„Wir kannten das bereits vom Eisfall und von unserem Aufstieg auf den Lhotse, es kam also nicht total unerwartet,” sagt Perry. „Trotzdem war es ziemlich frustrierend, vor allem für unser Sherpa-Team. Man kann nicht einfach aus der Reihe raus und alle überholen. Und je langsamer man sich bewegt, desto mehr kühlt man aus.“

Nach zwei Stunden Stop-and-go erreichte das Team den „Balcony“, ein flaches Plateau des Berges, an dem die Route den Südostkamm schneidet. „Wir haben die Menschen vor uns gesehen und erahnt, was uns erwartet“, erinnert sich Perry. „Wir hatten alles auf den 23. Mai verschieben müssen und waren nun mitten in den Hochbetrieb geraten.“

„Man versucht den bestmöglichen Tag für den Aufstieg zu erwischen, um die Vorteile für sein Team zu maximieren“, erklärt Bergführer Pete Athans. „Die Ironie daran ist: Das versucht natürlich jeder.“

Panuru, Perry und Matthews hatten den „Balcony“ bereits als alternativen Standort für die Wetterstation ins Auge gefasst für den Fall, dass der Aufstieg auf den Gipfel nicht möglich sein sollte. Und so fokussierten sie sich jetzt auf den Aufbau der Station dort. „Klar waren wir etwas enttäuscht“, erinnert sich Perry. „Aber keiner uns war dort oben, um den Mount Everest zu besteigen.“

„Es war der härteste Moment der ganzen Expedition, weil wir so viel Kraft hineingesteckt hatten“, sagt Potocki. Von allen war er vielleicht am frustriertesten: Die Schneedecke rund um das Areal war zu stark mit menschlichen Exkrementen und leeren Sauerstoffflaschen verschmutzt, um dort Proben zu entnehmen. „So viele inkompetente Menschen auf einem Haufen, die auf den Gipfel stürmen wie Fliegen auf den Honig“, erinnert sich Potocki kopfschüttelnd. „Verdammt, es waren einfach viel zu viele Leute.“

Während Potocki wütend wurde, machten Perry und Matthews eine weitere unangenehme Entdekcung: Die Batterien des Bohrhammers, der die Ankerbolzen der Wetterstation befestigen sollte, hatten sich in der Kälte entladen. Matthews und einer der Sherpa, Phu Tashi, steckten jeweils eine Batterie in ihre Daunenanzüge, um sie aufzuwärmen. Während sie warteten, hellte sich der Himmel langsam wieder auf.

Auf mehr als 8.400 Metern über dem Meeresspiegel arbeitet das Team daran, die weltweit höchste automatisierte Wetterstation zu installieren. Eigentlich sollte die Station noch näher am Gipfel platziert werden, das Team entschied jedoch, wegen Überfüllung auf der Route umzukehren.

Bild Mark Fisher, National Geographic

Nachdem das Team beschlossen hatte, den Gipfelaufstieg abzubrechen, wählte es den Balcony des Mount Everest als Standort für die letzte Wetterstation. Während des Aufbaus stellten sie fest, dass ein entscheidendes Teil fehlte: die Halterung für die Windsensoren des Systems. Doch an Aufgeben war nicht zu denken, und so montierten die Wissenschaftler kurzerhand den Griff einer Schaufel, um die Sensoren zu befestigen.

Bild Mark Fisher, National Geographic

„Dieser Moment war einer der Tiefpunkte“, sagt Matthews lachend. „Wir standen völlig regungslos da und hatten Batterien zwischen unseren Gletscherspalten klemmen. Es hat lange gedauert, aber es hat funktioniert.“ Als die Ankerbolzen im Boden waren, lief der Aufbau reibungslos an. „Wir hatten den Aufbau der Station am Tag zuvor geübt“, sagt Perry. „Unser Sherpa-Team wusste genau, wie alles funktioniert.“

Das war der Moment, als Perry die fehlende Halterung für den Windsensor bemerkte. Sie hatten den Querarm horizontal am Mast befestigt, nun aber keine Möglichkeit, den Windsensor dort zu installieren.

„Wir konnten unmöglich absteigen, ohne die Windsensoren angebracht zu haben, und wir wollten und konnten niemanden nach unten schicken, um sie zu holen“, erzählt Perry. „Also haben wir mit dem Brainstorming begonnen.“

Perry fiel auf, dass der Griff einer Bergsteigerschaufel aus Aluminium, die das Team mitgebracht hatte, ungefähr den gleichen Durchmesser hatte wie die fehlenden Halterungen. „Ich hatte schon aus früheren Feldforschungen Erfahrung mit Rohren unterschiedlichen Durchmessers“, sagt er.

Nun gab es nur noch ein Problem: Der Schaufelgriff war oval, die Aufsätze am Querarm jedoch rund. Einer der Sherpa, Lhakpa, griff nach einem leichten Hammer und begann, den Griff rund zu schlagen. Dann wickelte Perry Klebeband darum, um den Umfang zu vergrößern.

„Diese Wetterstation ist supermodern“, sagt Matthews. „Aber wer genau hinsieht, erkennt das Klebeband und einen orange-blau leuchtenden Schaufelgriff.“

Das Team feiert die erfolgreiche Installation der letzten Wetterstation, die zu diesem Zeitpunkt bereits damit begonnen hatte, Daten an den National Geographic-Server zu senden.

Bild Mark Fisher, National Geographic

Als sich das Team auf den Abstieg vorbereitete, warf Perry einen letzten Blick auf die neu errichtete Station, ehe er Richtung Gipfel schaute. Die Schlange mit Kletterern war deutlich weiter nach oben vorgerückt, und für einen Moment fragte sich Perry, ob er und das Team nicht doch höher hätten gehen können. Doch er verwarf den Gedanken schnell und drehte sich um, um den langen Abstieg zu beginnen.

Die Laborarbeit geht los

Während die Gruppe zum Basislager zurückkehrte, sendeten die Wetterstationen bereits Daten an einen Computerserver der National Geographic Society.

Potockis Eisbohrkerne wurden von Lager 2 nach Kathmandu geflogen, wo sie in der Tiefkühltruhe des American Club eingelagert wurden. Bald sollen sie in die USA reisen und dort in einem speziell gecharterten Gefrierwagen vom Zollamt am Flughafen in New York zum Climate Change Institute in Maine gefahren werden.

Bis der gesamte Umfang der Feldarbeit analysiert und erforscht ist, wird es Monate dauern. Doch alle Wissenschaftler sehen schon jetzt einen Grund, um bald zurückkehren zum höchsten Berg der Welt trotz Menschenmassen und widriger Umstände. „Wenn wir mit einem Radar zurückzukehren würden, könnten wir noch mehr über diesen Gletscher erfahren, und wir könnten ganz bis zum Grund bohren“, sagt Potocki. „Aber meine Frau hat gesagt, dann lässt sie sich scheiden.“

 

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