Flasche oder Hahn? So nachhaltig sind Wasserfiltersysteme

Kann man in Deutschland bedenkenlos Leitungswasser trinken oder lohnt sich der Einbau eines Filtersystems? Das empfehlen Experten.

Veröffentlicht am 12. Okt. 2020, 14:25 MESZ, Aktualisiert am 5. Nov. 2020, 05:58 MEZ
Flasche oder Hahn? So nachhaltig sind Wasserfiltersysteme.

Champagner aus der Leitung: Gefiltertes Leitungswasser ist rund 75-mal teurer als ungefiltertes. Aber ist es dann auch besser?

Bild nikkytok - stock.adobe.com

Wer auf Mittelmeerinseln wie Ibiza schon einmal versucht hat, Leitungswasser zu trinken, kennt das Problem. Das gechlorte Nass ist nicht einmal in Mischgetränken zu ertragen. Also kaufen die Menschen dort ihr Wasser in Plastikflaschen oder nutzen Wasserfilter. Auch bei uns sind die Filtersysteme beliebt. Hersteller bewerben sie als ökologische Alternative zum Flaschenwasser – und verdienen in Deutschland viel Geld mit ihren Filtern. In der Tat hat Mineralwasser aus der Flasche – je nachdem, wie weit es transportiert wird – eine bis zu 1000-mal schlechtere Ökobilanz als gefiltertes Leitungswasser.

Wasserfilter können schaden

Die Technik, die im Plastikgehäuse des Wasserfilters steckt, ist leicht erklärt. Ionentauscher entfernen den Kalk und Aktivkohlefilter wirken gegen schlechten Geschmack und Gerüche. Die Ionentauscher filtern neben dem Kalk auch Blei und Nitrat aus dem Wasser. Aktivkohlefilter sorgen zusätzlich dafür, dass Medikamentenrückstände, Bakterien, Pestizide oder auch Mikroplastik nicht passieren. Das hört sich erst einmal toll an. Trinkwasserexperten wie Aki Sebastian Ruhl vom Umweltbundesamt (UBA) sagen allerdings, dass wir diese Stoffe gar nicht aus dem Leitungswasser filtern brauchen – weil sie im Normalfall nicht drin sind (jedenfalls in Deutschland, Österreich und der Schweiz). Aus gesundheitlicher Sicht sei die Aufbereitung nur in seltenen Fällen sinnvoll, da Trinkwasser eines der am besten überwachten Lebensmittel ist. Tatsächlich können die Filter sogar schaden. Ionentauscher und Aktivkohle mit ihren vielen kleinen Hohlräumen sind ein optimaler Nährboden für Bakterien, selbst wenn der Filter gereinigt und die Patronen häufig gewechselt werden. Stehendes, warmes Wasser beschleunigt die Keimbildung zusätzlich. Gegen die Keime setzen einige Hersteller deswegen Silberionen ein, die leider auch im gefilterten Trinkwasser landen.

Kunstprojekt: Schmutzwassereis
Wassereis sieht normalerweise lecker aus, aber dieses hier ist vollkommen ungenießbar. Einmal dran lecken und man hat den Geschmack von Plastik oder verrottendem Müll auf der Zunge. Das Eis wurde von drei Kunststudenten hergestellt, die mit ihren Entwürfen die Menschen dazu anregen wollen, weniger Müll zu produzieren. Die Studenten Hong Yi-chen, Guo Yi-hui und Zheng Yu sammelten Wasser von einhundert Stellen in ganz Taiwan und froren es in Blöcken ein. Die Ergebnisse sind nicht appetitlich, aber trotzdem interessant. Was normalerweise ein süßer Snack ist, war voller Plastik und anderer unbekömmlicher Schmutzstoffe. Videomaterial: the.shirts.tv

Empfehlung für Trinkwasser aus der Leitung

Das UBA empfiehlt daher anstelle eines Wasserfilters zweierlei: Wasser zum Trinken und Kochen sollte immer aus der Kaltwasserleitung kommen. Stehendes Wasser sollte so lange ablaufen, bis das Nass merklich kühler aus dem Hahn strömt. Gegen Kalkschlieren im Tee hilft übrigens ein Spritzer Zitrone – sowie die Gewissheit, dass Calcium gut für den Körper ist.

Unser Fazit: Wer ungefiltertes Leitungswasser trinkt, schont Umwelt und Geldbeutel. Wasser aus der Leitung kostet in Deutschland im Schnitt 0,2 Cent pro Liter, mit Filter ist es rund 75-mal teurer. Kein Wunder, dass Anbieter von „Champagner aus der Leitung“ sprechen.

Dieser Artikel wurde in der Oktober 2020-Ausgabe des deutschen National Geographic Magazins veröffentlicht. Keine Ausgabe mehr verpassen und jetzt ein Abo abschließen!

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