Die Bedrohung für Schnabeltiere wächst

Die scheuen, giftigen, eierlegenden Säugetiere lassen sich nur schwer zählen, trotzdem scheint ein Rückgang ihres Bestandes eindeutig. Nun soll die australische Regierung helfen.

Bilder Von Doug Gimesy
Veröffentlicht am 4. Jan. 2021, 16:42 MEZ, Aktualisiert am 4. Jan. 2021, 20:36 MEZ
Der Schnabeltierforscher und Ökologe Josh Griffiths wiegt ein weibliches Schnabeltier, das er gerade gefangen hat.

Der Schnabeltierforscher und Ökologe Josh Griffiths wiegt ein weibliches Schnabeltier, das er gerade gefangen hat. Die Forscher setzen sich bei der australischen Regierung und den Regierungen der Bundesstaaten dafür ein, die einzigartige Art stärker zu schützen.

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George Shaw, der um die Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert die Aufsicht über die naturhistorische Sammlung des Britischen Museums hatte, traute seinen Augen kaum. Vor sich hatte er die Haut eines Tieres, die ihm aus Australien nach England geschickt worden war. Es schien, als hätte jemand die Schwimmfüße und den Schnabel einer Ente genommen und sie an den Rumpf eines pelzigen vierbeinigen Säugetiers geklebt. Obwohl er das Schnabeltier schließlich als authentisch einstufte, fragte er sich zunächst, ob jemand verschiedene Tiere in einem schlechten Scherz zusammengenäht hatte.

Zwei Jahrhunderte später verblüfft das Schnabeltier die Wissenschaftler immer noch. Zusammen mit den vier Arten von Ameisenigeln sind sie die einzigen Säugetiere, die Eier legen. Außerdem gehören sie zu den wenigen giftigen Säugetieren des Planeten: Die Männchen verfügen über Giftsporne, die so schmerzhaft sein können wie Hunderte von Hornissenstichen. Allerdings enthält ihr Gift auch ein Hormon, das bei der Behandlung von Diabetes helfen könnte.

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Außerdem besitzen Schnabeltiere keinen Magen – ihre Speiseröhre führt direkt in den Darm – und sie haben zehn Geschlechtschromosomen, während es im Vergleich dazu beim Menschen nur zwei sind. Als wäre das nicht genug, entdeckten Wissenschaftler in diesem Jahr, dass das Fell der Schnabeltiere biofluoreszierend ist und unter ultraviolettem Licht in einem strahlenden Blaugrün leuchtet.

Tahneal Hawke von der University of New South Wales entlässt ein Schnabeltier zurück in den Mita Mita River in Victoria. Die Forscher fangen die Tiere ein, um ihren Gesundheitszustand zu beurteilen, genetische Proben zu nehmen und Mikrochips zu implantieren.

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Ein junges Schnabeltier wurde gerade auf einen Baumstamm im McMahons Creek im Bundesstaat Victoria ausgesetzt. Die Forscher arbeiten schnell, damit sich ihre Probanden nicht länger als eine halbe Stunde außerhalb des Wassers aufhalten müssen.

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Josh Griffiths und der Forscher Farley Connelly legen Netze aus, um Schnabeltiere zu fangen. Nach Sonnenuntergang kontrollieren sie die Netze alle drei oder vier Stunden und entfernen sie dann bei Sonnenaufgang.

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Doch in letzter Zeit wurde die Faszination der Schnabeltierforscherinnen für ihre Schützlinge von Sorge überschattet. Klimawandel, die Ausbreitung des Menschen, Dürre und Buschbrände schädigen die Flüsse im Osten Australiens, in denen die Schnabeltiere leben und sich vermehren. Wissenschaftler forderten deshalb die Landesregierung und mehrere australische Bundesstaaten auf, Schnabeltiere als vom Aussterben bedroht einzustufen. So könnten sie von zusätzlichen Schutz- und Erhaltungsmaßnahmen profitieren.

Die größte Gefahr: Wassermangel

Schnabeltiere sind aufgrund ihrer Scheu und ihrer Nachtaktivität nur schwer zählbar, aber alle Anzeichen deuten auf einen Rückgang hin. Sie scheinen in den letzten 30 Jahren aus mehr als 22 Prozent ihres Lebensraums verschwunden zu sein, heißt es in einem aktuellen Bericht von Forschenden der University of New South Wales, der Australian Conservation Foundation und anderen Institutionen.

Auch historische Aufzeichnungen deuten auf einen Rückgang hin. „Einige Aufzeichnungen sprachen von Hunderttausenden Schnabeltieren, die wegen ihres Fells geschossen wurden“, sagt Tahneal Hawke, eine Ökologin an der University of New South Wales, die die Populationsdynamik der Art untersucht. „In anderen wurde von 20 Schnabeltieren in einem einzigen Fluss gesprochen. Das Maximum, das ich jemals auf einmal gesehen habe, waren vier Tiere.“

Eine im Februar 2020 veröffentlichte Arbeit ihres Kollegen Gilad Bino geht davon aus, dass fast drei Viertel der Schnabeltiere in den nächsten 50 Jahren verschwinden könnten, wenn sich der Klimawandel wie vorhergesagt weiter verschärft.

Laut den Prognosen wird der Klimawandel die Häufigkeit und Intensität von Dürren erhöhen und das Risiko von Buschbränden steigern, wie sie 2019 und Anfang 2020 in Australien tobten. Nach diesen Bränden verschwanden Schnabeltiere aus 14 Prozent der Gebiete, in denen sie zuvor gesichtet worden waren, heißt es in einem aktuellen Bericht von Josh Griffiths, einem Ökologen der Umweltberatungsfirma Cesar Australia, und mehreren Kollegen.

Griffiths erforscht Schnabeltiere seit 13 Jahren. Er sagt, die fünf größten Bedrohungen für Schnabeltiere seien: „Wassermangel, Wassermangel, Wassermangel, Wassermangel und Wassermangel.“

In der Nähe von Melbourne, wo er arbeitet, bereite ihm die Verstädterung die größten Sorgen. Die Zunahme von Straßen, Gehwegen und anderen harten Oberflächen hat zu einem unnatürlich schnellen Abfluss des Regenwassers in die städtischen Bäche geführt. Das wiederum führt zu Erosion an den Flussufern, erhöhter Sedimentation, die die Beutetiere der Schnabeltiere vertreibt, und anderen Herausforderungen.

Auch Staudämme sind für die Tiere in ein Problem, da sie den Flusslauf verändern und die Routen der Schnabeltiere blockieren. Laut Richard Kingsford, dem Direktor des Zentrums für Ökosystemwissenschaften an der University of New South Wales, gibt es drei geplante Projekte in seinem Bundesstaat, die ihm besondere Sorgen bereiten.

„Die Regierung von New South Wales glaubt, dass sie das Land gegen die Dürre wappnen wird. Aber in Wirklichkeit wird sie nur einen weiteren Nagel in den Sarg dieser Flüsse schlagen, in denen auch Schnabeltiere leben“, sagt er. „Wenn sie erkennen würde, dass es sich um eine gefährdete Art handelt, wäre die Messlatte für eine Genehmigung viel höher.“

Kampf um die Gefährdungskategorie

Das Schnabeltier ist als australische Ikone weltweit bekannt und hat für einige First Nations eine besondere Bedeutung, sagt James Trezise, ein Analyst für Umweltpolitik bei der Australia Conservation Foundation. Die Wadi Wadi betrachten das Schnabeltier als eines ihrer Totemtiere, aber es ist Jahre her, dass ein Schnabeltier auf ihrem Land gesichtet wurde.

Um sicherzustellen, dass die berühmten Tiere nicht verschwinden, haben Forschende und Unterstützer wie der Fotograf Doug Gimesy eine Petition an die Landesregierung und mehrere australische Bundesstaaten gerichtet. Sie wollen das Schnabeltier als „gefährdet“ einstufen lassen. In Victoria empfahl der wissenschaftliche Beirat des Bundesstaates Ende November, die Petition anzunehmen. South Australia hat die Art bereits als „gefährdet“ eingestuft.

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Wenn das Schnabeltiere aber auch auf nationaler Ebene als gefährdet anerkannt würde, müsste die australischen Regierung die Überwachung der scheuen Art verstärken. Zudem wären die Behörden gezwungen, Schnabeltiere bei der Beurteilung von Plänen für große Bauprojekte wie Dämme zu berücksichtigen.

Darüber hinaus wünschen sich die Wissenschaftler eine durchdachtere Regulierung der Flüsse, weniger Landrodung für die Landwirtschaft, die zur Erosion der Flüsse beiträgt, und ein Verbot von Netzfallen. Letztere werden zum Fang von Krustentieren eingesetzt, aber oft verfangen sich auch Schnabeltiere darin.

Gilad Bino und Tahneal Hawke kleben einen temporären Funksender an den Schwanz eines Schnabeltierweibchens. Der Sender wird ihnen helfen, Informationen über die Bewegungen der Schnabeltiere zu sammeln – und über die Auswirkungen eines flussaufwärts gelegenen Staudamms.

 

Bild Doug Gimesy

Letztlich hoffen sie, dass die Weltnaturschutzunion (IUCN) – die globale Autorität für den Erhaltungsstatus von Arten – ihre Klassifizierung ebenfalls überdenken wird. Die IUCN hat die Schnabeltiere 2016 als „potenziell gefährdet“ eingestuft. Eine Änderung der Einstufung zu „gefährdet“ würde den Druck auf die australische Regierung erhöhen, Maßnahmen zu ergreifen.

„Wir haben die Chance, hier etwas zu tun, bevor es zu spät ist“, sagt Kingsford. „Wenn sie heute oder nächstes Jahr nicht auf der Liste stehen, werden sie es in zwei oder fünf Jahren tun. Und dann haben wir unsere Verpflichtung zum Handeln vernachlässigt.“

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

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