Zur Lage der Natur: Wie gesund sind Deutschlands Gewässer?

Viele Schadstoffquellen wurden in den letzten Jahrzehnten deutlich reduziert. Doch der Großteil unserer Flüsse, Seen und Küstenmeere ist in keinem guten ökologischen Zustand. Eine Bestandsaufnahme.

Tuesday, April 28, 2020,
Von Tim Kalvelage
Die Große Dhünn-Talsperre befindet sich mitten in einem Naturschutzgebiet zwischen den Gemeinden Kürten, Odenthal und Wermelskirchen. ...

Die Große Dhünn-Talsperre befindet sich mitten in einem Naturschutzgebiet zwischen den Gemeinden Kürten, Odenthal und Wermelskirchen. Der große Damm der Dhünn-Talsperre wurde im Jahr 1981 fertiggestellt. Seit 1986 liefert das zweitgrößte Wasserreservoir Deutschlands der Region das feuchte Nass.

Bild Shutterstock/altfotokunst

Gut zwei Prozent von Deutschlands Landesfläche sind Wasser: Mehr als 12.000 Seen, dazu Flüsse und Bäche mit einer Gesamtlänge von mehr als 400.000 Kilometern, die Richtung Meer strömen – der Großteil mündet in Nord- und Ostsee. Binnen- und Küstengewässer sind wertvolle Ökosysteme. Unzählige Tiere haben hier ihren Lebensraum, vom Wasserfloh bis zum Schweinswal. Uns bieten sie Erholung, Nahrung und Trinkwasser.

Intakte Gewässer sind daher lebenswichtig. Doch der Mensch bringt sie aus dem ökologischen Gleichgewicht – durch intensive wirtschaftliche Nutzung und durch Stoffeinträge. Wir befahren sie mit Schiffen, nutzen sie zur Stromerzeugung und bürden ihnen Abwässer aus Industrie und Haushalten auf. Der Regen wäscht unseren Dünger und unsere Schadstoffe aus Böden ins Grundwasser. Über Flüsse gelangen sie ins Meer.

Die gute Nachricht: Viele deutsche Gewässer sind heute sauberer als noch vor Jahrzehnten. „In zahlreichen Flüssen kann man wieder baden, der Rhein etwa führt oft glasklares Wasser. Auch die Sichttiefe vieler Seen ist deutlich höher“, sagt Martin Pusch vom Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei in Berlin.

Galerie: Die geheime Welt der Flüsse und Seen

Ein Grund dafür ist der Ausbau von Kläranlagen, die Nährstoffe aus dem Abwasser entfernen. Daneben ist die Zufuhr giftiger Chemikalien und Schwermetalle aus der Industrie zurückgegangen, sodass man im Rhein wieder Lachse ansiedeln will. In der Ostsee ist die Kegelrobbe zurückgekehrt und der Bodensee ist inzwischen so sauber, dass Fischer fordern, den See zu düngen, damit dort mehr Plankton wächst.

Doch trotz dieser Erfolge: Der Großteil unserer Gewässer ist auch heute erheblich belastet – und das führt vielerorts vor allem zu einer verminderten Artenvielfalt. Nur ein Bruchteil aller Flüsse in Deutschland gilt laut Umweltbundesamt noch als natürlich. Davon wiederum verdienen nach den Kriterien der europäischen Wasserrahmenrichtlinie lediglich neun Prozent das Prädikat „gut“ oder „sehr gut“. Drei von vier Seen und sämtliche Küstengewässer der Nord- und Ostsee sind in keinem guten ökologischen Zustand.

Für die schlechten Öko-Zeugnisse gibt es vielfältige Ursachen: verbaute Flüsse, Altlasten und neue Schadstoffe, industrielle Landwirtschaft und der Klimawandel.

Begradigt, befestigt, bewehrt

„Bei den Fließgewässern verhindert vor allem die starke Veränderung der Gewässerstruktur einen besseren ökologischen Zustand“, erklärt Martin Pusch. Kaum ein größerer Fluss hierzulande folgt heute noch seinem ursprünglichen Verlauf, kann ungehindert strömen oder sich bei steigendem Pegel auf Feuchtwiesen oder in Auenwäldern breitmachen. Aus mäandernden blauen Schleifen wurden in den letzten zwei Jahrhunderten effiziente Wasserstraßen – durch Begradigungen, Deiche, Schleusen und Wehre.

In ihrem engen Korsett können die deutschen Flüsse wichtige ökologische Funktionen nicht mehr erfüllen, etwa durch den Verlust natürlicher Überschwemmungsgebiete, den Flussauen. Diese gehören zu den artenreichsten Habitaten: Biber, Otter und Seeadler leben hier. Die Auen speichern große Mengen Kohlenstoff, filtern Schadstoffe aus dem Wasser und bieten Schutz gegen Hochwasser.

Schätzungen des Bundesamts für Naturschutz zufolge bedecken die Auen entlang der großen Flüsse nur noch 10 bis 20 Prozent ihrer einstigen Fläche. Zwar wurden ehemalige Auengebiete in den letzten zwei Jahrzehnten stellenweise renaturiert, doch insgesamt geschah dies in eher bescheidenem Umfang. Das Bundesprogramm „Blaues Band Deutschland“ will nun verstärkt Deiche einreißen und natürliches Schwemmland zurückgewinnen.

Ein weiteres Problem ist die Zerschneidung unserer Fließgewässer: 200.000 Bauwerke unterbrechen Deutschlands Flüsse – und damit die Wanderrouten von Aal, Lachs und Meerforelle – im Schnitt alle zwei Kilometer. Nicht regulierte Flüsse wie die Peene in Mecklenburg-Vorpommern sind zur Rarität geworden.

Beispiel Lachs: Obwohl bereits etliche Millionen Junglachse im Rhein ausgesetzt werden, bildet die Art bislang keinen sich selbst erhaltenden Bestand. Denn nur vereinzelt erreichen die Fische, die ihr Leben überwiegend im Meer verbringen, ihre Laichgewässer am Oberlauf des Rheins. Zwar sind einige Staustufen durch den Bau von Fischtreppen inzwischen passierbar. Damit der Lachs jedoch dauerhaft ohne menschliche Hilfe im Rhein überlebt, gilt es noch etliche Hindernisse auf seinen Wanderrouten zu beseitigen, so die Internationale Kommission zum Schutz des Rheins.

Wasser und Bebauung.

Bild Jan Kruse

Das könnte auch den Rückbau von Wasserkraftwerken bedeuten: An vielen Stellen werden Gewässer zur Energiegewinnung aufgestaut. Strom aus Wasserkraft gilt gemeinhin als nachhaltig. Was jedoch nicht bedacht wird: Durch die verringerte Fließgeschwindigkeit können sich große Menge Schlamm ablagern, wodurch oft der Sauerstoffgehalt abnimmt. Außerdem verenden Fische in den Turbinen.

Der Hauptanteil an der deutschen Stromproduktion mittels Wasserkraft entfällt auf rund 400 größere Kraftwerke. Weitere 7.300 Kleinwasserkraftwerke – die meisten davon in Mittel- und Süddeutschland – erzeugen etwa ein halbes Prozent unseres gesamten Stroms. „Für diesen geringen Anteil bezahlen wir durch die Zerstörung unserer Bäche und Flüsse einen hohen Preis“, sagt Martin Pusch.

Wirkstoffe, Kunststoffe, Nährstoffe

Neben physischen Eingriffen leidet die Gesundheit unserer Gewässer unter einer breiten Palette an Verunreinigungen. Gelöste organische Schadstoffe und Mikroplastik gelangen mit dem Abwasser in Flüsse und darüber ins Meer, weil sie schwer abbaubar sind und Kläranlagen passieren. Sie stammen aus Putzmitteln, Kosmetika und Farben. Auch findet man im Wasser Rückstände von Arzneimitteln – Hormone der Antibabypille oder Schmerzmittel –, die die Fortpflanzung von Wassertieren beeinträchtigen oder deren Organe schädigen.

Kay Emeis ist Leiter der Abteilung Biogeochemie am Institut für Küstenforschung in Geesthacht. Ein großes Problem für unsere Gewässer liegt seinen Angaben zufolge in der wachsenden Vielfalt langlebiger, menschengemachter Verbindungen, etwa in den Beschichtungen von Outdoor-Jacken, Coffee-to-go-Bechern und Teflonpfannen. „Wir wissen nicht, wie diese Substanzen allein oder als Cocktail wirken und können sie analytisch nur schwer erfassen“, sagt er.

Galerie: Die letzten Riesen unserer Flüsse und Seen verschwinden

Zu den neuen Stoffen kommen Altlasten in den Gewässern: „Viele traditionelle Schadstoffe haben sich über Jahrzehnte in Sedimenten angereichert“, so Emeis. Quecksilber zum Beispiel oder inzwischen verbotene Flammschutzmittel sind im Schlick deutscher Seen und Küstengewässer in hohen Konzentrationen messbar. Nun finden diese Stoffe ihren Weg in die Nahrungskette und reichern sich etwa in Fischen an, die wir dann nicht mehr essen können.

Erheblichen Schaden richtet in Deutschlands Gewässern ein Element an, das eigentlich harmlos anmutet: Stickstoff, ein essenzieller Pflanzennährstoff, der aber in viel zu großen Mengen in unsere Umwelt gelangt – vor allem durch intensive Landwirtschaft.

Gut die Hälfte der Fläche Deutschlands wird landwirtschaftlich genutzt. Auf vielen Äckern landen stickstoffhaltiger Kunstdünger oder Gülle aus der Massentierhaltung. Überschüssigen Stickstoff, den Pflanzen nicht aufnehmen und Böden nicht speichern können, schwemmt der Regen als Nitrat in unsere wichtigste Trinkwasserquelle: das Grundwasser. „Die Nitratbelastung aus der Landwirtschaft ist das größte Problem für die Qualität des Grundwassers“, sagt Markus Weitere vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Leipzig. „Jeder vierte Grundwasserspeicher überschreitet den zulässigen Nitratgrenzwert“.

Die EU fordert daher verschärfte Düngeregeln in Deutschland, sonst drohen Bußgelder in Millionenhöhe. Noch im Frühjahr soll der Bundesrat eine neue Düngeverordnung verabschieden. Bislang sind sich Umwelt- und Landwirtschaftsministerium jedoch uneins darüber, wie streng die Vorgaben sein sollen.

Überschüssiges Nitrat führt ebenso wie Phosphat aus der Landwirtschaft zu einer Überdüngung vieler Oberflächengewässer, mit zahlreichen negativen Auswirkungen: Es kommt zu Algenblüten, die das Wasser trüben und allergische Reaktionen hervorrufen können. In tieferen Schichten von Seen und Küstenbereichen mit schwacher Strömung entstehen sauerstofffreie Todeszonen. Bei Sauerstoffmangel wird zudem im Sediment gebundenes Phosphat freigesetzt: Die Gewässer düngen sich selbst und geraten in einen verheerenden Kreislauf.

Wassermangel und Atemnot

Bei der Frage nach dem ökologischen Zustand unserer Gewässer rückt der Klimawandel immer mehr in den Fokus. Denn: „Der Klimawandel verstärkt die bereits vorhandenen Probleme durch häufigere hydrologische Extreme, also Hochwasser oder Hitzewellen“, sagt Markus Weitere. Vor allem Dürreperioden wie in den Sommern 2018 und 2019 setzen den Gewässern zu: Durch die Erwärmung zehren Bakterien mehr Sauerstoff, ausbleibende Regenfälle lassen Bäche und Auen trockenfallen, Flüsse verlangsamen sich. So verschwinden wichtige Lebensräume für Amphibien; Fische und andere Tiere leiden unter Sauerstoffmangel.

Wasser und Klimawandel.

Bild Jan Kruse

Und auch der langfristige Temperaturanstieg führt zu ökologisch verarmten Gewässern. Der gut erforschte Berliner Müggelsee oder der Breitenbach bei Fulda etwa haben sich in den vergangenen 40 Jahren um rund zwei Grad erwärmt. Im Breitenbach ist die Masse an Insektenlarven dadurch dramatisch geschrumpft. Im Müggelsee hat – wie in anderen Seen – die thermische Schichtung zugenommen und es gelangt weniger Sauerstoff in tiefere Zonen. Der Klimawandel verstärkt damit die Folgen der Überdüngung.

Für Fische könnten einige Seen in heißen Sommern zunehmend zur tödlichen Falle werden – wenn es oben zu heiß wird und unten kaum noch Sauerstoff vorhanden ist. Andere Organismen hingegen werden vom Klimawandel profitieren: Cyanobakterien, die toxische Algenblüten bilden können. Die fühlen sich bei warmen Temperaturen besonders wohl.

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